„Das ist ja auch in Ordnung“, stottert Jeannot Goergen. „Aber zweihunderttausend? Das ist mehr als der doppelte Einstiegspreis.“
‚Jetzt beginnt die Bauernfängerei‘, freut sich Gabriel. „Ich mache Ihnen ein Angebot.“
Allein mit diesem Satz hat er die volle Aufmerksamkeit der beiden Luxemburger. „Was für ein Angebot?“
„Wissen Sie, ich hatte da vorhin eine Idee. Mir ist klar, dass der Preis hoch ist. Ich weiß aber auch, dass mein Partner auf keinen Fall unter Wert verkauft. Ich habe mit ihm über Sie beide gesprochen. Sie haben uns die Papiere geliefert, die wir brauchten. Übrigens eine sehr gute Arbeit! Wir sind übereingekommen, Ihnen eine dauerhafte Geschäftsbeziehung anzubieten. Sie liefern uns auch weiterhin die Papiere, die wir in Auftrag geben, dafür erhalten Sie einen Bonus von fünfundzwanzig Prozent bei jedem Einkauf. Was sagen Sie?“ Lauernd betrachtet er die beiden Männer, die nicht wissen können, dass Michail und er den Rabatt vorher aufgeschlagen haben.
„Das sind dann immer noch hundertfünfzigtausend“, rechnet Etienne Flammang, während er die junge Frau vor sich gierig betrachtet. Seinem Kollegen geht es nicht anders.
„Wenn Sie jetzt in einen Vertrag einwilligen, dann lege ich aus meinem persönlichen Fond für jeden einmalig dreißigtausend drauf. Sie bekommen die Damen heute für einhundertzwanzigtausend Euro. Aber nur, wenn Sie sich sofort entschließen.“
Die Diplomaten brauchen nicht lang zu überlegen, um Gabriel nickend zuzustimmen: „Wir sind einverstanden!“
„Dann, meine Herren, lassen Sie sich nicht davon abhalten, Ihre Neuerwerbung nach Herzenslust zu genießen. Meine Mitarbeiterin wird Ihnen Ihre Zimmer zeigen. Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um die Verträge.“ Damit lässt er die Männer allein, um sich kurz darauf zufrieden bei seinem Partner einzufinden. Sie haben bekommen, was sie wollten!
„Und?“, verhört Michail ihn erwartungsvoll.
„Wie vorhergesagt. Statt hunderttausend habe ich mit zweihunderttausend angefangen. Bei hundertzwanzig hatte ich sie in der Tasche.“
„Hervorragend! Die Verträge müssen nur noch unterzeichnet werden. Aber daran zweifle ich keine Minute. Wir haben schließlich ihre Zusage. Sie werden sich an ihr Wort halten.“ Begeistert reicht er seinem Partner ein Glas Champagner, um mit ihm auf den erfolgreichen Abend anzustoßen. „Sag, wie bist du eigentlich so schnell an die beiden Blondinen gekommen?“ Interessiert wartet Michail auf die Erklärung seines Partners.
„Das war Andrejs Idee. Der Junge entwickelt sich wirklich gut.“
„Was für eine Idee?“ Stolz auf seinen Sohn will der Kartellchef mehr wissen.
„Wir haben uns die beiden frisch von der Universität aus Essen geholt. Mittlerweile kommt immer häufiger die Nachfrage nicht nur nach Europäerinnen, sondern ganz gezielt nach deutschen Frauen. Die Herausforderung, etwas zu besitzen, das nicht so leicht zu bekommen ist, lässt die Kunden in Zukunft garantiert bei uns Schlange stehen. Andrej hat sich in der Universität eingeschrieben, wodurch er zu den diversen Feiern eingeladen wurde. Wir haben uns in den Kneipen, die dafür ausgewählt waren, in aller Ruhe umgesehen. Noch nicht einmal drei Stunden waren nötig, dann konnten wir zugreifen. Vor allem, weil Andrej uns mit dem passenden Hintergrundwissen über die Mädchen versorgte.“
„Was für Hintergrundwissen?“
Gabriels braune Augen blitzen zufrieden. „Die Damen taten sich in ihrem Studium ziemlich schwer. Sie hatten bereits lautstark verkündet, dass sie keine Lust mehr haben. Es war ein Leichtes, ihre Klamotten zusammenzupacken, damit sie leere Zimmer hinterließen. Als Einziges blieb eine handgeschriebene Notiz mit ihrer Kündigung zurück. Das Ergebnis ist, dass niemand nach den beiden sucht. Sollte die Polizei doch noch auf die Idee kommen, dass die beiden nicht einfach abgereist sind, werden sie keine Spuren mehr finden. Zu uns schon gar nicht!“
„Ich bin begeistert“, nickt Michail erfreut. „Die Idee ist gut. Wir sollten einmal prüfen, ob wir das auch weiterhin verwenden können. Immer mehr Kunden wollen Europäerinnen, die eine gewisse Intelligenz mitbringen.“ Er zuckt die Schultern. „Obwohl ich nicht glaube, dass die Herren das groß in Anspruch nehmen.“
„Ist schon erledigt. Im Augenblick habe ich acht Studierende an den verschiedenen Universitäten, die mich mit Informationen versorgen.“
„Du bist dir aber absolut sicher, dass keine Verbindungen zu uns nachvollziehbar sind? Wenn ich diesen Service anbiete, müssen wir auch liefern.“
„Kein Problem. Ich sorge für den reibungslosen Ablauf. Vorerst bleiben wir an den großen Universitäten aus Essen, Düsseldorf, Köln und Aachen. Durch die Unmenge an Studierenden bleibt das Ganze weitgehend anonym.“
„Ausgezeichnet.“
„Aber achte darauf, dass wir mindestens vier Wochen Vorlauf benötigen, um die jungen Damen davon zu überzeugen, unseren Forderungen nachzukommen, besser sogar sechs Wochen.“
„Ich werde dies berücksichtigen.“
2
September 2006
Die Einweisung der zukünftigen Studierenden ist vorbei. Andreas Staller, Doktorand am Institut für Applied Geophysics and Geothermal Energy (GGE) der Universität in Aachen, packt mit Hilfe seines Kollegen, dem Doktoranden Michael Faber, die letzten Unterlagen zusammen. Gemeinsam mit den zuständigen Professoren und Doktoren haben sie den Studienanwärtern für das nächste Semester die Pflichtkurse sowie die Wahlfächer nahegebracht.
„Das ist immer wieder erstaunlich, wie wenig in die Köpfe der Neuen hineingeht“, bekräftigt Michael Faber. „In ein paar Tagen stehen sie dann vor uns, weil sie nicht weiterwissen.“
„Ist es dir nicht am Anfang auch so gegangen?“ Andreas lächelt seinen Freund spöttisch an.
Michael wirft seinem Gesprächspartner nur einen mürrischen Blick zu, lässt aber den Kommentar unbeantwortet. Stattdessen erkundigt er sich bei Andreas: „Wie lange bist du noch dabei?“
„Nächsten Sommer habe ich noch ein Jahr. Viel früher werde ich es wohl auch nicht schaffen. Die letzten Aktivitäten haben mich einiges an Zeit gekostet. Wie ist es mit dir? Wann reichst du deine Doktorarbeit ein?“
„Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, bin ich im nächsten April fertig“, enthüllt der neunundzwanzigjährige Michael dem Freund schulterzuckend. Die braunen Augen des 1,76 Meter großen schwarzhaarigen Doktoranden blitzen amüsiert auf. „So langsam muss ich mich ranhalten, wenn ich noch eine Familie gründen will. Immerhin werde ich bald dreißig.“
„Du findest dreißig alt?“ Der siebenundzwanzigjährige Andreas, sportliche 1,84 Meter groß, mit dichten schwarzen Haaren und grauen Augen, ist nicht minder gut anzusehen.
„Sicher. Stell dir einmal vor, du bekommst mit dreißig ein Kind, dann ist dein Nachkomme fünfundzwanzig, wenn du fünfundfünfzig bist. Da kannst du kaum noch mithalten. Mit jedem zusätzlichen Jahr wird es schwieriger. Außerdem gehen die dann studieren, bis du in Rente bist. Ich werde jedenfalls nicht mehr allzu lange warten.“
„Zuerst einmal musst du die passende Frau dafür finden.“
Verlegen starrt Michael seinen Freund an. „Eigentlich wollte ich dir das schon eine ganze Weile lang sagen, aber dann habe ich jedes Mal wieder einen Rückzieher gemacht.“
Alarmiert horcht Andreas auf. „Was wolltest du mir sagen?“
„Nun ja, also …“, druckst er herum, ehe er seinen ganzen Mut zusammennimmt. „Nicole und ich sind bereits seit ein paar Monaten zusammen.“
„Nicole?“ Irritiert mustert Andreas seinen Freund. „Welche Nicole?“ Als er begreift, von wem sein Freund redet, reißt er erstaunt die Augen auf. „Du meinst doch nicht etwa Nicole Droste?“
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