Ich würde mich nicht aufhalten lassen, auch nicht von ihm. Ich wollte zu meiner Mom, es war mein gutes Recht. Ich musste sie sehen.
Ich hob die Arme und die Energie schoss aus meinen Handballen ins Freie. Von der unglaublichen Wucht wurde ich nach hinten geschleudert, fing mich aber wieder, bevor ich zu Boden ging. Die Mutanten im Raum hoben die Köpfe und musterten mich feindselig, doch das war mir egal. Erneut rief ich den Mittelpunkt auf und ließ meine Kräfte zum zweiten Mal frei. Eine Wasserfontäne schoss aus meinen Händen auf Luan zu, doch bevor sie ihn erreicht hatte, hob er beide Arme und erhellte den Raum mit einem Lichtblitz. Geblendet ging ich zu Boden und verlor die Kontrolle über meine Energie, die nun in unregelmäßigen Abständen aus mir herausschoss. Mein ganzer Körper bebte und zitterte. Ich hörte aufgeregte Schreie und um mich herum brach Chaos aus. Stühle wurden umgestoßen und die Leute verließen hektisch den Raum. Ich hob den Kopf und sah Luan über mir. Er hielt beide Arme erhoben und Energie knisterte über seinen Handballen.
„Bring deinen Mittelpunkt unter Kontrolle“, befahl er.
Ich schüttelte schwer atmend den Kopf. „Nein.“
„Bring deinen Mittelpunkt unter Kontrolle oder ich werde es tun!“ Jetzt fauchte Luan und seine Brust bebte.
„Nein!“ Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre es mir nicht gelungen, wieder zur Ruhe zu kommen. Die Energie in meinem Körper machte es mir unmöglich, aufzuhören.
Er presste die Lippen aufeinander. „Nell, ich will dir nicht wehtun, aber wenn du nicht tust, was ich dir sage, wird es so kommen.“
Ich schüttelte erneut den Kopf. Tränen hatten sich in meinen Augenwinkeln gebildet, während ich vor ihm auf dem Boden kauerte. „Ich glaube nicht, dass du ein Problem damit hättest, mir wehzutun.“
Ich sprang auf und ließ die gestaute Kraft frei. Wasserfontänen fluteten den Raum und zwei Efeuranken fraßen sich um Luans Beine.
Doch er schleuderte sie einfach weg und baute sich vor mir auf. „Ich habe versucht, es zu verhindern, aber du willst anscheinend wirklich nicht auf mich hören.“
Plötzlich schossen Lichtblitze an seinen Armen hinab und blendeten mich. Kurz darauf spürte ich einen stechenden Schmerz in der linken Schulter. Ich taumelte rückwärts, bis ich mit der Hüfte gegen einen Tisch stieß. Verzweifelt nahm ich wahr, wie sich Luans Energie durch mich hindurchbiss und meine Gedanken verschleierte. Ich begann zu glühen, aber nicht von außen, sondern von innen. Es fühlte sich an, als würden meine Adern durchtrennt und Eingeweide von innen ausgekocht werden. Nach Atem ringend taumelte ich und fiel wieder zu Boden. Den Schmerz des Aufpralls nahm ich kaum wahr und als sich die Energie einen Weg zu meinem wild schlagenden Herzen durchgebahnt hatte, wurde alles schwarz um mich herum.
***
Mit einem fernen Tosen im Kopf erwachte ich aus meiner Ohnmacht.
Blinzelnd öffnete ich die verschleierten Augen und krümmte mich, als ein eiserner Schmerz von meiner linken Schulter ausstrahlte. Eine kräftige Hand legte sich auf die gesunde Schulter und drückte mich sanft zurück ins Kissen. Dexters Gesicht erschien. Seine Stirn war gekräuselt und die roten Augen hatten einen merkwürdigen Glanz.
Dann spürte ich einen wohligen Schauder auf dem Rücken und war wenig überrascht, als kurz darauf auch Luans Gesicht erschien. Seine sonst gebräunte Haut war blass und unter seinen besorgten Augen lagen dunkle Ringe.
„Was ist passiert?“ Meine Stimme klang rau und war fast eine Konkurrenz für Dexters.
Er lächelte und ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bett fallen. „Du hast gegen Luan gekämpft und dann musste er dich ruhigstellen, bevor du dir oder anderen ernsthaften Schaden zugefügt hättest“, erklärte er stumpf.
Ich lachte matt und schloss die Augen. Ja sicher. Luan musste mich ruhigstellen, weil ich sonst eine Gefahr für mich und andere gewesen wäre. In Wirklichkeit hatte mich Felicity zur Weißglut getrieben und Luan hatte seinen Teil dazu beigetragen.
„Wie fühlst du dich?“, fragte Luan und sobald ich seine tiefe Stimme hörte, fühlte ich mich wohler.
Ich öffnete die Augen und sah ihn an. „So, wie ich wahrscheinlich aussehe“, erwiderte ich.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und die vollen Lippen öffneten sich leicht. „Du hast ganz schön viel Power.“
Ich hob eine Braue und ließ sie dann wieder sinken, weil mir keine Antwort darauf einfiel. Ihm schien es zu genügen, denn er setzte sich vorsichtig auf die Bettkante und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.
„Ich lass euch dann mal allein“, mit einem Schnaufen stand Dexter auf und klopfte sich den nicht vorhandenen Staub von der Hose.
Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, biss ich mir auf die Unterlippe und wich Luans Blicke aus. Nach einer Weile des peinlichen Schweigens brach er die Stille. „Es tut mir leid.“ Jetzt schaute ich ihn an und erschauderte, als ich ihn so verzweifelt sah. „Ich habe echt Mist gebaut. Mal wieder. Und ich habe deine Gefühle verletzt, deinen Stolz – ich habe dich verletzt und deshalb dürfte ich gar nicht hier sein. Du hast jemand bessern verdient als mich, der hier jetzt sitzt und …“ Er hob den Kopf und sah mir tief in die Augen. Sofort war ich wieder von den grell-gelben Streifen gebannt und konnte den Blick nicht abwenden.
„Liam sollte jetzt hier sein. Er sollte deine Hand halten, dir die Augen öffnen damit du endlich verstehst, wie dumm ich bin.“
Der Gedanke an meinen besten Freund versetzte mir einen tiefen Stich. Ich senkte den Kopf und war hin- und hergerissen, was ich dazu sagen sollte. Ich konnte Luans Handeln nachvollziehen, jeder hätte das Gleiche getan und eigentlich war ich diejenige, die sich entschuldigen musste, denn ich war durchgedreht ohne Rücksicht auf Luan. Ich musste endlich anfangen, mich nicht mehr wie ein kleines Mädchen zu verhalten.
„Und was ist, wenn ich das nicht will?“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Luan zog die Brauen zusammen und sah mich verwirrt an.
Ich schluckte. „Wenn ich es okay finde, dass du jetzt hier bist und nicht er?“
Sein Blick flackerte. Einen Moment lang sah er mir einfach nur tief in die Augen, aber dann schüttelte er den Kopf. „Ich bin ein Idiot“, knurrte er.
„Ein Vollidiot“, verbesserte ich und versuchte ein Lächeln. „Aber ich bin nicht besser.“
„Du solltest mich hassen, Nell. Das ist das einzig Richtige im Moment. Das wird dir einige unangenehme Situationen ersparen.“
Mit aufkommender Verzweiflung sah ich ihn an. „Ich hasse dich aber nicht. Ich weiß, dass ich es sollte. Du bist gemein und doof und ich kenne dich überhaupt nicht. Ich sollte dich hassen und ich weiß, dass ich das gestern zu dir gesagt habe, aber es stimmt nicht. Ich kann nichts dagegen tun.“
Vorsichtig richtete ich mich auf und suchte seinen Blick. Als er mir wieder und wieder auswich, streckte ich eine Hand aus und umfasste sein Kinn. Die schüchterne Berührung ließ ihn erschaudern und endlich sah er mich an.
„Ich hasse dich nicht“, wiederholte ich und ließ die Hand sinken. „Ich weiß, was du getan hast. Ich weiß, dass du meine Familie und mich verraten hast und ich weiß, dass du mit Felicity … eine gewisse Verbindung hast. Und ja, ich weiß auch, dass du sie sicher liebst und sie dich auf jeden Fall liebt und dass ich das nicht schön finde, aber es ist dein Leben und ich habe darin nichts verloren.“
Luan beugte sich vor und legte eine Hand an meine Wange, die sofort zu glühen begann. Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, als er sprach. „Ich liebe Felicity nicht.“
Diese vier Worte genügten mir. Ich glaubte ihm, ich glaubte ihm voll und ganz, obwohl ich mein Leben gerade überhaupt nicht verstand. Alles passierte so schnell. Einem Ereignis folgte das nächste und wenn ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, musste ich mich schon wieder mit neuen beschäftigten. Ich fühlte mich vollkommen fehl am Platz, verstand so gut wie gar nichts. Ich vermisste meine Familie und meine Freunde, gleichzeitig hatte ich keine Ahnung, was ich von Luan halten sollte. Von meinen unkontrollierbaren Gefühlen für ihn.
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