Und jetzt laufe ich in aller Früh durch die Gässchen der Stadt und suche die Elbe. Ich bin euphorisch. Heute stehen wieder 50 Kilometer auf dem Programm, aber da mein alter Jugendfreund Jens mich mit dem Rad begleiten möchte, bin ich in positivstem Sinne aufgeregt. Er wird mir wohl bald entgegen geradelt kommen, und da ich ihn praktisch hinter jeder Ecke vermute, tragen mich meine Beine wie von alleine voran. Ich sehe Timm neben mir auf dem Wasser. Ich feure einen Freudenschrei in seine Richtung, und er winkt mir zu. Die Landschaft ist noch immer imposant. Ich frage mich, wie oft ich mir diese Momente im letzten Jahr ausgemalt habe. Wie viele Kilometer bin ich hierfür die immer gleichen Wege abgelaufen? Ich peitsche mich an, die Szenerie in vollen Zügen zu genießen. Obwohl meine Beine schon ordentlich gelitten haben, fühlen sie sich gut an. Nach zehn Kilometern fängt es an zu regnen, und zwar richtig. Zum Glück war ich heute nicht so doof, meine Regenjacke mit mir rumzuschleppen. Ich war heute schlau und habe mir meine Sonnenbrille eingepackt, vielleicht kann ich mich unter die stellen. Wenn einem der eigene Optimismus in den Arsch beißt. Ich merke, wie meine Füße langsam nass werden. Soll ich mich doch unterstellen? Weiter zu laufen, scheint die bessere Lösung, da ich so zumindest nicht auskühle. Als der Regen eine halbe Stunde später wieder der Sonne Platz macht, hebt sich meine Stimmung. Aber wo bleibt Jens? Je länger es dauert, umso mehr erwarte ich ihn hinter jeder Ecke.
Mein Radweg verlässt immer wieder die Elbe und führt mich durch riesige Rapsfelder. Ob es an der ehemaligen DDR liegt, dass sie hier schier endlos ihr Gelb über den Horizont ausschütten? Ich muss an Helmut Kohl denken, hatte der Dicke wohl doch recht mit seinen blühenden Landschaften. Ich lache in mich rein ob der bescheuerten Beobachtung. Da ich Kohl nicht zustimmen möchte, komme ich zu dem Schluss, dass es nur westliche Arroganz zustande bringt, zu denken, in der DDR sei alles grau und trist gewesen. In Riesa wartet der Oberbürgermeister auf uns, und ich freue mich, als ich die Dächer der Stadt am Horizont erblicke. Am Ende meines Feldwegs steht ein Mann an einer Ecke zwischen zwei Kornfeldern und scheint auf etwas zu warten. Ich suche nach einer passenden Ehefrau oder einem Hund, aber da ist nichts. Als ich an ihm vorbeiziehe, ruft er: »Coole Sache, die ihr macht, viel Erfolg!« Da ich wohl verdutzt gucke, fügt er noch ein »habe ich heute in der Zeitung gelesen« an. Ich bedanke mich und laufe grinsend weiter. Es sind diese kleinen Gesten, die einem mit 25 Kilometern in den Knochen so viel bedeuten. Ich biege auf eine wunderschöne Allee ab und habe die Elbe endlich wieder an meiner Seite. In der Ferne erkenne ich meinen getreuen Lulatsch. Er ist schon beim Kanuverein.
Nachdem wir brav Fotos mit dem Bürgermeister machen und ich mich an dem Luxusbuffet des Cäptns gestärkt habe, rollt Jens plötzlich an, der im Verkehr stecken geblieben ist. Zwei junge Sportlerinnen im Schlepptau, ziehe ich mit Jens als Radbegleitung weiter. Die Zwillinge Anna und Lena sind im Leichtathletikverein, 13 Jahre alt und unterschiedlich groß gewachsen. Ihre Statur bejaht meine Vermutung, dass sie nicht eineiig sind, und ich bohre ein wenig nach, ob sie denn auch ansonsten eher unterschiedlich sind. Sofort zählen sie auf, warum sie so gegensätzlich seien. Ehrlich gesagt überzeugt mich keins der Beispiele, aber ich finde die beiden zuckersüß und muss sofort an meine Tochter Emily denken, die ebenfalls 13 Jahre alt ist. Sie würde sich mit den beiden gut verstehen. Nach einigen Kilometern verabschieden sich die beiden wieder, und ich kann mich mit Jens unterhalten. Ich mag Jens. Er ist einer dieser Freunde von früher, die bei mir ganz oben stehen. Wir telefonieren praktisch nie, aber wenn wir uns alle Jubeljahre mal wiedersehen, macht es sofort wieder Klick. Wir unterhalten uns über die alten Zeiten, was aus ehemaligen Weggefährten so geworden ist und über das Dasein als Papa. Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich bin ihm so dankbar dafür. Und dann ist da auch endlich diese riesige Brücke die Mühlberg, unser heutiges Ziel ankündigt. Wie es Timm heute wohl ergangen ist?
Es fällt mir so schwer, das Glück uneingeschränkt zu genießen – Meditation hin oder her. Als mich der Rückenwind mit 40 Stundenkilometern die Elbe runterpeitscht, bin ich nicht glücklich, sondern voller Sorge vor dem Gegenwind nach der nächsten Linkskurve. Den Moment an sich zu genießen, ohne den marternden Sorgen eines stets aufgepeitscht-ängstlichen Unterbewusstseins zu lauschen, ist mir auf Abenteuertouren nur möglich, wenn ich meine Meditations-Tricks anwende.
Vielleicht ist das auch gut so, denn der Gegenwind kommt bestimmt, das sagt mir alle Erfahrung und Logik. Ich spare also Kräfte auf dem kurzen rauschenden Abschnitt, erfreue mich ein wenig an den 13 Stundenkilometern, die ich laut App mit Strömung und Wind aufs Wasser bringe, und nehme die Linkskurve so weit innen wie möglich, um anschließend nicht komplett gegenanpaddeln zu müssen; so kann ich vielleicht wenigstens ein bisschen »hart am Wind« SUPen.
Eine minimale weitere Linksbiegung, und mir peitschen fünf Beaufort ins Gesicht, die Gischt spritzt mir entgegen, kleine Wellen bremsen mein Brett, und doch gleite ich weiter Richtung Ziel. Die Elbe führt Hochwasser und fließt mit sieben Stundenkilometern dem Ozean entgegen. Stundenlang paddele ich auf einer Seite; meine rechte Hand sieht aus wie Schmirgelpapier, die linke, als hätte sie eine Maniküre genossen.
Auch wenn das Wetter durchwachsen ist, tut das der Schönheit der Elbe keinen Abbruch .
Nach einer Stunde sehe ich Philipp am Ufer. Wir rufen uns zu und feuern uns an. Was er leistet, übersteigt alles, was ich in meinem Leben gemacht habe. Im Vergleich zu ihm, bin ich dank der Strömung wie auf einem E-Bike unterwegs. Er aber hat Schritt für Schritt zu setzen, heute über 50 Kilometer, mal in der Hitze, mal durch den Regen, mal gegen den Wind. Jeden Tag. Wie ein Uhrwerk läuft er ohne ersichtliche Ermüdung.
Der Regen hat sich schon von Weitem angekündigt. Die Wolken werden immer dichter, bis es schließlich finster wird. Ich hole meine Regenjacke aus dem Rucksack, ziehe die Kapuze über und lasse das Unwetter über mir toben. Da der Wind Richtung Süd dreht, stehe ich auf meinem Brett und lasse alles geschehen. In solchen Momenten spüre ich die ganze Kraft der Natur und habe das Gefühl, sie übertrage sich auf mich. Das sind die intensiven Momente, die ich nur auf solchen Touren erlebe und die ein paar Minuten später schon wieder im Strudel der Erinnerung verschwinden.
In unserer überzivilisierten Welt kriegen wir keine Unwetter mehr ab – und das ist traurig. Wir haben uns vor den Unbilden der Natur hinter dicken Mauern und Dreifachverglasung abgeschottet, vor riesigen Monitoren und kleinen Bildschirmen. Wir erleben den Großteil unserer Welt virtuell und nicht mehr unmittelbar. Der Unterschied zwischen der ungefilterten Natur und einem Monitor ist ungefähr so wie der zwischen Pornos und wahrem Sex: irgendwie ähnlich und doch ganz anders.
Ein paar Kilometer hinter Meißen hören die Berge endgültig auf, von hier aus erstreckt sich plattes Land bis zur Nordsee. Die letzten Fachwerkhäuser ducken sich dicht an die Sandsteinfelsen heran, als malten sie Muster in den Stein, verschwinden fast unter den massiven Klippen, bis diese unspektakulär auslaufen. Weiden tun sich auf, und Schafgeruch zieht über die Elbe. Kurz drauf riecht der Raps so intensiv, als hätte jemand eine Mammut-Flasche Parfüm in der Luft zerstäubt, um auch den Schafen etwas Gutes für die Nase zu gönnen.
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