Die Unterscheidung zwischen Trost und Misstrost macht den Unterschied, auf dem alles andere aufbaut. Das Unterscheiden der Geister und das Ringen mit jenen, denen ein Suchender zu widerstehen hat – also den Grundvollzug der Exerzitien –, kann sich Ignatius nur als Geistgeschehen vorstellen. Nur weil der Geist sich immer wieder zu erkennen gibt, nur weil er Erkenntnis und Auseinandersetzung nochmals schweigend trägt, kann es so etwas wie Exerzitien geben. Der die Übungen gibt, soll immer nach Erfahrungen von Trost und Trostlosigkeit fragen (GÜ 371. 377). Denn »bei jenen, die intensiv dabei sind, sich von ihren Sünden zu reinigen und vom Guten zum Besseren aufzusteigen, ist es dem guten Geist eigen, Mut und Kräfte, Tröstungen, Tränen, Eingebungen und Ruhe zu schenken« (GÜ 315). Als Seelsorger, wo er sich sicher fühlt, spricht Ignatius unbefangen vom Wirken des Geistes im Gegenüber (BU 466). Der Bericht über die Gründung der Gemeinschaft schreibt, dass der Herr »niemandem, der ihn in Demut und Einfachheit des Herzens bittet, den guten Geist verweigert, ihn vielmehr allen im Überfluss gibt.« 5P. Ribadeneira berichtet: »Er sagte einmal in meiner Gegenwart und in Anwesenheit zahlreicher Zuhörer, er könne seiner Ansicht nach nicht ohne Tröstung leben, das heißt, wenn er nicht etwas in sich entdeckte, was nicht sein Eigen sei und auch nicht sein könne, sondern ganz von Gott abhänge.« 6Werk und Ausstrahlung des Mannes aus Loyola erzählen den Zeitgenossen vom Geist. Ignatius, so P. Nadal, sei eben nicht vorangegangen, sondern dem Geist gefolgt, der ihn führte. »Hier ist der Finger Gottes!«, ruft Paul III. aus, als er die Grundlagen der Gemeinschaft studiert. 7
Im Unterschied zu vielen, die sich vor ihm auf den Geist beriefen, hat Ignatius nie eine theologische Lehre mit seinem Trostgewissen begründet; von privaten Prophezeiungen wollte er nichts wissen, solange sie nicht von der Kirche gebilligt waren (Me 310, BU 686aF). Er unterschied zwischen seiner Wahrheit, dem Willen Gottes über sein Leben, und der objektiven Wahrheit. Er wollte nicht seine Wahrheit für alle verbindlich machen, es ging ihm nur darum, ihr in ihrer Begrenztheit Geltung zu verschaffen. Als Julius III. P. Borja 1552 zum Kardinal machen will, wird Ignatius gewiss, dass er sich dem mit aller Kraft entgegenstellen soll. Aber er weiß auch, dass keiner die ganze Wahrheit erfährt. Der Wille Gottes ist größer als die Erfahrung des Einzelnen. An Borja schreibt er: »Wenn es der Wille Gottes ist, dass ich mich darin einsetze und sich andere für das Gegenteil einsetzen und Euch diese Würde gegeben wird, so gäbe es keinen Widerspruch. Denn es kann sein, dass der gleiche göttliche Geist mich dazu aus den einen Gründen und andere aus anderen zum Gegenteil bewegt« (BU 2652).
Der erfahrene Seelenführer sieht keine Möglichkeit, aus der Erfahrung des Tröstergeistes auf das Gewissen eines anderen, gar auf den Plan Gottes zu schließen. Beides bleibt offen. Aber auch umgekehrt gilt: Die Begriffe der Theologen machen die Seele nicht satt. Die Botschaft soll sich in die Muttersprache der Seele übersetzen, ihre Worte sollen mit den Zuständen der inneren Welt Verbindung aufnehmen. Wie sollen Worte nach etwas schmecken, wenn sie nicht die Sehnsucht aufsuchen! Das braucht Platz, Zeit, Begleitung: die Exerzitien. Gewiss, es gibt Grenzen, wo ein offener Widerspruch zur kirchlichen Lehre oder eindeutig Sünde vorliegt. Aber selbst diese Kriterien sind nicht in Stein gehauen. Das Verbot des Bischofs von Salamanca, seine Erfahrungen im Umgang mit der Sünde weiterzugeben, befolgt Ignatius nur vorläufig. Sein Gewissen kann es nicht akzeptieren.
Also doch: ein Zeuge des Geistes! Eingebettet in einen ununterbrochenen, oft unterirdischen und stets widersprüchlichen Strom des christlichen Glaubens an Gott in mir . Diesen Glauben stellt dieses Buch vor 8: beginnend bei der Schrift, an wichtigen Wegkreuzungen innehaltend. Eine von ihnen trägt das Gesicht eines kleinen Spaniers: etwas hinkend, mit fröhlichen Augen (Me 180).
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