Hinweis: Passt gut zu totaler Angst. Am besten erstickt in Liebe und Mitgefühl servieren (braucht eventuell etwas Unterstützung). Mit einem Hauch Frieden garnieren .
Ähnlich wichtige Aspekte wurden von vielen weiteren Studenten angesprochen.
Eine junge Frau schrieb einen Brief an ihre Schwester, die schon vor fast dreißig Jahren gestorben war, als sie selbst noch gar nicht lebte. Sie schrieb ihrer Schwester, dass sie erst jetzt durch diesen Kurs wirklich nachvollziehen konnte, was ihre Eltern durchgemacht hatten, als sie ihren Tod ertragen mussten. Sie entschuldigte sich bei ihrer Schwester, dass sie sie an Feiertagen und wenn andere fragten, ob sie eine Schwester hatte, nicht gewürdigt hatte. Sie entschuldigte sich bei ihr sogar dafür, dass sie ihrer beider Mutter in dem Brief „meine Mutter“ nannte. Sie versprach, von nun an ihren Platz als Erstgeborene in der Familie anzuerkennen. Sie beendete den Brief mit den Worten: „Ich werde mit unserer Mutter über dich sprechen und deiner gedenken.“
Eine andere Studentin fertigte ein Kunstwerk für ihren Vater an, der Selbstmord begangen hatte, als sie acht Jahre alt gewesen war. Es war eine Skulptur von ihm in seinem letzten Moment, kurz vor seinem Tod, mit Engelsflügen, die ihn umfingen. Sie stand als kleines Mädchen mit ausgestreckter Hand vor ihm. Seine Augen blickten sie an. Sie nannte ihr Werk Catharsis .
Um etwas an dem feindseligen Verhältnis unserer Gesellschaft zur Trauer zu verändern, kommt der Trauerschulung eine wesentliche Bedeutung zu – und expressive, kreative Kunst ist ein wichtiger Teil davon.
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Die frühen Phasen der Trauer
Bis ich das Grässliche habe erzählt, brennt in mir mein Herz. Samuel Taylor Coleridge
Eine Mutter beschrieb folgende Situation, in der sie vom Tod ihres Sohnes erfuhr:
Der Arzt trat ins Zimmer. Es war nach Mitternacht. Er sagte so kalt und unbeteiligt und gefühllos, wie ich noch nie jemanden habe reden hören: „Wir konnten nichts mehr tun. Er ist tot.“ Dann verließ er das Zimmer und wir waren wieder allein bis auf den Krankenhausseelsorger, der bestürzt dreinblickte. Ich weinte noch nicht einmal. Ich verstand all das gar nicht wirklich. Ich meine, ich hatte zwar die Worte gehört, aber ich hatte meinen Körper verlassen. Ich war monatelang nicht in meinen Körper zurückgekehrt. Ich kann auch immer noch nicht glauben, dass er nicht mehr da ist .
Zuerst hören wir Nachrichten wie diese vielleicht nur mit den Ohren – und noch nicht mit dem Herzen. Die Tiefe und Weite des Verlustes ist unergründlich, sein ganzes Ausmaß lässt sich nie sofort erfassen, sondern nur allmählich im Laufe der Zeit. Der Verstand versucht, uns vor dem fast tödlichen ersten Schock zu schützen, und oft folgt darauf eine Art emotionale Betäubung, sodass wir uns fühlen wie in einem Film – oder als ob alles in Zeitlupe ablaufen würde. Töne, Bilder und Bewegungen wirken anders und wir versetzen uns möglicherweise in einen stark veränderten Bewusstseinszustand.
Wenn der Schock über den Verlust dann allmählich seinen betäubenden Schleier fallen lässt, steigt ein unbeschreiblicher Schmerz aus unserer Magengrube auf. Dieser Schmerz bringt Gefühle mit sich, die wir vielleicht noch nie empfunden haben – fremdartige und grauenhaft bestürzende Gefühle. Alles in uns will vor der Wirklichkeit des Verlustes wegrennen, aber der tiefe Schmerz will gefühlt werden. Immer wieder fordert er unsere ganze Aufmerksamkeit. In gewissem Sinne ist der Trauerprozess eine Äußerung von Liebe, die jetzt keinen physischen oder zwischenmenschlichen Platz mehr hat, um zum Ausdruck gebracht zu werden.
Es ist nicht ungewöhnlich, wenn hinterbliebene Eltern, Kinder, Geschwister, Großeltern und Ehepartner feststellen, dass ihr Selbstwertgefühl Schaden nimmt, sie sich unentwegt nach dem Verstorbenen sehnen und sie dem Schmerz unter allen Umständen entkommen wollen – auch wenn dabei ihr eigenes Selbst stirbt. Viele Eltern, mit denen ich gearbeitet habe, sagten mir, sie hätten das Gefühl, ihr altes Selbst, die Person, die sie einmal waren, sei gestorben. Einige Menschen berichten von Schuld- und Schamgefühlen über den Tod des geliebten Menschen, obwohl diese Gefühle von außen betrachtet ungerechtfertigt erscheinen. So erwarten Eltern natürlich, dass ihre Kinder länger leben als sie selbst und ein Kind beerdigen zu müssen, fühlt sich unnatürlich und nicht in Ordnung an und führt in eine lähmende, herzzerreißende Trauer. Nach einem schweren Verlust kommen diese Gefühle häufig vor und sind normal, wenn auch schmerzvoll. Auch tiefe Verzweiflung, Bestürzung und Ungeduld, Apathie, Verlust der Lebensfreude und fehlendes Interesse an Dingen, die dem Trauernden früher wichtig waren, werden häufig beschrieben und sind ebenfalls ganz normal.
Welche Eltern, deren Kind gestorben ist, würden sich nicht danach sehnen, diese starke Verbindung wiederherzustellen? Welches Kind würde sich nicht unsicher, verängstigt und allein auf der Welt fühlen, wenn ein Elternteil gestorben ist? Welcher Mensch würde nach dem Tod seines Lebenspartners nicht eine mitunter niederschmetternde Einsamkeit empfinden? Ein Verlust wie dieser kann die ganze Sinnhaftigkeit des Lebens in Frage stellen.
Oft treten Furcht, übermäßige Sorgen und Ängstlichkeit auf. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, wird uns akut der Tod und unser aller Endlichkeit bewusst (die so genannte Mortalitätssalienz) und wir beginnen, uns mit dieser Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig kann sich die Sinneswahrnehmung und die Umweltsensibilität erhöhen, was ängstlichen Sorgen, besonders um andere geliebte Menschen, Vorschub leisten kann. Uns wird bewusst und wir fürchten, dass auch sie sterben werden. Auch Neid gegenüber anderen, die noch haben, was wir schon verloren haben, kommt oft auf, ebenso kann Wut oder starker Zorn auftreten.
Trauer kann sich in subtilen wie auch in dramatischen Verhaltensweisen zu erkennen geben – vor allem, wenn wir nicht bereit sind zu fühlen, was sie von uns fordert. Drogenmissbrauch, Glücksspiel, Überkonsum, Promiskuität, zwischenmenschliche Konflikte, Fahrlässigkeit und sogar suizidales Verhalten sind häufige Symptome dieser Dynamik. Es kann sein, dass wir es schwieriger, vielleicht sogar unmöglich finden, uns lange auf irgendetwas anderes als auf den Verlust zu konzentrieren. Natürlich kann dadurch unsere Arbeit erschwert werden, aber sie wird nicht unmöglich, wenn wir hilfsbereite Kollegen haben. Umgekehrt können einige sich völlig in Arbeit, Sport oder Spiritualität vertiefen, um jeden Gedanken an den Verlust und die damit verbundenen Gefühle zu vermeiden.
Trauer kann sich im Nichtvorhandensein von Freude, Konzentration und so weiter niederschlagen, aber auch im Vorhandensein etwa von außergewöhnlichen Sinneserfahrungen. Ich habe mit Hinterbliebenen gearbeitet, die berichteten, dass sie Dinge sehen, hören oder riechen konnten, von denen andere nichts bemerkten. Einige berichteten über „Zeichen“ ihrer geliebten Menschen, oft in Form von Symbolen wie Schmetterlingen oder Zahlenkombinationen. Eine bedeutende Minderheit gab an, beim Träumen oder kurz vor dem Einschlafen Halluzinationen zu erleben, manche davon beängstigend, manche beruhigend.
Zwischenmenschliche Beziehungen können leiden, besonders in trauernden Familien. Vielleicht sind wir müde und erschöpft von der Trauer und haben nicht die Energie, uns eingehend mit anderen zu beschäftigen. Es kann sein, dass wir ungeduldiger und intoleranter werden. Vielleicht haben wir noch nicht gelernt, offen über unsere Gefühle zu sprechen, oder andere waren bisher nicht bereit, uns aufmerksam zuzuhören, oder wir fühlen uns nicht sicher genug dafür. Viele Trauernde berichten, dass sie alte Freunde verlieren (und manchmal neue gewinnen), wenn ihre Paarbeziehungen sich wandeln.
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