„Sommernachtsfest?“, fragte Mia, die kaum ihren Blick von den Blumen wenden konnte.
„Ja, jedes Jahr im August feiern wir eine riesige Party, das Sommernachtsfest. Dort gibt es köstliche Speisen, erlesene Getränke und vor allem Musik. Man tanzt bis in die späte Nacht hinein und die Mädchen und Frauen übertrumpfen sich gegenseitig mit den prächtigsten Kleidern. Glücklicherweise findet es dieses Jahr genau am Ende unserer Ferien statt und du wirst es bestimmt genießen!“
„Klingt toll“, antwortete Mia. Im Moment konnte sie allerdings nicht an ein Fest denken, das noch in so weiter Ferne lag. Dafür war sie viel zu gefesselt von der Landschaft, die im Augenblick an ihr vorbeizog. Sie sog die Eindrücke begeistert in sich auf und hätte noch stundenlang so weiterfahren können. Aber da verkündete Tante Anna auch schon: „Jetzt sind wir gleich da.“
Und tatsächlich erreichten sie bereits wenige Minuten später eine kleine Lichtung, auf der ein Holzhäuschen stand. Es war ein wenig windschief, hatte ein mit Moos bewachsenes Dach und sah sehr urig und gemütlich aus.
Die Kutsche kam zum Stillstand und Tante Anna machte eine einladende Bewegung. „Hier wohnen wir. Nochmals herzlich Willkommen bei uns zu Hause, Mia!“
Mit diesen Worten stieg sie aus und nahm Mias Koffer mit. Mia und Sophie folgten ihr.
Als die drei vor der Tür des Häuschens standen, drang plötzlich ein schnüffelndes Geräusch an Mias Ohr. Und bei näherem Hingucken erkannte sie, dass die Haustür eine große Nase hatte, deren Flügel sich sanft bewegten. Die Tür schnupperte!
„Ah! Die Hausherrin ist zurückgekehrt“, ertönte wenig später eine knarzige Stimme, die aus dem Inneren der Tür zu kommen schien. Nachdem sie ein weiteres Mal die Nasenflügel gebläht hatte, sprach sie weiter: „Und auch Fräulein Sophie ist dabei.“
Sie schnüffelte erneut. „Aber da ist noch jemand, den ich nicht kenne!“
„Ganz recht“, antwortete Tante Anna. „Wir haben einen Gast, der für sechs Wochen bei uns wohnen wird. Sie heißt Mia und ist meine Nichte. Sie ist befugt, das Haus zu betreten, wann immer sie das wünscht. Also nimm bitte eine Geruchsprobe von ihr und lass sie auch dann ein, wenn sie alleine nach Hause kommt!“
„Wie die Hausherrin wünscht!“, sprach die Tür. „Würde das neue Fräulein wohl etwas näher herantreten?“
„Geh nur“, ermutigte Tante Anna Mia. „Die Tür muss deinen Geruch intensiv aufnehmen. Nur dann kann sie ihn sich merken und lässt dich ins Haus, wenn du vor ihr stehst.“
Mia trat beherzt näher an die Tür heran.
Sofort war ein deutliches Schnüffeln zu vernehmen und die Nasenflügel blähten sich erneut. „Bitte einmal die Arme heben!“, verlangte die Tür.
Mia tat, wie ihr geheißen, und hörte, wie die Nase mit der Schnüffelei fortfuhr. Die vorbeistreichende Luft kitzelte Mia an den Achseln und brachte sie zum Kichern. Dann hörte das Schnüffeln abrupt auf und die Tür sagte mit ihrer knarzigen Stimme: „Nun denn, hereinspaziert!“ Mit diesen Worten schwang sie nach innen auf und gab den Weg ins Haus frei.
Mia folgte ihrer Tante und Cousine hinein. Sophie führte sie zuerst im Haus herum und zeigte ihr alle Räumlichkeiten. Das Haus war innen wesentlich weitläufiger, als es von außen den Anschein hatte.
Im Erdgeschoss befanden sich eine Küche und ein sehr gemütliches Wohnzimmer, von dem aus man in den großen, gepflegten Garten gelangen konnte.
Vom geräumigen Flur aus führte eine Holztreppe ins Obergeschoss hinauf. Mia stellte auf dem Weg nach oben fest, dass mehrere der Stufen laut und gemütlich knarrten, wenn man darauf trat.
Am Ende der Treppe befand sich eine kleine Diele, von der mehrere Zimmer abzweigten. Eines dieser Zimmer war Sophies Schlafzimmer. Es war herrlich groß und wunderbar fantasievoll eingerichtet. Besonders angetan war Mia von dem bequem aussehenden Himmelbett, welches breit genug für beide Mädchen war.
Mit ausgestreckten Armen drehte Sophie sich um ihre eigene Achse und sagte: „Das hier ist mein eigenes Reich und ich freue mich so sehr, es in nächster Zeit mit dir zu teilen. Komm, wir räumen mal deinen Koffer aus. Ich habe schon gestern Platz im Schrank gemacht, damit deine Kleidung auch noch hineinpasst.“
Nach getaner Arbeit gingen die beiden Mädchen wieder nach unten, da es inzwischen schon Zeit für das Abendessen war.
Tante Anna hatte den Tisch bereits gedeckt.
„Setzt euch, ihr zwei Hübschen“, sagte sie. „Mia, du musst nach deiner langen Reise einen Bärenhunger haben!“
Mia war in der Tat hungrig und trat daher eilig näher an den Tisch. Sie zog einen der Stühle zu sich heran, um darauf Platz zu nehmen. Statt auf der Sitzfläche landete sie aber im nächsten Moment mit einem lauten Plumps mit ihrem Po auf dem Boden.
„Au!“, rief sie verwirrt. Sie war sich sicher, dass der Stuhl eben noch direkt hinter ihr gestanden hatte und schaute sich irritiert nach ihm um. Verwundert sah sie, dass er sich nicht an der erwarteten Stelle befand, sondern etwa einen Meter hinter Mia.
„Oh, du unartiger Stuhl!“, rief Tante Anna, die das Geschehen beobachtet hatte. „Geh sofort auf den Dachboden und denk dort über dein Verhalten nach! Ich möchte dich erst morgen Früh wieder hier sehen!“
Zu Mias maßlosem Erstaunen setzte der Stuhl sich widerwillig in Bewegung, wobei er mithilfe seiner vier Beine wie ein Hund vorwärtslief. Bei der Tür blieb er zögernd stehen. Erst, nachdem Tante Anna „Sofort, oder ich mache dir Beine!“ gerufen hatte, bewegte er sich endgültig aus dem Raum.
„Es tut mir leid, Schätzchen!“, sagte ihre Tante nun an Mia gerichtet. „Ich hätte dich warnen sollen. Das war Charlie, ein sehr ungezogener Stuhl. Er erlaubt sich immer wieder Scherze auf Kosten anderer. Wir haben ihn noch nicht allzu lange und er muss erst richtig erzogen werden. Setz dich einfach auf einen der anderen Stühle – die sind alle ganz folgsam.“
Mia rieb sich ihren schmerzenden Po. Gleich darauf bemerkte sie, dass sich bereits einer der anderen Stühle hinter sie geschoben hatte und darauf zu warten schien, dass Mia sich auf ihm niederließ. Er erweckte den Eindruck, als wolle er das ungezogene Verhalten Charlies wiedergutmachen.
Vorsichtig nahm Mia auf der Sitzfläche Platz. Erfreulicherweise erwartete sie keine neuerliche böse Überraschung. Der Stuhl blieb brav an Ort und Stelle stehen. Trotzdem war Mia weiterhin skeptisch – auf einem lebendigen Stuhl zu sitzen, war ihr nicht ganz geheuer. Sie wusste nicht, ob ihr die Fantasie einen Streich spielte oder nicht, jedenfalls kam es ihr vor, als spüre sie, wie das Möbelstück unter ihr langsam ein- und ausatme.
Erleichtert stellte sie fest, dass wenigstens das Abendessen ganz normal zu sein schien. Es gab Brot, Wurst und Käse, wie auch bei ihren Eltern zu Hause, und Mia langte ordentlich zu.
Während der Mahlzeit erzählte Sophie, die ein Internat außerhalb des Magischen Waldes besuchte, was sie im letzten Schuljahr alles erlebt hatte. Mia berichtete im Gegenzug von den Neuigkeiten bei sich und ihren Eltern.
Auch wenn es eine lustige Runde war und Mia sich sehr wohlfühlte, bedauerte sie doch ein bisschen, dass Onkel Norbert, Sophies Vater, nicht dabei sein konnte. Ihn hatte sie nämlich auch schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.
Doch auch zu dritt versprachen die kommenden sechs Wochen, eine äußerst aufregende Zeit zu werden.
Heute war Mia allerdings von der langen Fahrt und den vielen neuen Eindrücken sehr müde. Deshalb verabschiedeten die beiden Mädchen sich bald nach dem Abendessen von Tante Anna und gingen zusammen nach oben. Nachdem sie sich die Zähne geputzt und umgezogen hatten, schlüpften sie in ihr gemeinsames Bett. Zufrieden kuschelte Mia sich neben Sophie in die Decke. Jetzt endlich traute sie sich, eine Frage zu stellen, die ihr schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte: „Sag mal, Sophie, hast du eigentlich einen Besen, auf dem du fliegen kannst?“
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