Ihr den Antrag zu machen, war nun nicht mehr nötig gewesen. Die Reise nach Italien wurde zu ihrer vorgezogenen Hochzeitsreise. Noch nie zuvor war er dem Himmel so nah gekommen. Nie mehr wieder würde er es.
Es gab viele trostlose Flecken in Frankfurt, aber dieser war einer der trostlosesten. Vor einigen Jahren von gelangweilten Städteplanern aufs Papier geworfen, kurz darauf auf den Mittelstreifen einer mehrspurigen Allee gepflanzt, war die Grünanlage ein Paradebeispiel dafür, welche Hässlichkeit menschliche Gleichgültigkeit produzieren konnte.
Kurz vor Sonnenaufgang erreichte die Trostlosigkeit dieses Ortes ihren Höhepunkt. Das Morgengrauen entzog der Grünfläche den letzten Rest an Farbe. Alle Spuren der Verwahrlosung, die die Straßenbeleuchtung eben noch überglänzt hatte, traten nun zu Tage: Das vor Dreck und Hundekot starrende Rasenstück, die verknöcherten Bäume, die ihre Stümpfe in den Himmel reckten, und die durch die Autoabgase ergraute Hecke, in der sich Plastiktüten verfangen hatten. Der einzige Mülleimer hatte keinen Boden mehr. Die Sitzbank aus Stahlrohr stand verwaist am Rand verwitternder Gehwegplatten. Selbst den Junkies und Obdachlosen der Stadt bot dieser vom Leben vergessene Flecken nichts, das sie anzog.
Doch dann ging die Sonne auf.
Rosig ergoss sich das Licht über die Erde und tauchte alles in zartes Pastell. Die schroffen Konturen des Astwerks verwandelten sich in einen filigranen Scherenschnitt. Das Grün der Blätter erglühte. Der Schmutz auf der Bank erschien als Patina, die der Raststatt eine rührende Vergänglichkeit verlieh. Eine Amsel sang ihr Lied. Der hässliche Fleck wurde zur Oase, zu einem Ort der Hoffnung, zu einer Idylle mitten im urbanen Dickicht.
Das Ganze geschah innerhalb weniger Sekunden. Kaum länger, als ein Atemzug dauert. Unbemerkt, so wie meistens, wenn ein Wunder passiert. Denn ein Wunder war es, weil etwas völlig Neues begann.
Der Platz auf der Bank war nun nicht mehr leer. Ein Mädchen schlief darauf. Eher eine junge Frau, die soeben erwachte. Sie trug nur ein helles Kleid, das ihr kaum bis zu den Knien reichte. Wie ein Kind rollte sie sich noch einmal zusammen, um sich schützend in sich selbst zurückzuziehen, in den Traum, der soeben noch ihre Welt gewesen war. Zögernd setzte sie sich auf und sah sich um.
Das Unkraut, das zwischen den verwitterten Gehwegplatten spross, erzitterte leicht. Oder waren es ihre Füße, die sie unsicher auf den grauen Beton setzte? Klamm stand die Morgenkühle zwischen den borstigen Sträuchern und Bäumen. Das graue Stahlrohr unter ihr war kalt. Es fröstelte sie.
Behutsam erhob sie sich und lenkte ihre Schritte in Richtung Straße. Der erwachende Berufsverkehr floss an ihr vorbei.
Kreuz und quer begann sie, die Stadt zu erkunden, beobachtete, hörte, schaute und staunte. Alles war neu. Alles war fremd. Mit jedem weiteren Schritt wuchs ihre Neugier.
Wer waren all diese Menschen? Woher kamen sie? Wohin gingen sie? Was war ihr Ziel?
Die Welt um sie herum war unfassbar groß. Eine Fülle, die ihre Sinne überflutete. Die sie berauschte. So viel auf einmal. Was war Antwort? Was war Frage? Was war was? Die Frau geriet leicht ins Taumeln.
Da drängte sich etwas in ihr Bewusstsein, das klarer war als alle anderen Eindrücke. Erst leise und dann immer fordernder. Wie an einem Seil klammerte sie sich daran fest. Es lenkte sie in sich selbst hinein. Es stach und biss. Ein Schmerz in ihrer Mitte. Auch ihr restlicher Körper machte sich bemerkbar. Ihre Beine waren schwer, die Füße wund. Doch der Schmerz in ihrer Mitte überlagerte alle anderen Empfindungen.
In einer Fußgängerzone blieb sie stehen. Aus der geöffneten Ladeklappe eines Lieferwagens wehte ihr ein köstlicher Duft entgegen. Warm und lebendig hüllte er sie ein. Kiste um Kiste trug ein Mann ofenfrische Ware in einen Laden, während sie nur dastand und roch.
Der Schmerz brandete erneut in ihr auf. Wie ein Messer fuhr er ihr in die Eingeweide, sodass sie sich hilflos gegen die nächste Hauswand stützen musste.
Der Lieferant wandte sich erschrocken um. Er fühlte sich beobachtet. Hinter ihm stand eine junge Frau und starrte in seine Richtung. Ihr seltsames Verhalten weckte sein Misstrauen. Ein grobes Wort lag ihm auf der Zunge. Er hasste es, angebettelt zu werden. Wütend taxierte er sie, bereit, sie fortzujagen.
Da traf ihn ihr Blick und er erschrak erneut. Doch diesmal war es anders. Etwas Tröstendes ging von der Fremden aus. Ihr Gesicht erinnerte ihn an seine Schwester. Die gleichen grünen Augen. Das gleiche braune Haar, das offen über ihren schmalen Schultern lag. Sie hatte sogar die gleichen verspielten Sommersprossen über Nase und Oberlippe.
Natürlich war die Fremde nicht seine Schwester, das konnte ja auch gar nicht sein, denn seine Schwester war schon seit vielen Jahren tot. Gestorben, als sie fast noch ein Kind war. Und wenn man genauer hinsah, dann bemerkte man auch, dass die Haare dieser jungen Frau heller waren, die Augen etwas weniger grün, die Sommersprossen nicht so zahlreich. Aber nun war es zu spät. Seine Zuneigung war erwacht, die Besorgnis um ihr Wohlergehen konnte er nicht mehr rückgängig machen.
Er musterte das dünne Sommerkleid und die nackten Füße auf dem Straßenpflaster und schüttelte sogleich seinen Kopf. Wie eine Obdachlose sah sie nicht aus, dachte er erleichtert. Eher wie jemand, der eine durchfeierte Nacht hinter sich hatte und auf dem Weg in sein Bett war. Sicher hatte sie ihre Schuhe nur ausgezogen, weil sie sie beim Tanzen gestört hatten und sie dann vergessen. Allerdings trug sie auch keine Handtasche bei sich. Erneut schüttelte er den Kopf über so viel jugendlichen Leichtsinn. Das ersehnte Frühstück würde sie sich so nicht kaufen können.
»Hunger?«, fragte er.
Sie nickte.
»Geht aufs Haus«, sagte er und reichte ihr ein Brötchen.
Zaghaft nahm sie sein Geschenk entgegen, betrachtete es von allen Seiten, atmete tief den Duft ein und schlug ihre Zähne in die knusprige Kruste. Der Mann verfolgte, mit welcher Lust sie abbiss und wie die goldene Hülle zwischen ihren Zähnen splitterte.
In Sekundenschnelle hatte sie alles verschlungen, wischte sich zufrieden die letzten Krümel vom Stoff ihres Kleides und strahlte ihn an.
»Danke«, sagte sie und noch ehe er etwas erwidern konnte, war sie bereits weitergegangen.
Wie auf einem langsamen Fluss trieb sie voran. Schaute und staunte. Die Zeit zerrann. Immer besser gelang es ihr, sich die Dinge einzuteilen. Nicht ihr Schauen sollte sie lenken, sondern sie ihr Schauen. Vorausschauen. Planen. Der Hunger hatte sie eine wichtige Lektion gelehrt. Sie besaß einen Körper, dessen Bedürfnisse sie nicht übergehen konnte. Es galt nicht nur, die vielen offenen Fragen zu stillen, sondern auch einen vernünftigen Weg zu finden, um zu überleben.
Die Passanten, deren Weg sie kreuzte, schenkten ihr kaum Beachtung. In einer so großen Stadt wie dieser fiel der Anblick verlorener Seelen nicht weiter auf. Neugier und Anteilnahme waren die Ausnahme. Wie blind rannten die Leute an ihr vorbei zum Bus und zur Bahn. Die Gedanken fest verhaftet mit dem Unsichtbaren. Vielleicht wurden auch sie vom Schmerz gedrängt. Oder vielleicht durch etwas Wichtiges gelenkt? Vielleicht fehlten ihnen aber so wie ihr auch die Antworten auf die vielen Fragen, die das Gesehene aufwarf?
Schließlich mündete ihr erster Tag in den Abend.
Auf einer Brücke hinter dem Bahnhof sah sie hinunter auf die Schienen, ein verwirrendes Netz aus Gleisen und Weichen. So viele Wege, dachte sie. Ein wenig ratlos nahm sie auf den glatten Stufen einer Treppe Platz und streckte erschöpft die Beine von sich.
›Ich werde Schuhe brauchen‹, dachte sie und merkte dabei nicht, wie sie diese Worte tatsächlich vor sich hin flüsterte.
»Du siehst so aus, als seien Schuhe dein geringstes Problem.«
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