Wer immer noch zögerte, wurde im Januar 1776 durch Thomas PainesPaine, Thomas Pamphlet Common Sense Common Sense mitgerissen, das innerhalb weniger Monate zwölf Auflagen erlebte und von dem bald über 150.000 Exemplare in den Kolonien kursierten. Der Autor, der erst zwei Jahre zuvor aus EnglandGroßbritannien eingewandert war, griff den bis dahin weitgehend verschonten George III.George III. in beispielloser Weise als unfähigen und tyrannischen „Pharao“ an und sprach aus, was viele Siedler inzwischen dachten: Nur die Unabhängigkeit könne verhindern, dass die Amerikaner von der politischen Korruption und dem moralischen Verfall EnglandsGroßbritannienRevolutionsepoche angesteckt würden. Die Ziele der Revolution lagen laut Paine nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft: Der eigentliche Kampf müsse gegen das System der Monarchie und für den Aufbau einer gerechten republikanischen Ordnung geführt werden: „Wir haben es in unserer Hand, die Welt von neuem zu beginnen.“ Der phänomenale Erfolg dieser Flugschrift spiegelte das Entstehen einer kraftvollen politischen Öffentlichkeit wider, die den Kontinentalkongress im Frühjahr und Sommer 1776 über eine Welle von Gemeinde- und Provinzversammlungen zur UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung vorantrieb. Aus der Protestbewegung wurde nun vollends eine Revolution.
Der Kontinentalkongress erklärt die Unabhängigkeit
Die entscheidende Initiative ging von einem als de facto-Parlament tagenden Provinzialkongress in VirginiaVirginia aus, der im Mai 1776 die eigene Delegation im Kontinentalkongress aufforderte, sich für die Unabhängigkeit einzusetzen. Am 7. Juni stellte daraufhin Richard Henry LeeLee, Richard Henry in PhiladelphiaPhiladelphia den Antrag, der Kongress möge die Kolonien zu „freien und unabhängigen Staaten“ erklären, ausländische Mächte um Hilfe gegen EnglandGroßbritannien bitten und eine Konföderation vorbereiten. Es dauerte aber noch knapp einen Monat, bis die Mittelkolonien sowie MarylandMaryland und South CarolinaSouth Carolina auf diese Linie gebracht werden konnten. Am 2. Juli wurde LeesLee, Richard Henry Resolution mit zwölf Stimmen bei Enthaltung New YorksNew York angenommen. Zwei Tage später blieben die New Yorker Delegierten, die immer noch keine positiven Instruktionen erhalten hatten, einer erneuten Abstimmung fern und ermöglichten so die einstimmige Annahme der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung.
Der Entwurf zu diesem Dokument stammte aus der Feder von Thomas JeffersonJefferson, Thomas, der mit 33 Jahren zu den jüngsten Delegierten des Zweiten Kontinentalkongresses zählte. Als Sohn eines Landvermessers und Kartographen und einer Angehörigen der prominenten Randolph-Familie hatte JeffersonJefferson, Thomas das William and Mary CollegeWilliam and Mary College in WilliamsburgWilliamsburg absolviert und war im Alter von 24 Jahren zum Anwaltsberuf zugelassen worden. Seine Herkunft und sein Besitz von 2000 Hektar Land und über 100 Sklaven machten ihn zum Angehörigen der Virginia Aristocracy Virginia Aristocracy, die er seit 1769 auch im Unterhaus von Virginia vertrat. Hier schloss er sich der radikalen Fraktion um Patrick HenryHenry, Patrick an und fiel durch den eleganten Stil auf, mit dem er Resolutionen, Petitionen und andere Stellungnahmen des Parlaments verfasste. Politik war aber nicht seine einzige Leidenschaft: Nachdem er 1772 eine 23-jährige Witwe, Martha Wayles SkeltonSkelton, Martha Wayles, geheiratet hatte, baute er den Landsitz MonticelloMonticello nach klassisch-italienischem Vorbild um und betätigte sich als Schriftsteller, Erfinder und Naturwissenschaftler.
Abb. 4: Die Unabhängigkeitserklärung, 4. Juli 1776 (Gemälde von J. Trumbull)
JeffersonsJefferson, Thomas Text, den der Kongress nur in wenigen Punkten änderte – eine der Streichungen betraf seine Kritik an der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) –, verband das Gedankengut der AufklärungAufklärung mit angelsächsischen Rechtstraditionen und den Prinzipien der Country-IdeologieCountry-Ideologie. Die Präambel leitete das Recht auf Loslösung vom Mutterland aus dem NaturrechtNaturrecht ab und betonte, dass es der Respekt vor der öffentlichen Meinung der Welt verlange, einen solch schwer wiegenden Schritt ausführlich zu begründen. Der erste Teil, der langfristig die stärkste Wirkung entfaltete, enthielt die politische Philosophie der amerikanischen Revolution. Den Ausgangspunkt bildete das Naturrecht als objektiver Maßstab, an dem alles von Menschen gesetzte Recht zu messen ist. Das Gleichheitspostulat („all men are created equal“) besagt, dass alle Menschen insofern gleich sind, als sie natürliche, unveräußerliche Rechte besitzen; die wichtigsten dieser „selbstverständlichen“ Rechte sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück („pursuit of happiness“, das im Sinne der schottischen Moralphilosophie an die Stelle von John LockesLocke, John Recht auf Eigentum trat).
Aufgabe der Regierung ist es, diese Rechte zu schützen und den Bürgern Sicherheit und Glücksstreben zu ermöglichen. Regierung ( government ) beruht auf der Zustimmung ( consent ) der Regierten, und sie kann beseitigt und durch eine neue Regierung ersetzt werden, wenn sie ihren Aufgaben nicht gerecht wird. Als zweiter Teil folgte dann ein langes, nicht in allen Einzelheiten korrektes Register der Amtsverstöße Georges IIIGroßbritannienRevolutionsepocheGeorge III.., das den König eines Bruchs des Herrschaftsvertrags überführen sollte. Der Schlussabschnitt besiegelte unter feierlicher Anrufung der göttlichen Vorsehung ( Divine Providence ) die Loslösung von GroßbritannienGroßbritannien und die Souveränität der amerikanischen Staaten. In praktischer Hinsicht war die UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung einerseits dazu gedacht, die Amerikaner durch die Verkündung fundamentaler Prinzipien und Grundwerte, für die es sich lohnte zu kämpfen, dauerhaft an die revolutionäre Sache zu binden; andererseits sollte sie mit Blick auf Europa die ehemaligen Kolonien als ein handlungsfähiges Völkerrechtssubjekt etablieren, das Bündnisse eingehen konnte. JeffersonJefferson, Thomas hatte keine Originalität angestrebt, und er nannte sein Werk später bescheiden „einen Ausdruck des amerikanischen Geistes“, wie er sich zur Zeit der Revolution dargestellt habe. Von anderen zeitgenössischen Äußerungen hob sich der Text aber durch seinen dynamischen Rhythmus und die gemessene Würde der (aus der Bibel entlehnten) Sprache ab, die den Eindruck der logischen Folgerichtigkeit der Argumentation und der Unvermeidbarkeit der Trennung vom Mutterland verstärkten. Durch die Fähigkeit JeffersonsJefferson, Thomas, komplexe Sachverhalte und Ideen in wenige, mitreißende Sätze zu verdichten, gewann die Unabhängigkeitserklärung über ihre praktische Bedeutung hinaus den Charakter eines politisch-philosophischen Epochendokuments.
Staatenverfassungen, Grundrechteerklärungen und Articles of Confederation Articles of Confederation
Parallel zur Entstehung der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung vollzog sich in den einzelnen Kolonien die Neuordnung des politischen und konstitutionellen Lebens. Angesichts der leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, bei denen schon sozial egalitäre, „gleichmacherische“ Forderungen aufkamen, fürchteten viele Gemäßigte und Besitzende um den inneren Frieden und wollten ein Weitertreiben der Revolution verhindern. Aber auch radikale Befürworter der Unabhängigkeit hielten es für dringend geboten, nach dem Zusammenbruch der britischenGroßbritannien Regierungsautorität zu stabilen Verhältnissen zurückzukehren und die gefährliche Phase des Nebeneinanders von alten und neuen Institutionen so rasch wie möglich zu beenden. In diesem Prozess der Loslösung von Monarchie und Empire nahm die aufklärerische Idee, das Volk sei der Souverän und könne sich selbst regieren, erstmals konkrete Gestalt an. Die VolkssouveränitätVolkssouveränität wurde schon deshalb zur neuen Legitimationsgrundlage, weil es in der amerikanischen Wirklichkeit des Jahres 1776 gar keine Alternative zur republikanischen Staatsform gab. Zentrale Bedeutung erlangten die geschriebenen Verfassungen: Eine constitution legte nicht mehr nur die Staatsform und die Kompetenzverteilung der Regierungsorgane fest, sondern errichtete überdies, wie das Town Meeting von Concord in MassachusettsMassachusetts schon im Oktober 1776 feststellte, „ein System von Prinzipien, das die Rechte und Freiheiten der Regierten gegen alle Übergriffe der Regierenden schützt“.
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