Glaube

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Glaube in Geschichte und Gegenwart
Das Stichwort Glaube umgreift das Ganze der christlichen Theologie. Es gilt, am Begriff des Glaubens die radikale Subjektivität und die auf Gottes Handeln verweisende Objektivität hervorzuheben.
Die Autoren dieses Bandes stellen unter anderem das Verständnis des Glaubens in den biblischen Schriften dar, spüren seine Entwicklung in der Geschichte der Kirche bis zur Gegenwart nach und fragen nach seiner Position in der Kirche heute.

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Eine sprichwörtliche Rede vom ›Berge versetzen‹ begegnet in der antiken Literatur häufig, jedoch stets ohne einen Bezug zum Glauben (Lindemann 2000: 284). Das Sprichwort und so auch die Worte Jesu sprechen etwas Unmögliches an: ein Berg kann nicht versetzt werden, der besonders tief und fest wurzelnde Maulbeerbaum kann nicht verpflanzt werden. Selbst einer magischen Handlung wird man dieses nicht zutrauen wollen. Dass Gott am Ende der Zeiten Berge erhöhen und erniedrigen wird (Jes 40,4; 49,11; Lk 3,5), das wurde geglaubt, aber es war Sache Gottes und nicht des Menschen. Dieses dem Menschen Unmögliche wird nun in paradoxer Weise in Beziehung gesetzt zu etwas vermeintlich verschwindend Kleinem, dem Glauben und seinen ungeahnten Möglichkeiten. Er wird verglichen mit einem Senfkorn, das aufgrund seiner Winzigkeit auch an anderen Stellen für Vergleiche herangezogen wird (Mk 4,31; Mt 13,31; Lk 13,19), dort allerdings, um den Kontrast von klein zu groß auszudrücken. Die Worte Jesu werben für eine Haltung, die nicht im Zweifel (Jak 1,6–8) oder im Kleinglauben (Mt 6,20; 8,26; 14,31; 16,8; 17,20) verbleibt, sondern im Glauben eine tiefe Kraft entdeckt. Solcher Glaube findet Gestalt im Gebet (Mt 21,22; Joh 14,13) und lebt im Vertrauen auf Gottes Fürsorge (vgl. Lk 12,22–32). In der weiteren Rezeption und Auslegung wurde betont, und zwar gerade im Angesicht der Erfahrung von Kleinglauben, ein Berge versetzender Glaube müsse stark und fest sein, wenn er die Verheißung, Berge zu versetzen, empfangen möchte. Damit wurde allerdings die spezifische Pointe des Wortes Jesu verlassen, das ja gerade dem unscheinbar kleinen Glauben (wie einem Senfkorn) eine Zusage gibt (Barth 1982: 145).

3.2. Der rettende Glaube

In Heilungsgeschichten der Evangelien begegnet des Öfteren die Formel: Dein Glaube hat dich gerettet (Mk 5,34 par. Mt 9,22; Lk 8,48; Mk |44|10,52 par. Lk 18,42; außerdem Lk 7,50; 17,19; vgl. auch Mt 9,27–31). Es ist höchst bedeutsam, dass der Glaube in diesen Geschichten nicht durch das Wunder und ein performatives Heilungswort ausgelöst wird, sondern dem Vertrauen in den Wundertäter Jesus und dem Wunder vorangeht. Dieser rettende Glaube wird als unbedingtes Vertrauen in die Macht und in die Person Jesu dargestellt. Annette Merz spricht von einem thaumaturgischen Synergismus, da Wundertäter und Empfänger des Wunders wechselseitig aufeinander angewiesen sind (Merz 2013: 122). In nachösterlicher Zeit bleibt dieser Zusammenhang von Glaube und Rettung, auch in dieser sprachlichen Form, präsent: Apg 14,9f.; 15,11; 16,31f.; Röm 10,9; 1Kor 15,2; Eph 2,8 u.a. Daher ist die Überlegung, dass sich vorösterlicher und nachösterlicher Sprachgebrauch in den Texten gegenseitig beeinflusst haben, gut möglich. Jedoch ist es nicht überzeugend, ›dein Glaube hat dich gerettet‹ als eine ausschließlich christlich exorzistische Formel zu verstehen, die nachträglich in die Jesusüberlieferung eingetragen worden sei. Vielmehr haben die synoptischen Evangelien ein Vertrauen, dass »es Änderungen unveränderlich erscheinender Gegebenheiten der Welt geben kann, als ›Glaube‹ bezeichnet« (Lührmann 1976: 30; Söding 21987), und sie haben darin wohl eine Erinnerung an die Verkündigung Jesu weitergegeben. Damit ist aber nicht gesagt, dass die Grundlage der Glaubensthematik im frühen Christentum ausschließlich aus der Verkündigng Jesu abzuleiten ist.

4. Die Pistis-Formel

In den Briefen des Paulus als der ältesten christlichen Literatur begegnen Traditionsstücke, die in die Anfänge der Christenheit (30er und 40er Jahre) zurückreichen. Der Wortlaut dieser Stücke ist nicht mehr präzise zu rekonstruieren, auch sind Entstehungszeit und -ort nicht klar zu benennen. Doch deutet eine Vielzahl von Indizien auf älteres geprägtes Traditionsgut hin. In der formgeschichtlich orientierten Exegese sprach man im Blick auf eine Reihe von Formeln, in denen stets in geradezu technischer Verwendung πίστις (»Glaube«) und πιστεύειν (»glauben«) begegnen, von Pistis-, Glaubens-, Credoformeln oder gar von Glaubensbekenntnissen (Vielhauer 1975: 9–22; Hahn 2011: 459f.). Weitere Formeln, verfestigte, bisweilen hymnisch anmutende Texte wären hier zu nennen. In diesen formelhaften Sätzen hat die frühe Christenheit ihre spezifische Überzeugung zum Ausdruck gebracht, daher treffen wir hier auf Anfänge christlicher Theologie.

|45|In der ältesten christlichen Schrift, dem 1. Thessalonicherbrief (ca. 50 n. Chr.), begegnet erstmals folgende Pistis-Formel: »Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen« (1Thess 4,14). Gegenstand des Glaubens ist im engeren Sinn, dass Jesus gestorben und auferstanden ist. Nicht mehr zur eigentlichen Formel gehört der Nachsatz, der Folgerungen aus diesem Geschehen im Blick auf die Glaubenden zieht. Dieser Gegenstand des Glaubens wiederum begegnet in etlichen Varianten, die in unterschiedlicher Weise den Tod und die Auferstehung/Auferweckung Jesu ansprechen (Röm 4,24; 10,9; 14,9; 1Kor 15,3–5; 2Kor 5,15 u.a.) und die wie in 1Kor 15,3 betont als ältere Tradition eingeführt werden. Der Blick richtet sich auf ein spezifisches Handeln Gottes, der den Gekreuzigten auferweckt hat. Es ist jedoch abwegig, den Glauben ausschließlich auf das Fürwahrhalten dieser Aussage zu reduzieren. Vielmehr wird wie in 1Thess 4,14 der Bezug auf Tod und Auferstehung Jesu verknüpft mit dem Glauben an die Auferstehung der verstorbenen Christen, mit der Vergebung der Sünden (1Kor 15,3), mit der Taufe und dem neuen Leben (Röm 6,3f.) oder mit der Rettung der Glaubenden (Röm 10,9).

5. Paulus

Paulus schließt sich an den Sprachgebrauch seiner Zeit und an den der jüdischen, durch die LXX vermittelten, und frühen christlichen Tradition an. Jedoch erhält das Lexem Glaube in allen Briefen des Paulus eine grundlegende zentrale Bedeutung, da die Inhalte des sich ausbildenden christlichen Denkens nicht ohne dieses Lexem angesprochen werden. Die Inhalte des Glaubens und des Evangeliums entsprechen sich. Glaube wird zur »umfassenden Bestimmung des Christseins« (Söding 1995: 671), zu einer »den ganzen Menschen erfassenden Lebensform« (Hahn 2011: 462). Überdies bezieht sich Glauben nicht mehr vornehmlich, wie in den πίστις-Formeln, auf einen Glaubensgegenstand, sondern umgreift Christsein in unterschiedlichen Beziehungen und Dimensionen. Paulus hat, wie Bultmann feststellt, »[…] den Begriff der πίστις in den Mittelpunkt der Theologie gestellt […]« (Bultmann 1959: 218). ›Euer Glaube‹ wird daher geradezu eine Bezeichnung der neuen Ausrichtung in den Gemeinden (Röm 1,8; 1Kor 2,5; 15,14; 2 Kor 10,15; 1Thess 1,8 u.a.), die Christen sind ›Glaubende‹ (1Kor 1,21; Gal 3,22; 1Thess 1,7) oder ›Christusglaubende‹ (Gal 2,16) und der Glaube ist das, |46|was die Identität der Christen ausmacht und sie zusammenschließt, ganz gleich ob sie einen jüdischen oder einen paganen Hintergrund haben. Glaube wird zur Signatur der Selbstdefinition (Lührmann 1992: 752). Im frühesten Brief des Paulus, dem 1. Thessalonicherbrief, wird Glaube durchgehend ohne nähere Ausführung oder Abgrenzung zu der Signatur der Christen (1Thess 1,3.7.8; 2,10.13; 3,2.5.6.7.10). Der Glaube ist in späteren Briefen zugleich wie ein Fluidum, in dem die Christen leben (Röm 1,17), sich bewegen (2 Kor 5,7) und wachsen (2 Kor 10,15), standfest (1Kor 15,58), schwach oder stark im Glauben sein können (Röm 14,1) oder aber wie eine Größe, auf die sie vielfältig zugeordnet sind, was die vielen, auf πίστις (»Glaube«) bezogenen präpositionalen Verbindungen und die Genitivverbindungen anzeigen. Überraschenderweise fehlt πιστεύω (1. Person Sing.) (zum Ganzen von Dobbeler 1987).

Es ist unangemessen, diesen Glauben auf einen freien Entschluss oder auf eine Entscheidung des Menschen zu reduzieren. Paulus legt Wert darauf, dass der Glaube eine Gabe Gottes ist und dass diese Gabe der Entscheidung des Einzelnen vorausgeht (Röm 4,16; Phil 1,29). Auch kann der Glaube als Wirkung des Geistes angesprochen werden (Gal 5,22; 1Kor 12,9). Der Glaube ist bezogen auf die Verkündigung des Evangeliums und er ist daher ganz wesentlich ein auf Sprache, auf Reden und Hören bezogenes Geschehen (Röm 10,17; 1Kor 1,21) (Hofius 1990). Die Inhalte des Glaubens und die Inhalte des Evangeliums entsprechen sich. Es steht Jesus Christus im Mittelpunkt, was in dem Ausdruck ›Christusglaube‹ (Röm 3,22.26; Gal 2,16.20; 3,22; Phil 3,9) ebenso zum Ausdruck kommt wie in verbalen Formulierungen, in denen Jesus Christus das Objekt ist (Röm 9,33; 10,11.14; Gal 2,16; Phil 1,29). Demgegenüber treten solche Aussagen, in denen Gott das Objekt des Glaubens ist, deutlich zurück (Röm 4,5.17.24; 1Thess 1,8). Allerdings sind Christusglaube und Gottesglaube bei Paulus in der Gestalt verknüpft, dass es ja um den Glauben an den Gott geht, der Jesus von den Toten auferweckt hat (Röm 4,24). Nach Schumacher ist »die entscheidende Voraussetzung für die weitere sprachliche Entwicklung des Wortes πίστις darin zu sehen, dass Paulus diesen Begriff zur Beschreibung der wechselseitigen Christusbeziehung verwendet und ihn damit in einen neuen Bezugsrahmen einführt« (Schumacher 2012: 473).

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