Nachdem sie den Fahrer bezahlt hatte, wartete Tante Anna, bis das Auto außer Sichtweite war. Erst dann ging sie entschlossenen Schrittes auf zwei hochgewachsene Birken zu, die sich in einem Abstand von etwa zwei Metern gegenüberstanden. Genau zwischen diesen beiden Bäumen blieb sie stehen und neigte ihren Kopf nacheinander nach links und nach rechts. Die Geste erweckte den Eindruck, als wolle Tante Anna die Birken grüßen und ihnen gleichzeitig Ehrerbietung erweisen. Anschließend hob sie ihre Arme seitlich in die Luft, schloss voller Konzentration die Augen und murmelte leise einige Wörter. Für Mia klangen sie in etwa wie: „Aperta porta aureum“.
Kaum waren die Wörter ausgesprochen, fing die Luft zwischen den beiden Birken an zu flimmern. Es sah aus, als habe jemand einen Vorhang aus feinem, goldenem Nieselregen zwischen die Bäume gespannt.
Tante Anna öffnete die Augen nun wieder und machte eine einladende Geste in Mias Richtung. „Bitte schön – das Tor zum Magischen Wald. Tritt einfach hindurch!“
Mia zögerte. Die Sache war ihr nicht ganz geheuer. Sophie bemerkte Mias Unbehagen und meinte einfühlsam: „Keine Angst, es ist überhaupt nicht schwer. Mach es mir einfach nach.“
Mit diesen Worten trat sie resolut in den goldenen Schimmer. Im nächsten Moment war keine Spur mehr von ihr zu sehen.
Mia war zu verblüfft, um etwas zu sagen, und schaute hilfesuchend zu ihrer Tante. Diese nickte ihr aufmunternd zu und ermutigte sie: „Dir kann nichts passieren und es tut auch kein bisschen weh. Sophie erwartet dich auf der anderen Seite.“
Also atmete Mia einmal tief durch und ging vorsichtig auf die schimmernde Wand zu. Kurz davor blieb sie stehen und zögerte erneut. Dann gab sie sich einen Ruck, schloss sicherheitsshalber die Augen und machte einen großen Schritt vorwärts. Ein seltsames Gefühl ergriff Besitz von ihr. Es war wie ein leichtes elektrisches Kribbeln – nicht unangenehm, aber höchst sonderbar. Im nächsten Augenblick war es auch schon vorüber. Mia öffnete die Augen und sah sich um. Vor ihr stand Sophie und grinste sie an. Ansonsten hatte sich nicht allzu viel verändert. Der Wald sah ein wenig dichter aus und die Farben kamen Mia etwas intensiver vor. Aber wenn sie erwartet hatte, dass plötzlich ein Lebkuchenhäuschen samt Hexe davor auftauchen würde, hatte sie sich getäuscht.
Sie drehte sich zu dem Tor um, durch das sie gerade gekommen war. Eben in diesem Augenblick trat Tante Anna wie selbstverständlich durch den goldenen Schimmer. Direkt danach klatschte sie zweimal in die Hände, rief: „Diffuso“, und das Tor war ebenso schnell verschwunden, wie es zuvor aufgetaucht war.
„Da wären wir also!“, sagte Tante Anna fröhlich zu Mia. „Das hier ist der Magische Wald. Jetzt müssen wir nur noch zu unserem Haus fahren. Es ist aber nicht mehr sehr weit – du hast die Reise bald geschafft.“
Gerade fragte sich Mia, womit sie wohl zu dem Haus fahren sollten, als sie eine Kutsche entdeckte, die fast gänzlich hinter einem großen Busch verborgen war.
Seltsamerweise war kein Pferd vor die Kutsche gespannt und auch in der näheren Umgebung konnte Mia keines entdecken. Dafür zog ein kleines Männchen, das auf dem Kutschbock saß, ihre Aufmerksamkeit auf sich. Es war nur ungefähr halb so groß wie Mia, sah reichlich verhutzelt aus und hatte unglaublich dicke Pausbacken. Wie um sein ziemlich unansehnliches Äußeres wettzumachen, war das Männchen besonders elegant angezogen. Es trug einen schicken schwarzen Anzug an seinem kleinen Körper und einen ebenfalls schwarzen Zylinder auf dem nicht ganz so kleinen Kopf.
Sophie stellte die beiden einander vor: „Das ist Mia, meine Cousine. Und das ist Windipuss, unser Kutscher.“
„Erfreut“, nuschelte das Männchen mit dem Namen Windipuss und zog dabei galant seinen Hut.
Mia war fast zu erstaunt, um antworten zu können, brachte dann aber doch noch ein „Danke, ebenfalls“ hervor.
Nachdem sie in die Kutsche gestiegen waren, wollte Mia gerade fragen, wie sie ohne Pferd vorwärtskommen sollten. In diesem Augenblick zog Windipuss an einem Seil, woraufhin sich eine Art Fallschirm vor der Kutsche entfaltete. Im nächsten Moment holte das Männchen so tief Luft, dass sich seine Backen prall aufbliesen. In jede Seite passte etwa so viel hinein wie in fünf große Luftballons zusammen und Mia hatte schon Angst, die Wangen würden zerplatzen. Doch dann stieß das kleine Kerlchen die Luft mit einem festen Stoß in Richtung des Fallschirmes aus. Dieser blähte sich daraufhin auf und zog die Kutsche mit einem sanften Ruck nach vorne.
So ging es ohne Unterbrechung weiter. Kaum hatte Windipuss in den Fallschirm gepustet und somit die Kutsche angetrieben, holte er auch schon das nächste Mal Luft und blies sie erneut nach vorne aus. Auf diese Weise kam die Kutsche stetig und sogar recht flott voran.
Mia kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, entspannte sich aber schnell und begann, die Fahrt in vollen Zügen zu genießen. Neugierig betrachtete sie die Landschaft, die nun an ihr vorüberzog.
Die Kutsche fuhr einen schmalen Waldweg entlang. Links und rechts von ihm befanden sich Bäume, Wiesen und Büsche, so weit das Auge reichte. Ab und zu sah Mia allerdings auch kleine Holzhütten stehen.
Die Luft war herrlich frisch und roch angenehm nach Tannennadeln, Moos, würzigen Kräutern und duftenden Blüten.
Plötzlich drosselte Windipuss die Kutsche, denn ein dicker Ast hing quer über den Waldweg, sodass das Gefährt nicht passieren konnte.
Tante Anna fixierte den großen Baum, zu dem der Ast gehörte, und fragte laut: „Meister Rombert, wärt Ihr wohl so freundlich, uns vorbeizulassen?“
Daraufhin öffneten sich mitten in dem Baumstamm träge zwei Augen und blickten in ihre Richtung. Nun erkannte Mia auch eine Nase, die sie vorher für eine einfache Ausbuchtung der Rinde gehalten hatte, und einen Mund, der gemächlich zu sprechen ansetzte.
„Oh, Frau Anna“, sagte der Baum mit tiefer, behäbiger Stimme. „Was für ein Vergnügen, Euch zu sehen! Natürlich mache ich Euch gerne Platz!“
Langsam hob sich der Ast nach oben und gab den Waldweg frei.
„Vielen Dank, Meister Rombert. Und einen schönen Tag noch!“, rief Tante Anna, als die Kutsche sich wieder in Bewegung setzte.
Mia war fassungslos. Sie hatte sich ja viel ausgemalt, was ihr im Magischen Wald alles begegnen könnte. Doch trotz ihrer lebhaften Fantasie hätte sie es niemals für möglich gehalten, auf was für unglaubliche Wesen sie hier treffen würde. Immer noch staunend beschloss sie, sich von nun an über nichts mehr zu wundern.
Gerade als sie diesen Entschluss gefasst hatte, vernahm sie einen lieblichen, zarten Gesang. Neugierig hielt sie nach dessen Ursprung Ausschau und entdeckte links neben dem Waldweg ein außergewöhnliches Blumenbeet. Die verschiedensten Arten von Blumen standen ordentlich in Reih und Glied neben- und hintereinander. Genau wie der Baum von eben hatten auch die Blumen Gesichter. Aus ihren zierlichen Mündchen kamen die lieblichen Stimmen, die Mias Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Die Blumen sangen!
Eine einzelne Blume – eine große lila Tulpe – stand vor der Gruppe und schwenkte ihre Blätter, als würde sie dirigieren.
Auf einmal ertönte ein Ton, der überhaupt nicht zu der übrigen Melodie passte. Eine kleine rosa Lilie schlug sich eine Hand, oder besser gesagt ein Blatt, vor den Mund und auch alle anderen Blumen verstummten betreten.
Missbilligend tadelte die lila Tulpe die kleine Lilie: „Dorea, du machst immer an der gleichen Stelle einen Fehler! Heute Abend übst du so lange, bis du sie sogar im Schlaf richtig singen kannst. In Ordnung?“
Die kleine Lilie nickte eifrig.
Sophie riss Mia aus ihrer faszinierenden Beobachtung, indem sie ihr erklärte: „Der Blumenchor übt für das Sommernachtsfest.“
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