Bei Toten, die einer aufwendigeren Versorgung bedürften, damit Angehörige am offenen Sarg von ihnen Abschied nehmen könnten, wird häufig gesagt, das ginge nicht mehr, die Toten seien kein schöner Anblick und man solle sie doch so in Erinnerung behalten, wie sie zu Lebzeiten waren. Das ist leider kein guter Rat, auch wenn er vielleicht manchmal gut gemeint scheint.
Viele Menschen haben mir erzählt, dass sie es nie wirklich ganz glauben konnten, wenn ein Mensch aus ihrem Leben einfach so verschwand, und andere ihnen sagten, dass er nun tot sei. Selbst dann, wenn sie bei der Beerdigung dabei waren und den geschlossenen Sarg sahen. Das allein reicht oft nicht. Denn uns Menschenwesen, die wir immer mit unseren Sinnen zu begreifen versuchen, wird der Abschied sehr schwer bis unmöglich gemacht, wenn wir unsere geliebten Nächsten nach ihrem Tod nicht mehr sehen, sie nicht berühren dürfen, um wirklich im wahrsten Sinne des Wortes begreifen zu können, dass sie nicht mehr leben.
So wird Trauer häufig zu einem unverarbeiteten, vielleicht sogar traumatischen Ereignis und das Loslassen, das Verabschieden gelingt manchmal ein Leben lang nicht. Beispielsweise sind die Bilder, die sich Angehörige nach einem Unfalltod in der Vorstellung machen, in der Regel schlimmer, als es der tatsächliche Anblick je hätte sein können. Gerade nach einem plötzlichen Unfalltod, der nur von der Polizei „übermittelt“ wird, ist der Schock sehr groß. Hier kommt es auch sehr entscheidend darauf an, wie sensibel, erfahren und mitfühlend diejenigen sind, die diese schlimme Nachricht überbringen müssen. Dazu auch eine Studie in Kapitel V: Wenn Kinder sterben: Die tiefe Weisheit der Mütter – die darin dargestellten Ergebnisse gelten unter anderem auch für Angehörige, die jemanden nach einem plötzlichen Tod verabschieden müssen.
Unserer Erfahrung nach ist die friedliche und schöne Ausstrahlung der Toten auch nach einem Unfall deutlich sicht- und spürbar. Die (manchmal sehr anspruchsvolle) Versorgung übernehmen wir in diesen Fällen alleine. Die Angehörigen werden von uns einfühlsam vorbereitet und über alles informiert. Nie haben wir es erlebt, dass die Angehörigen es bereut hätten, noch einmal zu ihren Toten gegangen zu sein – im Gegenteil: Danach konnten auch sie ihren Frieden finden – so wie ihre Toten.
Die Heilkraft eines gut begleiteten Abschieds ist besonders nach einem Tod durch Unfall oder einem plötzlichen Tod sehr stark zu spüren. Denn unsere Körper, unsere Herzen lassen sich nichts vormachen. Wir reagieren in der Regel alle auf einen toten Menschen, als wäre da noch die Person, die sie zu Lebzeiten war. Und das ist gut so. Dafür brauchen wir Raum und Zeit. Im Leben, wie im Tod. Denn so ist es bei allen Übergängen.
Nach unserem Tod wechseln wir nicht von einer Sekunde auf die andere den Zustand. Tatsächlich brauchen wir – das hat mich meine Erfahrung und meine Körperweisheit gelehrt – eine Weile, um aus dem gelebten Leben zu gehen, dieser radikalen, unaufhaltsamen Veränderung zu folgen und uns von allem, was uns lieb war, zu verabschieden. Ich verstehe unter dieser Art von Wissen kein „[…] intellektuelles Wissen, sondern ein Wissen, das ganzheitlich, körperlichgeistigemotional in uns gründet, als eine wahrhaftige, umfassende Erfahrung“ 27.
Übergänge angemessen begleiten
Übergänge gibt es viele in einem Leben. Doch sie werden bei uns nur noch selten und nicht mehr ausreichend oder angemessen begleitet, ausgenommen vielleicht die Heirat.
Aber auch dies sind Übergänge: das Geborenwerden, der Übergang vom Kind zur/zum Jugendlichen, die erste Menstruation, das Erwachsenwerden, das Ende der Schulzeit, der Auszug aus dem Elternhaus, der Beginn der eigenen Lebensgestaltung, eigene Projekte, Umzug, (Lohn-)Arbeitsplatzwechsel, eventuell das Elternwerden, die Wechseljahre, das Älterwerden, der Auszug der eigenen Kinder, eventuell das Großelternwerden, der Eintritt in den sogenannten Ruhestand … Immer wieder beginnt ein neuer Lebensabschnitt, das Alte will verabschiedet werden, große Veränderungen begleiten uns … All dies braucht eigentlich gute Begleitung: die Übergangsbegleitung.
Vor allem Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenwerden und Frauen in den Wechseljahren mangelt es heutzutage meist daran. Ich halte dies für einen der Gründe, warum Jugendliche aller Gesellschaftsschichten sich so häufig in Alkoholexzesse stürzen – und sich und andere dadurch leider immer wieder in lebensgefährliche Situationen bringen. Sie spüren die Grenze, wollen sie erfahren und wissen nicht, wie. Es gibt keinen Halt, keine gesellschaftliche Übereinkunft und keine wirklich tragenden Traditionen mehr, wie junge Menschen diesen Übergang durchleben können und willkommen geheißen werden in ihrer neuen Verantwortlichkeit, an ihrem neuen Platz in der Gemeinschaft.
Übergänge sind immer sehr besondere und sehr verletzliche Zeiten in unserem Leben. Nach dem Tod einer engen Freundin, eines geliebten Partners, einer sehr nahen oder sehr wichtigen Person in unserem Leben brauchen wir eine entsprechende Unterstützung, damit wir in einem gut geschützten und einfühlsam begleiteten Raum durch den Schmerz gehen, trauern und den Gefühlen Ausdruck geben können … erleben, erfahren, mit allen Sinnen versuchen zu begreifen, was das bedeutet, dass die Geliebte, der liebe Mensch nun tot ist. Unwiderruflich.
Was bedeutet Übergangsbegleitung? Dies wird vielleicht am besten am Beispiel des Rituals der Hochzeit deutlich: Die Heirat ist derzeit das größte, bedeutungsvollste und fast das einzig übrig gebliebene überkonfessionelle Übergangsritual zu Lebzeiten in dieser Gesellschaft. Die wesentlichen Merkmale dieses Rituals sind: die Vorbereitung darauf, ein besonderer festlicher Rahmen, spezielle Kleidung, ein genau festgelegter Zeitraum und Ablauf, meist werden viele Menschen dazu eingeladen und nehmen aktiv daran teil. Sie bezeugen dieses große Ritual, bei dem zwei Menschen ihre Verbindung öffentlich feiern und würdigen, dass sie gemeinsam ihr Leben miteinander teilen, füreinander da sein wollen in guten wie in schlechten Zeiten. Ein Versprechen, das, wie die meisten hoffen, ein Leben lang gehalten wird oder eben so lange, bis die Wege sich wieder trennen. Zum Ritual gehört zum Beispiel das Aussuchen des Brautkleids: ein Raum, in den die zukünftige Braut meist ihre allernächsten Lieben mitnimmt und in welchem sie, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, als Frau wahrgenommen und willkommen geheißen wird. Die BegleiterInnen, meist Frauen, spiegeln ihr und sagen ihr: Wie schön, dass es dich gibt! Wir sehen deine Freude und deine Angst, deine Tränen und deine Schönheit als Frau, deine Berührbarkeit und dein Hoffen auf ein glückliches Leben an der Seite deines Partners oder deiner Partnerin! Oft wird geweint und viele sind berührt von diesem Moment, in dem etwas sehr Wesentliches geschieht: Bewusst und mit offenem Herzen wird diese Frau bei einem für sie wichtigen Schritt in ihrem Leben wahrgenommen und gewürdigt.
Hört sich ganz einfach an, passiert aber leider sonst viel zu selten im Leben der meisten Menschen, obwohl solch ein Ritual nicht nur auf die Paarbeziehung beschränkt sein sollte. In der Einfachheit liegt übrigens oft ein großer Zauber, eine tiefe Weisheit und Kraft.
Bei der Trauung gibt es sogar Trauzeugen, selbst im Standesamt. In diesem bedeutungsvollen Ritual wollen zwei Menschen ihrer Verbindung einen offiziellen „Segen“ geben, egal, ob konfessionell oder nicht. Sie wollen von anderen gute Wünsche für ihren gemeinsamen Weg und sie wollen für diesen Schritt die Würdigung ihrer Familien, Freundinnen und Freunde sowie der gesamten Gesellschaft – und dies bekommen sie auch in aller Regel, vor allem dann, wenn sie heterosexuell sind. Aber auch lesbische und schwule Verbindungen bekommen durch die Heirat inzwischen eine größere gesellschaftliche Akzeptanz und Würdigung als noch vor ein paar Jahren und das ist für alle Menschen sehr wichtig.
Читать дальше