Dann gibt es Schiffe, die von Hafen zu Hafen fahren und dort Ladung verschiedenster Art aufnehmen und auch abladen. Sie haben eigene Ladevorrichtungen an Bord, meist Turmdrehkräne auf der Backbordseite. Die Schiffe werden als Trampschiffe bezeichnet. Eine Besonderheit ist es, wenn der Kapitän gemeinsam mit seinem Lademeister von See aus klärt, wo welche Ladung für welchen Hafen aufgenommen werden soll oder kann. Der Kapitän klärt das direkt mit den Hafenspeditionen. Durch diese Methode kann eine bestmögliche Laderaumauslastung erreicht werden. Auch gibt es bessere Preise für das Transportieren kleiner Frachtgutmengen. Solche Kapitäne sind richtige Trampkapitäne. Sie heißen offiziell nicht so, aber die Bezeichnung Trampkapitän hat sich eingebürgert!“
Jaime rief: „Oh Dad, so ein Kapitän möchte ich auch werden!“
Jorge erwiderte grinsend: „Mein lieber Sohn, dann musst du in der Schule mehr Gas geben!“
In der Zwischenzeit wurde das Essen aufgetragen. Es gab gedünstetes Lammfleisch in einer Knoblauchsauce, grüne Bohnen und Süßkartoffeln, ein Festessen, das anlässlich des Feiertages mittags eingenommen wurde. Als Dessert gab es hauchdünne Tortillas, darin eingewickelt selbst gemachtes Vanilleeis, mit einem Klecks süßer Schlagsahne. Jaime berichtete stolz, dass seine Grandma diese Süßspeise mache.
Draußen nieselte es aus dichtem Nebel, drinnen bei Martinez war es richtig gemütlich. Der Kaminofen, mit Holz befeuert, gab eine wohlige Strahlungswärme ab. Zum Abschluss gab es Espresso und für die Erwachsenen dazu einen Tequila.
Robert erkundigte sich nach den beruflichen Tätigkeiten der Martinez-Eltern.
Jorge arbeitete im Hafen von Hull-City auf einem Portalkran. Um dort hinzugelangen, fuhr er täglich mit der Fähre „Hull-West“ von Westchapel nach Westcorner und von dort mit einem Wasserbus in den Hafen zu seinem Arbeitsplatz. So machten es einige Frauen und Männer aus Westchapel.
Mercedes arbeitete als Verkaufsleiterin im Store als rechte Hand der Eigentümerin Raffaela Conte.
In Westchapel gab es zwar eine Kindertagesstätte, aber keine Schule. Die Kinder benutzten deshalb, wie früher auch Robert, die Fähre auf dem Weg zu den Schulen in Hull-City.
Robert berichtete von seinem Leben als Schiffskonstrukteur in der „van Daelen & Finnly Schiffswerft“ und als Kapitän. Dabei vermied er es, die Umstände dieser Entwicklungen zu berichten. Die Frage nach seinen Zukunftsplänen konnte er nicht schlüssig beantworten und darüber wunderte sich die Hernandez/Martinez-Familie. Er versprach, die Familie über seinen weiteren Werdegang zu informieren.
Conchita fragte er: „Bist du bereit, und auch in der körperlichen Verfassung, mir den Haushalt zu führen? Das betrifft die Reinigung der von mir benutzten Räume und meine Wäsche, jedoch keinen Einkauf und keine Zubereitung von Essen.“
Conchita blitzte ihn erfreut an: „Ja, Robert, das mache ich gerne. Ich freue mich!“
Zu Jorge gewandt sagte Robert: „Ich will eurer Mutter 400 Dollar im Monat zahlen. Ist das o. k.?“
Jorge wusste, dass seine Schwiegermutter dies ablehnen würde. Er war aber der Meinung, dass Roberts Vorschlag richtig war.
Ohne Zögern sagte er: „Ja, Robert, das ist o. k.!“
Robert bedankte sich für den schönen Tag bei der Familie und verabschiedete sich.
4.
Durch den Nieselregen ging Robert schnell zurück in sein Cottage. Er musste sich mit seiner Zukunft beschäftigen, er benötigte ein Konzept. Zu kommenden Ereignissen musste er Positionen beziehen und Entscheidungen treffen können.
Robert setzte sich an den Wohnraumtisch. Zunächst hielt er fest, was er in Zukunft vermeiden wollte:
keine Tätigkeit als fest angestellter Mitarbeiter
keine Dauertätigkeiten in geschlossenen Räumen
keine große Seefahrt
keine Bindung an eine Frau durch Heirat
Dann notierte er Optionen für seine Zukunft:
auf Honorarbasis als Bassist in Pubs und Varietés arbeiten
als Hafenkapitän in Hull-City und Hull-County in Gelegenheits- oder Teilzeitform arbeiten
Die Beziehung zu einer bürgerlichen Frau suchen
Robert war sich darüber im Klaren, dass die Erbfrage in der Finnly-Familie einen Einfluss auf ihn haben würde. Seinen verstorbenen Grandpa Jonathan Finnly schätzte er so ein, dass der in seinem Testament Roberts Erbe an dem beträchtlichen Familienvermögen mit Auflagen verband. Zum Beispiel: „Mitarbeit in der DF-Werft“. Das würde wahrscheinlich bedeuten:
Feste Mitarbeit in der DF-Werft
Tätigkeit in Büros und Konstruktionsräumen
Repräsentationstätigkeit in der Firmenleitung
Dagegen sprach, dass er 18 Jahre nicht mehr konstruiert hatte und sich aufwändig einarbeiten müsste. Seine Cousine Susan und deren Mann Dick würden nicht begeistert sein, denn die Positionen, die Robert einnehmen könnte, z. B. in der Konstruktion, waren mit Sicherheit hochwertig besetzt.
Nein, er wollte ein einfaches, bescheidenes Leben führen. An einer Vermögensanhäufung war er nicht interessiert. In den Jahren als Trampkapitän hatte er viel Geld gemacht und wenig Gelegenheit gehabt, Geld auszugeben. Eine knappe Million Dollar waren angelegt in Schiffs- und Hafenbeteiligungen. Die Rendite, so der Stand gegenwärtig, reichte für einen einfachen Lebensstil.
Das Boganson-Cottage gehörte ihm und war nicht belastet. Es lag allerdings auf einer Insel, isoliert von städtischem Leben. Gut, wenn er ein eigenes Dinghy besäße, ließe sich damit das Problem der Isolierung mindern. Boganson-Cottage mit seiner traumhaft schönen Lage konnte ein liebenswerter Platz zum Leben sein. Zu den mit ihm etwa gleichaltrigen Menschen in Westchapel bestanden noch Kontakte, die sich vielleicht wieder beleben ließen. Robert zog in Erwägung, das Finnly-Erbe einfach abzulehnen. Das würde allerdings bedeuten, dass er niemals den Inhalt des Testamentes seines Grandpa erfahren würde. War das von Bedeutung?
5.
Der folgende Tag begann mit strahlend sonnigem Wetter. Von Südosten fiel das Sonnenlicht flach auf den St. Andrew Sund und Lichtreflexe blitzten auf den Wasseroberflächen.
Von der Terrasse an der westlichen Giebelseite des Boganson-Cottage sah man links den 500-Seelen-Ort Westchapel, darüber auf dem Inselkopf den Leuchtturm. Über dem Ort, weiter links. wurde die Sicht nach Süden durch einen sanft geschwungenen Hügelrücken, mit der Bezeichnung „Windegde“ (Windkante), begrenzt. Im Westen leuchtete im Morgenlicht durch den sich auflösenden Dunst das weiße Juragestein der etwa acht Kilometer entfernten Westhighlands, davor die Westbay. Rechter Hand nördlich lag der Sund, hier an seiner engsten Stelle mit einer Breite von etwa 1000 m, an der die Fähre zwischen Westchapel und Westcorner in Hull-City verkehrte. Die Stadt am gegenüberliegenden Sundufer bildete im Dunst schemenhaft eine Linie.
Heute beabsichtigte Robert einige Einrichtungen und ihm noch bekannte Personen zu besuchen. Als Erstes den Store, in dem sich auch ein Büro der „Hull-City & Hull-County-Bank“ (HCB) und ein Postoffice befanden. Auf dem Weg zum Store erreichte Robert das Bürogebäude des Hafenmeisters, Barny O’Brian, das auch den Land-Stützpunkt der Fähre beherbergte.
Robert wollte Barny danken für seine Abholung am Pier 6 in Hull-Harbour. Im Büro traf er Barny und den Kapitän der Fähre, Donald McCancie. Die beiden saßen gemütlich bei einem Plausch.
Robert begrüßte sie: „Hi Barny, hi Don!“
Grinsend stellte er die Frage in den Raum: „Du hier, Don? Geht die Fähre alleine, ohne Kapitän?“
Barny und Don grinsten: „Seit vorigem Jahr haben wir einen zweiten Kapitän. Es ist Lena Malinowski, die kennst du nicht. Vor etwa acht Jahren ist sie hier bei uns „angeschwemmt“ worden!“, sagte Don lachend.
„Hm, gratuliere, dann hast du es jetzt ja ganz gut mit einer Vertretung, Don. Und was gibt es sonst Neues?“
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