Ein Stich in meinem Arm ließ mich zusammenzucken.
Amber Notker, sie hatte mir die Spritze mit so viel Wucht in die Haut gerammt, dass dunkelrotes Blut hervorquoll und meinen zitternden Arm hinablief. „Nur, damit du es noch einmal aus meinem Mund hörst“, sagte sie kühl, „wir legen nicht besonders viel Wert darauf, was unsere Tester wollen“. Schwungvoll drehte sie sich zu Luan um. „Oder, was meinst du?“
Sein Blick flackerte, als er sie ansah, seine Augen dann jedoch an meinem Arm hängenblieben, der inzwischen vollkommen rot war. Die Wunde brannte wie Hölle. Ich presste zwei Finger darauf, doch es half nichts.
„Wir legen gar keinen Wert darauf“, presste Luan hervor und wandte sich ab.
Amber Notker lächelte süßlich. „Fein.“
Wütend sah ich sie an, doch sie hatte bereits das Interesse an mir verloren.
„Dexter, bring sie zurück auf ihr Zimmer. Carter wird gleich mit David hier auftauchen und vorher muss erst das ganze Blut entfernt werden“, wies sie an und erst jetzt merkte ich, dass mein Blut bereits eine kleine Lache zwischen meinen Füßen gebildet hatte.
„Ach, und Nellanyh“, Amber Notker drehte sich schwungvoll zu mir um.
„Morgen früh erfährst du die Ergebnisse deiner Blutwerte und je nachdem, wie sie ausfallen, wirst du dann morgen schon oder erst übermorgen in Abteil 2 gebracht.“
Ich spürte Dexters schwere Hand auf meiner Schulter, als er mich zu sich umdrehte und aus dem Raum führte, ohne dass ich einen letzten Blick zu Luan werfen konnte. Mein Begleiter führte mich mit schnellen Schritten den Flur entlang, ich kam kaum hinterher. Seine breite Brust verbarg mich fast vollständig, trotzdem entging mir nicht, wie mich die Erwachsenen musterten, an denen wir vorbeikamen.
Als wir das Zimmer erreicht hatten und eingetreten waren, sprang Lou sofort vom Bett auf. Mit vor Schrecken geweiteten Augen kam sie zu mir und starrte auf meinen blutverschmierten Arm. „Was haben sie mit dir gemacht?“ Ihre Stimme zitterte. Dann hob sie den Kopf und schaute an mir vorbei zu Dexter. Ihr Blick wurde kalt. „Ihr seid solche –“
Die Tür wurde aufgerissen und ein Beamter in Uniform erschien. „Lauffeuer in Abteil 5! Der Verantwortliche hat die Kontrolle verloren!“, rief er dröhnend. Dexter reagierte sofort. Innerhalb von wenigen Sekunden hatte er Lou angewiesen, mich zu versorgen, und war ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer gerauscht, vergessen, abzuschließen hatte er jedoch nicht.
Überrumpelt sahen wir uns an, dann fing sie sich als Erste.
Hastig verschwand sie im Badezimmer und kam kurz darauf mit Klopapier wieder. „Was anderes gibt’s nicht“, murmelte sie, während sich das Papier mit meinem Blut vollsog.
Eine Weile standen wir schweigend so da, bis die Blutung endlich aufhörte und Lou die roten Fasern von meiner Wunde zog. Zu sehen war noch immer eine kleine Einstichstelle und es brannte unaufhörlich, doch wenigstens musste ich nicht mehr meine Finger darauf pressen und das Risiko, zu verbluten, ging damit wahrscheinlich auch unter.
Sie führte mich zum Bett und ich ließ mich erschöpft darauf nieder.
„Warum warst du heute früh schon weg, als ich abgeholt wurde?“, fragte ich schließlich. Lou versteifte. „Sie wollten mit mir über die Blutproben sprechen, die sie gestern genommen haben.“
Ich beugte mich vor. „Und?“
Sie drehte den Kopf und sah mich direkt an. Ihre grün-braunen Augen waren dunkel. „Es sieht nicht gut aus. Anscheinend hat die Lasercreme nicht gewirkt und ich habe zu viele Strahlen abbekommen. Ich muss heute Abend nochmal in den Behandlungsraum, damit Amber Notker mir irgend so ein Mittel spritzt, das mich von den Strahlungen befreien soll.“ Sie zuckte mit den Schultern.
Ich rutschte näher an sie heran. „Das wird schon“, versuchte ich sie etwas zu ermutigen, scheiterte aber kläglich.
Ein Klopfen an der Tür ließ mich zusammenzucken. Lou warf mir einen verwirrten Blick zu und ich erhob mich zögernd. Normalerweise kamen doch alle immer ohne Vorwarnung hereingepoltert … Mit einem kurzen Blick über die Schulter drückte ich die Klinke nach unten und wurde stocksteif.
Luan musterte mich aus besorgten Augen und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Wie geht’s dir?“, fragte er mit rauer Stimme und neigte den Kopf.
Meine Unterlippe begann zu zittern. „Was kümmerst du dich darum?“
Er hielt inne, dann ließ er die Hand sinken und schaute an mir vorbei in den Raum. Ich versuchte, ihm den Weg zu versperren, doch er schob mich einfach zur Seite und trat ein. Wütend stieß ich die Tür hinter ihm zu und stockte. „Dexter hat sie vorhin doch abgeschlossen?“
Luan grinste hinterhältig. „Ich kann Schlösser mit einem einfachen Gedanken knacken, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt.“
Okay, dieser Kerl war definitiv gruselig. Ich schnaubte und folgte ihm zum Bett, von dem Lou mir entgegenstarrte.
„Ich bin übrigens Luan Moor und du wirst mich ab jetzt öfter sehen, wenn du viel Zeit mit Nell verbringst“, erklärte er entschieden. Ich musterte ihn verwirrt.
Lou erhob sich eilig und trat an uns vorbei. „Ich bin im Gemeinschaftsraum.“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und warf mir noch einen letzten, kurzen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Dann war ich mit diesem undurchschaubaren Typen allein.
Mit steifen Schritten ging ich an ihm vorbei und lehnte mich gegen die Wand, da Luan fast das gesamte Bett einnahm. Ich senkte die Lider und dann konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. „Wenn du weißt, wo meine Eltern sind, dann sag es mir“, forderte ich ihn auf und bemühte mich um einen drohenden Unterton.
Er wurde ernst. „Warum sollte ich dir das verraten?“
Ich hob den Kopf und ballte die Hände zu Fäusten. „Wo – sind – sie?“
Er hob unbeeindruckt eine Braue und seufzte tief. „Ich weiß es nicht genau, aber ich weiß, dass sie in Abteil 1 untergebracht sind. Beziehungsweise …“, er sprach nicht weiter und ich erhob mich. „Was?“
„Ich glaube nicht, dass alle vier noch leben. Die Red Eyes wollten nur zwei von ihnen.“ Ich starrte ihn an, während sich eine kalte Hand auf meine Brust legte und mir jeden Atemzug erschwerte.
Er suchte meinen Blick und seine gelben Streifen zogen mich in einem undurchdringbaren Bann.
„Ich will nichts Falsches sagen, aber ich denke, dass deine Mutter und eure Seherin noch leben, aber der Anführer der Green Eyes und dieser Peroll –“ Er schüttelte den Kopf.
Meine Knie gaben nach, ich sackte zusammen. Bevor ich jedoch mit dem Rücken am Boden aufschlug, hatte Luan plötzlich seine Arme um meine Taille gelegt und hob mich hoch, als wäre ich nicht schwerer als eine Feder. Heiße Tränen brannten in meiner Kehle, doch ich wollte nicht vor ihm weinen. Nicht vor ihm.
„Es ist okay“, hörte ich seine tiefe Stimme neben meinem Ohr.„Es ist okay, Nell. Du kannst es rauslassen.“
Verwirrt blinzelte ich zu ihm auf. Als sich unsere Blicke trafen, begannen die gelben Streifen in seinen wunderschönen Augen zu leuchten. Und als er dann auch noch beide Hände an meine Wangen legte, war es endgültig um mich geschehen. Leise wimmernd neigte ich den Kopf an seine Brust und die Tränen rollten mir über die Wangen, durchnässten den Stoff seines T-Shirts an der Schulter, doch das schien ihm egal zu sein.
„Warum?“, schluchzte ich verzweifelt. „Warum mussten sie sterben?“
Er fuhr mit der Hand sachte über meinen Rücken und ließ sie dann auf meiner Taille ruhen, um mich näher an sich heranzuziehen. Doch er gab mir keine Antwort. Eine Weile standen wir einfach schweigend zusammen, ich weinte in seine Schulter und er legte das Kinn auf meinen Kopf und gab tiefe Laute von sich, die wunderschön klangen.
„Vor ein paar Tagen im Wald, weißt du noch?“, murmelte er schließlich, als meine Tränen versiegt waren. „Als du mich zum ersten Mal als Mutant gesehen hast. Ich habe die Kontrolle über mich verloren. Du hast es tatsächlich geschafft, dass ich einmal die Kontrolle verliere.“
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