Neuere Identitätskonzeptionen haben die Komponenten der Exploration und des Commitment dann weiter differenziert. Dies unterstreicht, dass die Veränderung des Entwicklungskontextes und kulturelle Gegebenheiten konzeptuelle Erweiterungen notwendig machten. So gehen wir heute eher von vier bzw. fünf verschiede-
Abb. 1: Identitätsstatus nach Marcia (1993)
nen Dimensionen der Identität aus (
Kap. 3 3 Selbst und Identität in der Kindheit und im jungen Erwachsenenalter und die Zentralität der adoleszenten Identitätsentwicklung Der Begriff der Identität bezieht sich auf die einzigartige Kombination von persönlichen unverwechselbaren Merkmalen eines Individuums, einer einzigartigen Persönlichkeitsstruktur eines Menschen, die aus den Beziehungen zu wichtigen Anderen im Laufe des Lebens entstanden ist. Dieses Empfinden der Kohärenz und Kontinuität im Kontext der sozialen Bezogenheit prägt das Leben und wird Identität genannt (Erikson, 1971). Die Identität enthält viele Komponenten, u. a. die Geschlechtsidentität, die ethnische Identität, die zeitliche Kontinuität des Selbsterlebens, die realistische Wahrnehmung des Selbst über Raum, Zeit und in unterschiedlichen sozialen Bezügen. Man nimmt unterschiedliche Rollen in unterschiedlichen Kontexten wahr und integriert diese in seine Identität (»possible selves«). Dennoch erlebt man sich kohärent über Zeit und Situationen. In diesem Kapitel geht es schwerpunktmäßig um die Zentralität der Identitätsentwicklung in der Adoleszenz, genauer: um die sozial-kognitiven Voraussetzungen dafür, dass diese Entwicklungsperiode so zentral für die weitere Identitätsentwicklung ist, sowie ihre Vorläufer in der Kindheit und die weitere Entwicklung im jungen Erwachsenenalter. Wie genau männliche und weibliche Jugendliche in einer Zeit des körperlichen Wandels, aber auch der Veränderung der Beziehungen diese schwierige Leistung vollbringen, ist dann Gegenstand der Kapitel 4 ( Kap. 4 ) und 5 ( Kap. 5 ).
). Einig sind sich die Forscher aber insoweit, als alle davon ausgehen, dass die meisten Jugendlichen typischerweise durch ein Stadium des Moratoriums und nach verschiedenen Optionen dann später zu einer Festlegung im Sinne einer erarbeiteten Identität kommen. Die meisten Studien werden gegenwärtig mit dem Marcia-Paradigma und seinen aktuellen Erweiterungen gemacht. Hunderte von Studien wurden dazu in Europa und Nordamerika durchgeführt – mit sehr einheitlichen Ergebnissen, auf die in Kapitel 3 (
Kap. 3 3 Selbst und Identität in der Kindheit und im jungen Erwachsenenalter und die Zentralität der adoleszenten Identitätsentwicklung Der Begriff der Identität bezieht sich auf die einzigartige Kombination von persönlichen unverwechselbaren Merkmalen eines Individuums, einer einzigartigen Persönlichkeitsstruktur eines Menschen, die aus den Beziehungen zu wichtigen Anderen im Laufe des Lebens entstanden ist. Dieses Empfinden der Kohärenz und Kontinuität im Kontext der sozialen Bezogenheit prägt das Leben und wird Identität genannt (Erikson, 1971). Die Identität enthält viele Komponenten, u. a. die Geschlechtsidentität, die ethnische Identität, die zeitliche Kontinuität des Selbsterlebens, die realistische Wahrnehmung des Selbst über Raum, Zeit und in unterschiedlichen sozialen Bezügen. Man nimmt unterschiedliche Rollen in unterschiedlichen Kontexten wahr und integriert diese in seine Identität (»possible selves«). Dennoch erlebt man sich kohärent über Zeit und Situationen. In diesem Kapitel geht es schwerpunktmäßig um die Zentralität der Identitätsentwicklung in der Adoleszenz, genauer: um die sozial-kognitiven Voraussetzungen dafür, dass diese Entwicklungsperiode so zentral für die weitere Identitätsentwicklung ist, sowie ihre Vorläufer in der Kindheit und die weitere Entwicklung im jungen Erwachsenenalter. Wie genau männliche und weibliche Jugendliche in einer Zeit des körperlichen Wandels, aber auch der Veränderung der Beziehungen diese schwierige Leistung vollbringen, ist dann Gegenstand der Kapitel 4 ( Kap. 4 ) und 5 ( Kap. 5 ).
) genauer eingegangen wird.
2.2.3 Weitere Identitätskonzeptionen
In diesem Buch werden noch weitere Konzepte vorgestellt, so das Konzept der Ich-Entwicklung von Loevinger (
Kap. 8
) und die Konzeption der Identität der Arbeitsgruppe um Wim Meeus (
Kap. 4
). Zunächst sollen aber noch einige weitere Konzeptionen kurz vorgestellt werden, die sich eng an die Konzeption von Marcia anlehnen. Diese Konzeptionen sind zwar nicht direkt für das Jugendalter entwickelt, lassen sich aber darauf anwenden:
Dazu zählt die Identity Based Motivation Theory von Elmore & Oysermann (2012). Identitätskongruentes Verhalten wird als besonders bedeutsam und relevant erlebt und motiviert besonders. Auch Theorien über Selbstpräsentation und Eindrucksmanagement sind hier zu nennen (Hannover & Zander, 2016); dabei geht man davon aus, dass Peers auf Grund ihrer Ähnlichkeit besonders häufig imitiert werden. Das bedeutet, dass Jugendliche zunehmend von Eltern und anderen Erwachsenen unabhängig werden und die eigene Identität zunehmend durch Interaktionen mit den Gleichaltrigen geprägt wird, eine Entwicklung, auf die wir besonders in Kapitel 4 (
Kap. 4
) und 5 (
Kap. 5
) eingehen werden. Jugendliche konstruieren aktiv und wählen sich so ihre Umwelten aus. Hinzukommt, dass erwünschte Selbstaspekte betont und unerwünschte abgeschwächt werden. Sie erproben auch, inwieweit es ihnen gelingt, bei anderen die mit ihrer Identität verbundenen gewünschten Eindrücke zu erzeugen (
Kap. 8
).
Von besonderer Bedeutung, auch für den kulturellen Aspekt, den ich in diesem Buch vertrete, ist die Theorie der possible selves von Oyserman & Markus (1990). Der Entwurf verschiedener Zukunftsbilder oder auf die eigene Person bezogener Zielzustände ist charakteristisch für das Jugendalter. Bisherige Selbstbilder haben sich als nicht hinreichend erweisen, um die eigene Person, die neue Körperlichkeit zu verstehen. Wie man in Zukunft sein wird, sein möchte oder auf keinen Fall sein möchte, dies alles umfasst solche possible selves. Dass Jugendliche ausgiebig alternative Zukunftsentwürfe explorieren, wird, wie wir in Kapitel 10 (
Kap. 10
) sehen werden, eines der universellen Phänomene sein, die ich bei der Untersuchung von Identitätsstress im Jugendalter in vielen Ländern gefunden habe.
Wir folgen in diesem Buch der Konzeption von Erikson und den daraus abgeleiteten empirischen Umsetzungen, etwa in dem Ansatz von James Marcia und seinen kanadischen Kollegen sowie Koen Luyckxs und seiner belgischen Forschergruppe, die die neuesten Adaptationen vorgenommen haben (
Kap. 3 3 Selbst und Identität in der Kindheit und im jungen Erwachsenenalter und die Zentralität der adoleszenten Identitätsentwicklung Der Begriff der Identität bezieht sich auf die einzigartige Kombination von persönlichen unverwechselbaren Merkmalen eines Individuums, einer einzigartigen Persönlichkeitsstruktur eines Menschen, die aus den Beziehungen zu wichtigen Anderen im Laufe des Lebens entstanden ist. Dieses Empfinden der Kohärenz und Kontinuität im Kontext der sozialen Bezogenheit prägt das Leben und wird Identität genannt (Erikson, 1971). Die Identität enthält viele Komponenten, u. a. die Geschlechtsidentität, die ethnische Identität, die zeitliche Kontinuität des Selbsterlebens, die realistische Wahrnehmung des Selbst über Raum, Zeit und in unterschiedlichen sozialen Bezügen. Man nimmt unterschiedliche Rollen in unterschiedlichen Kontexten wahr und integriert diese in seine Identität (»possible selves«). Dennoch erlebt man sich kohärent über Zeit und Situationen. In diesem Kapitel geht es schwerpunktmäßig um die Zentralität der Identitätsentwicklung in der Adoleszenz, genauer: um die sozial-kognitiven Voraussetzungen dafür, dass diese Entwicklungsperiode so zentral für die weitere Identitätsentwicklung ist, sowie ihre Vorläufer in der Kindheit und die weitere Entwicklung im jungen Erwachsenenalter. Wie genau männliche und weibliche Jugendliche in einer Zeit des körperlichen Wandels, aber auch der Veränderung der Beziehungen diese schwierige Leistung vollbringen, ist dann Gegenstand der Kapitel 4 ( Kap. 4 ) und 5 ( Kap. 5 ).
). Es ist interessant zu sehen, dass sich über die Jahrzehnte eine immer stärkere Ausdifferenzierung der ursprünglichen Konzepte von Exploration und Commitment ergeben haben. Dies verweist auf den starken Einfluss des sich verändernden Entwicklungskontextes auf die Formung der Identität, denn seit den Konzeptionen von Erikson und Marcia sind 70 bzw. 60 Jahre vergangen. In Kapitel 9 (
Kap. 9
) und 10 (
Kap. 10
) wird verstärkt auf solche kulturellen und zeitgeschichtlichen Einflüsse auf die Identitätsentwicklung eingegangen.
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