Er war sicher so enttäuscht. „Hast wohl einen anderen?“ Ich wusste nicht, ob das nun ein Scherz sein sollte oder ob er das tatsächlich dachte. „Anna hat dir doch erzählt, dass ich Hausarrest bekam und meine Eltern mich nicht mehr weggelassen haben. Glaub mir, ich wäre so gerne gekommen. Ich wollte dich unbedingt wiedersehen und deshalb bin ich auch heute gekommen.“ Er gab mir einen Kuss auf die Wange und ich nutzte die Gelegenheit und blieb nun, während wir tanzten ununterbrochen mit meiner Wange an seinen Lippen. Es war himmlisch, so sanft, weich, warm und gut duftend. „Jetzt habe ich ihn und lass ihn nicht mehr los. Scheiß auf Ella, er wird das schon regeln, er muss.“ Wir gingen wieder an den Tisch zurück, Anna zwinkerte mir strahlend zu, sie hatte es geschafft, Ella in die Flucht zu jagen. Wie hatte sie das nur wieder gemacht? „Wo ist denn Ella?“, flüsterte ich ihr zu. „Die habe ich davongejagt.“ „Wie ist dir denn das gelungen?“ „Kennst mich ja, ich habe ihr gesagt, dass du schon lange mit Raul zusammen bist und sie sich da lieber keine Hoffnung machen soll, denn du gibst ihm so schnell nicht den Laufpass.“ „Und das hat sie dir abgenommen?.“ „Nicht sofort, aber auch ich kann Angst einflößend gucken. Es war einfach köstlich.“ Ich fühlte mich sehr wohl, was auch daran lag, dass Anna bei mir in der Nähe blieb, denn ich wollte auf keinem Fall an diesem Abend noch einmal Ella begegnen. Die Zeit verging viel zu schnell, wir lachten, tanzten und tranken zusammen und auch Anna hatte sich inzwischen einem kubanischen Flirt hingegeben. Er hieß Fidel und war ein gutaussehender großer Mann, seine Hautfarbe war milchkaffeebraun und wenn er lachte, strahlte aus ihm die pure Sonnenenergie. Anna war ihm bereits ergeben. Ich beobachtete sie schon eine Weile, sie sah sehr gut aus. Sie hatte schulterlange, rotbraune Naturlocken und kämmte sie stets leicht mit etwas Gel allesamt glatt nach hinten aus ihrem Gesicht. Sie selbst mochte ihre Locken nicht, ich hingegen fand sie wunderschön. Da sie über sehr weibliche Rundungen verfügte, fand sie, dass ihre Locken dies nur noch unterstreichen würden. Ihr Lippenstift war nun mehr auf Fidels Lippen als auf ihren eigenen. „Du hast es gut“, sagte ich zu ihr. „Du wirst sicher mit ihm die Nacht verbringen.“ „Ja, das werde ich, so gesehen hat die Aktion mit Raul auch für mich etwas Nützliches gehabt. Wir sind uns in den letzten Wochen schon nähergekommen und heute lasse ich nichts mehr anbrennen“, sagte sie schmunzelnd. „Du wirst Raul doch sicher heute Abend auch begleiten, so oder so bekommst du Ärger zu Hause, also was soll’s, wenn schon Ärger,dann sollte sich es doch auch lohnen und denk dran, garantieren kann ich dir nicht, dass Ella beim nächsten Mal wieder aufkreuzt, nimm ihn dir!“ Der letzte Tanz wurde angekündigt und das war wie immer ein langsamer Song. Ich nahm Raul bei der Hand und wir tanzten diesen letzten Song eng zusammen. Ich wollte einfach nicht, dass der Tanz zu Ende geht. Würde er mich fragen, ob wir noch zusammen etwas trinken oder zu ihm nach Hause gehen? Wenn nicht, was sollte ich tun, auf eine neue Verabredung ließ er sich bestimmt nicht ein. Warum fragt er mich denn nicht? Er schwieg, da er spürbar und sichtlich mit geschlossenen Augen das Tanzen mit mir genoss, sagte ich auch nichts. Das verdammte grelle Licht ging nun an, wie unsensibel, jedes Mal zum Ende eines Abends gingen immer diese blöden Kronleuchter an. Die Musik war auch schon zu Ende und wir standen immer noch auf der Tanzfläche. Schweigend gingen wir zum Tisch und gemeinsam mit Anna und Fidel zum Ausgang. Draußen angelangt, knutschten wir wieder. „Wir gehen jetzt, kommt ihr auch mit?“ „Wohin geht ihr denn?“ „Jetzt frag’ doch nicht so naiv.“ Ich wusste es ja, aber irgendwas musste ich ja antworten. Fidel sprach einige Worte in Spanisch zu Raul. Er schaute mich an und sagte: „Kommst du mit?“ „Ja, aber, wohin?“, fragte ich schüchtern. „Na, nach Hause zu uns, komm bitte mit.“ Wie er das sagte, mit diesem Blick aus seinen braunen Kullerlaugen. Anna rief jetzt: „Los, überleg nicht zu lange, vergiss jetzt deine Eltern und denk an den schönen Abend, der dir noch bevorsteht. Wir nehmen ein Taxi zusammen.“ Raul sah mich an, nahm meine Hand und nun konnte ich ihm nicht mehr widerstehen. Ich wollte es ja auch so und war froh darüber, dass Anna die Sache in die Hand genommen hatte. In ihrer Gesellschaft fühlte ich mich immer so beschützt. Sie lief mit Fidel vor uns und kicherte, sie sah so sexy aus, ihr Hintern schaukelte so weiblich und selbstbewusst. Schon im Taxi, als Raul und ich zusammen auf dem Rücksitz saßen, konnten wir gar nicht mehr voneinander loslassen. So unendlich wohl hatte ich mich noch nie gefühlt, völlig frei und kein einziger Gedanke an die Folgen zu Hause. Als das Taxi anhielt, standen wir vor einem Häuserblock, wo anscheinend noch niemand schlief, in fast jedem Fenster sah man Licht und lärmende Stimmen und Musik drang aus ihnen. „Wo sind wir denn hier gelandet?“, sagte Anna „Die scheinen sich gewaltig zu streiten.“ Ich war so erschrocken und mit einem Schlag kam in mir die Ernüchterung. „Um Himmels willen, was ist denn hier los, wo sind wir? Hier steige ich nicht aus, Anna, ich habe Angst. Noch können wir zurück.“ Ich merkte, dass auch Anna ihr Unbehagen nicht unterdrücken konnte, was mich nur noch unsicherer machte. Sie war doch von uns die Starke und Mutige. Der Taxifahrer sagte: „Das ist immer so hier und scheint ganz normal zu sein.“ Unsere Ankunft, unsere Gedanken und kurzer Wortwechsel spielten sich alle innerhalb von Sekunden ab. Währenddessen ließ ich Raul völlig außer Acht und erst recht nicht zu Wort kommen. Jetzt endlich sagte er: „Was ist mit dir, wieso hast du jetzt Angst vor mir, was ist passiert?“ Irgendwie schien er wirklich nicht zu verstehen, was in mir vorging. So wie er mich dabei ansah spürte ich wieder das Blut in meinem Körper und seine Worte hatten sofort etwas Beruhigendes für mich. „Was ist denn hier nur los? Dieser Lärm, die vielen Kubaner, das macht mir Angst, was habt ihr vor mit uns? Was ist das für ein Haus? Wohnst du etwa hier?“ „Wie denkst du denn von mir? Dir passiert doch nichts, hier ich bin doch bei dir und du bist mein. Das ist das Wohnheim, in dem wir untergebracht wurden. Wir wohnen alle hier und jeder hat sein Zimmer und was meinst du mit Lärm? Hier streitet sich doch niemand, wir sprechen immer laut und viel. Wir haben eben viel Temperament.“ Jetzt tat es mir schon wieder leid, wie konnte ich nur solche Gedanken haben. Ich bin sein, sagte er, es hatte so etwas Männliches, er hatte sich also wirklich für mich entschieden. Ich brauchte keine Angst zu haben, er würde niemals zulassen, dass mir etwas passiert. Was jedoch seine Worte ‚Du bist mein’ für eine gewaltige Bedeutung hatten, sollte ich erst viel später erfahren. Nun stiegen wir endlich aus. Es gab hier und da einen kurzen Wortwechsel in ihrer Landessprache und es klang auch nicht ein bisschen beängstigend für uns. Das ging so durch das gesamte Treppenhaus und auch noch weiter, als wir oben in deren Wohnung ankamen. Anna und ich fanden das sogar lustig, man mochte es kaum glauben, dass es so gesellige Menschen gab. Die hatten wirklich Temperament. Wir tranken zusammen Havanna Club und Salsamusik klang vom Tonband. Wir amüsierten uns einfach köstlich, schon allein durch dieses Durcheinander beim Sprechen. Solche Art von Party mit so viel Geselligkeit und Freude hatten wir noch nie erlebt. Die Kubaner waren auch ständig in Bewegung, sie sprachen mit Händen und Füßen und unterstrichen dazu jedes Wort mit ihrer Mimik. Es war wunderbar. Das erklärte uns auch nun, warum es so laut zuging. Inzwischen waren wir auch aufgetaut, mir fiel nur auf, dass kein einziges kubanisches Mädchen da war. Aber vielleicht wohnten sie ja getrennt. So gegen fünf Uhr wurde es langsam ruhiger und wir waren nur noch zu viert. Anna hatte schon eine Ewigkeit nichts mehr gesprochen, aber das war ja auch kein Wunder, da sie mit Fidel die ganze Zeit rumknutschte. Sie zogen sich nun beide lachend in Fidels Zimmer zurück. Raul stand auf, nahm mich an der Hand und wir gingen ebenfalls beide gemeinsam in sein Zimmer. Ich war so schüchtern und heilfroh, dass es dunkel war. Sein Bett war klein, aber das störte uns natürlich überhaupt nicht. Es war eine wunderschöne Nacht, besser gesagt von dem, was davon übrig war. Wir erwachten am späten Morgen durch den Lärm, der draußen wieder tobte. Die Kubaner waren wieder zum Leben erwacht. Plötzlich realisierte ich, dass ich eine Nacht nicht zu Hause war. Oh mein Gott, meine Eltern hatten es jetzt sicher auch schon gemerkt. Der Gedanke, wieder nach Hause zu gehen, jagte mir unendliche Furcht ein, aber mir war natürlich klar, dass ich nach Hause gehen musste, so oder so. Raul wollte aufstehen, ich sagte: „Bitte geh nicht raus ich will hier nicht alleine in deinem Zimmer bleiben.“ „Ich geh doch nur ins Bad, bin gleich wieder da.“ Es verging eine Weile und immer wieder hörte ich laute Stimmen an der Tür vorbeihuschen, so als ob jeden Moment jemand reinkommen würde. Ich fühlte mich so unwohl, dass ich schon fast bereute, hier zu sein. Ich hockte auf seinem Bett unter der Decke und schaute mich in seinem Zimmer um. Es sah alles sehr bescheiden aus: ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett und ein Schrank. Raul kam endlich zurück und brachte mir Kaffee. Ich war so froh, endlich war er wieder bei mir. Es kam mir schon vor wie eine halbe Ewigkeit. Der Kaffee war heiß und sehr gut. „Ich möchte gerne ins Bad, bitte komm mit mir, ich trau mich nicht allein da raus.“ Als wir zusammen aus seinem Zimmer kamen, waren einige Kubaner draußen und sahen mich an. Ich kam mir so blöd vor und schämte mich so. Endlich sah ich Anna, ihr schien es wirklich gut zu gehen. So langsam sah ich erst einmal, wo wir hier genau waren. In der Nacht waren so viele Leute da, dass ich mir davon noch gar kein Bild gemacht hatte. Es war eine ganz normale Wohnung mit drei Zimmern, einem Bad und einer Küche. Als wir alle wieder angezogen, fit und wach waren, fing Raul und Fidel an zu kochen. Es gab Reis mit roten Bohnen und Fleisch in einer roten Soße mit viel Knoblauch zubereitet. Für uns war das absolut fremd, aber es schmeckte sehr gut. Die Küche war so klein und trotzdem standen wir alle die ganze Zeit darin, tranken und rauchten und lachten über unsere kleinen Verständigungsschwierigkeiten. Keinen Moment mehr dachte ich daran, nach Hause zu gehen. Als es dunkel wurde, sagte ich zu Anna: „Mist, ich muss langsam nach Hause.“ „Ich bleibe hier bei Fidel, bleib doch auch, was willst du zu Hause, da hast du sowieso nur Ärger und was willst du denn sagen, wo du warst.“ „Du hast es gut, du kannst machen, was du willst, gestern nicht nach Hause zu kommen, war schon schlimm genug, aber jetzt machen sich meine Eltern vielleicht doch schon Sorgen, dass mir was passiert ist, ich kann ja noch nicht einmal anrufen. So oder so mir bleibt gar nichts anderes übrig“, und wandte mich Raul zu. „Ich muss jetzt langsam gehen.“ „Wieso? Bleib doch da.“ Ich dachte nur: Will er oder kann er mich nicht verstehen? Ich kann doch nicht einfach noch eine Nacht bleiben und außerdem habe ich nicht einmal Klamotten zum Wechseln dabei, das kann er doch nicht wollen.“ „Bei uns sind die Mädchen mit 15 Jahren erwachsen, deine Eltern werden das doch sicher verstehen.“ „Bei uns aber nicht, wir sind erst mit 18 Jahren erwachsen und außerdem muss ich morgen zur Schule. Meine Eltern denken sonst wirklich, dass mir was passiert ist. Ich würde auch viel lieber dableiben, aber es geht nicht.“ Es kam mir vor als würde er mir das nicht glauben, aber mir fiel dazu auch nichts mehr ein. Mit der Situation war ich dann wirklich überfordert. „Ich bring dich nach Hause aber wir sehen uns morgen.“ Ich war jetzt so froh, dass er das sagte und ich nicht die Stunde Heimweg allein antreten musste, zumal ich nicht einmal genau wusste, wo ich überhaupt war. Es war ein weiter Weg, wir fuhren mit der Straßenbahn. Es war kalt und wir warteten eine Ewigkeit, bis eine Straßenbahn kam. Es war so angenehm, ihn in meiner Nähe zu wissen. Als wir dann nach mehr als einer Stunde bei mir ankamen, liefen wir noch ein Stück. Wir verbrachten noch eine ganze Weile in der Kälte und wärmten einander eng umschlungen. „Komm morgen zu mir!“ „Ich weiß noch nicht einmal, was mich jetzt erwartet. Ich habe Angst, heimzugehen.“ „Aber warum gehst du dann heim, wenn du solche Angst hast und wie kann man überhaupt vor seinen eigenen Eltern Angst haben. Komm morgen.“ Wie war das wohl in Kuba? Durften da die Kinder machen, was sie wollten? Waren die Eltern dort so viel anders als in Deutschland? „Okay, kannst du mich nach der Schule um 15:30 Uhr abholen?“ „Gut ich hol dich ab. Wo ist deine Schule?“ Ich gab ihm die Adresse, wir verabschiedeten uns und ich ging heim. Noch eine Weile stand ich am Hauseingang und sah ihm nach. „Dreh dich doch noch mal um, nur noch einmal, ich will doch wissen, ob ich noch in deinen Gedanken bin.“ Endlich, er drehte sich noch einmal um und warf mir einen Kuss zu. Diese Leichtigkeit, es könnte doch alles so einfach sein. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Nur noch zwei, drei Sekunden trennten mich von der Türklinke zur Wohnung. „Ich muss, ich muss, ich muss!“ Und somit öffnete ich die Tür und trat ein. Es war so gegen 19:00 Uhr. Im Wohnzimmer sah ich Licht und ansonsten war es überall dunkel. Die müssten mich doch jetzt gehört haben, wieso sprang mir denn mein Vater nicht direkt entgegen, was war nur los hier? Diese Ruhe machte mich fast wahnsinnig und noch viel unsicherer, als ich es ohnehin schon war. „Okay“, dachte ich, „auf geht’s, wenn mir schon diese Ruhe entgegengebracht wird, dann bleibe ich eben auch ganz ruhig.“ Ich öffnete kurz die Wohnzimmertür und sagte nur schnell. „Ich bin da!“ Ich sah meinen Vater auf dem Sofa liegen und meine Mutter saß auf dem Sessel. Beide sahen fern, dachte ich jedenfalls. Mein Vater schlief, aber ich hörte meine Mutter zu ihm sagen: „Deine Tochter ist da.“ Oh mein Gott, es ging los, wie von einer Tarantel gestochen sprang mein Vater hoch und nichts war schlimmer bei ihm, als wenn man ihn aus einem kurzen Schläfchen weckte. Ich ging rückwärts raus und er kam auf mich zu, ständig zuckte ich zusammen. Er sah verschlafen aus und doch wütend. Er redete auf mich ein, fragte mich, wo ich mich die ganze Nacht rumgetrieben hätte und mit wem. Währenddessen prügelte er auf mich ein und ich hasste diese Ohrfeigen mit seinem Handrücken im Gesicht, es brannte und tat so weh. Natürlich heulte ich und hielt mir immer wieder die getroffenen Stellen zu. Er schaffte es sogar noch, meine Hand jedes Mal davon wegzureißen, bevor er erneut ausholte. „Ich habe bei Anna übernachtet, wir waren zusammen weg und es war schon spät.“ „Du lügst schon wieder, wir waren zweimal dort und niemand war da. Verschwinde in dein Zimmer und wage es ja nicht, da wieder rauszukommen.“ Nichts lieber als das, dachte ich. Nach einer Weile kam meine Mutter rein und sagt nur: „Wir haben uns Sorgen gemacht, es hätte ja was passiert sein können. Ich bin sehr enttäuscht von dir.“ Das konnte ich jetzt auch nicht mehr ändern. Ich wollte doch einfach nur weg von zu Hause, für immer. Nie mehr nach Hause kommen. Am nächsten Morgen fuhren meine Mutter und ich wie immer mit derselben Straßenbahn, sie zur Arbeit und ich zur Berufsschule. „Mutti, ich habe jemanden kennengelernt. Er ist so lieb und so anständig, aber er ist kein Deutscher, er ist Kubaner und er ist 22 Jahre alt.“ „Das kommt überhaupt nicht in Frage, du spinnst wohl, ein Ausländer, der sicher schon eine Frau in Kuba hat. Der will sich doch hier die Zeit nur amüsant verkürzen.“ „Aber Kuba ist doch ein kommunistisches Land, das sind anständige Leute“, sagte ich. „Wenn du denkst, dass du dich weiter mit ihm treffen kannst, schlag dir das aus dem Kopf. Du kommst heute nach der Schule zu mir ins Büro und wartest dort auf mich, wir fahren zusammen nach Hause.“ Hätte ich doch bloß nichts gesagt, jetzt hatte ich auch noch meine Mutter gegen mich. Wer wusste, was sie sich alles hat anhören müssen von meinem Vater, als ich nicht da war. Tja ich konnte aber heute nicht zu ihr ins Büro kommen, ich war ja mit Raul verabredet. In der Schule erzählte ich alles Adele, sie konnte es kaum glauben. „Ich muss weg von zu Hause, jetzt ist Schluss. In der großen Pause fahre ich schnell heim und hole ein paar Sachen. Wenn jemand fragt, wo ich bin, sag einfach, ich musste zum Zahnarzt.“ „Aber Petra, du weißt, wenn du das machst, kannst du wahrscheinlich nie mehr nach Hause.“ „Das ist mir egal.“ Die Schule war pünktlich zu Ende und Raul stand draußen und wartete auf mich. Ich war so stolz auf ihn, alle konnten ihn sehen. Ein paar Sachen hatte ich in der Pause geholt und in einen Stoffbeutel gepackt. Wir fuhren nun gemeinsam zu ihm nach Hause. Was für ein schönes Gefühl, so frei und unbeschwert. Ich hatte mit zu Hause abgeschlossen. Nicht ein einziges Mal dachte ich mehr daran, keine Angst mehr, nichts mehr war davon übrig. Nur meine Mutter tat mir leid, sie wartete sicher auf mich und musste nun ihrem Mann sagen, dass ich nicht gekommen war, und ganz sicher machte er ihr nun die Hölle heiß, meine arme Mutter. Bei Raul angekommen, kochte er uns was, diesmal half ich ihm aber und es machte richtig Spaß. Er war so fürsorglich. Ich sagte ihm, dass ich bei ihm bleibe und nicht mehr nach Hause gehe. Er konnte es kaum glauben und für den ersten Moment machte er sich sogar Sorgen wegen meinen Eltern, ob ich mir da wirklich sicher sei. Das machte mich nun wieder unsicher. War es nun doch vielleicht zu viel für ihn? Was sollte das denn nun, er wollte es doch so? Ich erzählte ihm alles vom Vorabend und sagte ihm, dass ich mir ganz sicher wäre und nicht mehr nach Hause möchte. „Okay, dann bleibst du hier, wir kriegen das schon hin, Hauptsache, es geht dir gut.“ Das hatte er so schön gesagt. Er gab mir jeden Tag Geld, damit ich mir immer etwas zum Frühstück beim Bäcker kaufen konnte. Meistens aber brachte mir Adele etwas zu essen mit. Ihre Mutter wusste, dass ich nicht mehr zu Hause war, und sie machte ihr jeden Morgen ein riesiges Frühstückspaket für uns zwei. Raul und ich verbrachten fast jeden Nachmittag zusammen, wir kochten, gingen zusammen einkaufen, badeten zusammen und wuschen zusammen unsere Wäsche. Wir hörten immer die Bee Gees und Gloria Gaynor ‚I will survive’. So jedenfalls verliefen unsere ersten Wochen. Von meinen Eltern hatte ich nichts mehr gehört. Von meinem Lehrausbilder erfuhr ich nur, dass meine Mutter in der Schule war. Maria hatte ich telefonisch darüber informiert, wo ich war, obwohl ich ihr so von Raul vorschwärmte, konnte und wollte sie mein Verschwinden nicht gutheißen. In der Woche, als Raul Nachtschicht hatte, fing das erste große Problem für mich an. Die Nachmittage konnten wir zwar zusammen verbringen, aber am Abend musste Raul zur Arbeit. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne ihn die Nacht in dem Wohnheim zu verbringen. Das Zimmer, in welchem wir schliefen, war für zwei Bewohner und wir hatten unseren Teil nur mit zwei Kleiderschränken und einem Vorhang abgetrennt. Es war für mich eigenartig, dass Raul nicht wollte, dass ich das Zimmer verlasse, wenn er weg war. „Du bleibst im Zimmer, wenn ich nicht da bin, ich möchte nicht, dass du rausgehst oder sonst irgendwo anders hin und auch nicht mit jemand sprichst oder ins Zimmer lässt.“ „Aber wo soll ich denn hingehen? Und wenn ich zur Toilette muss?“ „Dann geh jetzt, es ist besser so.“ Er hatte dabei so einen komischen Gesichtsausdruck, das gefiel mir gar nicht. Was waren denn das plötzlich für Töne, wieso verhielt er sich so, was hatte das zu bedeuten? Er brachte mir alles, was ich hätte brauchen können, etwas zum Essen oder Trinken. Als er ging, fühlte ich mich fürchterlich einsam, ich sehnte mich nach Maria, nach Anna nach einer gewohnten Umgebung. Plötzlich war mir alles fremd in diesem Zimmer. Die Geräusche von draußen, die Stimmen der anderen Kubaner, die wie immer laut waren. Das machte mir Angst. Ich hockte auf dem Bett, die Beine angewinkelt und mein Kopf fiel mir auf die Knie und ich trug ein Hemd von Raul. So blieb ich mindestens zwei Stunden regungslos sitzen. Ich hatte Sehnsucht nach einem Zuhause, nicht nach meinem Zuhause, aber nach irgendeinem guten Zuhause. Eine vertraute Umgebung ohne fremde Leute und Geräusche, wo ich mich frei bewegen konnte. Es war kaum zum Aushalten, als Raul weg war. Es fiel mir sehr schwer, einzuschlafen. Am Morgen, als Raul kam, stand ich auf und ging selbst zur Arbeit. Jedes Mal fragte er mich, ob ich auch wirklich die ganze Nacht im Zimmer war. „Natürlich war ich im Zimmer, wo soll ich denn sonst gewesen sein?“ „Sei nicht so frech!“, sagte er. Ich konnte das alles nicht verstehen. Aber die Freizeit, die wir dann gemeinsam verbrachten, war trotzdem schön, obwohl ich immer wieder merkte, dass er sehr eifersüchtig war. Bei jedem Jungen oder einem Kubaner, der uns begegnete, sagte er ständig, ich solle sie doch nicht so anschauen. Egal wo es war, ob in der Straßenbahn oder im Bus oder einfach nur auf der Straße, immer wieder machte er mir eine Szene. „Ich habe ihn nicht angeschaut.“ „Doch ich habe es genau gesehen, du hast ihn angelacht.“ „Das habe ich nicht, jetzt hör doch auf, warum sollte ich denn, ich bin doch mit dir zusammen und was ist schon dabei, wenn man mal jemanden ganz normal anschaut, das kann doch überall passieren. Soll ich immer nur auf den Boden schauen? Du musst doch Vertrauen haben, das ist doch das Mindeste, wenn man zusammen ist.“ „Ich lasse mich nicht verarschen, ich bin dein Mann und niemand anderes, du bist mein.“ Da war es wieder, diese Aussage. Immer wieder war dies Anlass zu Streitereien zwischen uns. Er wurde jedes Mal wütend und sobald wir wieder in seinem Zimmer waren, schrie er mich an, bis er plötzlich auf mich einschlug. Er schlug mich ins Gesicht, was inzwischen auch schon blaue Flecke zeigte, und jedes Mal entschuldigte er sich anschließend dramatisch und versprach mir, es nie wieder zu tun. Ich glaubte immer wieder aufs Neue seinen Entschuldigungen. Das war eine Seite an ihm, die ich nicht kannte. Aber irgendwie war mir das alles lieber, als zu Hause bei meinen Eltern zu sein. Zu Hause war ich auch nicht frei und auch unter ständiger Kontrolle. Natürlich war es unter diesen Bedingungen besser, wenn wir allein unter uns waren. So gab es auch keinen Anlass zur Eifersucht. Anna sah ich nur ganz selten und dann auch nur kurz. Deshalb gingen wir auch nie wieder in eine Disco, da ich diesen Szenen aus dem Weg gehen wollte. Wir waren ein einziges Mal noch und das war so schlimm, dass wir schon gegen 22:00 Uhr nach Hause gingen, wo er mir auf dem gesamten Weg immer wieder vorwarf, ich hätte mit anderen Männern geflirtet. Ich brauchte eine Ewigkeit, um ihn zu beruhigen, damit die Stimmung zwischen uns wieder auf einem normalen Niveau war. Schon da wäre ich am liebsten nach Hause gegangen, aber das konnte ich jetzt nicht mehr tun. Ich kannte so etwas nicht. Die deutschen Jungs waren nicht so, das wusste ich ja auch von Marias Mann. Ich dachte aber, dass sich das sicher irgendwann ändern wird. Es beeinträchtigte aber dennoch unser Zusammenleben. Es war sehr beschwerlich und ich hatte nur wenig Wechselwäsche dabei. Täglich musste ich meine Wäsche waschen, um sie dann auf der Heizung zu trocknen. Ständig fehlten mir irgendwelche Bücher für die Schule. Keinen Schritt konnte ich mehr ohne Raul machen, immer war er bei mir, beim Kochen, beim Waschen und ich war sogar froh darüber. So konnte er mir wenigstens keine Szene machen, ich hätte wieder mit einem Kubaner gesprochen oder gar geflirtet. Meine Mutter war zwischenzeitlich wieder in meiner Berufsschule bei meinem Ausbilder. Nach dem Gespräch kam er auf mich zu und sagte, dass er mich persönlich heute Mittag zu einer Aussprache zu meiner Mutter ins Büro begleiten würde, da ich noch nicht volljährig sei. Irgendwie war es mir auch schon egal, ich hatte mich nicht dagegen gewehrt und ich dachte an meine Mutter und freute mich sogar, sie wiederzusehen. Unser Zusammentreffen war jedoch anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Von wegen, die Mutter fleht: Komm doch endlich wieder nach Hause, alles wird gut! Meine Mutter stand in einem separaten Raum und als ich reinkam, verzog sie keine Miene. Ihr Blick war fordernd und hatte überhaupt nichts Liebevolles. Nur Vorwürfe: „Wo warst du die ganze Zeit, sieh dich mal an, wie du aussiehst, völlig abgemagert und heruntergekommen.“ Ich ärgerte mich schon, dass ich überhaupt gekommen war. Aber ich wusste, dass ich unter diesen Umständen auf gar keinen Fall wieder nach Hause kommen würde. Ich gab auch keine Antworten, ich sagte nur: „Wenn das so ist, kann ich ja auch gleich wieder gehen.“ Vielleicht war das der Auslöser bei ihr, ich wusste es nicht genau. Sie änderte ihre Haltung und sprach nun ganz normal mit mir. „Komm bitte wieder nach Hause, das bringt doch alles nichts, du brauchst doch ein geregelteres Leben als in diesem Wohnheim.“ Das wusste sie inzwischen von meiner Schwester. „Ich komme nur zurück, wenn ich keine Strafe bekomme.“ „Ich verspreche es dir. Komm mich heute nach der Schule abholen, aber komm wirklich.“ Ich holte sie ab und wir fuhren gemeinsam nach Hause. Alles war normal, es gab kein Theater, keine Fragen, keine Probleme. Mein Vater sagte nur: „Was willst du denn hier?“ Ich dachte schon, jetzt geht es ja doch los, aber er sprach kein Wort mehr zu mir. Ich war so sehr erleichtert. Ich konnte mich endlich mal wieder frei bewegen, ohne dass ich mich nur in einem kleinen Zimmer aufhalten musste. Ich konnte in Ruhe duschen, wieder frische Klamotten aus dem Schrank anziehen. Es war ein Genuss. Trotzdem ging ich, nachdem ich geduscht hatte, zu Raul, schließlich wartete er auf mich und hatte ja keine Ahnung, dass ich wieder zu Hause war. Meine Mutter enttäuschte das sehr und sie sagte: „Hältst du es denn nicht mal ein paar Stunden zu Hause aus?“ Ich ging wortlos, wusste aber, dass ich am selben Abend wieder nach Hause kommen würde. „Ich komm nicht so spät zurück!“ Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich meine Rückkehr selbst bestimmen.
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