1 ...7 8 9 11 12 13 ...21 Oh, Sterne, oh, Nacht! oh, es war die Nacht, endlich die Nacht! Und es war des Nachtklingens feucht-tiefer Dunkelheitsatem, den er, schmerzender Brust, tief in sich einsog. Doch allzulange verweilte er schon, er mußte Anstalten treffen, sich aus der Sänfte zu erheben, und er war ein wenig verärgert, daß die Fürsorglichkeit des Cäsars, der ihm den lästigen Arzt aufs Schiff geschickt hatte, nicht bis hierher reichte, und daß augenscheinlich niemand wußte, wie sehr gebrechlich er war; dabei hatten sie den Koffer mit der Äneis bereits ins Haus geschafft, und es galt eilends zu folgen. «Komm, hilf mir», befahl er den Knaben zu sich, indem er sich aufrichtete, und dann, auf des Knaben Schulter gestützt, versuchte er die ersten Treppenstufen zu bewältigen, freilich um sofort zu merken, daß Herz, Brust und Knie versagten und daß er sich überschätzt hatte; er mußte sich von zwei Sklaven hinauftragen lassen. Drei Stockwerke ging es hinan, vorne der gleichgültige Hofbeamte, der die Gästerolle wie einen Feldherrnstab gegen die Hüfte gestemmt hielt, hinterdrein vieltrittig die Sklaven mit dem Gepäck, und als man droben in dem vorbereiteten luftigen Gastgemach anlangte, da war leicht zu erkennen, daß sich dieses in der turmartigen südwestlichen Palastecke befand; durch die offenen Rundbogenfenster, die ein gutes Stück oberhalb der Stadtdächer lagen, strich ein kühler Hauch, eine kühle Erinnerung an vergessenes Land, an vergessenes Meer, strich meerhaft und erdhaft der Hauch der Nacht durch das Zimmer; schräg abgeweht brannten Kerzenflammen auf dem vielarmigen blumenbekränzten Kandelaber in der Mitte des Raumes, kühl ließ der Wandbrunnen einen zartfächrigen Wasserschleier über die Marmortreppchen seines Aufbaues herabrieseln, das Bett unter dem Moskitonetz war gerüstet, und auf dem Tisch neben dem Lager waren Speisen und Wein angerichtet. Nichts fehlte, ein Lehnsessel stand zur Beschaulichkeit beim Erkerfenster und der Leibstuhl in der Zimmerecke; das Gepäck wurde griff bequem aufgestapelt, der Manuskriptkoffer auf besonderes Geheiß zum Bette hingerückt, es klappte alles so genau und so geräuschlos, wie ein Kranker es sich nur wünschen konnte, aber freilich, dies war schon nicht mehr das Verdienst des Augustus, dies war bloß die glatte Fürsorglichkeit einer tadellos arbeitenden, großausge-statteten Hofhaltung, es war ohne Freundschaft. Man mußte es hinnehmen, man mußte es annehmen, die Krankheit nötigte hierzu, es war ein Muß der Krankheit, ein lästiges, bitterkeitserzeugendes Muß, und dabei richtete sich diese Bitterkeit nicht einmal so sehr gegen das Siechtum selber als gegen den Augustus, offenbar, weil der die Gabe hatte, jegliche Dankbarkeit unweigerlich zu vereiteln. Die Bitterkeit gegen den Augustus -war sie nicht von Anfang an vorhanden gewesen? wahrlich, alles war dem Augustus zu verdanken, Frieden und Ordnung und die eigene Sicherheit, kein anderer hätte es zustande gebracht, und wäre statt seiner der Antonius zur Herrschaft gelangt, es hätte Rom niemals zum Frieden zurückgefunden, wahrlich, und doch! ja, und doch! und doch noch immer Mißtrauen gegen diesen Menschen, der nun die vierzig bereits überschritten hatte, ohne daß er wirklich gealtert wäre, unverändert seit fünfundzwanzig Jahren, und der mit der nämlichen frühreifen Glätte und Schlauheit heute wie damals die Fäden der Politik in gewandten Händen hielt -, war das bittere Mißtrauen gegen diesen überalterten Jüngling, dem man alles verdankte, nicht vollkommen berechtigt? nichts als Glätte war es, was ihn auszeichnete, glatt seine Schönheit, glatt seine Freundlichkeit, die man so gerne als Freundschaft auffassen möchte und die doch keine Freundschaft war, sondern immer nur selbstischen Zwecken diente, und jeder ging ihm ins Garn, in solch glattes Garn! Und nun war es wieder so weit, nun gab es wiederum jene Freundschaftsheuchelei -, warum nur hatte der Heuchler darauf bestanden einen Kranken in seinem Troß nach Italien zurückzuschleppen ? Ach, besser wäre es noch gewesen auf dem Schiffe zu sterben, besser als hier liegen zu müssen, inmitten dieser glatten Hofhaltung, wo alles zu makellos war, nur allzu makellos, während drüben beim Kaiserfeste unter Lichter- und Musikgeschmetter sich der kaiserliche Un-Jüngling lärmend umfeiern Heß. Als fernes und fremdes Brausen, unzüchtig auf-und abschwellend, kam der Lärm von dort herüber, den Nachthauch verunreinigend.
Aber im Nachthauch war alles vereinigt, Festgebraus und Bergesstille und das Glitzern des Meeres, das Einst und das Jetzt und wiederum das Einst, eines ins andere einfließend, eines ins andere verflossen - würde er nochmals nach Andes zurückkehren dürfen? Hier war Brundisium, dächerreich und gassenerleuchtet, ausgebreitet unter dem Erkerfenster, zu dem er sich hatte bringen lassen und vor dem er nun im Lehnsessel saß, hier war bloß Brundisium, und er lauschte in die Nacht hinaus, lauschte in die Ferne des Einst, dorthin, wo das Sterben gut sein sollte; nein, er hätte nicht hierher kommen sollen, am allerwenigsten in dieses unfreundschaftlich wohleingerichtete Gastgemach. An den schrägbrennenden Kandelaberkerzen baute sich, Wachstropfen um Wachstropfen, einseitig an einer jeden von ihnen, ein rasch dicker werdender, zackiger, wächserner Steg an.
«Herr ...» Der Hofbeamte stand vor ihm.
«Ich habe keine Wünsche mehr.»
Der Beamte wies auf den Knaben hin: «Haben wir deinen Sklaven unterzubringen? es war nicht vorgesehen ...»
Wahrlich, der Lästige hatte recht; es war nicht vorgesehen gewesen.
«Doch wenn du ihn hier in deiner Nähe untergebracht zu haben wünschest, so wollen wir uns sicherlich sofort bemühen, o Herr, dir gefällig zu sein ...»
«Es ist nicht nötig ... er wird in die Stadt gehen.»
«Außerdem wird dieser hier» - der Beamte wies nun auf einen Mann in der Sklavengruppe - «sich nachtsüber zu deinem Geheiß im Nebenraum aufhalten.»
«Gut... ich hoffe seiner nicht zu bedürfen.»
«So darf ich mich entfernen ...»
«Tue dies.»
Zu viel der Vorbereitungen war es bereits; ungeduldig die Hände verschränkend, ungeduldig an dem Siegelring drehend, wartete er, daß der kalt Beflissene mitsamt seinen Leuten endlich das Zimmer verlassen würde, aber als es geschehen, da war wider Erwarten der von dem Beamten bezeichnete Sklave, ein Mann mit orientalisch dicker Nase im strengen Lakaiengesicht, nicht mit den anderen gegangen, sondern war, als wäre es so bestellt, an der Türe zurückgeblieben.
«Schicke ihn fort», bat der Knabe.
Der Sklave fragte: «Befiehlst du bei Sonnenaufgang geweckt zu werden?»
«Bei Sonnenaufgang? warum?» Für einen Augenblick war es, als ob die Sonne, trotz der nächtlichen Stunde, nicht vom Himmel verschwunden wäre, zwar versteckt in westlichen Regionen, dennoch anwesend, Helios, nachtüberdauernd, nachtbezwingend, gewaltiger als die Mutter, aus deren Schoß er hervorgegangen ist.
Nichtsdestoweniger, man mußte dem Sklaven, der des Bescheides harrte, Antwort geben: «Du mußt mich nicht wecken; ich werde wohl wach sein ...»
Man hätte meinen können, daß der Mann die Antwort nicht gehört hatte; er blieb unbewegt stehen. Was sollte dies bedeuten? was wollte der Mann damit ausdrücken? etwa, daß für den, der nicht geweckt wird, kein neuer Tag anbrechen würde? Nacht war es, mütterlich ruhige Nacht, milde ihr Hauch, und , mild war es, sich vorzustellen, daß sie ewig währen könnte; nein, der Sklave war unerwünscht, ebenso unerwünscht wie die Aussicht von ihm geweckt zu werden: «Du kannst dich zur Ruhe begeben ...»
«Endlich», bemerkte der Knabe, als der Sklave die Türe hinter sich zugezogen hatte.
«Endlich, ja doch ... nun aber zu dir, kleiner Führer ... was machst du eigentlich noch hier? hast du ein Anliegen an mich? ich will es gerne erfüllen ...»
Der kleine Führer stand auf gegrätschten Beinen da, das runde, etwas derbe und, man mußte es leider zugeben, eher unschöne Bauernjungen gesicht ein wenig gesenkt, freilich auch ein wenig beleidigt, tolpatschig mit vorgeschobener Unterlippe: «Du willst auch mich fortschicken ...»
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