Grischa: Du hast gestern hier mit ihm getanzt. Er ist ein schöner Herr.
Petra: War es der russische Salonmatrose?
Grischa: Der russische Matrose.
Petra: Der hat mir gar nicht gefallen. Der hat Hebammenfinger. Das ist kein Matrose. Er macht Schwindel. Er ist vielleicht ein Steward oder ein Kriminaler.
Grischa: Er ist ein Fürst.
Petra: Noch schlimmer. Er ist ein feiger Hund. Er zeigt nicht Flagge. Er geniert sich vor uns Proletariern.
Grischa: Nein.
Petra: Laß mich ausreden. Er schickt dich zu mir, weil er selbst zu feig ist, mich zu fragen, ob er mich aushalten darf.
Grischa: Nein. Ich schwöre! Er ist ein guter Herr. So gut!
Petra: Nun gut. Es ist ja gut, wenn jemand gut ist. Aber damit ist es auch gut. Sprechen wir von andern Sachen.
Grischa: Er ist für Fürst geboren – nein laß mich bitte noch einmal ausreden – er kann doch nichts dafür. Und er ist traurig, wenn die Menschen erkennen, daß er ein Fürst ist. Denn dann sind sie alle anders zu ihm.
Petra: Ich nicht.
Grischa: Doch! Auch du! Alle! Jeder anders. Die einen lecken ihm am Arsch, und die andern wollen das nicht und verachten ihn nur. Und noch andere sagen, er ist dumm. Oder sie sagen, er ist stolz. So ein Mann will doch auch einmal sein wie wir und will einfache Worte hören und ehrlich sprechen dürfen. Er hat Angst vor Mißverständnissen – verstehst du – – Falschverständnissen. Deshalb hat er mich zu dir geschickt, damit ich erst –
Petra: Bist du denn sein Diener? Ich denke, du bist sein Freund.
Grischa: Ich bin als Musiker bei ihm angestellt, aber ich bin auch sein Freund.
Petra: Warum verstellt er sich? Warum verstellst du dich?
Grischa: Wir verkleiden uns manchmal, wenn wir in einfache Kneipen gehen.
Petra: Aber ihr verkleidet euch mit Glas. Jeder durchschaut euch. Mutter Mewes hat gleich zu mir gesagt (sie flüstern. Der Schläfer hinter der Wand erwacht, zahlt und geht geräuschvoll) .
Grischa (wieder laut) : Du wirst dich überzeugen. Er muß jede Minute kommen.
Petra: Nein, nein, nein! Er will alles besitzen und alles kriegt niemand. Und er ist doch feig, und du bist wahrscheinlich auch feig. Ihr lügt wahrscheinlich beide.
Grischa: Willst du mit ihm sprechen?
Petra: Nein, ich will nicht. Du gefällst mir genug.
Grischa: Bitte laß ihn sprechen. Er drückt sich besser aus. Und du bist auch klug, du wirst schon heraushören. Du mußt nicht Angst haben.
Petra: Ich Angst? Auch mein Freund wird gleich kommen. Wenn der was in die falsche Kehle kriegt –
Fürst (bescheiden elegant gekleidet, geht auf Grischa zu und drückt ihm die Hand) .
Grischa (vorstellend zu Petra) : Das ist mein guter Freund. (Will gehen.)
Petra (reicht dem Fürsten die Hand) : Ihr Kapellmeister hat mir alles gesagt. (Sie hält Grischa zurück.) Bleib hier, ich will nicht allein mit ihm sprechen. (Zum Fürsten.) Sie sollen so edel sein, daß mir ganz gruselig wird. Aber meine Antwort ist Nein.
Fürst: Es ist freundlich von Ihnen, daß Sie mich überhaupt anhören. (Er gibt Grischa einen Wink, Whisky zu bestellen.)
Petra: Gern, aber nur kurz. Denn ich kann nur Nein sagen. Ich habe einen festen Freund, den ich über alles stelle.
Fürst: Das erstaunt mich gar nicht.
Petra: Ich erwarte ihn gerade. Er wird gleich kommen. Wir sind so wie verlobt.
Fürst: Das gönne ich Ihnen.
Petra: Also was bleibt noch zu sagen?
Fürst: Eins schließt doch nicht das andere aus. Sie sollen natürlich zusammenbleiben. Er könnte doch mitreisen, bei Ihnen wohnen.
Petra: Der wird sich bedanken. Der reist sowieso. Und anders wie Sie. Der hat keine Luxusyacht. Der reist nicht zum Vergnügen. Der ist kein Faulenzer. Der ist ein Kerl. Der hat einen Beruf. Seemann ist er.
Fürst: Ich wollte, ich wäre in dieser Karriere.
Petra: Karriere! Ho, wie das klingt–das klingt wie Kavallerie. – Er ist ein einfacher Matrose und wird immer Matrose bleiben.
Fürst: Nun, immer wird er es nicht bleiben.
Petra: Immer! Der hält es an Land nicht aus.
Fürst: Immer wird er es gar nicht bleiben können.
Petra: Nun ja, er wird auch einmal zugrunde gehen.
Fürst: Von Unfällen abgesehen. Er wird sich einmal zur Ruhe setzen wollen, wenn er sich etwas erspart hat.
Petra (lachend) : Erspart! Wir sparen nicht. Für uns ist Geld so wie Wellen. Schön, wenn sie kommen, schön, wenn sie gehen. Nur gefährlich, wenn sie bleiben. Wir sind Fahrensleute.
Fürst: Ich habe auch manche Seeleute gekannt. Wenn sie alt und gebrechlich wurden, sehnten sie sich doch danach, einmal auszuspannen, zu genießen, spazierenzufahren, ein Häuschen zu besitzen –
Grischa: Schön! Mit einem Gärtchen, und eine Kuh –
Petra: Und Gickelgackelhühner und Obstbäume mit Kinderwindeln – ich verstehe.
Fürst: Ich bin zufällig reich genug, euch das alles zu verschaffen.
Petra: Verdienst du soviel Geld?
Fürst: Verdienen – nein.
Petra: Hast du soviel erspart oder gestohlen?
Fürst: Ich habe es geerbt. Leider habe ich es.
Petra: Leider? Schmeiß es doch auf den Mist! Geh arm zur See wie mein Freund.
Fürst: Darf ich denn wegwerfen, was ich an gute Menschen verteilen kann?
Petra: Ach rührend. Sie wollen also nur herschenken und gar nichts verlangen?
Fürst: Verlangen werde ich nichts. Ich werde mich freuen, wenn Menschen mein Geld genießen, die es mehr verdient haben. Und ich möchte mit diesen Glücklichen dann glücklich werden . . .
Petra: Und sonst wollen Sie gar nichts? Von mir gar nichts?
Fürst: Ich will Sie genießen. Aber nicht so, wie Sie denken –
Petra: Aha, nur die Seele. Der Leib ist Ihnen gleichgültig.
Fürst: Gleichgültig?!
Petra: Sie sind wohl aus einem Märchen stehen geblieben? Lieber Freund, es ist 1927.
Fürst: Ich gebe zu: ich habe die ganze Nacht von diesem Leib geträumt. Ich bin doch nebenbei auch Mann.
Petra: Nun also. Warum umgehst du das? Rede doch wenigstens offen. Was verlangst du von mir? Wahrscheinlich bist du pervers. Was forderst du von mir?
Fürst: Ich fordere nichts. Ich bitte nur, daß ihr mit mir reist und um mich seid. Ich will dir ein eigenes Heim einrichten, wo du mit deinem Verlobten wohnen kannst. Und ich führe euch in Gesellschaften ein, wo ihr euch untereinander alle wohlfühlen sollt. – Ihr sollt Theater besuchen und Konzerte und Kinos oder Zirkus – was ihr wollt. Ihr sollt Kleider und alles haben, was du brauchst, um glücklich zu werden und gesund und frei zu sein.
Petra: Ich bin gesund und frei.
Fürst: Nein, du bist sehr elend und nicht frei. Petra, du bist noch sehr schön, aber noch viel schöner würdest du aussehen, wenn du gesünder und freier wärest. Bedenke das wohl!
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