„Was ist?“ Er hob unschuldig die Arme.
Wütend funkelte ich ihn an. „Warum kommst du überhaupt mit?“
Sein rechter Mundwinkel hob sich und das arroganteste Lächeln erschien, das ich je gesehen hatte. „Weil du dich in meiner Anwesenheit wohl fühlst.“
Ich schnaubte verzweifelt und wandte mich an Dexter. „Kannst du es ihm sagen?“
Dexter wischte sich über den Mund, um ein Grinsen zu verbergen, scheiterte aber kläglich. In mir brodelte es und ich war kurz davor, zu explodieren.
„Ich denke, es wäre besser, wenn ich euch beide für ein paar Stunden allein lasse“, sagte er mit erhobenen Brauen.
„Für ein paar Stunden?“, fragte ich perplex.
Er zuckte mit den Schultern. „Wir können das Ganze auch etwas abkürzen, aber ich muss noch eine Trainingseinheit vorbereiten und hole dich dann in einer halben Stunde wieder ab.“
Ohne noch einmal in mein empörtes Gesicht zu blicken, drehte er ab und verschwand hinter der nächsten Ecke.
„Der Gemeinschaftsraum ist eine Minute von hier“, meldete sich Luan zu Wort. Ich holte tief Luft und folgte ihm mit steifen Schritten. Selbst eine Minute war schon zu viel.
Als wir durch eine halb offene Glastür in einen riesigen Raum traten, fiel mir sofort der weiße Haarschopf auf, der mir ziemlich bekannt vorkam. Mein Rücken wurde von unregelmäßigen Schaudern heimgesucht und ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Doch plötzlich ahnte ich es, als hätten sich zwei Magnete gefunden und angezogen. Immer, wenn andere Mutanten in der Nähe waren, bekam ich diese Schauder auf dem Rücken … Es musste also eine Art Verbindung zwischen uns allen geben und da hier haufenweise Mutanten rumsaßen, waren die Schauder so stark und unregelmäßig.
Luan führte mich zu einem runden Tisch, der ganz in der Nähe von Davids stand. Vorsichtig warf ich einen Blick in seine Richtung und sah, dass er nicht allein war. Ein Mädchen saß bei ihm. Sie hatte dunkelbraune Haare, die ihr leicht wellig über die schmalen Schultern fielen. Als sie den Kopf drehte und mich ansah, erkannte ich ihre Augen. Sie waren schwarz und braun. Sie trug also die Kräfte der Black und Brown Eyes in sich.
Erst, als ich mich leicht vorbeugte, merkte ich, dass sie gar nicht mich ansah, sondern Luan. Mein Magen zog sich zusammen, als ihre Augen zu schimmern begannen und sie anfing zu lächeln. Langsam sah ich Luan von der Seite an und mein Herz setzte einen Schlag aus. Er lächelte zurück Und obwohl ich diesen Typen eigentlich abgrundtief hasste, ärgerte es mich, dass er sie anlächelte, und zwar nicht arrogant, sondern offen und … sexy? Ohne zu überlegen rammte ich ihm meinen Ellenbogen in die Seite. Er zuckte kaum zusammen, wandte den Blick aber ab und als er mich ansah, verschwand sein Lächeln. Ich schluckte schwer. „Kennst du sie?“, fragte ich mit geblähten Nasenflügeln und machte eine schnelle Kopfbewegung in die Richtung des Mädchens.
„Felicity? Ja, ich kenne sie ziemlich gut“, sagte er und lehnte sich zurück. Sein Blick ruhte auf meinen Lippen, während er sprach. „Sie ist so alt wie ich, also ein Jahr älter als du. Wir sind zusammen mit meinem Bruder eingeliefert worden, als wir zehn oder elf waren.“
„Moment mal“, ich schob mir eine Strähne hinters Ohr und war froh, dass er endlich den Blick von meinen Lippen hob und mir in die Augen sah. „Du hast einen Bruder?“
Luan zuckte mit den Schultern. „Klar.“
„Klar?“, wiederholte ich. „Warum hast du mir nichts von ihm erzählt?“
„Warum hätte ich das tun sollen, du hasst mich doch.“
Darauf konnte ich nichts erwidern, denn zwei dünne Arme schoben sich in mein Sichtfeld und vor Luan. Gleich darauf wurde ich vom starken Duft eines Parfums eingehüllt und bekam kaum noch Luft, weil es so intensiv war.
„Hey“, erklang eine helle Stimme. „Ich habe dich gesucht.“
Ich beugte mich zur Seite, um etwas sehen zu können, und bereute es gleich darauf. Die bildhübsche Felicity schaute Luan tief in die Augen und ihre Lippen waren nur wenige Zentimeter von seinem Mund entfernt, der sich zu einem warmen Lächeln verzogen hatte.
„Hat sich ja gelohnt“, erwiderte er.
Einige Strähnen glitten von ihren Schultern und berührten Luans Kinn. Sein Lächeln wurde breiter, als er sie zwischen zwei Finger nahm und begann, sie einzudrehen. Mir wurde übel und bevor ich mitansehen musste, wie dieses Model ihre vollen Lippen auf seinen Mund presste, erhob ich mich und stieß den Stuhl schwungvoll nach hinten. Felicity schnellte herum und musterte mich aus ihren schimmernden Augen.
„Wer ist sie?“, wollte sie mit erhobenen Brauen wissen.
Luan seufzte und erhob sich ebenfalls. „Ein stacheliger Kaktus, der nach Aufmerksamkeit lechzt, und um es genauer zu beschreiben, die Mutante, die aus unserem hübschen Duett ein langweiliges Trio macht.“
Mir fiel die Kinnlade herunter und ich konnte ihn nur anstarren. Felicity verzog den Mund, als hätte sie auf etwas Saures gebissen.
Und Luan – Luan grinste.
8
Nell
„Sie hat M-1?“, schlussfolgerte Felicity ungläubig und musterte mich dabei, als sei ich ein stinkendes Insekt. Luan nickte und verschränkte die Arme vor der Brust, sodass sein schwarzes T-Shirt über seinen Oberarmen spannte. Meine Gedanken drifteten kurz ab und ich stellte fest, dass alle männlichen Mutanten nur schwarz trugen und alle weiblichen nur weiß. Irgendwie langweilig …
Doch ich wurde schnell und hart zurück in die Realität katapultiert.
„Es ist noch nicht bewiesen, aber Amber Notker ist hin und weg von ihr“, murmelte Luan und setzte eine gelangweilte Miene auf.
Felicity stöhnte und fing an, ihre Schläfe zu massieren. „Na super. Ein Krüppel am Bein hat uns gerade noch gefehlt.“
Ungläubig stieß ich die Luft aus. „Ich stehe gerade neben dir, falls du es noch nicht mitbekommen hast“, fuhr ich sie an.
Sie verzog die vollen Lippen zu einem herablassenden Grinsen. „Nicht doch so aufregen, Kleine. Du bekommst schon rote Ohren.“
Meine Hände begannen so stark zu zittern, dass ich sie zusammenballte. „Ich bin keine Kleine“, knurrte ich finster und hielt ihrem Blick stan. Felicity warf sich mit so viel Schwung die Haare über die Schultern, dass ihre Spitzen gegen meine Wange schlugen. Es brannte höllisch, doch ich ließ mir nichts anmerken.
„Komm nachher auf mein Zimmer. Ich wurde in die 11 einquartiert“, sagte sie zu Luan. „Dann kann ich dir sagen, warum ich hier bin.“ Mit einem letzten, herablassenden Blick auf mich drehte sie sich endlich weg und stakste mit schwingenden Hüften aus dem Gemeinschaftsraum. Ich blieb vor Wut kochend zurück und starrte auf die Stelle, an der sie verschwunden war, als könne ich sie dadurch stolpern lassen. Luan machte neben mir ein tiefes Geräusch und ich löste meinen Blick von der Tür.
„Was war das denn?“, fragte er und musterte mich finster.
Ich schnaubte. „Sie hat angefangen, mich grundlos zu beleidigen.“
„Ach bitte, sei nicht kindisch, Nell.“ Er winkte ab und schüttelte den Kopf. Da dieses Gespräch immer sinnloser wurde, und ich sowieso keine Chance gegen ihn hatte, wechselte ich das Thema.
„Wo ist meine Mom?“
„Nell –.“
„Wo ist sie?“
Luan seufzte. „Deine Stimmungsschwankungen sind echt nicht auszuhalten. Und da könntest du sowieso nicht einfach reinspazieren.“
Zum ersten Mal, seit ich hier war, konzentrierte ich mich auf meinen Mittelpunkt. Ich spürte Energie, die mein Blut durchströmte. Ich spürte meine gewohnten Kräfte, aber auch eine neue, unbekannte Kraft. Sie ließ mich schneller atmen, machte mich stärker und mutiger.
„Das ist eine ganz, ganz schlechte Idee“, warnte Luan und spannte die Schultern an. Ruckartig drehte ich ihm den Kopf zu. Ich spürte den Mittelpunkt, der in mir tobte wie ein Tornado und endlich freigelassen werden wollte. Meine gesamte Energie ballte sich in meinen Händen und ich fixierte mein Ziel.
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