Als ich in seine Dienste trat, merkte ich gleich, daß sich im Kopfe des alten Herrn eine schwere Überzeugung festgenistet hatte – und es war unmöglich, das nicht zu bemerken –, die Überzeugung, daß er in der Gesellschaft von jedermann auf eine ganz besondere Weise angesehen würde, daß alle Welt sich gegen ihn anders benähme, als früher, als er noch gesund war; dieser Eindruck ließ ihn selbst in den lustigsten Gesellschaften nicht los. Der alte Herr wurde argwöhnisch und begann in aller Augen ein besonderes Etwas zu lesen. Der Gedanke, daß er immer noch für gestört gehalten würde, peinigte ihn sichtlich; auch mich beobachtete er oft voll Mißtrauen. Und wenn er von irgend jemand erfahren hätte, der dieses Gerücht verbreite und bestätige, ich glaube, dieser überaus harmlose Mensch wäre der Feind des Betreffenden für ewig geworden. Und diesen Umstand bitte ich wohl anzumerken. Ich füge hinzu, daß dies auch vom ersten Tage an der entscheidende Grund war, der mich veranlaßte, ihn nicht vor den Kopf zu stoßen; ich war im Gegenteil froh, wenn ich hier und da Gelegenheit fand, ihn aufzuheitern oder zu zerstreuen; ich glaube nicht, daß dies Geständnis einen Schatten auf meine Würde werfen kann.
Der größte Teil seines Geldes steckte in industriellen Unternehmungen. Er war, und zwar erst nach seiner Krankheit, Teilhaber einer großen Aktiengesellschaft geworden, übrigens eines sehr soliden Unternehmens. Die Geschäfte führten freilich andere Leute, aber er interessierte sich auch sehr für sie, besuchte die Aktionärversammlungen, wurde in den Ausschuß gewählt, saß im Aufsichtsrat, hielt lange Reden, diskutierte, spektakelte, und das alles augenscheinlich mit großer Freude daran. Reden zu halten machte ihm einen großen Spaß: da konnten doch wenigstens alle Leute sehen, wie gescheit er war. Und überhaupt liebte er es, selbst im intimsten Privatleben seine Unterhaltung mit tiefen Bemerkungen und allerlei Bonmots aufzuputzen, und das verstehe ich nur zu gut. In seinem Hause, unten, war eine Art Privatbureau eingerichtet, und ein Beamter saß darin, führte seine Angelegenheiten, Rechnungen und Bücher und verwaltete gleichzeitig das Haus. Dieser Beamte, der nebenbei noch eine staatliche Anstellung hatte, hätte für sich allein vollkommen ausgereicht; aber auf besonderen Wunsch des Fürsten selbst wurde ich dazugenommen, angeblich als Hilfskraft für den Beamten; aber ich kam gleich in das Privatkabinett und hatte häufig nicht einmal zum Schein eine Arbeit vor mir, keine Papiere, keine Bücher.
Ich schreibe das jetzt wie einer, der mit dem allen seit langem abgeschlossen hat, und in vielen Beziehungen sogar wie ein ganz objektiver Beobachter; aber wie soll ich meinen damaligen Kummer beschreiben (gerade jetzt steht er wieder so recht lebendig vor mir), den Kummer, der mein ganzes Herz in Beschlag genommen hatte, und was die Hauptsache ist – meine damalige Aufregung, die mich so unruhig und fieberig gemacht hatte, daß ich sogar die Nächte nicht schlief – vor Ungeduld, vor all den Rätseln, die ich mir selbst aufgegeben hatte.
Geld zu verlangen, und mag es selbst ein Gehalt sein, ist eine sehr widerwärtige Sache, wenn man irgendwo in den tiefsten Winkeln seines Gewissens das Gefühl hegt, daß man es eigentlich nicht recht verdient hat. Aber ich hatte am Abend vorher meine Mutter mit meiner Schwester flüstern hören, ganz leise, daß Wersilow nichts davon merkte (»Andrej Petrowitsch könnte es peinlich sein«). Sie wollte ein Heiligenbild ins Pfandhaus tragen, von dem sie sich aus irgendeinem Grunde ganz besonders schwer trennte. Ich war mit einem Monatsgehalt von fünfzig Rubel angestellt, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich sie bekommen würde; als man mich hingebracht hatte, war davon überhaupt nicht gesprochen worden. Vor drei Tagen hatte ich unten den Beamten getroffen und mich bei ihm erkundigt, bei wem ich hier mein Gehalt zu erheben hätte. Er hatte mich mit einem verwunderten Lächeln angesehen (er konnte mich nicht leiden).
»Ach, Sie bekommen Gehalt?«
Ich dachte mir, er würde auf meine Antwort weiter fragen:
»Und wofür, wenn man fragen darf?«
Aber er entgegnete mir ganz trocken, er »wüßte von nichts«, und beugte sich wieder über sein liniiertes Buch, in das er von verschiedenen Blättern Rechnungen übertrug.
Übrigens war es ihm nicht unbekannt, daß ich doch immerhin einiges getan hatte. Vor vierzehn Tagen hatte ich ganze vier Tage über einer Arbeit gesessen, die ich von ihm selbst bekommen hatte: es handelte sich um die Abschrift eines Konzeptes, kam aber beinahe auf eine Umarbeitung heraus. Es war ein ganzer Haufen »Gedanken« des Fürsten, die er demnächst seinem Aktionärkomitee unterbreiten wollte. Das mußte zu einem ganzen zusammengearbeitet und dem Stil mußte nachgeholfen werden. Ich habe nachher einen ganzen Tag mit dem Fürsten über diesem Schriftstück gesessen, und er zankte sich dabei äußerst leidenschaftlich mit mir, war aber schließlich im ganzen doch zufrieden mit meiner Arbeit; nur weiß ich nicht, ob er das Schriftstück eingereicht hat oder nicht. Von zwei, drei Briefen, gleichfalls in Geschäftssachen, die ich in seinem Auftrag geschrieben hatte, will ich gar nicht reden.
Um mein Gehalt zu bitten war mir auch deswegen peinlich, weil ich schon die Absicht gefaßt hatte, meine Stellung aufzugeben, denn ich hatte das Vorgefühl, daß ich bald genötigt sein würde, infolge zwingender Umstände von hier fortzugehen. Als ich an diesem Morgen aufwachte und mich zu Hause oben in meinem Kämmerchen anzog, fühlte ich, wie mir das Herz klopfte, und ob ich mich auch sehr zusammennahm, empfand ich doch, als ich das Haus des Fürsten betrat, wieder die gleiche Erregung: heute früh mußte der Mensch hier erscheinen, die Frau, von deren Ankunft ich die Aufklärung über alles erwartete, was mich quälte!
Und dieser Mensch war eben die Tochter des Fürsten, die Generalin Achmakowa, jene junge Witwe, von der ich schon gesprochen habe, und die in bitterster Feindschaft mit Wersilow lebte. Endlich habe ich diesen Namen hergeschrieben! Was sie selbst betrifft, so hatte ich sie natürlich nie gesehen, ja, ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie ich mit ihr sprechen und ob ich es überhaupt tun würde; aber ich hatte die Idee (und vielleicht war sie sehr begründet), daß sich mit ihrer Ankunft das Dunkel lichten würde, das in meinen Augen Wersilow umgab. Ich konnte meiner Unruhe nicht Herr werden: es war mir furchtbar ärgerlich, daß ich vom ersten Schritt an so kleinmütig und linkisch war; ich war furchtbar gespannt, und, was die Hauptsache war, furchtbar angewidert – das waren drei ganz verschiedene Gefühle. Ich weiß diesen ganzen Tag auswendig!
Mein Fürst ahnte noch nichts von der voraussichtlichen Ankunft seiner Tochter und erwartete ihre Heimkehr aus Moskau frühestens in acht Tagen. Ich hatte es tags vorher ganz zufällig erfahren: Tatjana Pawlowna, der die Generalin einen Brief geschrieben, hatte meiner Mutter gegenüber etwas davon fallen lassen. Wenn sie auch ganz leise flüsterten und sich in sehr allgemeinen Ausdrücken bewegten, ich erriet, um was es sich handelte. Selbstverständlich habe ich nicht etwa gehorcht: ich mußte einfach aufhorchen, als ich sah, wie meine Mutter bei der Nachricht von der Ankunft dieser Frau plötzlich in solche Erregung geriet. Wersilow war nicht zu Hause.
Dem alten Herrn wollte ich nichts davon sagen, denn es wäre mir wirklich unmöglich gewesen, während dieser ganzen Zeit nicht zu bemerken, was für eine Angst er vor ihrer Rückkunft hatte. Er hatte sogar vor drei Tagen, freilich in schüchternen und bloß andeutenden Worten, etwas davon fallen lassen, daß er sich in meinem Interesse vor ihrer Ankunft fürchte, das heißt, daß er meinetwegen Scherereien haben würde. Übrigens muß ich hier beifügen, daß er trotz alledem in Familienangelegenheiten seine Unabhängigkeit und Oberherrschaft zu wahren wußte, besonders was die Verfügung über seine Gelder betraf. Mein erstes Urteil über ihn war, er wäre ein vollkommenes – altes Weib; aber ich war bald genötigt, mein Urteil dahin umzumodeln, daß er vielleicht allerdings ein altes Weib wäre, aber daß sich zuweilen bei ihm ein Rest von zähem Eigensinn zeigte, wenn man es nicht wirkliche Männlichkeit nennen wollte. Es gab Augenblicke, wo man mit seinem Charakter – der anscheinend so ängstlich und nachgiebig war – fast überhaupt nichts anfangen konnte. Wersilow hat mir das in der Folge des Ausführlicheren auseinander gesetzt. Ich denke heute mit Interesse daran zurück, daß wir beide, der alte Herr und ich, fast nie von der Generalin gesprochen haben, das heißt, wir vermieden es sozusagen, von ihr zu sprechen, besonders ich ging dem aus dem Wege, und er für sein Teil vermied es, von Wersilow zu sprechen; ich war überzeugt, er würde mir nicht antworten, wenn ich eine von den heiklen Fragen an ihn richten würde, die mich so sehr interessierten.
Читать дальше