Hope war relativ klein geblieben. Die meisten Menschen hatte der Goldrausch nach British Columbia gelockt. Sie waren weiter in den Norden gezogen. Nach einem langen, harten Winter hielt nun endlich der Frühling Einzug in Hope. Die Sonne schien vom fast wolkenlosen Himmel und zauberte ein Lächeln in die Gesichter der Menschen. Der Ort wurde wieder lebendiger, erwachte zu neuem Leben, wie es schien, so wie jedes Jahr um diese Zeit. Doch in diesen Tagen war etwas anders. Die Leute sprachen von dem schrecklichen Vorfall in den Bergen, zwischen dem Isolillock und dem Silver Peak. Sie raunten sich furchtbare Schauergeschichten zu, redeten hinter vorgehaltener Hand über Mord und trauerten um den alten Mann, den sie seit einem halben Jahr nicht mehr im Ort gesehen hatten. Es hieß, Cody White Crow hätte die verkohlten Überreste Sheloquins gefunden, als er mit Jägern in den Bergen unterwegs gewesen war. Die White Crows wohnten drüben bei Mission, in der Reservation. Um so mehr heizte der blaue Silverado, der schon seit Stunden vor dem Upper Fraser Valley Regional Departement der Royal Canadion Mounted Police in Old Hope parkte, die Gemüter und Gerüchte an. Jeder hier im Ort wusste, dass dieser Pickup mit dem Wolfshund auf der Ladefläche Cody White Crow gehörte. Erst vor zwei Tagen hatte der genau an derselben Stelle gestanden. Stundenlang.
Der junge Indianer saß im Büro der RCMP, der Mounted Police in Hope. Seine rabenschwarzen Augen funkelten den Staff Sergeant namens Ben Clifford aufmerksam an, während dieser die Aufnahme des Falles Sheloquin erläuterte. Die Luft hier drin war etwas modrig und verstaubt, so wie das ganze alte Mobiliar. An der Wand, direkt hinter dem Bürostuhl des Sergeant, klebte eine Landkarte. Sie zeigte das gesamte Gebiet um Hope: Sein Distrikt begann direkt östlich von Abbortsfond, einem Vorort Vancouvers und erstreckte sich der Grenze entlang bis zum östlichen Mount Kelly und im Norden bis nördlich über Boston Bar hinaus. Das Hope Canadian Police Office war Teil mehrerer Außenstellen im Bezirk. Cliffords Zuständigkeitsbereich war auf der Landkarte markiert und erstreckte sich also weit über den kleinen Ort Hope und die Berge hinaus. Das lag daran, dass es ringsum nur Wildnis gab, die so dünn besiedelt war, dass jeder Einwohner in Hope seinen eigenen Nationalpark eröffnen könnte.
»Tja, leider gibt es da oben keine Spuren mehr«, schloss Clifford seinen Bericht. »Alles, was wir wissen, ist, dass die Gerichtsmedizin Sheloquins Überreste eindeutig identifiziert hat und dass es keine weiteren«, der Staff Sergeant räusperte sich, bevor er weitersprach, »keine weiteren Leichen gegeben hat. Der alte Mann war allein. Vielleicht ist er mit seiner Zigarette im Bett eingeschlafen.«
Cody White Crow schüttelte entschieden den Kopf. »Sheloquin ist getötet worden. Das habe ich dir schon mal gesagt, Ben Clifford. Von zwei, vielleicht auch drei Männern. Um die 1,80 und etwa achtzig bis neunzig Kilo schwer. Sie trugen Rangerstiefel. An einem Stück Holz klebte Blut«, sagte er.
Clifford hob den Kopf samt Augenbrauen. »Du warst noch mal da oben?«, fragte er erstaunt.
»Nein. Ich habe mir das sofort angesehen, bevor alle Spuren vernichtet worden sind. Vorgestern.«
Cliffords Augen wurden noch größer. Winzige Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn. Der junge Indianer, der ihm gegenüber saß, war erst fünfundzwanzig! Der Staff Sergeant war mehr als doppelt so alt. Achtundfünfzig, um genau zu sein. Er war groß, kräftig gebaut und im Laufe seiner Schreibtischkarriere hatte er hier und da etwas Speck angesetzt. Auf seinem Kopf standen die Haare, senkrecht und sehr kurz geschoren. Sie waren braun mit einem rötlichen Schimmer.
Clifford zog sein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich über die Stirn. »Wir hatten noch nie einen Mordfall hier. Nicht, solange ich hier der Staff Sergeant bin, Cody. Hope ist ein friedlicher Ort. Wahrscheinlich der friedlichste, den es in ganz British Columbia gibt.«
Cody musste schmunzeln. »Da passt so etwas nicht, nicht vor deiner Pensionierung«, bemerkte er.
Clifford blickte auf den jungen, schlanken Mann und schwieg. Dieser hockte angespannt auf der Stuhlkante, bereit zum plötzlichen Aufspringen. Clifford kannte Cody genau. Das meinte er wenigstens. Der Indianer, der in Bluejeans und blau kariertem Hemd steckte, war anders als alle Vorstellungen, die Clifford je von einem Indianer gehabt hatte. Cody White Crows Haar war kurz und gepflegt, als wäre er gerade vom Friseur gekommen. Und er trug einen braunen Cowboyhut. Der lag im Augenblick allerdings auf dem Schreibtisch des Staff Sergeants.
Clifford spürte den herausfordernden Blick des jungen Indianers unangenehm auf sich gerichtet. Das tat kein anderer Indianer, mit dem der Staff Sergeant jemals zu tun gehabt hatte.
»Es wird in den Zeitungen stehen«, brummte Clifford schließlich missmutig.
Cody nickte. »Und es kam in den Spätnachrichten.«
»Die Leute reden.«
»Natürlich tun sie das.«
»Verflixt noch mal«, zischte Clifford. »Ich muss herausfinden, was dort oben passiert ist. Vielleicht war es Mord, vielleicht auch nicht.«
Cody lehnte sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Arme.
»Mindestens einer der Männer besitzt eine Polizeiwaffe. Ich habe eine Patrone gefunden. Sie war nicht abgeschossen worden, sondern nur zu Boden gefallen«, sagte er ernst.
»Weshalb hast du mir das nicht gleich gesagt!«, fuhr Clifford auf.
»Das habe ich. Du musst mir nur mal zuhören. Aber ich bin nur ein Jagdführer, ein Fremdenführer, ein Lachsfänger und manchmal schnitze ich. Ich bin nur ein Ureinwohner, aber kein Polizist. Sheloquin musste sterben«, antwortete Cody ruhig.
»Ja. Er war dreiundachtzig«, meinte Clifford mit einem zynischen Unterton.
»Und irgendjemandem dauerte es zu lange, bis Sheloquin gehen würde.«
Der Staff Sergeant presste die Lippen aufeinander und schnaufte.
»Du lehnst dich weit aus dem Fenster, White Crow.«
Cody legte den Kopf schräg und kniff seine Augen zu kleinen Schlitzen zusammen. Er beobachtete den Clifford, wie der Berglöwe seine Beute. Holz knackte in die Stille.
»Ich will dir nur helfen, den Mörder des alten Mannes zu finden, auch wenn du mich nicht darum gebeten hast.«
»Was weißt du?«, fragte Clifford vorsichtig.
»Dass das Land da oben, Sheloquins Land, den Ureinwohnern gehört. Und nur ein Mann unseres Volkes, nur ein Skwahla, wird der Hüter dieses Landes sein.«
Clifford verzog das Gesicht, als hätte er puren Zitronensaft geschluckt.
Cody grinste kurz. Dann nahm er seinen Hut und stand auf.
»Was hast du vor?«, fragte der Staff Sergeant.
»Ich tue meinen Job. Mach du den deinen.«
Clifford brummte wie ein alter Grizzlybär über diese Respektlosigkeit. Aber er konnte dem jungen Indianer nicht böse sein. Cody war nicht unbedingt sein Freund, aber er war ihm von großem Nutzen. Das hatte der Staff Sergeant schon lange erkannt. Cody war ein wichtiger Informant. Er war zwar eigenwillig, aber zuverlässig und er belog ihn nicht. Das wusste Clifford sehr zu schätzen. Insgeheim erhoffte er sich Hilfe von dem jungen Indianer, vielleicht auch im Fall Sheloquin. Aber Cody White Crow half nur, wenn er das selbst auch wollte, wenn es seinen Interessen entsprach. Diesmal hatte er ein sehr großes Interesse daran, dass der Fall aufgeklärt wurde. Ansonsten hielt er sich aus allen Dingen heraus, die ihn nichts angingen. Mehrmals hatte der Staff Sergeant ihn deshalb als Sturkopf bezeichnet.
»Weißt du schon, wer Sheloquins Erbe antritt?«, fragte Clifford.
Cody grinste. Dann setzte er seinen Hut auf den Kopf und wandte sich zum Gehen. Der Staff Sergeant hob an, etwas zu sagen. Er öffnete seinen Mund und schloss ihn wieder, ohne dass ein Wort seine Lippen verließ. Ratlos schüttelte er den Kopf. Cody schloss die Tür hinter sich.
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