Dora wusste: „Ja, die Tochter von Raffaela, Claudia Conte, ist befreundet mit der Farmerstochter Jennifer O’Toole aus Eastchurch. Jenny ist Drummerin mit ziemlich viel Power, sie ist, so scheint es, der Chef einiger Jungs und Mädels, die mit ihr Musik machen!“
Robert fragte nach: „Und die Gruppe habe ich in der Mainacht gehört?“
Frank: „Ja, die haben gespielt und sind überraschend gut bei den Chapelern angekommen.“
Robert fragte weiter: „Wie sind sie denn besetzt? Ich würde sie gerne einmal live hören und sehen!“
„Wie gesagt, mit einer Drummerin, zwei E-Gitarren von Jungs gespielt. Ein schwarzes Mädel spielt Blasinstrumente und singt. Ein Keyboarder ist dabei, der etwas älter ist!“, erklärte Frank.
Dora merkte an: „Soweit ich weiß, spielen sie morgen am Samstag bei Beccy Balmore am Westcorner!“
Robert dachte: „Oh, das ist günstig! Ich kann mit der Fähre hin- und zurückfahren und ich treffe Beccy, mit der ich auf der Highschool war.“
Big Boulder und der Philosoph, Phil genannt, betraten den Pub. Phil mit einer Körpergröße von etwa eineinhalb Meter und einem Körpergewicht unter fünfzig Kilogramm wirkte auf groteske Art gnomenhaft neben dem Riesen.
Big dröhnte: „Wir haben unsere Schicht fertig und müssen auftanken, hahaha!“
Bei Frank bestellte er ein Pint Luna (etwas mehr als ein halber Liter) für sich und ein Halfpint für Phil. Big setzte das Pint an, trank es in einem Zug leer, rülpste und schielte auf Phils halbes Pint. Wie ein Vögelchen hatte Phil drei kleine Schlucke genommen und reichte sein halbes Pint an Big weiter. Der nahm es grinsend und goss es auch in einem Zug hinunter.
Jetzt, so fand Dora, war es Zeit, die beiden ein wenig anzuheizen!
„Phil“, sagte sie, „du hängst seit Monaten mit Big herum! Was machst du da eigentlich?“
Phil: „Ich lerne!“
Dora: „Wow, was lernst du denn?“
Phil mit ernstem Gesichtsausdruck: „Wie man falsch lebt!“
Big überrascht: „Hä?“
Phil: „Big, zum Beispiel, hat von allem zu viel. Das ist ein Problem für ihn!“
Big: „Zum Beispiel?“
Phil: „Big, du hast mindestens zwanzig Kilogramm Übergewicht. Das schleppst du die ganze Zeit mit dir rum. Das musst du ständig warmhalten und pflegen!“
Big: „Du redest Scheiße. Wenn ich mal eine ganze Zeit nichts zwischen die Kiemen kriege, habe ich Reserven, hahaha! Dabei knallte er beide Handflächen auf seinen gewölbten Bauch. Wenn du mal einen Tag, nur einen Tag, nichts zu futtern kriegst, Phil, geht dein Lichtlein aus wie eine vom Wind ausgeblasene Kerze!“
Phil hielt dagegen: „Ich bekomme jeden Tag etwas zu essen. Ich brauche keine Reserven. Mir reicht zum Beispiel ein Stück Fisch in Daumengröße zum Leben!“
Big: „Und, wie stellst du das an, jeden Tag, du Däumling, hahaha?“
Phil: „Ein Stückchen Fisch erhalte ich an jeder Haustüre!“
Big: „Und, wie lange soll das funktionieren?“
Phil: „Das funktioniert immer, denn ich gebe den Menschen etwas zurück!“
Big: „Das wäre?“
Phil: „Das Gefühl, dass ich ihnen dankbar bin, dass ich ehrlich bin, dass ich sie achte. Ich bin ein reicher Mensch im „Sein“. Im „Haben“ bin ich dafür ein armer Mensch!“
Big dröhnte: „Zum Donnerwetter, jetzt höre sich einer dieses Gefasel an. Das ist typisch der Philosoph, den versteht kein Schwein!“
Phil: „Eben!“
Diese letzte feine Spitze hatte Big nicht verstanden.
Big: „Was soll der ganze Scheiß? Komm, Phil, wir hauen uns ein Stündchen hin!“
Beide verabschiedeten sich.
Robert schaute Frank fragend an. Dora bog sich vor Lachen.
Frank informierte: „Big ist hier der einzige Fischer, der nicht der Genossenschaft beigetreten ist. Er wollte frei bleiben, wie er sagte. Phil fand das gut und schloss sich als zweiter Mann auf dem Kutter an!“
Robert meinte: „Aber Phil kann doch kaum mehr als zwanzig Kilogramm in jeder Hand heben?“
Frank: „Ja, das stimmt, aber Phil ist ein Fuchs im Aufspüren von Edelfischen, die die beiden übrigens an Langleinen fangen!“
Robert: „Und was machen die mit ihrem Fang?“
„Sie verkaufen den Fang täglich hier im Ort vom Kutter aus, immer so gegen elf Uhr!“
„Was sagt der Bürgermeister dazu?“, fragte Robert.
„Josh und Raff schauen freundlich weg!“, meinte Frank.
Robert bedankte sich bei Dora und Frank und ging nach Hause in sein Boganson-Cottage.
6.
Später, gegen Abend, rief er wie versprochen seine Cousine Susan an.
Susan, kurz angebunden: „Die Testamentseröffnung findet nächste Woche, am 10. Mai, in unserem Kontor statt! Ich rate dir dringend vorab zu einem Abstimmungsgespräch!“
„Ja, Susan, ich sagte dir doch bereits, dass ich ein Vorabgespräch richtig finde. Bitte mach einen Terminvorschlag!“
Susan: „Am kommenden Montag, den 5. Mai, 15.00 Uhr, bei uns!“
Robert: „O. k., ich werde da sein!“
Der Tag endete mit angenehmer Temperatur. Rötlich leuchtendes Abendlicht erzeugte eine feierliche Atmosphäre auf dem Sund.
Robert dachte: „Ich möchte einmal im Sund schwimmen, wie in meiner Kindheit. Das würde sich wie ein wenig „Nach-Hause-Kommen“ anfühlen!“
In Badeshorts und mit Badetuch ging er in den verwilderten Garten an der Ostseite des Hauses zu der Badestelle, an der sein Grandpa Knuth ihm das Schwimmen beibrachte. Er war vier oder fünf Jahre alt gewesen. Es befand sich dort noch ein Fleckchen Gras. Er legte das Badetuch aus, setzte sich und schaute. Gegenüber sah er die Sund-Promenade von Hull-City. Einzelheiten konnte er wegen der Entfernung von etwa tausend Metern ohne Fernglas nicht ausmachen. Die Abbruchkante des Karstplateaus über der Stadt leuchtete in rosa Farbtönen. Küstenschiffe fuhren in der stadtnahen Fahrrinne von West nach Ost und umgekehrt. Bei schwachem Südwestwind vernahm Robert das leise Wummern der Schiffsmotoren. Möwen gab es zur Abendstunde keine am Sund. Die Fischer hatten ihr Tagewerk beendet.
Vorsichtig ließ er sich in das Wasser gleiten. Es roch frisch, schmeckte salzig und war wärmer als vermutet. Er schwamm etwas in den Sund hinaus, eine Strömung war kaum spürbar. Ein Glücksgefühl ließ Robert genüsslich erschauern.
Am folgenden Tag, Samstag, erschien gegen 10.00 Uhr Conchita und begann mit der Hausarbeit im Boganson-Cottage. Robert fühlte, dass er hier jetzt nicht richtig am Platz war und ging hinüber zum Bürgermeisterhaus.
Josh O’Bready telefonierte in seinem Büro. Mit freundlicher Miene winkte er Robert einzutreten.
Josh, Mitte sechzig, war ein alter Bekannter. Er war von stämmiger Statur, trug dichtes schwarzes, etwas grausträhniges Haar. Er war verheiratet, hatte mit seiner Frau drei jetzt erwachsene Kinder, wahrscheinlich auch Enkelkinder.
Mit sonorer Stimme begrüßte er Robert: „Hi, du alter Tramper! Haben wir dich endlich wieder zu Hause?“
Robert grinste: „Vorläufig ja!“
„Wieso vorläufig?“
„Nächste Woche ist bei Finnlys Testamentseröffnung, ich muss sehen, was sich ergibt!“
„Hast du noch keinen Plan?“
„Weißt du, Josh, meine Wurzeln habe ich hier in Chapel. Ich gehöre hier hin, ich will hierhin zurückkommen! Mein Gefühl sagt: „Wenn ich das Finnly-Erbe annehme, werde ich wahrscheinlich wieder in die unternehmerische Mühle der Finnlys geraten. Die Finnly-Werft ist ein Segen für unser County, zweifellos! Aber ich muss etwas anderes machen. Zurzeit weiß ich nicht, was, also lasse ich die Dinge auf mich zukommen! Ich überlege ernsthaft, das Erbe nicht anzunehmen. Am kommenden Montag spreche ich mit meiner Cousine vorab darüber!“
Josh nickte verstehend: „Wir kennen uns schon lange Robert. Ja, ich glaube, dass es für dich so richtig ist!“
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