Die meisten Menschen machen sich die Entscheidung zum Auswandern nicht leicht. Andere Sitten und Bräuche, die Notwendigkeit, eine neue Sprache zu lernen, Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, Fragen der Religion und vieles anderes stellen große Herausforderungen dar. Wenn Menschen auswandern, ohne an dem Ort, an dem sie leben wollen, Bekannte oder Unterstützer zu haben, haben sie es besonders schwer. Wenn sie die bürokratischen Prozeduren bei den Einwanderungsbehörden nicht kennen, wird das Erlangen der nötigen Papiere viel Arbeit, Kosten und manche Enttäuschungen mit sich bringen. Außerdem müssen sie etwas über das Leben in dem Zielland wissen. Sie müssen wissen, welche Gewohnheiten Anstoß erregen und welches Verhalten gut ankommt. Sie müssen ehrlich, klug und scharfsinnig handeln, um als Fremde akzeptiert zu werden. Natürlich garantiert das noch nicht, dass sie glücklich sein und Erfolg haben werden. Aber sie werden mehr gute als schlechte Erfahrungen machen.
Um die biblischen Geschichten mit den Augen heutiger Migranten sehen zu können, muss man etwas über ihre Lebenswirklichkeit wissen. Dann kann das Wort Gottes Bedeutung bekommen und Leben verändern. Der Weltentwicklungsbericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) über Migration und menschliche Entwicklung 2zeigt uns, dass viele Vorstellungen, die die Menschen über Migranten haben, falsch sind, zum Beispiel: »sie nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg«, »sie klauen« oder »sie liegen uns Steuerzahlern auf der Tasche«.
Die Forschung zeigt jedoch, dass im Allgemeinen beide Seiten profitieren, die Zuwanderer und die Einheimischen. Beide erweitern ihren Horizont und lernen Neues hinzu. Die Begabungen und Fähigkeiten der Einwanderer ergänzen die Ressourcen des Landes, in das sie gekommen sind. Wenn sie erfolgreich sind, helfen sie nicht nur sich selbst und ihren Familien in der Ferne, sondern auch der Gesellschaft, in der sie als Einwanderer leben. Sicher, es kommt nicht jeder voran. Einsamkeit, Zurückweisungen, ein fehlender Arbeitsplatz, Krankheit, Probleme mit den Behörden etc. sind belastende Faktoren, die es ihnen schwer machen, sich ihre Träume zu erfüllen. Wenn Vertriebene oder Flüchtlinge aus Kriegsgebieten kommen oder aus Gegenden, in denen die Gewalt grassiert, werden sie sich besonders schwertun. Sie haben ihre Heimat ja nicht freiwillig verlassen. Aber in der überwiegenden Zahl der Fälle ziehen die Menschen aus eigenem Entschluss fort, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Wie Ban Ki-Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, es ausdrückt: »Migration ist ein idealer Weg, um Armut zu reduzieren und neue Möglichkeiten zu schaffen.«
Man könnte meinen, dass die großen Migrationsbewegungen von den armen Ländern in die reichen führen. Nach dem UNDP-Bericht gibt es allerdings mehr Menschen, die innerhalb eines Landes auf der Flucht sind oder umziehen (740 Millionen), als Menschen, die von einem armen Land in ein reiches ziehen (70 Millionen). Und nicht nur das, die Wanderbewegungen von einem reichen Land in ein anderes reiches Land sind mit 200 Millionen ebenfalls zahlreicher als die von einem armen in ein reiches Land. Diese Zahlen vermitteln uns eine ausgewogenere Sicht auf das Phänomen der Migration.
Tauchen wir nun ein in die faszinierende Welt der Bibel und lassen uns anrühren von den spannenden und bewegenden Geschichten, die sie zu erzählen weiß.
1So in einem Artikel auf www.bbc.com/mundoam 9. März 2004.
2Human Development Report 2009. Overcoming barriers: Human mobility and development (Weltentwicklungsbericht 2009. Barrieren überwinden: Migration und menschliche Entwicklung). New York: UNDP, 2009: 2-5.
Die Nähe zur Familie als Auswanderungsgrund
Wenn Kinder erwachsen werden, ziehen sie oft weit weg von zu Hause. Die zurückgelassenen Familienmitglieder, insbesondere die Eltern, vermissen sie schmerzlich und können sie nicht vergessen. Manchmal wird ihre Sehnsucht so groß, dass sie sich sogar entschließen, ihnen hinterherzuziehen, um ihnen nahe zu sein. Sie haben Angst, sie könnten sie vor ihrem Tod nicht mehr wiedersehen. Und den Kindern, die weit weg wohnen, geht es genauso. Für sie kann es eine große Hilfe sein, in dem Land, in dem sie nun leben, enge Verwandte um sich zu haben.
Der Wunsch, nahe bei der Familie zu sein, hat aber noch einen anderen Aspekt: Selbst wenn sich Einwanderer in ihrer neuen Heimat gut schlagen und ihre Träume verwirklichen können, bleibt in ihnen doch häufig die Sehnsucht wach, in das Land ihrer Vorfahren zurückzukehren. Sie wollen nicht fern ihrer Heimat sterben, sondern dort beerdigt werden, wo auch ihre Eltern begraben sind. Genau so ging es auch Jakob, dem Stammvater des Volkes Israel.
Ein glückliches Wiedersehen nach langer Zeit
Jakob zieht zu Josef
Josef war einer der zwölf Söhne von Jakob. Als junger Mann war er von seiner Familie getrennt worden. Seine eifersüchtigen Brüder hatten ihn an Händler verkauft und Josef war in Ägypten gelandet. Sein Vater Jakob liebte ihn sehr. Aber die Brüder überzeugten ihn, dass ein wildes Tier Josef getötet habe. Als dann eine schreckliche Hungersnot in Kanaan herrschte und die Brüder nach Ägypten reisten, um dort Getreide zu kaufen, trafen sie Josef wieder. Er hatte es außerordentlich weit gebracht und war die rechte Hand des Pharaos geworden, des Königs von Ägypten. Josef war ein guter Mensch und verzieh seinen Brüdern. Diese kehrten nach Kanaan zurück und berichteten ihrem Vater, was sie erlebt hatten. Jakob war außer sich vor Freude, weil sein Traum, bei Josef zu sein und ihn in den Armen zu halten, plötzlich zum Greifen nah war.
In einer Vision versicherte Gott Jakob, dass es richtig sei, nach Ägypten zu ziehen. Und außerdem hatte er die Aussicht auf alle nötige Unterstützung für einen guten Neustart in Ägypten. Schließlich arbeitete sein Sohn für den Pharao! Nichtsdestotrotz bemühte er sich sehr, einige wichtige Dinge vor seiner Ankunft in Erfahrung zu bringen. Er schickte seinen Sohn Juda voraus, um seine Ankunft anzukündigen und ein Treffen zu vereinbaren.
Als Einwanderer hatte Josef in Ägypten viele Höhen und Tiefen durchgemacht, er war sogar falsch beschuldigt und ins Gefängnis geworfen worden. Aber jetzt war er rehabilitiert. Vielleicht hatte er immer schon davon geträumt, eines Tages seinen Vater wiederzusehen. Jetzt war die Zeit gekommen: Der Traum, seinen Vater zu umarmen, würde wahr werden.
So ging für Jakob und seine Familie alles gut aus. Doch wie bei vielen Einwanderern, so wurde auch bei Jakob der Wunsch, an der Seite seiner Vorfahren begraben zu werden, im Alter immer mächtiger. Lesen Sie die Geschichte, wie die Bibel sie erzählt. (Auszüge aus 1Mose/Genesis 45–47)
Die Brüder kamen ins Land Kanaan zu ihrem Vater Jakob und berichteten ihm: »Josef lebt! Denk doch, er ist Herr über ganz Ägypten!«
Aber ihr Vater rührte sich nicht; er glaubte ihnen nicht. Sie erzählten ausführlich, wie es ihnen ergangen war und was Josef ihnen aufgetragen hatte. Sie zeigten ihm auch die Wagen, die er für ihn mitgeschickt hatte.
Da endlich kam Leben in Jakob. »Kein Wort mehr!«, rief er. »Josef lebt noch! Ich muss hin und ihn sehen, ehe ich sterbe!«
Jakob machte sich auf den Weg; seinen ganzen Besitz nahm er mit. Als er nach Beerscheba kam, opferte er dort dem Gott seines Vaters Isaak Tiere von seinen Herden und hielt ein Opfermahl.
In der Nacht erschien ihm Gott und sagte: »Jakob! Jakob!«
»Ja?«, antwortete er.
Gott sagte zu ihm: »Ich bin Gott, der Gott deines Vaters. Hab keine Angst, nach Ägypten zu ziehen! Ich will deine Nachkommen dort zu einem großen Volk machen. Ich selbst werde mit dir gehen, ich werde dich auch wieder zurückbringen; und wenn du stirbst, wird dir Josef die Augen zudrücken.«
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