»Das ist natürlich sehr nett, wenn es nur wirklich lustig wird,« bemerkte er und musterte mich mit einem durchdringenden Blick, »du bist dort, wo du deine Kindheit verbracht hast, ein bißchen klobig geworden, teurer Freund, übrigens bist du aber immerhin doch noch recht manierlich. Er ist sehr nett heute, Tatjana Pawlowna, und es ist schön von Ihnen, daß Sie dies Paket endlich aufgemacht haben.«
Aber Tatjana Pawlowna runzelte ihre Brauen, sie wendete sich nicht einmal nach ihm um, packte weiter aus und verteilte die Süßigkeiten auf herbeigeholte Teller. Auch meine Mutter saß in bangen Zweifeln da, denn sie verstand und ahnte, daß die Sache zwischen uns kein gutes Ende nehmen würde. Meine Schwester stieß mich noch einmal an.
»Ich will euch allen nur erzählen,« begann ich, scheinbar höchst ungezwungen, »wie ein Vater seinem lieben Sohn zum erstenmal begegnete; passiert ist das eben da, ›wo du deine Kindheit verbracht hast‹ . . .«
»Lieber Freund, wird das aber . . . nicht langweilig? Du weißt ja: tous les genres . . .«
»Machen Sie kein so finsteres Gesicht, Andrej Petrowitsch, ich will gar nicht auf das hinaus, was Sie glauben. Ich will nur, daß alle lachen.«
»Möge Gott dich hören, lieber Freund. Ich weiß ja, du liebst uns alle und . . . und du wirst uns den Abend nicht verderben wollen«, brachte er in einem gemachten, nachlässigen Ton hervor.
»Das haben Sie wohl auch in meinem Gesicht gelesen, daß ich Sie liebe?«
»Ja, zum Teil hab' ich's auch in deinem Gesicht gelesen.«
»Na ja, und ich habe es längst in Tatjana Pawlownas Gesicht gelesen, daß sie in mich verliebt ist. Schaun Sie mich doch nicht an, wie 'n wildes Tier, Tatjana Pawlowna, lachen Sie lieber! Lachen Sie lieber!«
Sie wendete sich auf einmal schnell nach mir um und sah mich eindringlich an, vielleicht eine halbe Minute lang:
»Sieh dich vor!« drohte sie mir mit dem Finger, aber so ernst, daß sich das gar nicht mehr auf meinen dummen Spaß beziehen konnte, sondern eine Warnung vor etwas anderem sein mußte: »Willst du wirklich schon anfangen?«
»Andrej Petrowitsch, so wissen Sie es wirklich nicht mehr, wie wir uns zum erstenmal im Leben begegnet sind?«
»Ich hab' es, weiß Gott, vergessen, lieber Freund, und bitte dich von Herzen, es mir zu verzeihen. Ich weiß nur, daß das schon sehr lange her sein muß, und daß, daß . . . ja, wo war's doch gleich?«
»Mama, und erinnern Sie sich nicht, wie Sie einmal auf dem Lande bei mir waren, ich kann damals sechs oder sieben Jahre gewesen sein, und was mir das wichtigste ist, sind Sie dort auf dem Lande wirklich einmal bei mir gewesen, oder schwebt mir das nur so wie in einem Traum vor, daß ich Sie dort das erstemal gesehen hätte? Das hab' ich Sie schon längst fragen wollen, aber ich hab's immer wieder verschoben: jetzt ist die Zeit gekommen.«
»Gewiß, Arkaschenka, gewiß! Jawohl, ich bin dreimal dort bei Warwara Stepanowna zu Besuch gewesen; als ich das erstemal da war, warst du höchstens ein Jahr alt, beim zweitenmal vier, und beim letztenmal warst du schon sechs.«
»Na also, und danach wollte ich Sie schon den ganzen Monat fragen.«
Meine Mutter wurde ordentlich rot, so schnell strömten die Erinnerungen auf sie ein, und sie fragte mich warm:
»Arkaschenka, kannst du dich denn wirklich noch auf mich in der Zeit besinnen?«
»Ich besinne mich auf nichts und weiß nichts, mir ist nur ein Etwas aus Ihrem Gesicht mein Lebtag in meinem Herzen zurückgeblieben, und dann ist mir das Bewußtsein geblieben, daß Sie meine Mutter waren. Ich sehe jenes ganze Gut jetzt wie im Traume vor mir, ich hatte sogar meine Pflegemutter vergessen. Von jener Warwara Stepanowna war mir nur deswegen ein Schimmer von Erinnerung geblieben, weil sie immer an Zahnschmerzen litt und die Wangen verbunden hatte. Ich weiß noch, daß ums Haus herum riesige Bäume standen, Linden glaub' ich, und dann schien manchmal die Sonne so stark durch die offenen Fenster, und dann war da ein Lattenzaun, an dem Blumen blühten, ein schmaler Weg . . . und Sie, Mama, seh' ich nur in einem Moment klar vor mir, als ich dort in der Kirche das Abendmahl bekam, und Sie hoben mich auf, damit ich das Sakrament empfangen und den Kelch küssen konnte, – das war im Sommer, und eine Taube flog oben quer durch die Kuppel, zu einem Fenster herein, zum andern hinaus . . .«
»Herrgott! Ja, so war das auch alles,« rief meine Mutter und schlug die Hände zusammen, »auch die Taube seh' ich noch wie heute. Direkt vor dem Kelch fuhrst du auf und schriest: ›eine Taube, eine Taube!‹«
»Ihr Gesicht, oder irgend etwas in ihm, der Ausdruck, ist in meinem Gedächtnis so fest haftengeblieben, daß ich Sie fünf Jahre später in Moskau sofort erkannte, obgleich mir damals kein Mensch sagte, daß Sie meine Mutter wären. Aber als ich Andrej Petrowitsch zum erstenmal sah, das war damals, als ich von den Andronikows fortgenommen wurde; bei denen hatte ich bis dahin still und vergnügt fünf Jahre hintereinander dahingelebt. Ich erinnere mich noch bis in die kleinsten Einzelheiten an ihre Dienstwohnung und alle diese Damen und Fräulein, die jetzt hier alle so alt geworden sind, und an das volle Haus, und an Andronikow selbst, wie er allen Proviant fürs Haus, Geflügel, Zander und Spanferkel, selbst in allerlei Paketchen aus der Stadt mitbrachte, und bei Tische tat er, statt seiner Frau, die sich immer sehr vornehm hatte, die Suppe auf, und der ganze Tisch lachte immer darüber, und er war der erste dabei. Und die Damen dort lehrten mich Französisch, aber das liebste waren mir Krylows Fabeln, ich konnte eine Menge von ihnen auswendig und deklamierte Andronikow jeden Tag eine Fabel vor. Ich ging einfach in sein kleines Kabinett, ob er nun zu tun hatte oder nicht. Na, und so einer Fabel verdanke ich auch meine Bekanntschaft mit Ihnen, Andrej Petrowitsch. Ich sehe, es dämmert Ihnen was.«
»Ja, mir schwant so was, lieber Freund, da hast mir damals irgendwas aufgesagt . . . eine Fabel, oder etwas aus Gribojedows Komödie ›Verstand bringt Leiden‹, glaub' ich? Was du übrigens für ein Gedächtnis hast!«
»Gedächtnis! Das fehlte noch! An dies eine habe ich ja mein Leben lang ganz allein gedacht.«
»Schön, schön, lieber Freund, du machst mich ja ordentlich munter.«
Er lächelte sogar, und sogleich lächelten auch meine Mutter und meine Schwester. Das Vertrauen kehrte zurück; aber Tatjana Pawlowna, die die Teller mit Süßigkeiten auf den Tisch gestellt und sich in eine Ecke gesetzt hatte, sah mich weiterhin mit bösem Blick scharf an.
»Das war so«, fuhr ich fort. »Eines schönen Morgens erschien auf einmal bei uns die Freundin meiner Kindheit, Tatjana Pawlowna, die in meinem Leben immer plötzlich, wie im Theater, aufgetaucht ist, ich wurde in einen Wagen gesetzt und in ein herrschaftliches Haus gebracht, in eine luxuriöse Wohnung. Sie waren damals bei Frau Fanariotowa abgestiegen, Andrej Petrowitsch, in ihrem leerstehenden Hause, das sie früher einmal von Ihnen gekauft hatte; sie selbst war damals im Auslande. Ich hatte bisher immer Blusen getragen; jetzt wurde mir auf einmal ein hübsches blaues Jackett und sehr feine Wäsche angezogen. Tatjana Pawlowna pusselte den ganzen Tag an mir herum und kaufte eine Menge Sachen für mich; ich ging unermüdlich durch alle die leeren Zimmer und bewunderte mich in allen Spiegeln. Und auf die Art geriet ich am nächsten Morgen, so um neun, auf meiner Wanderung durch die Wohnung ganz unvermutet auch in Ihr Kabinett. Ich hatte Sie schon am Tage vorher gesehen, als ich grade angekommen war, aber nur ganz flüchtig auf der Treppe. Sie kamen die Treppe herunter, um sich in den Wagen zu setzen und auszufahren; Sie waren damals ganz allein nach Moskau gekommen, nach einer langen Abwesenheit, und nur für kurze Zeit, so daß sich alles um Sie riß und Sie fast überhaupt nicht zu Hause waren. Als Sie Tatjana Pawlowna und mich erblickten, ließen Sie nur ein gedehntes: ›Ah!‹ hören und blieben nicht einmal stehen.«
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