Affirmativer Expertenpessimismus
Bei neuen Technologien sind später unglaublich klingende Einschätzungsfehler nicht ungewöhnlich. Sie gehören zur Politik-, Wirtschafts- und Technologiegeschichte und drücken einen Pessimismus aus, der für Experten konventioneller Ansätze typisch ist. 1878 erklärte die Western Union, die seinerzeit größte US-amerikanische Telekommunikationsgesellschaft: »Das Telefon hat zu viele ernsthaft zu bedenkende Mängel für ein Kommunikationsmittel. Das Gerät ist von Natur aus von keinem Wert für uns.« Lord Kelvin, Präsident der britischen Royal Society, erklärte 1895, dass niemand Flugmaschinen konstruieren könne, die schwerer seien als Luft. Harry M. Warner, einer der größten Filmproduzenten der USA, meinte 1927 zur Tonfilmtechnik: »Wer zur Hölle will die Schauspieler sprechen hören?« Ken Olsen, Chef der Digital Equipment Corporation (DEC), einer der ersten großen Computerfirmen in den USA, sagte 1977: »Es gibt keinen Grund für irgendein Individuum, einen Computer zu Hause haben zu wollen.« 1982 lehnte IBM, seinerzeit noch das führende Weltunternehmen für Informationstechnologien, den Kauf des noch jungen Unternehmens Microsoft ab, weil dieses nicht die geforderten 100 Mio. Dollar wert sei; IBM war der festen Überzeugung, die Computerzukunft liege in Zentralrechnern. Die weltweit bekannte Beratungsfirma McKinsey prognostizierte 1980 im Auftrag des US-Telekommunikationskonzerns ATT, dass es bis zum Jahr 2000 in den USA nur 0,9 Mio. Mobiltelefone geben werde; tatsächlich waren es zu diesem Zeitpunkt schon 109 Mio. Alle Automobilkonzerne haben bis weit über das Jahr 2000 hinaus die Bedeutung des Elektroautos verkannt und bereiten sich erst seit kurzem eilig darauf vor, diese Automobiltechnik in die Serienproduktion zu bringen. Derartige Irrtümer resultieren aus strukturkonservativem Denken, Tunnelblicken anerkannter Experten und der Fehleinschätzung menschlicher Bedürfnisse. Nicht zuletzt entstehen sie aus einer Unterschätzung der Marktdynamik, wenn die Einführung einer Technologie nicht von wenigen Großabnehmern abhängig ist, sondern über zahllose Nachfrager erfolgt, die deren Gebrauchswert für sich selbst erkennen.
C. 100 Prozent-Szenarien:Von technischen Möglichkeiten zu Strategien
Als EUROSOLAR bei seiner Gründung 1988 das »solare Energiezeitalter«, in dem nur noch erneuerbare Energien genutzt werden, als »reale Vision« für das 21. Jahrhundert zum Ziel erklärte, galt das noch als verstiegener Traum. Ein Bundestagsabgeordneter, der der Partei der Grünen angehörte und als einer ihrer Vordenker galt, wunderte sich mit den Worten, dass nach seinem Wissen mehr als zehn Prozent kaum möglich seien. Als EUROSOLAR 1995 in Bonn ein Symposium über Ansätze einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien durchführte, war eine solche Veranstaltung noch ein Novum. Doch gab es zu diesem Zeitpunkt längst eine Reihe wissenschaftlicher Szenarien, die diese Möglichkeit detailliert darstellten. Das erste »100 Prozent-Szenario«, das die Möglichkeit einer vollständigen Energieversorgung aus erneuerbaren Energien beleuchtet, wurde bereits 1975 für Schweden erstellt (»Solar Sweden«), weitere folgten 1978 für Frankreich (ohne Zieljahr), 1980 für die USA mit dem Zieljahr 2050, 1982 für Westeuropa mit dem Zieljahr 2100 und 1983 für Dänemark für 2030. Im Auftrag des Deutschen Bundestages erstellte Harry Lehmann 2002 ein Szenario, das eine Energieversorgung beschreibt, die 2050 zu 95 Prozent auf erneuerbaren Energien gründet.[10] EUROSOLAR erstellte 2007 eine Studie, wie im Bundesland Hessen bis 2025 eine vollständige Stromversorgung durch erneuerbare Energien erreicht werden könne. Keines dieser Szenarien wurde jedoch öffentlich wahrgenommen, selbst wenn sie – wie 1980 in den USA – von Regierungsorganisationen (wie in diesem Fall von der Federal Emergency Management Agency, FEMA) veröffentlicht und mit Hilfe der Union of Concerned Scientists, einer unabhängigen Wissenschaftsorganisation mit zahlreichen Nobelpreisträgern unter ihren Mitgliedern, erstellt wurde. Im Mainstream der Energiediskussion waren solche Szenarien tabu. Selbst ein deutscher Greenpeace-Vertreter antwortete mir noch im Jahr 2006 auf die Frage, warum seine Organisation sich in ihren Veröffentlichungen nicht auf solche Szenarien beziehe: »Wir wollen ernst genommen werden.« Mittlerweile veröffentlicht Greenpeace selbst 100 Prozent-Szenarien.
Erst neuerdings werden solche Szenarien häufiger erstellt und etwas stärker beachtet, so das im April 2010 von der Beratungsfirma McKinsey erstellte und von der European Climate Foundation (ECF) veröffentlichte Szenario, in dem eine Vollversorgung Europas mit erneuerbaren Energien bis 2050 skizziert ist. Es kommt zum Ergebnis, dass diese nicht mehr Energiekosten verursachen würde als das gegenwärtige Energiesystem.[11]
Für Deutschland sind aktuell mehrere unterschiedliche 100 Prozent-Szenarien vorgestellt worden. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen (SRU) stellte im Mai 2010 – bezogen auf die Stromversorgung – drei verschiedene realisierbare Optionen mit dem Zieljahr 2050 vor:[12] Die erste stützt sich allein auf nationale Quellen und wird als die kostspieligste bewertet, was vor allem mit dem Mangel an Speicherpotenzialen begründet wird, wobei allerdings nur Druckluft- und Pumpwasserspeicher in Betracht gezogen werden. Die zweite Option bezieht sich auf einen deutsch-dänisch-norwegischen Stromverbund, in dem die norwegische Wasserkraft eine Schlüsselrolle als Reserve- und Ausgleichsenergie spielt, dafür müssten die Übertragungskapazitäten von gegenwärtig 1000 MW auf 16.000 MW bis zum Jahr 2020 und auf 46.000 MW bis zum Jahr 2050 ausgebaut werden; eine dritte Option setzt auf die Einbeziehung von Solarstrom aus Nordafrika (siehe dazu das 3. Kapitel).
Ebenfalls mit dem Zieljahr 2050 hat der deutsche Forschungs-Verbund Erneuerbare Energien im Juni ein Gesamtkonzept für eine Energieversorgung ausschließlich mit erneuerbaren Energien vorgestellt.[13] Bei der Stromversorgung geht das Konzept von einer europäischen Stromvernetzung aus. Für den Verkehrsbereich nimmt es eine weitgehende Umstellung auf Elektromobilität an, und für den Schiffs- und Flugverkehr die Umstellung auf synthetische Kraftstoffe aus erneuerbaren Energien, während es für die Wärmeversorgung vor allem solarthermische Kollektoren zugrunde legt. Auch der Forschungs-Verbund kommt zu dem Ergebnis, dass die Vollversorgung mit erneuerbaren Energien im »Energiesystem 2050« nicht teurer werde als die gegenwärtige Energieversorgung. Es könnten sogar »allein in den Sektoren Strom und Wärme Kosten von insgesamt 730 Mrd. EUR eingespart« werden.
Das deutsche Umweltbundesamt kommt in seinem »Energieziel 2050«[14] – bezogen auf die Stromversorgung – ebenfalls zum Ergebnis, dass eine »vollständige auf erneuerbaren Energien beruhende Stromversorgung im Jahr 2050 in Deutschland als hoch entwickeltem Industrieland mit heutigem Lebensstil, Konsum- und Verhaltensmuster technisch möglich ist.« Es stellt dafür drei verschiedene Optionen vor: »Regionenverbund«, »Internationale Großtechnik« und »Lokal-Autark«. Die volle Umstellung der Stromversorgung wird wiederum als »ökonomisch vorteilhaft« gewertet. Sie führe zu geringeren Kosten als diejenigen, »die bei einem ungebremsten Klimawandel auf uns und künftige Generationen zukommen würden«. Im Zentrum der Betrachtung steht der »Regionenverbund«, der im Wesentlichen aus dem Ausschöpfen der regionalen Potenziale erneuerbarer Energien besteht. Der angenommene Strombedarf von 687 Mrd. Kilowattstunden im Jahr 2050 würde darin zu 36 Prozent aus Photovoltaik gedeckt, zu je 26 Prozent aus Windstrom an Land und auf See, zu 3,5 Prozent aus Wasserkraft, zu 7 Prozent aus geothermischer Energie und zu ebenfalls 3,5 Prozent aus Abfallbiomasse. Als Maßnahmen werden die Stärkung des Emissionshandels vorgeschlagen, die stärkere Ausrichtung der Energiebesteuerung an den CO 2-Emissionen und die Förderung der Markt- und Systemintegration erneuerbarer Energien.
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