Was ist an diesem Verhalten nicht optimal – und in diesem Sinne nicht gehirngerecht?
Es ist wohl klar, dass sich Ruth eigentlich im Moment mehr für die TV-Serie interessiert als für das Thema im Buch: Das Gehirngebiet, das speziell für emotionale und motivationale Prozesse zuständig ist, bezeichnet man als limbisches System . Dieses hat längst unbewusst entschieden, dass die TV-Serie im Moment wichtiger und spannender ist als Lesen und Lernen. Zusätzlich löst der Erwartungskitzel der Sitcom-Fortsetzung einen Botenstoff namens Dopamin aus, der das Lustzentrum, das heißt den Nucleus accumbens, aktiviert: Spannung ist angesagt! Dieses lustvolle Gehirngeschehen hemmt Prozesse im Neocortex , das heißt in der grauen und gefalteten Hirnrinde , die für aufmerksames und verstehendes Lesen zuständig ist.
Mit dem farbigen Markieren wird der Kurzzeitspeicher bzw. das Arbeitsgedächtnis im Frontalhirn aktiviert und gleichzeitig überfordert: Das Arbeitsgedächtnis ist zu beschränkt, als dass es auf Anhieb und in kurzer Zeit in verschiedenen Farben markierte Fakten im Wissensgedächtnis langzeitspeichern könnte; im geschilderten Fall versagt das Multitasking (Klingberg 2008). Es ist auch eine Überforderung des Gehirns, sich in so kurzer Zeit einen größeren Text einen Tag vor der Prüfung mit einer Art gehäuftem Repetieren einprägen zu wollen. Eigentlich weiß dies Ruth intuitiv und unausgesprochen (implizit), deshalb will sie ja am nächsten Morgen den Text nochmals überfliegen, was auch nicht besonders effizient ist, denn das gleichförmige und wiederholende Lesen signalisiert dem Gehirn: Nichts Neues, nichts Spannendes, nichts Überraschendes, es ist keine besondere Aufmerksamkeit nötig! Kurz und gut: Ruth lernt alles andere als gehirngerecht – obschon sie damit im Moment auch einen gewissen Erfolg haben kann. Zudem lernt Ruth leicht angstbelastet, was an sich nicht schlimm, aber auch nicht förderlich ist, weil der Aufbau von vernetztem und komplexem Wissen besser nicht mit stark aktiviertem Angstzentrum ( Amygdala ) erfolgt.
Wie kann Ruth gehirngerecht lernen?
Lernentschluss: Ich will den inneren Widerstand überwinden und jetzt Geschichte lernen. Ich kann erfolgreich sein.
Lernziel: Ich will den Text gründlich durcharbeiten und mich auf die Prüfung vorbereiten.
Priorität: Ich erledige jetzt noch eine SMS. Auf die Sitcom verzichte ich momentan und nehme sie auf DVD auf. Ich reserviere für das Lernen zwei Stunden und morgen früh eine Stunde zur Repetition.
Lernplan: Zuerst lese ich den Text, ohne etwas anzustreichen, durch. Dann markiere ich mit Bleistift die Abschnitte. Dann bearbeite ich den Text, indem ich Kolonnen mache und eintrage: Wann – hat sich was ereignet – mit welcher Wirkung? – Merkhilfe – Prüfungsfrage.
Es ist günstig, wenn Ruth einige Lernstrategien, das heißt Verfahren des Bearbeitens, Organisierens, Einprägens und Abrufens kennt. Man kann diese Lernstrategien etwas feinkörniger auch als Zusammenspiel von Lern- und Arbeitstechniken bezeichnen, wie sie unten für die Textbearbeitung erwähnt werden.
Wie kann Ruth an ihrem Text arbeiten?
Neuropsychologisch heißt Lernen so viel wie »neuronale Netze« aufbauen, »Verbindungen stärken« usw. Dies geschieht auf der Ebene von Zellen und Nervenverbindungen. Auf das praktische Lernverhalten bezogen heißt das: Man muss an der Sache etwas tun. Was kann man an einem Text alles tun? Und in welcher Reihenfolge?
Still lesen – vorlesen – laut lesen, auf Tonband aufnehmen – vom Tonband hören – Wichtiges unterstreichen – Randnotizen machen – Abschnitte identifi-zieren – Textstruktur skizzieren – Text unterteilen – Zwischentitel setzen – Begriffe definieren – Textanalyse – Skizzen machen – semantisches Netz schreiben – Assoziationen festhalten – Satz um Satz paraphrasieren – Ursachen/Folgen identifizieren – Widersprüche entdecken – Text umstellen – Personen charakterisieren – schlussfolgern – Zusammenhänge aufzeigen – Schaubild entwickeln – Kernaussagen visualisieren – übersetzen – Text korrigieren/verbessern – Text kürzen – zusammenfassen – in ein Drehbuch übersetzen … usw.
»Das Gehirn verstehen« ist natürlich ein komplexes und anspruchsvolles Vorhaben, an dem mehrere Wissenschaften (Neurobiologie, Neurophysiologie, Neuropsychologie, Neuropharmakologie usw.) arbeiten. Die meisten Ergebnisse der Neurowissenschaften lassen sich nicht naiv und direkt auf Lernprobleme anwenden, man ist auf das Vorverständnis der Kognitionspsychologie , der Lernpsychologie, der Lehr-Lern-Forschung und Didaktik angewiesen.
Sowohl das aktive, selbstgesteuerte und bewusste, als auch das rezeptive, mehr passive und unbewusste Lernen ist an das Gehirn gebunden.
Lernen ist ein neuronales Ereignis.
Gehirngerecht ist das Lernen, wenn es neuronalen Strukturen und Funktionen angemessen ist und insofern es die auf Plastizität beruhenden Potenziale fördert. Diesbezüglich gleicht der Terminus »gehirngerecht« den Begriffen kindgerecht, entwicklungsgerecht, stufengerecht, sachgerecht, ziel- und methodengerecht.
1.2 Was geschieht im Gehirn, wenn wir lernen?
Es gibt mindestens drei Zugänge zum wissenschaftlichen Verstehen des Lernens:
Abb. 3: Drei Zugänge zum Lernen
Wie die Abbildung zeigt, ist Lernen zunächst ein beobachtbares Verhalten bzw. eine mehr oder weniger dauerhafte Veränderung von Verhaltensbereitschaft und Verhaltenspotenzialen (z. B. die Vergessenskurve korrekt und auswendig zeichnen können). In kognitiver Sicht geht es dabei um den Aufbau innerer Strukturen und mentaler Repräsentationen (z. B. verstehen, wie die Vergessenskurve zu interpretieren ist). Beides ist getragen von neuronalen Prozessen, das heißt von der Stärkung und Erweiterung synaptischer Verbindungen und Netze, die reaktivierbar sind und vorübergehend oder nachhaltig umgebaut werden (z. B. neuronale Aktivitäten im Stirnhirn , im Temporal- und Parietallappen sowie im primären visuellen Areal ).
Es fällt auf, dass sowohl in der Alltagssprache als auch im wissenschaftlichen Diskurs die drei Aspekte Verhalten (»Sei still!«), innere Repräsentation (»Stell dir ein Quadrat vor!«) und zugrunde liegende neuronale Prozesse (»Das Areal 17 ist aktiviert«) vermischt oder leichtfertig verknüpft werden, obschon deren Zusammenhang keineswegs immer nachgewiesen ist – und deshalb große Vorsicht geboten ist (vgl. dazu Janich 2009). Im Folgenden geht es darum, einige Aspekte dieses Zusammenhangs zu erläutern.
Lernen aus Sicht des Gehirns
Lernen wird von Neuropsychologen in der Regel folgendermaßen beschrieben:
1 Lernen bewirkt, dass Zellen (Neuronen), die gleichzeitig aktiviert sind, sich funktionell verbinden (Hebb’sche Zellverbindung).
2 Beim Lernen wird das Aktionspotenzial von Synapsen erhöht und gestärkt.
3 Es bilden sich immer mehr Synapsen, das heißt Anschlussstellen zu andern Zellen (pro Neuron bis zu 10 000 Synapsen zu andern Zellen).
4 Die empfangenden Anschlüsse, d. h. die postsynaptischen Dendriten-Flächen, werden vergrößert.
5 Durch häufiges Üben erweitern sich neuronale Areale (bei Violinspielern z. B. Areale der linken Hand rechtshemisphärisch).
6 Durch vielfältige musikalische Aktivitäten wie hören, spielen, Noten lesen, improvisieren, komponieren usw. entstehen in den relevanten Arealen fast unbegrenzte Netze von Anschlussstellen für Neues.
7 Je größer und vielfältiger die Vernetzung ist, desto störungs- und zerstörungsresistenter sind die neuronalen Netze (auch im Alter).
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