Die Schulstunden gingen für meinen Geschmack recht gemütlich und gemächlich vonstatten. Meinen inneren Turbo konnte ich ja durch permanentes Schwatzen beruhigen. All diese Voraussetzungen schienen mir jedenfalls zu entsprechen, denn meine schulischen Leistungen waren gut. Die Freizeitgestaltung hatte auch nur ein einziges Kriterium zu erfüllen: Sie sollte Spaß machen.
Wegen meinem unstillbaren Spaß an der Freude durfte ich viele Stunden hauptsächlich im Freien verbringen. Die nahe gelegenen Wälder, die endlosen Felder und Wiesen waren für mich riesige Spielplätze – sowohl im Frühling, Sommer, Herbst wie auch im Winter. Es gab keine Jahreszeit, in der ich nicht einen oder mehrere Tage draußen verbrachte – ohne dabei eine Leistung erbringen zu müssen, ohne Verhaltensregeln und ohne zeitliche Begrenzung. Mein Bewegungsdrang, meine Abenteuerlust und meine Wildheit fanden in der freien Natur ihre Erfüllung.
Erwachsene haben die Tendenz, nonkonformes Verhalten zu qualifizieren und nicht selten auch zu sanktionieren. Wenn Kinder auf sich allein gestellt sind, tragen Kinder ihren Ungestüm untereinander aus, und so war es auch bei uns. Streitigkeiten und Raufereien fanden ohne Einmischung der Erwachsenen statt und endeten stets in Gelächter und innigen Umarmungen. In Vereinen oder in anderen strukturierten Freizeitaktivitäten fand ich mich hingegen nicht zurecht. Die Blockflöte warf ich nach zwei Musikstunden in die Ecke. Ich war auch ein begeisterter, aber schlechter Fußballspieler. Bereits nach einem Probetraining im Club war meine Karriere als Diego Maradona vorbei. Das Training nach Regeln hatte mir die Freude am Spiel gründlich verdorben. Ich empfand unseren Trainer definitiv als zu streng, und meine individuelle Freiheit wurde dadurch beschränkt. Gleichzeitig spürte ich, dass mein außergewöhnliches Verhalten nicht in ein enges Korsett passte. Ein Streit mit dem Trainer war also quasi vorprogrammiert. Heute kann ich sagen, dass ich schwierigen Situationen, die viel Ausdauer abverlangten, unbewusst aus dem Weg ging.
Ich hatte großes Glück mit meinen Eltern. Sie ließen mich mehrheitlich machen, was ich wollte, und sie trauten mir auch einiges zu. Keine Frage: Verglichen mit meinen lebhaften Kameraden war ich mit Sicherheit das turbulenteste, unruhigste und aktivste Kind von allen.
Einige meiner «Aktionen» gingen weit über die bekannten Bubenstreiche hinaus: Einmal besuchte ich mit Freunden eine Baustelle in unserer Straße. Dort entstand gerade ein Zweifamilienhaus. Der erste Stock war bereits fertiggestellt und wir gelangten ungehindert in das Gebäude. Ein Berg nigelnagelneuer Backsteine lag vor uns wie auf dem Präsentierteller. Wer die Initialzündung hatte, einen Backstein in die Hand zu nehmen und diesen aus dem oberen Stock zu werfen, weiß ich nicht mehr so genau. Doch nach dem ersten Steinwurf ergab sich eine unheilige Dynamik bei jedem Einzelnen von uns. Nach einer halben Stunde lagen auch die Steine aus den oberen Stockwerken zertrümmert im Garten. Das Resultat dieser Aktion war nicht nur ein Schaden von mehreren tausend Franken. Es folgten Tage, in denen die Arbeiten am Haus stillgelegt werden mussten, weil das nötige Baumaterial fehlte.
Unser abwegiges Abenteuer hätte in anderen Familien eine regelrechte Krise ausgelöst. Ich war voller Schuldgefühle und beichtete meinem Vater die schlimme Tat bereits am Abend. Ich machte mir große Sorgen, dass meine Zerstörungswut den Traum meiner Eltern vom Eigenheim begraben würde. Es war ein intensives Gefühl, das ich selbst heute noch genauso wahrnehme wie damals. Mein Vater hegte jedoch keinen Groll gegen mich. Er schimpfte nicht mal und Sanktionen blieben ebenso aus. Der Schaden wurde glücklicherweise durch die Versicherung der jeweiligen Eltern abgedeckt.
Mir zeigt das damalige Echo meiner Eltern noch heute eines ganz klar auf: Sie spürten, dass ihr Junge anders war als die anderen, und reagierten entsprechend verständnisvoll und mit Bedacht auf mein doch sehr eigenes Wesen. Dieses Verständnis war geprägt von ihrer großen Liebe zum eigenen Sohn, und das änderte sich selbst dann nicht, wenn mal etwas gehörig schieflief mit mir.
Nach dem kostspieligen Unfug kam es nie wieder zu einer ähnlich unbedachten Aktion. Ich war eingebettet in ein soziales Umfeld, das mich so akzeptierte, wie ich war, und das mir zu jeder Zeit das Gefühl von Sicherheit und Freiheit vermittelte. Ich entwickelte mich gut und niemand aus meinem Verwandten- oder Bekanntenkreis wäre jemals auf die Idee gekommen, mich bei einem Psychologen oder Neurologen auf etwelche Sonderbarkeiten abklären zu lassen.
Dr. med. univ. Ilona Maier erläutert das Kapitel
Fakten zu ADHS:
Wie viele Kinder/Erwachsene haben ADHS und was sind die typischen Merkmale für eine Diagnose?
Bei Kindern in Europa geht man davon aus, dass ca. 5 % von ADHS betroffen sind (Polanczyk et al., 2007), in den USA werden etwas höhere Zahlen genannt.
Bei Jungen wird die Diagnose häufiger gestellt. In der Praxis sehe ich jedoch kaum Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen.
Es ist davon auszugehen, dass bei ca. 60 % der Erwachsenen, welche in der Kindheit ADHS-Symptome zeigten, diese Merkmale weiterhin bestehen bleiben (Faraone, Biederman, & Mick, 2006). Es kann zu einer anderen Gewichtung der Symptome kommen, gerade weil bis ins Erwachsenenalter oft Strategien im Umgang mit gewissen Situationen erlernt wurden. So zeigt sich z. B. die Hyperaktivität, der «Zappelphilipp», bei Erwachsenen häufig in Form von innerer Unruhe und Getriebenheit.
Oftmals wird bei den Erwachsenen aufgrund der Diagnosestellung ihrer Kinder eine ADHS diagnostiziert. Es ist jedoch nach wie vor davon auszugehen, dass die ADHS bei vielen Erwachsenen unentdeckt bleibt. Viele leiden unter Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen oder einem Suchtverhalten. Auch Lernstörungen sind relativ häufig mit ADHS kombiniert.
Oft stehen die erbrachten Leistungen in Diskrepanz zum vorhandenen Potenzial.
Erscheinungsbilder der ADHS:
Je nach Vorhandensein der (unten beschriebenen) Symptome werden folgende Erscheinungsbilder unterschieden:
• Vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild («Hans-Guck-in-die-Luft»)
• Vorwiegend hyperaktives-impulsives Erschenungsbild («Zappelphilipp»)
• Kombiniertes Erscheinungsbild (= Vollbild der ADHS)
Diagnostische Kriterien für ADS/ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung/Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) sind Unaufmerksamkeit sowie Impulsivität und Hyperaktivität.
Beispiele für Unaufmerksamkeit (Auswahl, Liste nicht vollständig):
• Kann die Aufmerksamkeit häufig nicht auf Details richten oder macht Flüchtigkeitsfehler bei Schularbeten, bei der Arbeit oder bei anderen Aktivitäten.
• Hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder Aktivitäten aufrechtzuerhalten.
• Scheint oft nicht zuzuhören, wenn andere sie/ihn ansprechen.
• Verliert oft Gegenstände, die sie/er für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt.
• Ist durch äußere Reize leicht ablenkbar.
• Ist oft vergesslich bei Alltagstätigkeiten.
Beispiele für Impulsivität und Hyperaktivität (Auswahl, Liste nicht vollständig):
• Zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum.
• Steht oft auf in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird.
• Hat oft Schwierigkeiten, ruhig zu sprechen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen.
• Ist häufig «auf Achse» oder handelt, als wäre er/sie «getrieben».
• Redet oftmals übermäßig viel.
• Platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist.
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