Temme Laut meiner Stempelkarte bin ich am Mittwoch früher gegangen, und an dem Donnerstag erst um 16.45 Uhr. Und was dann in meinem Kopf stattgefunden haben muss, war der Gedanke, dass es dieser Donnerstag nicht gewesen sein kann. Im Grunde ging es mir so wie jedem anderen, dass ich dachte, das kann doch gar nicht sein, dass ich an dem Tag da war. Und dann muss das der Mittwoch gewesen sein. Bis mir dann am 21. April sehr massiv klar gemacht wurde, dass dem nicht so war. (An dem Tag wurde er von der Polizei festgenommen.) Wie ich diesem Irrtum erliegen konnte, dieser Gedanke beschäftigt mich seit sieben Jahren.
Götzl (schaut ihn kritisch an.) Sie konnten sich am Sonntag nicht mehr erinnern, ob Sie am Mittwoch oder Donnerstag in dem Café waren? Ich habe mit diesem Punkt, das gebe ich ganz offen zu, Schwierigkeiten.
Temme Ich war so oft dort, dass ich nicht mehr wusste, an welchem Tag genau. Und dann hat sich der Gedanke festgesetzt: Es kann doch gar nicht sein, es kann doch nur der Mittwoch sein. Es kann doch nicht sein, dass ich nichts mitbekommen habe, außer, dass Herr Yozgat nicht am Schreibtisch sitzt. Ich bin da auch in keiner Weise stolz drauf, ganz im Gegenteil. Dieser Trugschluss ist ein Punkt in meinem Leben, den ich nicht begreife und den ich nicht ungeschehen machen kann.
Götzl Welche dienstlichen und privaten Ängste hatten Sie denn?
Temme Ich war jung verheiratet. Wir erwarteten unser erstes gemeinsames Kind. Ich hatte Angst um meine Beziehung. (Was er nicht sagt: Er chattete im Internetcafé auf einem Flirtportal mit einer fremden Frau.) Einen objektiven Grund, dass mein Dienstherr sagt, diese Gegend ist für dich tabu, gab es nicht. Ich hatte die Befürchtung subjektiv, obwohl es vielleicht objektiv gar keinen Grund gegeben hat. Ich habe mich zu sehr gefürchtet vor Konsequenzen, die vielleicht eintreten können.
Götzl Das sind mir zu viele Vielleichts. Eine Angst wäre möglicherweise nachvollziehbar, wenn Sie sich raushalten wollten.
Temme Nein, die Angst habe ich mir eingeredet, weil ich meine subjektiven Befürchtungen überbewertet habe. Sie hat nichts damit zu tun, dass ich etwas mitbekommen hatte. Ich habe leider nicht so gründlich nachgedacht, wie ich es hätte tun sollen.
(Nach einer Pause hakt Götzl weiter nach. Temme bleibt dabei, er habe am Sonntag nicht mehr gewusst, dass er am Donnerstag zur Tatzeit im Internetcafé war. Er habe weder ein Geräusch gehört noch Blutspuren oder die Leiche von Halit Yozgat gesehen .
Götzl Wir werden Sie erneut vorladen. Ich darf mich für heute bedanken.
Temme (leise) Darf ich vielleicht noch die Gelegenheit nutzen, um den Hinterbliebenen der Opfer mein tiefes Mitgefuhl auszusprechen? (Er bekommt keine Antwort.)
2. Oktober 2013
Manfred Götzl, Richter. Ayse Yozgat, 55, Mutter des Mordopfers Halit Yozgat. Michael S., 39, BKA-Mitarbeiter. Sebastian Scharmer, Anwalt der Nebenklage.
Yozgat (wendet sich an Zschäpe.) Mein Appell richtet sich an Frau Zschäpe: Sie sind auch eine Dame. Ich spreche Sie als Mutter an, als eine Geschädigte. Ich bitte Sie, diese Vorfälle aufzuklären. Seit sieben Jahren schlafe ich nachts nur zwei Stunden. Ich denke immer: Wie konnte das geschehen? Befreien Sie mich bitte von diesen Gefühlen. Sie müssen nicht die Sünden von anderen übernehmen. Denken Sie bitte immer an mich, wenn Sie sich ins Bett legen. Denken Sie daran, dass ich nicht schlafen kann. Ich danke Ihnen allen.
(Der Zeuge Michael S. vom Bundeskriminalamt wird aufgerufen.)
Michael S. Ich hatte den Auftrag, die Akten zu Andreas Temme auszuwerten, darunter die Kontaktdaten seiner Quelle aus dem rechten Bereich, Benjamin G. Wir konnten aber keine Bezüge zum NSU oder dessen Umfeld feststellen. Was die politische Einstellung von Temme angeht: Er hat Abschriften für eine Dokumentation des »Dritten Reichs« angefertigt, aber das war noch zu Jugendzeiten von Herrn Temme. Ein ehemaliger Nachbar hat 2006 gesagt, Temme sei im Dorf als Klein Adolf bekannt gewesen. Aus den Vernehmungen seines Umfelds ergaben sich aber wenige Informationen zu seiner politischen Gesinnung. Ein ehemaliger Kollege von Temme sagte: Mitte links. Temme selbst sagte, er habe keine rechte Gesinnung.
Wir haben seinen dienstlichen Kalender abgeglichen mit den Verbindungsdaten seines Handys. Er hat seine rechte Quelle, die er seit 2003 als V-Mann Benjamin G. alias »Gemüse« geführt hat, demnach etwa einmal im Monat kontaktiert. Im Jahr 2006 hat Temme keine schriftlichen Berichte zu den Treffen mit diesem V-Mann gefertigt. Allerdings gab es am 6.4. und am 10.4.2006 Telefonate beziehungsweise Treffen mit ihm, wie auch schon in den Monaten zuvor. Der V-Mann »Gemüse«. berichtete zur örtlichen Szene in Kassel, das waren drei Gruppierungen: die Kameradschaft Kassel, dann eine nicht näher bezeichnete Gruppe und »Sturm 18«. Die Infos waren so, dass keine Straftaten zu erkennen waren. Herr G. war nicht mehr direkt Teil der Szene, sondern hatte die Informationen aus zufälligen Treffen mit Szene-Angehörigen.
Götzl Am Tag des Mordes soll es laut Akten einen Anrufversuch der V-Person »Gemüse« bei Andreas Temme gegeben haben, und am Nachmittag ein Telefonat, das 688 Sekunden dauerte.
Michael S. Die frühere V-Person G. und Andreas Temme sagten beide, sie könnten sich an die Inhalte dieses Telefonats nicht mehr erinnern.
Anwalt Scharmer Sie erwähnten die Kasseler Neonazi-Gruppe »Sturm 18«. Gab es zu dieser Nachforschungen?
Michael S. Ja, das ist eine Gruppe, die von einem Bernd Tödter geführt wird. Er hat behauptet, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt seien einmal im ICE nach Kassel gekommen und er wisse, in welcher Wohnung sie übernachtet hätten. Das hat sich nicht mit unseren Ermittlungen gedeckt.
Anwalt Scharmer Wissen Sie etwas über Beziehungen von »Sturm 18« nach Dortmund?
Michael S. Darüber weiß ich nichts.
(Die Befragung des Zeugen S. geht weiter. Er gibt Auskunft über Funde im Brandschutt der Zwickauer Frühlingsstraße, die Hinweise auf die Mordserie enthalten, darunter DVDs, Stadtpläne, Mietverträge für Wohnmobile. Es geht auch noch einmal um die Grabungen in Dortmund, die Veronika A. beobachtet hat. Ihr Mann wird befragt. Er sagt, er habe Zschäpe nicht gesehen.)
8. Oktober 2013
Manfred Götzl, Richter. Frank L., 38, Kriminaloberkommissar beim BKA. Er sagte auch an den Tagen 17 und 241 aus. Thomas D., 39, Geschäftsführer einer Gebäudereinigung in Dortmund, Nachbar der Zeugin Veronika A., die am Tag 40 über ihre merkwürdigen Beobachtungen auf dessen Grundstück berichtet hat. Vera D., 36, seine Frau. Ellen H., 28, Polizistin beim BKA. Anja Sturm, Verteidigerin von Beate Zschäpe. Alexander Hoffmann, Detlef Kolloge, Stephan Kuhn und Yavuz Narin, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Wir kommen zu der DVD, die im Brandschutt in der Frühlingsstraße in Zwickau gefunden wurde. Was können Sie uns erzählen?
Frank L. Ich nahm die Erstbewertung der sogenannten NSU-DVD vor, die am 10.11.2011 im Brandschutt aufgefunden wurde. Am Anfang war eine Art Intro, ein Bildschirm, auf dem wellenartig ein Bild war, eine Landschaft, dazu lief die Pink-Panther-Musik: »Wer hat an der Uhr gedreht?« In der Mitte war zu lesen: Nationalsozialistischer Untergrund, Frühling, DVD 1. Daraus schlossen wir, es müsste auch eine DVD 2 gegeben haben. Bisher haben wir aber keine gefunden. Der Film nutzt verschiedene »Paulchen Panther«-Folgen als Grundlage. Das Intro hatte eine Dauer von 1,14 Minuten. Durch einen Klick gelangte man zum Hauptfilm, der 15 Minuten und zwei Sekunden dauert. Er begann mit einem Statement: »Der Nationalsozialistische Untergrund ist ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz ›Taten statt Worte‹. Solange sich keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit vollziehen, werden die Aktivitäten weitergeführt.« In der nächsten Einstellung ist in den vier Ecken des Bildschirms je ein Paulchen-Panther-Kopf platziert. In der Mitte das Logo des NSU.
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