1 ...6 7 8 10 11 12 ...40 Wenn einer wissen will, wovon wir beide diesen ganzen Monat miteinander geredet haben, so muß ich ihm antworten: von allem möglichen, aber stets von recht sonderbaren Sachen. Mich zog die Geradheit sehr an, mit der er sich mir gegenüber gab. Oft betrachtete ich diesen Menschen mit der höchsten Verwunderung und fragte mich: In welcher Welt hat er eigentlich früher gelebt? Wenn man den ins Gymnasium steckte, meinetwegen sogar in die vierte Lateinklasse, – er würde einen famosen Mitschüler abgeben. Auch über sein Gesicht war ich häufig im höchsten Grade erstaunt: es war scheinbar äußerst ernsthaft (und beinahe hübsch), hager; er hatte dichtes graues Lockenhaar, große Augen; er war überhaupt sehr schlank und hochgewachsen; aber sein Gesicht hatte die unangenehme, fast unschickliche Eigentümlichkeit, seinen Ausdruck manchmal erstaunlich rasch zu verwandeln. Eben war es noch außergewöhnlich ernst gewesen, auf einmal schaute es übertrieben spaßhaft und leichtfertig drein. Wer das zum erstenmal sah, wurde höchst verblüfft, sogar erschreckt davon. Ich habe hierüber mit Wersilow gesprochen, der mit Interesse zuhörte; er hatte wohl nicht erwartet, daß ich imstande wäre, solche Beobachtungen zu machen, nebenbei bemerkte er, diese Erscheinung wäre beim Fürsten erst nach seiner Krankheit aufgetreten, und angeblich erst in allerletzter Zeit.
Vorwiegend drehten sich unsere Gespräche um zwei abstrakte Gegenstände, – um Gott und sein Dasein, das heißt um seine Existenz oder Nichtexistenz – und um die Frauen. Der Fürst war sehr religiös und sehr gefühlvoll. In seinem Kabinett hing ein riesiges Heiligenbild mit einem ewigen Lämpchen davor. Aber auf einmal konnte es ihn fassen, – und er fing plötzlich an der Existenz Gottes zu zweifeln an und sagte erstaunliche Dinge und forderte mich sichtlich zu einer Entgegnung auf. Im allgemeinen gesprochen, war mir diese Idee ziemlich gleichgültig, aber doch gerieten wir sehr in Hitze, und zwar höchst aufrichtig. Überhaupt gedenke ich dieser Gespräche noch heute mit großem Vergnügen. Aber das liebste war ihm doch, von den Frauen zu plaudern; da ich keine Liebhaberei für Unterhaltungen über dies Thema habe, konnte ich ihm hier kein guter Partner sein, und das machte ihn zuzeiten geradezu traurig.
Und gerade an jenem Morgen fing er wieder sofort von solchen Geschichten an, sobald ich eingetreten war. Ich fand ihn in seiner spaßigen Laune, während ich ihn am Abend vorher in der allertraurigsten Stimmung verlassen hatte. Und derweil mußte ich heute die Sache mit dem Geld unbedingt zu einem Ende bringen – bevor gewisse Leute ankamen. Ich stellte mir vor, daß wir heute sicherlich unterbrochen werden würden (nicht umsonst klopfte mein Herz so) – und dann würde ich mich vielleicht nicht entschließen können, vom Geld anzufangen. Aber da ich das Gespräch nicht gleich auf das Geld zu lenken vermochte, war ich natürlich wütend über meine Dummheit und erwiderte in meinem Ärger auf eine allzu leichtfertige und spaßhafte Frage von ihm damit, daß ich eine ganze Breitseite meiner Anschauungen über die Frauen gegen ihn losließ, und zwar mit der größten Hitze. Aber die Folge davon war, daß ich ihn nur noch mehr für mich einnahm.
». . . Ich kann die Frauenzimmer erstens nicht leiden, weil sie sich rüpelhaft benehmen, zweitens, weil sie ungeschickt und minderwertig, drittens, weil sie unselbständig sind, viertens, weil sie in unanständigen Kleidern herumlaufen!« schloß ich ziemlich unlogisch meine lange Tirade.
»Nicht so streng, teuerster Freund, Schonung!« schrie er äußerst belustigt, was mich noch wütender machte.
Ich bin nur in Kleinigkeiten nachgiebig und kleinlich, in Hauptsachen weiche ich keinen Schritt zurück. Aber in Kleinigkeiten, in allem, was gesellschaftliche Manieren sind, kann man mit mir Gott weiß was anfangen, und diesen Zug an mir habe ich schon oft verflucht. Aus einer gewissen faulen Gutmütigkeit heraus bin ich schon oft genug bereit gewesen, irgendeinem feinen Gecken zuzustimmen, einzig und allein, weil ich durch seine Höflichkeit bestochen wurde, oder einen Krakeel mit irgendeinem Hansnarren anzufangen, was das Unverzeihlichste ist. Das kommt alles von einem Mangel an Weitläufigkeit und davon, daß ich im Winkel aufgewachsen bin, ich sehe das ein, aber morgen ist es wieder dieselbe Geschichte. Deshalb hat man mich manchmal schon beinahe für einen Sechzehnjährigen gehalten. Aber statt mir Weltläufigkeit zu erwerben, ziehe ich es auch heute vor, mich noch tiefer in meinem Winkel zu verschanzen, wenn auch in der misanthropischsten Manier: Und mag ich auch linkisch sein, aber – verzeiht mir! Ich sage das sehr ernsthaft und ein für allemal. Übrigens bezieht sich das durchaus nicht auf den Fürsten und nicht einmal auf unser damaliges Gespräch.
»Ich sage das absolut nicht, um Sie zu belustigen,« schrie ich ihn beinah an, »ich spreche einfach meine Überzeugung aus.«
»Aber wieso sind die Frauen rüpelhaft und unanständig angezogen? Das ist mir neu.«
»Rüpelhaft? Gehen Sie einmal ins Theater, auf die Promenade. Jeder Mann weiß, wo rechts ist, man begegnet sich und geht aneinander vorbei, er rechts und ich rechts. So ein Frauenzimmer, das heißt eine Dame – ich spreche von den Damen – prescht geradeswegs auf Sie los, sie bemerkt Sie einfach nicht, als wären Sie sowieso unbedingt verpflichtet, beiseite zu springen und ihr den Weg zu räumen. Ich bin bereit, ihr Platz zu machen, weil es das schwächere Geschlecht ist, aber was hat sie für ein Recht darauf, warum ist sie so fest überzeugt, daß ich dazu verpflichtet bin, – das ist das Beleidigende dabei! Ich spucke immer aus, wenn ich ihnen begegne. Und dabei schreien sie, sie würden unterdrückt und fordern gleiche Rechte; was sind das für gleiche Rechte, wenn so eine mich stößt und mir Sand in den Mund schmeißt!«
»Sand?«
»Jawohl; weil sie unanständig angezogen sind – das kann nur ein ganz verdorbener Lebemann nicht bemerken. Vor Gericht wird bei verschlossenen Türen verhandelt, wenn es sich um unanständige Sachen dreht; warum erlaubt man so was auf der Straße, wo noch viel mehr Leute dabei sind? Sie legen sich hinterwärts allerlei Falbelkram unter, damit man sieht, daß sie schicke Damen sind; ganz öffentlich! Das muß ich doch sehen, und jeder junge Mann sieht es, und jedes Kind, jeder werdende Knabe sieht es auch; das ist gemein. Mögen sich alte Lebegreise daran aufregen und mit heraushängender Zunge hinterherlaufen, aber es gibt noch eine reine Jugend, und die muß gehütet werden. Da bleibt einem nichts übrig, als auszuspucken. Da geht so eine den Boulevard entlang, und hinter sich her schleift sie eine Schleppe von anderthalb Faden Länge und wirbelt den Staub auf; wie soll man hinter ihr gehen: man muß laufen und sie überholen oder sich seitwärts fort machen, sonst schmeißt sie einem nicht nur in die Nase, sondern auch in den Mund gleich fünf Pfund Sand. Und außerdem, diese Seide, sie schleppt sie drei Werst weit über die Steine, nur weil das einmal Mode ist, und ihr Mann verdient in seinem Bureau fünfhundert Rubel im Jahr; daher kommen die vielen Bestechungen! Ich spucke jedesmal aus, ich spucke aus und schimpfe ganz laut.«
Ich schreibe diese Worte zwar etwas ins Spaßhafte übertrieben hin und in der Art, wie ich sie damals gesagt habe, aber diese Anschauungen hege ich heute noch.
»Und ist dir das gut bekommen!« fragte der Fürst neugierig.
»Ich spucke aus und mache mich fort. So eine merkt das natürlich, sie zeigt es aber mit keiner Miene, sondern prescht majestätisch weiter, ohne den Kopf zu wenden. Ernstlichen Krakeel habe ich im ganzen nur einmal mit zwei solchen Frauenzimmern gehabt, beide mit langen Schwänzen, auf dem Boulevard, – selbstverständlich habe ich kein schlechtes Wort gebraucht, ich hab nur gesagt, daß die Schwänze eine Unverschämtheit wären.«
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