Abb. 14: Schloss Wildegg Aargau, Erstes Obergeschoss, Salon, 1913, SNM Dig. 28840.
Die Ausstellungstätigkeit im Schloss Wildegg war indessen gleich wie die Leihgaben an andere Institutionen in ihrem Umfang nicht gross genug, um damit die Forderungen nach dezentralisierter Ausstellung erfüllen zu können. Beides zeugt aber davon, dass museumsintern manche Dinge für den Hauptsitz in Zürich weniger unentbehrlich waren, als von den Museumsbehörden gegen aussen kommuniziert wurde, und deshalb in einem gewissen Mass durchaus Objektbewegungen stattfanden.
Bestimmte Objekte waren sogar definitiv entbehrlich: Bereits in den 1890er-Jahren erklärten die Behörden des Schweizerischen Landesmuseums manche Stücke aus ihrer Sammlung als überflüssig für das Museum und verkauften sie. 227Gesetzlich verankert wurde der Verkauf in der Erweiterung des Bundesbeschlusses von 1902. 228Die «Freiheit des Handels», 229so wurde damals argumentiert, sei notwendig, weil der zur Verfügung stehende Kredit nicht ausreiche für Ankäufe. 230Das finanzielle Argument sollte auch später immer wieder vorgebracht werden, unabhängig davon, ob der Museumsetat tatsächlich geschmälert worden war. 231Das erste Ziel der Museumsbehörden war, durch den Verkauf mehr Mittel für Objektkäufe zu erwirtschaften. In den 1910er- und 1920er-Jahren wurde der Verkauf von Sammlungsstücken wiederholt zu einem zentralen ökonomischen und sammlungspolitischen Steuerungsmittel des Landesmuseums. Das belegen die Gewinnzahlen: Wurden in den 1900er-Jahren jährlich bloss einige hundert bis tausend Franken durch den Verkauf von Sammlungsstücken erwirtschaftet, 232so schnellten die Gewinne in den beiden Folgejahrzehnten immer wieder massiv in die Höhe, beispielsweise 1912 auf 14 059.70 Franken 233oder 1921 auf 27 189 Franken. 234Das waren beträchtliche Summen gemessen am jährlich gesprochenen Altertümerkredit von 50 000 Franken. Diese Verkäufe waren nur denkbar, weil die Verantwortlichen der Auffassung waren, dass innerhalb der Museumssammlung Überfluss bestand, und eine bestimmte Vorstellung davon hatten, was in eine staatliche Sammlung gehört. Ich will auf diese Kaufgeschäfte nun näher eingehen und zeigen, dass sich diese Praktiken nicht in den bisherigen Analyserahmen der Forschung zu Funktion und Bedeutung kulturhistorischer Museen einordnen lassen.
Die getätigten Kaufgeschäfte waren von zweierlei Art: Zum einen wurden Sammlungsstücke verkauft, die bereits als Handelsgut in die Sammlung gekommen waren. Zum anderen gab es den Verkauf von Objekten, die eigentlich in die Sammlung des Landesmuseums aufgenommen worden waren, um als Sammlungsgut aufbewahrt zu werden. Ihr Verkauf gestaltete sich schwieriger, denn sie mussten zuerst vom Sammlungsgut in Handelsgut umgewertet werden, um überhaupt verkauft werden zu können. Ein Beispiel für die erste Geschäftsart ist der Verkauf von den 1916 in Sitten erworbenen 380 langen Spiessen, 853 Armbrustbolzen und 490 Pfeileisen. Sie wurden in das Landesmuseum aufgenommen in der Absicht, den grösseren Teil davon wieder zu verkaufen. Für die eigene Sammlung wurden 190 Spiesse (entsprechend der Bewaffnung einer Kompanie) sowie eine Serie Armbrustbolzen behalten. 30 Spiesse wurden dem Museum im Schloss Valeria in Sitten geschenkt, die restlichen Gegenstände verkaufte man an Museen und Private im In- und Ausland. In der Schweiz ansässige, öffentliche Museen wurden preislich begünstigt. 235
Dass Objekte bloss als Handelsgut in das Landesmuseum aufgenommen und nicht dauerhaft eingelagert wurden, widerspricht den gängigen Auffassungen über die Bedeutung von musealen Sammlungen und ihren Wertesystemen und Bewertungsprozessen. Ich möchte dies anhand der in der deutschsprachigen Museumsgeschichte vermutlich am häufigsten zitierten Studie von Krzysztof Pomian über die gesellschaftliche Bedeutung der Museen und ihrer Sammlungstätigkeit erläutern.
Pomian beschreibt folgenden Prozess, den Objekte grundsätzlich durchlaufen können: Dinge verlieren ihre Nützlichkeit, gehen vergessen und werden damit zu Abfall. Für gewisse Dinge ist dies aber nicht die letzte Station ihrer Karriere in der Welt der Artefakte. Sie können neue Bedeutung erlangen. 236Bestimmte Milieus (nach Pomian intellektuelle und künstlerische) würden sie beispielsweise aufgrund ihrer Seltenheit zu schätzen beginnen, was sie wiederum für andere (Reiche und Mächtige) interessant und erwerbenswert mache. 237Einmal errungen, werden diese Gegenstände vor zerstörenden Einflüssen geschützt aufbewahrt, 238an einem abgeschlossenen, eigens zu diesem Zweck eingerichteten Ort, eben etwa in einem Museum. Hier werden sie «aus dem Kreislauf ökonomischer Aktivitäten herausgehalten»; 239ja, ihr Wert und ihre Bedeutung speisen sich gerade daraus, dass sie sich ausserhalb des ökonomischen Kreislaufs befinden, so Pomian. 240Pomian nennt diese Artefakte «Semiophoren» und unterscheidet sie von den «Dingen»: Dinge dienen als Produktionsmittel oder Konsumartikel. Sie sind dem Menschen nützlich, aber ohne «Bedeutung». 241Im Gegensatz zu den Semiophoren haben sie keine semiotische Seite und verfügen nur über eine physische Präsenz. 242Nach Pomian entziehen die Museen (im Gegensatz zu den Privatsammlern) die Semiophoren für immer der ökonomischen Zirkulation. 243Objekte kommen demzufolge in das Museum hinein, ohne es je wieder zu verlassen. Das Museum stellt in seiner «Dialektik von Nützlichkeit und Bedeutung» 244für die mit Bedeutung versehenen Objekte die Endstation dar, eine komplett von ökonomischen Prozessen abgekoppelte Welt, deren Gegenstände nicht mit volkswirtschaftlichen Parametern wie Gebrauchswert oder Tauschwert erfasst werden können. Die Beispiele der verkauften Waffen zeigen nun aber, dass dieses dialektische Modell den musealen Bedeutungsformationen nicht gerecht wird. Die Termini «Ding» und «Semiophor» greifen nicht. Die Waffen waren stets Handelsgut, und doch waren sie auf eine spezifische Art bedeutsam als zwischenzeitlich im Museum eingelagertes Sammlungsgut. Für die Sammlungsziele des Landesmuseums hatten die Waffenbestände aber keinen dauerhaften Sammelwert, sondern primär einen Tauschwert. Der Erlös ermöglichte es, die Sammlung, wie es hiess, «mit wertvollen Stücken zu vervollständigen». 245Ferner konnte der aktuelle Marktwert von Objekten davon mitbestimmt sein, dass sie sich einmal in einem staatlichen Museum befunden hatten. 246Folglich gibt es zwar Bedeutungsveränderungen zwischen dem Museum und dem «nicht-musealen Ort», nicht aber in der Verknüpfung, die Pomian macht. Mit Justin Stagl könnte man von «Aussenbedeutung» und «Binnenbedeutung» sprechen: Die Erstere bezeichnet die Bedeutung der Dinge vor dem Gesammeltwerden, während die Letztere die neue Stellung der Objekte durch die Eingliederung in eine Sammlung meint. 247
Die Verkäufe zeigen, dass das Landesmuseum keine ökonomiefreie Zone war, wie Pomian es pauschal für die Museumswelt behauptet. Die materiellen Ressourcen, die dem Landesmuseum zur Verfügung standen, spielten eine entscheidende Rolle für die Zusammensetzung der Sammlungen. 248Pomians Modell eines marktfernen Museums ist mehr Ausdruck eines herrschenden Ideals seiner eigenen Zeit, als dass es die Museumsrealität des gesamten 20. Jahrhunderts beschreiben würde. Die Sammlungsstücke verfügten über vielfache Bedeutungen, und eine Komponente der Bedeutung war die gewerblich-wirtschaftliche. Es kann sogar von einem Marktdenken gesprochen werden: Wenngleich nicht erwartet wurde, dass das Landesmuseum wirtschaftlich produktiv ist, 249so war die Direktion doch sehr darauf bedacht, dass das Landesmuseum bei all seinen Transaktionen «Gewinne» erzielte. Eine «Gratisabgabe» 250von Objekten wollte man unter keinen Umständen. Die Sammlung in ihren verschiedenen Bestandteilen wurde als staatliche Kapitalanlage angesehen. Das hatte der erste Museumsdirektor 1893 pointiert formuliert, als er den aktuellen Versicherungswert (537 157 Franken) der bisher erworbenen Altertümer angab und dazu meinte:
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