Eine Grundschule lädt mich zu einem pädagogischen Tag ins Lehrerkollegium zum Thema »Lese-Rechtschreibschwäche und Lese-Rechtschreibstörung« ein. Die beiden jungen Lehrer fallen mir in der Gruppe der Frauen sofort auf, vielleicht auch, weil sie ungefähr das Alter meiner Söhne haben. Als ich mich erkundige, ob sie in ihrer Ausbildung, die ja sicher noch nicht so lange zurück liegt, etwas über Leserechtschreibschwäche und Leserechtschreibstörungen gehört und gelernt haben, lachen beide und einer sagt: »Gar nichts!« und der andere fügt hinzu: »Wissen Sie, ich habe die Abschlussarbeit meines Grundschullehramts über Franz Kafka geschrieben.«
Hier offenbart sich, dass wichtige Inhalte in der Lehrerausbildung fehlen. Immer wieder höre ich von jungen Lehrern, dass sie sich nicht wirklich vorbereitet fühlen auf das, was sie als Lehrer an den Schulen dann wirklich erwartet. Die Lehrerausbildung müsste deutlich praxisbezogener sein. Das hieße vor allem auch: verschiedene Praktika während des Studiums. Veraltete Theorien sollten ersetzt werden durch aktuelle Erkenntnisse z.B. aus der Gehirnforschung. Kreative Wege des Lernens müssten integriert werden, beispielsweise durch mehr spielerische Elemente und experimentelles, selbstbestimmtes Lernen, das jedoch die individuellen Fähigkeiten des Kindes diesbezüglich im Blick behält. Selbstbestimmtes Lernen meint dabei nicht, dass einem Kind nur freigestellt wird, welches Arbeitsblatt es in welchem Fach innerhalb einer Lernzeit oder eines Wochenplanes bearbeiten soll.
Es sollte vielmehr darum gehen, Kindern – insbesondere denen, die beim Erwerb der Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen, Schwierigkeiten haben – kreative Angebote zu machen, die für sie passen, um die wichtigen Fähigkeiten auf erwerben.
Angehende Lehrer sollten über ein umfangreiches Wissen über Lernprozesse verfügen, viele Schülerbeispiele kennengelernt haben und ein fundiertes Wissen über Teilleistungsstörungen und ihre Auswirkungen haben. Sie müssen viel mehr lernen, sich in das einzelne Kind hineinzuversetzen, neugierig zu sein, wie Kinder die Welt wahrnehmen, und zu versuchen, neues Wissen einzuordnen. Vor allem aber sollten sie einen großen Pool an spielerischen Übungen und Spielen als Handwerkszeug mitbringen. Sie sollten die Begeisterung und Neugierde eines Kindes in sich selbst spüren können, für das, was sie unterrichten.
Gefragt sind kreative Wege und nicht wieder neue Methoden in Form von Arbeitsblattsammlungen, die dann massenweise kopiert und an Schüler rausgegeben werden. Wir benötigen einen Wandel in der Haltung dem Lernen gegenüber, den Kindern gegenüber, den kleinen großartigen Seelen gegenüber, die wir auf ihrem Weg begleiten dürfen. Denn in keiner Schulklasse sitzen Schüler, die nach »Schema F« einfach mit Wissen gefüllt werden können wie identische Behältnisse. Jedes einzelne Kind ist einzigartig und bringt eine Menge Erfahrungen mit, an die es anknüpfen kann. Dies gilt auch für Kinder, die sich bei dem Erlernen der Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen schwertun oder keinen Zugang bekommen. Es ist anmaßend und erniedrigend, wenn diese Kinder sich anhören müssen, dass sie nicht genug üben, als unmotiviert oder dumm abgestempelt werden. Jede Bewertung, dass sie nur nicht wollen oder sich auch gar nicht bemühen, deutet nur auf eine fehlende wohlwollende Haltung der Erwachsenen hin.
Was spräche dagegen, das Curriculum »abzuspecken«, es auf die Relevanz seiner Inhalte zu überprüfen, zu schauen, was Kinder brauchen, um heute im Leben wirklich bestehen zu können? Was spräche dagegen Inhalte mehr fächerübergreifend zu erarbeiten? Ansätze dafür gibt es ja bereits, allerdings sollten die Kinder bei der Entscheidungsfindung noch mehr einbezogen werden.
Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich Kinder frage, wo sich in dem Raum, in dem wir gerade sitzen, Mathematik befindet. Fast alle Kinder haben den Fokus nur auf den Tisch und verweisen auf Zettel oder Bücher. Aber wir sind auch ohne die Zahlen auf den Zetteln von Mathematik umgeben, durch die vielfältigen Flächen im Raum, durch Rechtecke wie dem Teppich, Quadrate wie die Fliesen, aber auch durch mathematische Körper wie Zylinder in Form eines Glases auf dem Tisch oder eines Quaders in Form einer Schachtel. Ich frage dafür häufig meine Schüler: »Wenn du aus dem Fenster siehst, wo kannst du überall Mathematik entdecken?«, »Was hat ein Computer mit Mathematik zu tun?«, »Was hat Mathematik mit Musik zu tun?«, »Wo in einem Geschäft versteckt sich Mathematik?«
Heute habe ich als Referentin eine Gruppe Abiturienten und Abiturientinnen vor mir sitzen. Sie haben gerade frisch ihr Abitur in der Tasche und sich entschieden, ein Freiwilliges Jahr im Grundschulbereich zu absolvieren. Eingesetzt werden sie bei der Hausaufgabenbetreuung, im Freispiel und in Nachmittagsangeboten für die Kinder in Form von AGs. Die ersten drei Wochen Erfahrung liegen jetzt hinter ihnen. Dieser Austauschtag steht unter dem Motto: »Wie Kinder lernen« und »Wenn Kinder aus der Reihe tanzen«.
Was bei diesen jungen Menschen, die alle ein Gymnasium durchlaufen haben, zu beobachten ist, ist, wie sehr diese jungen Menschen gelernt haben, sich in bestimmten Bahnen zu bewegen und darauf getrimmt sind, richtige Antworten zu geben, auf keinen Fall etwas Falsches zu sagen oder Dinge nicht wissen zu dürfen. Diese jungen Menschen haben sich aus eigenem Antrieb für das Freiwillige Soziale Jahr entschieden, aber ich kann in den Gesichtern nichts an Interesse, geschweige denn Begeisterung entdecken. Es kommen keine Reaktionen, sie sitzen vor mir unbewegt, angepasst und erwarten, dass ich sie wie mit einem Trichter mit Informationen fülle. Mit Informationen, die sie stumm schlucken und auf Abfrage wieder ausspucken. Sie sitzen vor mir wie in der Schule mit der gleichen Haltung. Vorwiegend abwartend.
Mit einer solchen Haltung ist auch jede Lernneugierde abgetötet worden. Ich weiß, dass sie nur so abgestumpft wirken, weil sie genau diese Haltung in den letzten Jahren wiederholt eingeübt haben, um in dem Schulsystem bestehen zu können. Sie haben gelernt, dass andere vorgeben, was richtig ist, was sie zu lernen haben. Dabei müssten sie sprudeln vor neuen Eindrücken, Erfahrungen und Fragen, Fragen, Fragen. Sie sind jedoch spürbar mehr daran gewöhnt, dass sie abgefragt werden. Und zwar Inhalte, die vorgegeben sind und nur eine richtige Antwort zulassen.
Selbstbestimmtes Lernen, bei dem Inhalte frei gewählt werden dürfen, das Ermutigen zu selbstständigem Denken, egal wie sehr es auch nicht in die Norm passt, die Kunst, kreativ und anders zu denken und konstruktive Fragen zu stellen … all das wären meine Wünsche für diese jungen Menschen.
Schule braucht Spielräume – für die Kleinen und die Großen –, in denen viele Erfahrungen gesammelt werden können, in denen man sich ausprobieren kann. Ich erinnere mich mit Schrecken daran, was uns im Kunstunterricht alles vorgegeben wurde. Wie wir alle mühsam versuchten, dasselbe Bild abzumalen oder alle identische Gegenstände basteln mussten. Aber das Schlimmste daran ist, dass meine Schulzeit über vierzig Jahre zurück liegt und mir Schüler immer noch die gleichen Geschichten erzählen.
Simon soll in der Klasse ein Stillleben einer Obstschale abzeichnen. Er fühlt sich von dieser Vorgabe gelangweilt und tut sich schwer, den Pinsel zu führen, wie es andere Kinder in der Klasse tun. Er schaut sich das Obst auf dem vorgegebenen Bild genau an und beschließt, es einmal anders zu versuchen. Er malt den Rand jeder Frucht mit Geodreieck in rechteckiger Form. (Den Umgang mit dem Geodreieck hat er kürzlich mühsam erlernt und ist glücklich, ihn hier anwenden zu können.) Dann tupft er mit einem kleinen Schwamm vorsichtig die Farbe hinein.
Leider steht als Note unter seinem Bild am Ende eine 4-. Er habe »Die vorgegebene Aufgabe nicht wie besprochen umgesetzt.« Simon ist nun der festen Überzeugung, er sei nicht kreativ und könne nicht malen.
Читать дальше