1 ...7 8 9 11 12 13 ...40 »Mit den Worten hast du das gesagt?«
»Natürlich. Erstens sind sie ein Hohn auf die sozialen Verhältnisse, zweitens machen sie Staub, und der Boulevard ist für alle da; ich gehe hier, und der, und jener, Hans, Peter, ganz Wurst. Das habe ich alles gesagt. Und ich kann den weiblichen Gang nicht ausstehen, von hinten gesehen; das habe ich auch gesagt, aber verblümt.«
»Lieber Freund, da kannst du aber in eine ganz ernste Geschichte hinein geraten: sie hätten dich einfach vor den Friedensrichter zitieren können.«
»Gar nichts konnten sie. Sie hatten gar keinen Grund zur Klage, wenn da ein Mensch hinter ihnen geht und mit sich selbst spricht. Jedermann hat das Recht, seine Meinung in den Wind zu sprechen. Ich sprach ganz allgemein, ich habe mich nicht an sie gewandt. Sie haben selbst angefangen, sie haben viel toller geschimpft als ich: ich wäre ein Gelbschnabel, man müßte mir mal ein paar Tage nichts zu essen geben, ein Nihilist wäre ich, und sie würden einen Schutzmann rufen, und ich hätte deshalb mit ihnen angefangen, weil sie allein wären und schwache Frauen, und wenn ein Mann bei ihnen wäre, würde ich sofort den Schwanz zwischen die Beine kneifen. Ich erwiderte ihnen kaltblütig, sie möchten es unterlassen, mit mir zu krakeelen, und ich würde aufs andere Trottoir hinübergehen. Und um ihnen zu beweisen, daß ich keine Angst vor ihren Männern hätte und eine Forderung annehmen würde, wollte ich ihnen in zwanzig Schritt Abstand bis an ihre Wohnung folgen, und dort würde ich vor dem Hause stehen bleiben und auf ihre Männer warten. Und das habe ich dann auch getan.«
»Wahrhaftig?«
»Es war ja natürlich eine Dummheit, aber ich war einmal gereizt. Sie schleppten mich zirka drei Werst hinter sich her, durch den Sonnenbrand, bis dort, wo die Institute sind, und dort traten sie in ein hölzernes einstöckiges Haus ein, – ich muß zugeben, daß es ganz anständig aussah, – durch die Fenster sah ich drinnen eine Menge Blumen, zwei Kanarienvögel, drei Hunde und viele eingerahmte Stiche. Ich stand mitten auf der Straße vor dem Hause, vielleicht eine halbe Stunde. Sie schauten ungefähr dreimal verstohlen heraus, und dann ließen sie alle Vorhänge herunter. Schließlich kam aus dem Seitenpförtchen irgendein ältlicher Beamter heraus; anscheinend hatte er geschlafen und war extra geweckt worden, nicht gerade, daß er einen Schlafrock angehabt hätte, aber er war sehr »für zu Hause« angezogen; er blieb an dem Pförtchen stehen, legte die Hände auf den Rücken und begann mich zu fixieren, und ich wieder ihn. Und dann wendet er die Augen ab, dann schaut er wieder her und fängt an mir zuzulächeln. Ich drehte ihm den Rücken und ging.«
»Teurer Freund, das könnte von Schiller sein! Ich hab' mich schon immer gewundert: du hast rote Backen, dein Gesicht sprüht vor Gesundheit, und dabei – dieser, kann man doch sagen, Widerwille gegen die Frauen! Wie ist es denn möglich, daß die Frau auf einen Menschen in deinen Jahren nicht einen gewissen Eindruck macht? Was mich betrifft, mon cher, so war ich erst elf, als mein Hofmeister es schon tadelnd anmerkte, daß ich die Statuen im Sommergarten gar zu ausführlich in Augenschein nahm.«
»Sie möchten furchtbar gern, daß ich mich hier an irgendeine Josephine heranmache und Ihnen dann Bericht davon erstatte. Sie bemühen sich vergeblich: ich selbst habe schon mit dreizehn Jahren ein nacktes Weib gesehen, splitternackt; seit damals habe ich einen Ekel davor.«
»Im Ernst? Aber, cher enfant, von einer hübschen, frischen Frau geht ein Duft aus, wie von einem Apfel, wie kann einen das ekeln!«
»In meiner früheren Pension, bei Touchard, bevor ich ins Gymnasium kam, hatte ich einen Kameraden, Lambert. Er prügelte mich in einem fort, weil er um mehr als drei Jahre älter war, und ich machte seinen Diener und zog ihm die Stiefel aus. Als seine Konfirmation war, kam Abbé Rigaud zu ihm, um ihm zur ersten Kommunion zu gratulieren, und sie warfen sich in Tränen einander um den Hals, und der Abbé Rigaud drückte ihn unter allerlei verzücktem Getue krampfhaft an seine Brust. Und ich weinte auch und beneidete ihn sehr. Als sein Vater starb, ging er ab, und ich sah ihn zwei Jahre lang nicht, und nach zwei Jahren traf ich ihn auf der Straße. Er sagte, er würde zu mir kommen. Ich war schon auf dem Gymnasium und wohnte bei Nikolaj Semionowitsch. Er kam eines Morgens, zeigte mir fünfhundert Rubel und sagte, ich sollte mitkommen. Wenn er mich vor zwei Jahren auch geprügelt hatte, er hatte mich doch immer nötig gehabt, nicht nur der Stiefel wegen; er schüttete mir immer sein Herz aus. Heute erzählte er mir, er hätte das Geld aus der Schatulle seiner Mutter genommen, mit Hilfe eines Nachschlüssels, denn das Geld von seinem Vater her gehörte alles ihm, sie sollte es nicht riskieren, es ihm vorzuenthalten, – und gestern abend wäre der Abbé Rigaud gekommen, um ihm Vorhaltungen zu machen – er wäre gekommen und hätte sich vor ihm aufgepflanzt und zu schluchzen angefangen und ihm mit zum Himmel erhobenen Händen die Schrecken der Hölle geschildert, »aber ich habe mein Messer herausgezogen und ihm gesagt, ich würde es ihm hereinrennen« (er sagte: hecheinchennen). Wir fuhren nach dem Kusnezkij-Most. Unterwegs teilte er mir mit, seine Mutter hätte ein Verhältnis mit dem Abbé Rigaud, und er hätte das wohl bemerkt, und er spuckte auf alles, und was sie von der heiligen Kommunion sagten, das wäre alles Blech. Er sagte noch allerlei, und ich fürchtete mich. Auf dem Kusnezkij-Most kaufte er eine doppelläufige Flinte, eine Jagdtasche, fertige Patronen, eine Reitpeitsche und nachher noch ein Pfund Konfekt. Wir fuhren dann vor die Stadt hinaus, um zu schießen, und unterwegs kam uns ein Vogelsteller mit seinen Käfigen entgegen; Lambert kaufte ihm einen Kanarienvogel ab. In einem Wäldchen ließ er ihn frei, weil so ein Vogel direkt aus dem Käfig nicht weit fortfliegen kann und fing auf ihn zu schießen an, traf aber nicht. Er schoß zum erstenmal in seinem Leben, aber die Flinte hatte er sich schon lange kaufen wollen, schon, als er noch bei Touchard war, und wir hatten schon lange von der Flinte geträumt. Er war wie berauscht. Seine Haare waren furchtbar schwarz, sein Gesicht weiß und rot, wie eine Maske, seine Nase lang, mit einem Höcker, richtig französisch, die Zähne weiß, die Augen schwarz. Er band den Kanarienvogel mit einem Faden an einen Zweig und gab jetzt auf nur eine Spanne Entfernung zwei Schüsse gegen ihn ab, und er zerstob zu hundert Federchen. Dann kehrten wir um, fuhren in ein Gasthaus, nahmen uns ein Zimmer und fingen zu essen und Champagner zu trinken an; dann kam eine Dame . . . Ich war sehr erstaunt, weiß ich noch, wie elegant sie gekleidet war, sie trug ein grünes Seidenkleid. Da habe ich dann auch alles gesehen, wovon ich Ihnen sprach . . . Und dann, als wir wieder zu trinken anfingen, begann er sie aufzuziehen und zu schimpfen; sie saß ohne Kleid da; er hatte ihr das Kleid weggenommen, und als sie anfing wieder zu schimpfen und um das Kleid zu bitten, schlug er sie aus voller Kraft mit der Peitsche über die nackten Schultern. Ich sprang auf, packte ihn bei den Haaren, und so geschickt, daß ich ihn mit einem Ruck zu Boden warf. Er ergriff eine Gabel und stach mich in den Schenkel. Und da stürzten auf meinen Schrei Leute herein, und es glückte mir, zu entkommen. Seit damals ist es mir ekelhaft, an nackte Weiber zu denken; und sie können sich drauf verlassen, sie war hübsch.«
Während ich so erzählte, hatte sich der leichtfertige Ausdruck des Fürsten allmählich in einen tief traurigen verwandelt.
»Mon pauvre enfant! Ich war schon immer der Überzeugung, daß deine Kindheit sehr viel traurige Tage gekannt hat!«
»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, bitte.«
»Aber du warst allein, das hast du mir selbst gesagt, und wenn auch dieser Lambert da war; und du hast das so beschrieben: dieser Kanarienvogel, diese Konfirmation mit Tränen und Umarmungen, und dann, ein lumpiges Jahr nachher, diese Geschichte von seiner Mutter und dem Abbé . . . Oh, mon cher, diese Frage der Kinder ist zu unserer Zeit einfach fürchterlich: so lange diese Goldköpfchen mit ihren Locken und ihrer Unschuld, in der ersten Kindheit, um dich herflattern und dich mit hellem Lachen und hellen Augen anschauen, – dann ist dir, als wären es Engel Gottes oder reizende Vöglein; aber nachher . . . aber nachher ist es manchmal so, daß es besser wäre, sie würden überhaupt nicht groß!«
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