Glaube
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Das Stichwort Glaube umgreift das Ganze der christlichen Theologie. Es gilt, am Begriff des Glaubens die radikale Subjektivität und die auf Gottes Handeln verweisende Objektivität hervorzuheben.
Die Autoren dieses Bandes stellen unter anderem das Verständnis des Glaubens in den biblischen Schriften dar, spüren seine Entwicklung in der Geschichte der Kirche bis zur Gegenwart nach und fragen nach seiner Position in der Kirche heute.
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Paulus hat als Verfolger derjenigen Mitglieder der jüdischen Synagoge, die Jesus als den Christus bekannten, die ersten Umrisse der neuen Richtung innerhalb des Judentums kennengelernt. Im Rückblick hält er in Gal 1,23 eine umlaufende Bewertung fest:
|47|Der uns früher verfolgte, der predigt jetzt den Glauben, den er früher zu zerstören suchte (Gal 1,23).
Die Berufung zum Heidenapostel spricht Paulus rückblickend als Beauftragung zur Aufrichtung des Glaubens unter den Heiden an (Röm 1,5; 16,26; vgl. auch Gal 2,7). Glaube ist ab jetzt wesenhaft auf das Wort und auf die Verkündigung bezogen (Röm 10,17; 1Kor 15,14). Einen prägenden Einfluss auf die sich ausbildende Theologie des Paulus hatten dann diejenigen christlichen Gemeinden, in denen Paulus lebte, bevor er als Missionar und Briefschreiber bekannt wurde: Damaskus, Jerusalem, Caesarea, Tarsus, vor allem aber Antiochia. Der Glaube, von dem Paulus ab jetzt sprechen wird, ist mit Jesus Christus so eng verknüpft, dass einerseits die vorhergehende Zeit geradezu als Zeit vor dem Glauben angesprochen wird (Gal 3,23.25), andererseits aber ein Glaube, der sich nicht auf den auferweckten Christus bezieht, als wertlos oder nichtig deklariert wird (1Kor 15,17). Sogar die Rede vom Glauben an Gott (neben etlichen trad. Verweisen in Röm 4 nur noch in 1Thess 1,8) tritt bei Paulus in den Hintergrund gegenüber dem Christusglauben. Dieser allerdings bestimmt bis auf Phlm 5 (κύριος/»Herr«) und Gal 2,20 (υἱός θεοῦ/»Sohn Gottes«) nahezu durchgehend in Formulierungen von πιστεύειν (»glauben«) bzw. πίστις (»Glaube«) mit Χριστός (»Christus«) die Diktion.
In welchem Verhältnis steht der Christusglaube zum jüdischen Glauben an Gott? Es ist auffällig, dass Paulus die Rede über den Glauben im 1. Thessalonicherbrief noch in keiner Weise abgrenzt von einer jüdischen Glaubenshaltung, die auf Gesetz, Gerechtigkeit, Schöpfung und endzeitliche Vergeltung bezogen ist. Auch werden noch Ausführungen dazu vermisst, wie sich christlicher Glaube zu den sog. Identitätsmerkmalen jüdischen Glaubens wie Sabbat, Beschneidung, Reinheits- und Speisegebote verhält. Zunehmende Auseinandersetzungen mit judenchristlichen Missionaren, jüdischen Gegnern, aber auch die Verarbeitung der eigenen Lebensgeschichte führen bald dazu, die Gestalt des christlichen Glaubens in teilweise polemischen Abgrenzungen zu beschreiben, um ihn als Christusglaube zu bewahren.
Michael Wolter beschreibt das paulinische Glaubensverständnis ganz im Gegensatz zu einem doxastischen Fürwahrhalten als Wirklichkeitsgewissheit: »Demgegenüber besteht die Eigenart des Glaubens nach paulinischem Verständnis darin, dass er bestimmte Sachverhalte als wirklich gegeben ansieht, weil sie – und allererst diese Begründung macht seine Wirklichkeitsannahme zu einer Glaubensgewissheit – mit der Wirklichkeit Gottes übereinstimmen. Aus diesem Grunde |48|bezeichnen wir den Glauben als eine Wirklichkeitsgewissheit.« (Wolter 2011: 86).
Um die wesentlichen Strukturelemente der paulinischen Glaubensvorstellung nachzuzeichnen, beschränke ich mich auf vier Gedankenkreise, in denen Paulus Glaube profiliert hat.
5.1. Gerecht nicht durch Werke des Gesetzes, sondern durch Glauben an Jesus Christus
In Gal 2,16 formuliert Paulus erstmals eine klare Alternative zwischen Glauben an Jesus Christus und Werken des Gesetzes. Röm 3,28 (vgl. auch 3,21; 4,6) wird diese Aussage erneut aufnehmen. Die in beiden Aussagen beschlossene Einsicht stellt die Basisformulierung der Rechtfertigungslehre des Paulus dar, deren Ausarbeitung der Galater- und der Römerbrief vollziehen:
Wir wissen, dass ein Mensch nicht gerechtfertigt wird aus Werken des Gesetzes (ἐξ ἔργων νόμου), sondern durch Glauben an Jesus Christus (διὰ πίστεως Ιησοῦ Χριστοῦ), und wir sind zum Glauben an Christus Jesus gekommen (εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν ἐπιστεύσαμεν), damit wir gerechtfertigt werden durch den Glauben an Christus (ἐκ πίστεως Χριστοῦ/aus Glauben Christi) und nicht aus Werken des Gesetzes (οὐκ ἐξ ἔργων νόμου), denn aus Werken des Gesetzes (ἐξ ἔργων νόμου) wird niemand gerechtfertigt (Gal 2,16).
Dieser Satz begegnet erstmals in der Besprechung des sog. antiochenischen Zwischenfalls (Gal 2,11–21). Die Mahlgemeinschaft von Heiden- und Judenchristen in der Stadt Antiochia ohne Beachtung der jüdischen Speisevorschriften war dem Bericht zufolge von Petrus zeitweise geteilt, nach dem Auftreten Jerusalemer Judenchristen in Antiochia aber wieder zurückgenommen worden. In der Folge seiner Entscheidung zogen sich auch die anderen Judenchristen Antiochias und selbst der theologische Ziehvater des Paulus, Barnabas, von der Mahlgemeinschaft zurück. Dies bedeutete, dass in Antiochia der Versuch, Heidenchristen und Judenchristen in einer Gemeinschaft ohne Beachtung der jüdischen Tora(vorschriften) zu verbinden, gescheitert war. Paulus bewertet im Rückblick das Verhalten des Barnabas und der anderen Judenchristen als Heuchelei (Gal 2,13) und hält Petrus u.a. die Konsequenz seines Verhaltens vor: Wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben (Gal 2,21).
|49|Im Rückblick auf diesen Zwischenfall formuliert Paulus den Gegensatz von Glaube an Jesus Christus und Werken des Gesetzes und er trägt ihn in die Darstellung des antiochenischen Konflikts ein. Was aber ist mit diesen beiden Syntagmen gemeint und worauf zielt die Entgegensetzung? Die sog. New Perspective on Paul hat mit Recht darauf hingewiesen, dass es bei den Werken des Gesetzes keineswegs um eigene verdienstliche Werke gehe, die der Rechtfertigung entgegenstehen. Vielmehr eröffnet Paulus einen Gegensatz zu den von der Tora geforderten Handlungen oder Vorschriften. Innerhalb der New Perspective dachte man hierbei an diejenigen von der Tora geforderten Handlungen, die zur Identität des jüdischen Lebens in paganer Umgebung beitragen und sie erkennbar machen: Beschneidung, Sabbat, Reinheits- und Speisegebote. Distanziert Paulus sich von diesen Werken des Gesetzes, so eröffnet er Heiden einen Zugang zum Gottesvolk, ohne sie an jüdische Identitätsmerkmale zu binden. Diese Werke des Gesetzes haben im Zusammenhang der Rechtfertigung des Menschen vor Gott oder durch Gott keine Bedeutung mehr, an ihre Stelle tritt ausschließlich der Christusglaube. Man darf nun nicht im Umkehrschluss meinen, dass das Judentum eine Religion der Selbstrechtfertigung durch Werke des Gesetzes gewesen sei. Die Ausrichtung an der Tora diente vielmehr der Bewahrung des Bundes. Allerdings tritt jetzt, da die christlichen Gemeinden sich aus Juden und Heiden zusammensetzen, die Tora in dieser Funktion ganz zurück und an ihre Stelle tritt der Glaube an Jesus Christus als einzige Bedingung und Aneignungsform des Heils. Paulus weitet im Galater- und Römerbrief den Gegensatz zu den Werken des Gesetzes zunehmend aus und bezieht ihn nun auf die Tora insgesamt. Christus wiederum ist das Ende des Gesetzes (Röm 10,4).
Diese Grundentscheidung verdichtet Paulus abschließend im Proömium des Römerbriefs im Blick auf das Evangelium: »[…] denn es ist eine Macht Gottes zum Heil für jeden, der glaubt, für den Juden vor allem und auch für den Heiden. Denn Gottes Gerechtigkeit wird in ihm offenbar aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben Gerechte wird leben« (Röm 1,16f.). Die Bestimmung ›für jeden, der glaubt‹ wird zweimal im Blick auf Glauben aufgenommen. Mit der Präpositionalverbindung ›aus Glauben zu Glauben‹ deutet Paulus auf einen Anfang und ein Ziel, also auf eine nicht überbietbare Totalität, die vom Glauben umschlossen wird. Bestätigend für diese Sicht führt er das Schriftzitat aus Hab 2,4 an, das er bereits in Gal 3,11 eingesetzt hatte. Dieses Zitat soll neben Gen 15,6 (aufgenommen in Röm 4,3; Gal |50|3,6) belegen, dass diese Verbindung von Gerechtigkeit und Glaube bereits im Alten Testament angesprochen worden ist. Dieses Zitat ist wohl so aufzunehmen, dass die Zuordnung von ἐκ πίστεως (»aus Glauben«) zu δίκαιος (»gerecht«) und nicht zu ζήσεται (»er wird leben«) gesetzt wird, also: der aus Glauben Gerechte wird leben.
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