Götzl Was können Sie uns über die alten Fassungen des Bekennervideos sagen?
Ellen H. Dort tauchen die Namen der Opfer auf, zum Beispiel Taşköprü. Außerdem taucht der rosarote Panther mit einer Gedankenblase auf: »Der Ali muss weg.« Es ist von Ali 1 bis 9 die Rede, Ali steht makabererweise für die Mordopfer. Die alten Fassungen sind noch wesentlich aggressiver als das bekannte Video. Beim Sprengstoffanschlag in der Kölner Probsteigasse im Januar 2001 zum Beispiel wird das Opfer direkt angesprochen: »M. weiß jetzt, wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist«, heißt es da.
Anwalt Kolloge Wann wurde die Festplatte eingerichtet?
Ellen H. So generell lässt sich das nicht sagen. Die Dateien im bereits erwähnten Ordner mit Bildern namens »Bildermix« wurden alle im Februar 2007 erstellt. Ich kann vielleicht noch ergänzen, dass wir bei André Eminger zwei externe Festplatten gefunden haben, auf denen auch die Inhalte des Ordners »Bildermix« waren. Das belegt, dass es da eine Verbindung geben muss.
Anwalt Hoffmann Haben Sie auch etwas gefunden zu Tätowierungen von Herrn Eminger?
Ellen H. Gut, dass Sie mich erinnern: Es fand sich die Tattoovorlage der Clownsfigur auf dem Unterschenkel von Herrn Eminger – ein Clown mit Krallen statt Fingern, angelehnt an die Figur aus Stephen Kings Buch »Es«.
9. Oktober 2013
Manfred Götzl, Richter. M.Z., 57, Radio- und Fernsehmechaniker aus Nürnberg. Er ist als Zeuge zu dem Mord an İsmail Yaşar in der Nürnberger Scharrerstraße geladen. Christina L., 29, Polizistin in Merseburg. Udo V., 50, Kriminalhauptkommissar aus Borken/NRW. Wolfgang Stahl, Anja Sturm, Verteidiger von Beate Zschäpe.
M.Z. Ich war am 9. Juni 2005 im Obi in der Regensburger Straße und habe eine Arbeitsplatte gekauft. Auf der Rückfahrt bin ich in die Scharrerstraße gefahren und musste an einem Fußgängerüberweg halten. Den haben auch zwei Radfahrer überquert, einer war lang und dünn, der andere kurz und kräftig. Kurz darauf habe ich Schüsse gehört. Erst ein paar, dann wieder. Es hat mich aber nicht interessiert, ich bin zu meinem Laden weitergefahren, ich repariere Radios und Fernseher.
Götzl Woher kamen die Radfahrer?
M.Z. Von links nach rechts. Die waren sehr ruhig und langsam auf dem Fußgängerweg, das hat mich genervt, weil ich schnell zu meinem Laden wollte.
Götzl Was hatten sie an?
M.Z. Nicht eine Jeans, sondern so Trainingshosen.
Götzl Können Sie die Geräusche noch mal beschreiben?
M.Z. Erst einen und dann ein paar Stück nacheinander. Ich hab sie aber nicht gezählt. Jeden Tag hört man was, es fällt was runter, Unfälle, Schüsse.
Götzl War das Geräusch so eindeutig für Sie?
M.Z. Das waren Schüsse, eindeutig. Tsch, tsch, tsch, tsch.
Götzl Kennen Sie das Geräusch von Schüssen?
M.Z. Ja, im Irak gab es das und in Nürnberg auch. Richtung Tiergarten ist ein Trainingszentrum der Polizei, da hört man solche Geräusche oft. Ich dachte zuerst, der Klang kommt von meinem Kassettendeck im Auto. Also hab ich zurückgespult, aber die Kassette war in Ordnung. Als ich dann in meinem Laden war, kam auf einmal ein Hubschrauber über meinen Laden. Wie bei Star Trek. Meine Nachbarin hat später gesagt, der Imbissbesitzer ist ermordet worden.
Götzl Warum haben Sie keine Veranlassung gesehen, sich gleich bei der Polizei zu melden?
M.Z. Ich dachte, das ist nicht mein Problem. Ich mache meine Arbeit.
Götzl An dem Fußgängerüberweg – hatten Sie da Blickkontakt mit den Radfahrern?
M.Z. Der zweite Radfahrer war sehr langsam. Ich hab ihn nervös angeschaut und ihm angedeutet: weiter, weiter! Er hat schlimme Finger gemacht. Er war ruhig wie im Urlaub.
Götzl Sie haben bei der Polizei ausgesagt, Sie hätten die erste Person auf den Lichtbildern erkannt.
M.Z. Den Großen habe ich hundertprozentig erkannt. Mit den abstehenden Ohren. Den Zweiten nicht.
Götzl Sagen Ihnen die Namen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt etwas?
M.Z. Nee.
Götzl Sie kennen sie auch nicht aus der Presse oder aus dem Fernsehen?
M.Z. Ich schau kein Fernsehen. Und höre kein Radio. Ich spiele nur Keyboard und Gitarre. Hin und wieder läuft bei meiner Tochter N24. Aber ich hasse Nachrichten, das ist doch alles Lüge.
Götzl Haben Sie mal Bilder von den dreien gesehen?
M.Z. Nee, ich schlafe bis elf Uhr, fahre zum Laden und arbeite bis ein Uhr nachts. Und am Wochenende mache ich Musik. Das Einzige, was ich mitbekommen habe: Auf der Straße haben ein paar türkische Leute angefangen zu lästern: Vielleicht hat die Frau ihn umgebracht, wegen des Erbes. Vielleicht war es die Mafia, vielleicht ging es um Drogen.
Götzl Sie sind erst viel später zur Polizei gegangen. Warum?
M.Z. Die Frau von Yaşar hat mich angefleht, zur Polizei zu gehen und zu sagen, was ich gesehen habe. Das fand ich komisch: Erst gab es auf der Straße die Gerüchte, sie habe ihren Mann umbringen lassen, und jetzt fleht sie mich an.
(Richter Götzl zeigt ihm das Fahndungsplakat von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt.)
M.Z. Ich werde wahrscheinlich nie wieder als Zeuge ausagen, selbst wenn man meinen Vater umbringt.
Götzl Warum? Weil wir Sie alles Mögliche fragen?
M.Z. Ja, natürlich möchte ich, dass die Wahrheit herauskommt.
Götzl Wir wollen nur Ihre Erinnerungen. Wenn Sie sich an etwas nicht erinnern, ist es auch nicht so schlimm.
M.Z. Ich bin fünf- oder sechsmal vorgeladen worden, stundenlang ausgefragt worden.
Götzl Erinnern Sie sich noch an die Radfahrer?
M.Z. Ja, einer hatte die Taschen ausgebeult, als wenn Zigaretten oder eine Geldbörse drin wäre. Ich hasse Leute, die ihre Taschen vollstopfen.
Verteidigerin Sturm (unterbricht) Herr Vorsitzender, können wir 15 Minuten Pause machen. Ich würde mich gern mit meiner Mandantin besprechen. Sie kann sich kaum noch konzentrieren.
Götzl (mustert Zschäpe) Sie lächeln, Frau Zschäpe, vielleicht können Sie mir das selbst erklären, ob Sie sich noch konzentrieren können. Das Lächeln irritiert mich etwas.
Verteidigerin Sturm Das interpretieren Sie so.
Götzl Ich interpretiere nicht, ich schildere nur, was ich sehe. Wir haben spät angefangen, eine Stunde müsste Ihre Mandantin schon durchhalten.
Verteidigerin Sturm Meine Mandantin hat aber schon einen langen Tag hinter sich.
Götzl Hat Ihre Mandantin jetzt Konzentrationsschwächen oder nicht? Sagen Sie mir das ganz klar! Dann kann ich darüber entscheiden.
Verteidigerin Sturm Ich hatte nicht vor, eine solche Diskussion vom Zaun zu brechen.
Götzl Sie haben mich mitten in der Frage unterbrochen. Das ist mir nicht verständlich. Sie stören mich mitten in meiner Befragung. Ich habe ja auch ein Konzept. Da braucht es gute Gründe, wenn Sie mich unterbrechen.
Verteidigerin Sturm Dann ziehe ich das zurück.
(M.Z. verlässt den Gerichtssaal und Götzl verkündet eine Pause. Die nächste Zeugin ist die Polizistin Christina L.)
Götzl Sie haben die Asservate ausgewertet, die in der Frühlingsstraße in Zwickau gefunden wurden, darunter mehrere Zeitungsausschnitte. Was haben Sie festgestellt?
Christina L. Es wurden sehr viele Zeitungsartikel in der Wohnung sichergestellt, insgesamt 68. Es gibt Zeitungsartikel zur Česká-Mordserie und zu den Kölner Bombenattentaten. Die Asservate wurden zum Teil auch im NSU-Bekennervideo verwendet. Auf zwei Asservaten waren Fingerabdrücke von Frau Zschäpe.
Götzl Auf welchen Zeitungsartikeln befanden sich die Fingerabdrücke von Frau Zschäpe?
Christina L. Auf welchen genau, kann ich jetzt nicht mehr sagen. Das steht aber in meinem Bericht. Auf einer Zeitung aus Dortmund war ganz sicher ein Fingerabdruck von Frau Zschäpe drauf.
Götzl (Er lässt ein Foto des Berichts »Wer tut nur so was?« aus einer Dortmunder Zeitung vom 5. April 2006 über den Mord an Mehmet Kubaşık zeigen.) In Ihrem Vermerk findet sich bei diesem Bericht kein Hinweis auf eine Fingerspur von Frau Zschäpe.
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