Ich flüsterte beim Gehen, aber ohne Worte; nur meine Lippen öffneten und schlossen sich, während die Zungenspitze gegen den Gaumen und die Zähne tupfte. Dabei hörte ich das Dröhnen der Automotoren, das Kreischen der Straßenbahn und die Stimme, die manchmal meinen Namen ruft. Vor einem Warenhaus war eine große Plastikrakete aufgestellt; die Menschenmenge, die sich angesammelt hatte, erwartete Wunder, wenn sich die Rakete alle zehn Minuten wackelnd aufrichtete, wobei sich eine Luke öffnete und schloss. Fräulein Schmidt fragte, was ich flüstere, obwohl sie weiß, dass ich nie antworte. Nun bin ich in meinem Zimmer, das ich mit Ruth teile, die älter ist als ich, aber nur noch zwei Gesichter hat; die meisten Menschen haben mehr, und sie gehören ihnen nicht, weil sie sie nicht kennen. Ich zeige nur ein einziges Gesicht, und um dieses Gesicht zu besitzen, brauche ich meine ganze Kraft. Mich dünkt, meine Erzieher brechen den Mut, der mich wie einen Regenschirm aufspannt, aus mir heraus, Stück um Stück.
Ich nehme mein Aufsatzheft und schreibe «Der», «Die» und «Das» in Spiegelschrift auf eine leere Seite, dann zeichne ich ein Kreuz aus Blumen, das mich begeistert; es ist erstaunlich regelmäßig geraten, nur der linke Balken bleibt unvollständig, weil er sich zu weit außen befindet; der Papierrand hindert mich daran, den Balken fertig zu zeichnen. «Es ist ein Gebinde», denke ich. Ich rahme das Kreuz mit vier schwarzen, dicken Strichen ein und schraffiere die Fläche; nun scheint das Kreuz auf einem Sarg zu liegen. Ich bedaure, dass die sich öffnenden Arme des «Gebindes» nicht gleich lang sind; da der linke Arm verstümmelt ist, kann es mich nicht richtig, das heißt fest, in die Arme schließen.
Die Tür öffnet sich und Fräulein Schmidheini tritt rasch ein, als wolle sie mich ertappen. Ihr Atem bewegt mein dünnes Haar. Wie ich erwartet habe, erkundigt sie sich nach meiner Tätigkeit; ich habe das Heft schnell unter eine illustrierte Zeitschrift geschoben, wende den Kopf nach ihr um und betrachte ihre Nase. Das rechte Nasenloch ist kleiner als das linke. Der Satz «Das Schweigen steht wie eine Wand», den ich einmal irgendwo gelesen habe, passt nicht; mein Schweigen gleicht einem elektrisch geladenen Drahtgeflecht, in dem ich gefangen bin.
Das Brillenmuseum
Nonnato schlief in kurzen Etappen, sprang wenige Zentimeter hoch über seinem Körper und neidete, wieder wach geworden, andern Schläfern die weiten, zügellosen Reisen. Beim leisesten Geräusch fiel er. Eines Nachts weckte ihn der Mieter vom obern Stock, der versuchte, seinen defekten Ölofen anzuzünden. Der Mann geriet dabei in maßlose Wut und zuletzt schien es, er demoliere seine ganze Inneneinrichtung. Nonnato knipste die schirmlose Lampe auf seinem Nachttisch an und glaubte, er höre die merkwürdige Melodie, die auf dem Gleis der Nacht dahinfährt. Er dachte an die junge Frau, die in tiefem Schlaf lag, als ihr Haus brannte. Sie hatte ein Herzkirschengesicht und trug keine Brille, obwohl sie beinah blind war, da sie den verschwommenen Zustand, in den ihre Augenkrankheit sie versetzte, genoss – dies wenigstens erzählte sie Nonnato kurz vor ihrem Feuertod. Wenn er jeweils neben ihr lag und die Hand auf ihren Rücken legte, spürte er, dass sie wie eine Katze schnurrte.
Nonnato stülpte sich die Perücke über den Schädel, weil er fror, und setzte die dunkle Brille auf, um das Fehlen der Brauen und Wimpern zu verbergen. Dann schlüpfte er in einen seiner zu wuchtigen Mäntel und zog Gummistiefel an. Er trat aus dem Haus und schritt über den Schnee in der Erwartung, einzusinken, sich in den Bauch der weiß blühenden Stadt zu bohren; ihr Duft – der Duft des Schnees – versetzte ihn in Aufregung. Er hörte von weitem einen hysterischen Singsang, ein Grölen vielmehr, und fand die Treppe zur Bahnhofsunterführung. Rasch stieg er in die Tiefe und ging durch den langen, unterirdischen Gang – dort im Dunkeln, mitten im Weg, lag ein Hut, der mit einem funkelnden Licht gekennzeichnet war. Der Besitzer des Hutes lehnte an der Wand; Nonnato wagte nicht, ihn genau anzublicken, sondern bewegte sich auf den Hut zu, verlangsamte den Schritt, bückte sich tief, kratzte mit der linken Hand an der Innenseite seines linken Stiefels und legte mit der rechten einen Geldschein zu den Münzen. Dann richtete er sich auf und hastete weiter. Er wagte nicht, umzukehren, da er nicht noch einmal am Sänger vorbeigehen wollte, der nun seine Finger über die Saiten einer Gitarre schleuderte und auf diese Art rhythmisch schnarrende Geräusche erzeugte; es schien, er wolle sich die gefrorenen Fingerbeeren aufkratzen.
Als Nonnato am Ende der Fußgängerpassage die Treppe hochstieg, mischte er sich unter einige Schneeflocken, die sich in einem trüben Tanz drehten, wobei sie von einer Straßenlampe beleuchtet wurden. Ein kahler Strauch beugte sich über eine Mauer. Nonnato hatte den Eindruck, die Straße mit den stillen Häusern wachse aus seinem Gesicht; plötzlich warf sich jemand vorbei – wahrscheinlich ein junges Mädchen; er sah das rote, lange Haar, das über seinen Rücken hing und sachte und teilnahmslos auf das beim Gehen schaukelnde Gesäß klopfte. Sofort dachte er wieder an die tote Frau und gleichzeitig fiel ihm das Wort «Euphoranol» ein; oder war es «Euphoridon», das sie geschluckt hatte, um sich wegzuschneiden, sich zu entfernen aus der schmerzhaften Nähe der Geräusche und Berührungen? (Der Name der Pille verdrehte sich stets in seinem Kopf, drängte sich fratzenhaft und immer anders hervor, um ihn zu quälen. Nonnato zwang sich dann, an anderes zu denken, was ihm manchmal für kurze Zeit gelang.) Nur das Feuer hatte die Frau in ihren Schlaf verfolgt, hatte sie gefunden und verzehrt. Nonnato, der damals nach seiner Flucht wieder ins brennende Haus gestürzt war, hatte sie nicht retten können. Nun wusste er plötzlich, dass er das rothaarige Mädchen suchte. Er überließ sich weiterhin seinen Stiefeln, die den Stempel, das Zeichen für seine Person, in regelmäßigen Abständen auf den Schnee drückten, um zu beweisen, dass er die Jagd nicht aufgab.
Das Schultor öffnete sich, die Klassen sprangen wie bunte Ketten heraus, kollerten über die beiden breiten Treppen und rollten über den geteerten Hof, als wären die Schnüre gerissen, an denen die Perlen aufgereiht gewesen waren. Niemand dirigierte das wilde Hüpfen, das nun begann; die Schreie und Bewegungen der rennenden Kinder bildeten ein grelles, sich stets neu formendes Zackenmuster.
Die nicht mehr ganz junge Aushilfslehrerin, die sich beim Rektor vorstellen sollte, wartete schon seit einigen Minuten in der Nähe des Schultores und dachte: «Langes Warten tötet den Helden.» Winkelried hätte die Speere nicht so freudvoll in seine Brust eindringen lassen, wenn er ihre langsame Annäherung, an einer Mauer stehend, hätte erwarten müssen. Die Aushilfslehrerin stellte sich im Pausenhof Signale vor, die verhindern sollten, dass die Kinder aus vorgezeichneten Bahnen fielen. Fette Kastanienbäume, die sich im Laufe des Tages aus der sonnigen Hälfte des Platzes in den Schatten wälzten, ruhten in den Nächten an den Grenzen; dann glänzten ihre Helme nicht.
Als die Glocke schrillte, begab sich die Aushilfslehrerin, noch bevor die flinksten Kinder die Treppen erreichten, in das Gebäude. Sie klopfte leise an die Tür des Rektorats und trat ein. An den Wänden waren Mitteilungen befestigt. Die breiten oder schmalen Rücken der Ordner waren mit Worten wie WEISUNGEN, AUFNAHMEVERFAHREN und BEURTEILUNGEN beschriftet. Auf dem Arbeitstisch befanden sich zwei Stempel, ein Stempelkissen, ein Locher und ein Lineal.
Der Rektor stand plötzlich im Zimmer; schwarze Augenschlitze ließen sein Gesicht maskenhaft erscheinen. Die Aushilfslehrerin betrachtete während des Gesprächs, das der Rektor nach der Begrüßung sofort einleitete, die Innenseite ihrer linken Hand. Dort riss sie, genau in der Mitte, ein Stückchen Haut weg. Sie hoffte, der Rektor würde den roten, brennenden, glänzenden Fleck, den sie «Wundmal» nannte, bemerken und sich darüber wie über etwas Verbotenes, Unerhörtes äußern, das ihre Tätigkeit an dieser Schule verunmöglichte. Ein unvorhergesehenes Ereignis störte die Sympathie, die die Aushilfslehrerin gegen ihren Willen für den unverständlich und schnell sprechenden Rektor empfand; eine sehr große Seifenblase schwebte zum offenen Fenster herein und glitt ruhig, wunderbar wie eine runde, sanfte Blüte, auf den Rektor zu; dieser warf seine rechte Hand, die der Klaue eines Raubvogels glich, nach ihr, als wolle er sie fangen; sie zerplatzte lautlos. Die Aushilfslehrerin hielt nach dem Junitag Ausschau, der die Fensteröffnung verklebte.
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