Cody White Crow erhob sich von seinem Platz und bat darum, etwas sagen zu dürfen.
»Vielleicht sollten wir den fragen, den der alte Sheloquin als den rechtmäßigen Erben seines Landes eingesetzt hat«, sagte er schließlich laut und deutlich vor den Versammelten.
Einige nickten bereits zustimmend. Andere verharrten in schweigender Zurückhaltung. Ein junger Mann, etwa in Codys Alter, der neben dem Anführer saß und ebenfalls ein angesehenes Mitglied des Rates war, sprang von seinem Platz auf und meldete sich zu Wort, bevor es ein anderer tat. Seine schwarzen Augen blitzten in der Dämmerbeleuchtung des großen Raumes auf. »So? Dann sage uns, wer das ist!«, verlangte er mit scharfer Stimme.
Cody atmete tief durch. Im Raum herrschte Stille. Jedermanns Augen waren auf die beiden jungen Männer gerichtet. Die Blicke wechselten von einem zum anderen. Was würde Cody White Crow seinem Stiefbruder antworten? »Kyce White Crow«, sagte Cody mit fester Stimme.
Ein leises Raunen durchflutete den Raum. Wieder folgte Stille. Der gefragt hatte, legte den Kopf schräg. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, und sein Blick schien Cody durchbohren zu wollen.
»Das Büro für Landmanagement behauptet, es gibt keine Besitzurkunde und keinen Erben und damit keine privaten Ansprüche. Es gibt kein Testament! Somit geht das Land an den Clan zurück, da der alte Mann keine Verwandten und keine Familie mehr hatte. Niemand hat Papiere von ihm gefunden«, sagte er schließlich.
Cody nickte nur.
»Du?«
Cody nickte nochmals. »Ich habe das Testament und ich habe die Besitzurkunde des Landes, um das wir uns streiten. Niemand wird das Land verkaufen. Auch du nicht. Der alte Mann hat es sein Leben lang behütet. Er hat dafür gekämpft, und er musste dafür sterben. Deshalb hat er alles in diesem Sinne geregelt, bevor die Mörder kamen.« Stille lag im Raum wie die schwere Luft vor einem Gewitter. Codys Gegenüber verzog das Gesicht.
»Wie kommst du dazu, und woher willst du wissen, dass die Papiere die echten sind?«
»Du, David White Crow, müsstest es besser wissen«, zischte Cody seinen Stiefbruder an.
Kyce erhob sich und fasste nach dem Handgelenk seines Adoptivsohnes, der neben ihm stand. Er spürte den schnellen Puls der Erregung. Cody senkte den Blick, und seine Gesichtszüge wirkten wie versteinert.
»Cody hat recht«, sagte Kyce leise, aber für alle deutlich hörbar.
»Doch ich werde das Erbe nicht antreten können. Ich bin zu alt, um allein oben in den Bergen leben zu können.«
Wieder drang ein Raunen durch die heiße Luft. Cody hob den Blick und richtete ihn zu seinem Adoptivvater. Die Enttäuschung darin zu sehen, tat Kyce White Crow im Herzen weh.
»Die Killer werden wiederkommen, Cody. Und sie werden nicht vor mir Halt machen. Ich habe keine Angst zu sterben. Aber es würde auch niemandem etwas nützen. Ihr alle würdet dann wieder hier sitzen und beraten, genau an derselben Stelle wie jetzt, und niemand wüsste, was zu tun ist, da ihr euch selbst nicht einig seid.«
Das Raunen unter den versammelten Männern und Frauen wurde lauter. Der Siem erhob sich. »Wir müssen eine Lösung finden, die im Interesse aller ist. Ich frage euch: Ist es das Land wert, dass noch ein Mann sein Leben dafür gibt, bevor wir zur Vernunft kommen?«
»Welche Vernunft meinst du?«, fragte Cody trotzig.
»Hüte deine Zunge, du …«, fuhr David seinen Stiefbruder an.
Er schluckte die Beleidigung, die ihm auf der Zunge lag, noch in letzter Sekunde. Doch Cody wusste genau, was David ihm sagen wollte.
Cody wusste, dass er nicht zur Familie gehörte. Er wusste, dass er adoptiert war und seit seinem zweiten Lebensjahr White Crow hieß. Nach dem Tod seiner Mutter hatte Kyce White Crow den Jungen zu sich genommen, adoptiert und behandelt wie seinen eigenen Sohn. Cody ignorierte die Worte seines älteren Stiefbruders und hüllte sich in Schweigen.
Ein anderer Mann trat in Erscheinung und meldete sich zu Wort. Er sprach sich dafür aus, dass das Land und Sheloquins Vermächtnis es wert sei, dafür zu kämpfen. Doch er wog auch die Worte des Siems genau ab. Nein. Es sei es nicht wert, noch weitere Leben zu opfern, meinte er unmissverständlich. Die Diskussionen entbrannten erneut und dauerten bis weit nach Mitternacht. Irgendwann ergriff Kyce White Crow noch einmal das Wort.»Ich habe euch etwas zu sagen«, begann er und zog damit die volle Aufmerksamkeit auf seine Person. »Ich bin dagegen, dass dieses Land verkauft wird. Das wisst ihr alle. Wenn wir das jetzt tun, dann haben die Mörder ihr Ziel erreicht. Ich bin zu alt, um es allein zu verteidigen. Ich werde diese Aufgabe einem Jüngeren aus unserer Familie überlassen.«
David White Crow sah seinem Vater erwartungsvoll in die Augen. Doch dieser wich seinem Blick aus und wandte sich Cody zu.
»Cody White Crow!«, sagte er schließlich mit ernster Stimme, die seinem Entschluss Nachdruck verlieh.
Cody atmete tief ein und hielt die Luft an, während sich David langsam erhob. »Er ist nicht aus unserer Blutlinie, Vater«, empörte er sich. Kyce schwieg.
Dann erschien ein vielsagendes Lächeln auf seinem Gesicht. »Cody ist mein Sohn«, entgegnete er ruhig.
Natürlich. Das wusste jeder hier im Raum. Cody war von Kyce adoptiert worden und trug seinen Namen. Niemand verlor ein Wort, einen Gedanken darüber. Auch ein Adoptivsohn war ein vollwertiges Familienmitglied. Nichts Ungewöhnliches. Keine Seltenheit. David öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ohne ein Wort gesagt zu haben. Sein feindseliger Blick traf Cody. David sah ein, dass es keinen Sinn hatte, diese Sache mit seinem Vater vor der Versammlung auszutragen. Er riskierte damit, sich lächerlich zu machen, vielleicht sogar, sein Gesicht zu verlieren. Also schwieg er. Demütig nickte er und ließ sich auf seinen Platz zurückgleiten. Die anwesenden Männer und Frauen akzeptierten diese Entscheidung. So fand die Beratung in den frühen Morgenstunden ein Ende. Einige gingen schweigend, andere flüsternd zu ihren Häusern.
Cody wartete an der Tür.
Als David White Crow schließlich an seinem Bruder vorbei trat, würdigte der ihn keines Blickes. Cody folgte David und hielt ihn am Arm zurück. David fuhr unwirsch herum. Seine Augen funkelten gefährlich.
»Wir sollten reden«, begann Cody.
»Weshalb? Es ist alles gesagt«, zischte David und war im Begriff weiterzugehen.
Wieder hielt Cody ihn zurück. Wieder fuhr David aufgebracht herum. Doch er beherrschte sich. Die beiden Brüder wurden beobachtet. »Du willst das Land verkaufen. Ich nicht. Aber ich will dir auch sagen, weshalb, damit du es begreifst. Ich will dich nicht in die Ecke drängen. Ich will meinen und den Willen des alten Mannes durchsetzen, ohne dich bloßzustellen, ohne dich auf ewig zum Feind zu haben und nicht ohne versucht zu haben …«
Schallendes Gelächter schlug Cody mitten im Satz entgegen. David verhöhnte Cody.
Einige Dorfbewohner wandten sich zu den beiden Männern um und verschwanden schnell hinter ihren Türen. Nur eine dunkle Gestalt verharrte reglos auf der Bank vor der Eingangstür des Holzhauses. Als David sich beruhigt hatte, sagte er leise: »Okay. Und wie stellst du dir das vor, Kleiner?«
»Wir gehen dorthin, wo das Haus des alten Mannes stand. Wir beide. Allein. Ich will dir etwas zeigen«, antwortete Cody.
David starrte seinen Stiefbruder einen Augenblick an. Nichts in seinem Gesicht regte sich. Er schien zu überlegen. Dann nickte er langsam. »Du bist verrückt, aber ich komme mit. Dann wirst du auch hören, was ich dir zu sagen habe.«
»Wenn wir geschlafen haben, brechen wir auf«, beschloss Cody.
Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, wandte sich David ab und ging. Cody sah ihm nach und ging ebenfalls. Der Hund winselte leise, als er seinen Zweibeiner erkannte. Cody lächelte müde. Dann ging er in die Hocke, streichelte ihn kurz über den Kopf und nahm seinen Hut. »Danke, mein Freund.«
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