„Michail“, stoppt ihn einer seiner Gäste. Etienne Flammang, ein luxemburgischer Diplomat, tritt an ihn heran. „Wann werden Sie uns Ihre neue Kollektion vorführen?“
Auch sein Kollege Jeannot Goergen wartet bereits ungeduldig auf die Eröffnung.
„Haben Sie noch ein wenig Geduld, meine Herren“, beruhigt der Gastgeber die beiden. „Mein Partner ist bereits unterwegs. Es wird nicht mehr lange dauern.“
Zur gleichen Zeit fahren zwei weiße Transporter vom Typ Mercedes Benz Sprinter 318 CDI mit 3,0-Liter-V6-Dieselmotoren und einer Leistung von 135 kW in die Tiefgarage des Gebäudes ein. Die seitlich aufgedruckte Werbung weist auf den Catering Service hin, den Michail Orlow regelmäßig bei seinen Feiern in Anspruch nimmt. Dass das Catering eine Tochter seiner eigenen Unternehmen ist, macht es für ihn bedeutend leichter.
Die Transporter halten genau in den für sie vorgemerkten Parkplätzen an. Dann warten sie einfach ab.
Unter der Haube des schwarzen Mercedes CL203, der jetzt neben den Transportern einparkt, summt ein 3,2-Liter-Motor leise vor sich hin.
Gabriel Kanthak steigt auf der Fahrerseite der zur Oberklasse zählenden Limousine mit einer Leistung von 260 kW aus. Der dunkelhaarige, 1,82 Meter große Mann hält nichts davon, sich chauffieren zu lassen, auch wenn er das notwendige Kleingeld für einen Angestellten dieser Form locker zur Verfügung hätte. Hinter seinem Wagen bleibt der Neununddreißigjährige stehen, die Hände locker in den Hosentaschen seines maßgeschneiderten teuren schwarzen Anzugs.
Seine Beifahrerin, Nadia Baran, gesellt sich zu ihm, während sie ihren Kopf durch den Gurt ihrer großen Umhängetasche steckt, um diesen quer über ihren Körper zu ziehen. Ihre Augen gleiten anerkennend über seine beeindruckende Figur. ‚An diesem Mann ist kein Gramm Fett zu viel‘, stellt sie wieder einmal fest. Sie weiß, dass er sich mit Boxen fit hält, was auch seine breiten Schultern beweisen. Seine ganze Körpersprache, vor allem aber die emotionslosen, gefühlskalten Augen weisen den Betrachter auf seine Härte hin. Diesen Mann möchte Nadia auf keinen Fall verärgern.
Auf sein Nicken hin beeilen sich die Fahrer und Beifahrer der beiden Transporter, ihre Ware aus den uneinsichtigen Laderäumen zu holen, wofür sie die hinteren Türen der Fahrzeuge rasch aufreißen. Den Personen, die sich dort befinden, donnern sie ihre Befehle entgegen: „Los! Aussteigen!“
Nacheinander klettern insgesamt zweiunddreißig bildhübsche junge Frauen im Alter zwischen neunzehn und fünfundzwanzig Jahren von der Ladefläche. Sie alle tragen Jeans und Sweatshirts.
„Da hinüber“, weist einer der Männer die Frauen grob an. Er zeigt auf den Fahrstuhl, der just in diesem Moment anhält. Als sich die Türen öffnen, steigen acht weitere Männer aus, die von ihrem Boss Gabriel Kanthak rechtzeitig zur Unterstützung angefordert wurden.
In vier Schüben begleiten die Aufpasser die jungen Frauen bis in die Penthouse-Wohnung, wo sie alle zusammen in einem Raum eingesperrt werden. Es ist das einzige Zimmer, in dem das Fenster durch das herabgelassene Außenrollo verdunkelt wurde. Zudem lässt sich das Fenster nicht ohne Schlüssel öffnen und das Rollo wurde durch eine elektrische Schaltung per Fernbedienung verriegelt.
Nadia Baran begleitet die jungen Frauen in den Raum, um ihrer Aufgabe nachzukommen. In den nächsten Minuten ist die achtunddreißigjährige Blondine damit beschäftigt, die eingeschüchterten Mädchen zu behandeln. Nadia ist Polin, 1,70 Meter groß mit hellblauen Augen. Schon seit einer ganzen Weile sorgt sie dafür, dass die von Gabriel ausgewählten Mädchen pünktlich zu den Veranstaltungen mit zu ihnen passender Kleidung, Frisuren und Make-Up ausgestattet werden. Die passende Garderobe für diese Feier wurde schon vor Tagen direkt in die Penthouse-Wohnung geliefert. Ihr Boss, Gabriel Kanthak, weiß, dass er sich auf die gelernte Stylistin verlassen kann.
Da sich Nadia problemlos gegen die jungen Frauen durchzusetzen weiß, wird die Zimmertür von außen verschlossen, ohne dass einer der Männer im Raum verbleibt. Allerdings werden zur Sicherheit zwei Männer vor der Tür ihren Wachposten beziehen und so lange dort ausharren, bis sie von ihrem Boss einen anders lautenden Befehl erhalten. Den übrigen Handlangern steht ein Zimmer zur Verfügung, in das sie sich zurückziehen, bis sie gebraucht werden.
Währenddessen sucht ihr Befehlshaber seinen Partner auf.
„Gabriel“, begrüßt Michail den Freund. „Wie ist es gelaufen?“
Der Angesprochene zuckt lässig die Schultern. „Wie immer. Keine Probleme. Sie sind alle da.“
„Großartig!“, freut sich der oberste Chef des Kartells. „Dann können wir anfangen.“
Auf seinen Wink hin räumen die Bediensteten des Caterings die Speisen zur Seite, um im Anschluss die Räumlichkeiten zu verlassen. Die Frauen ziehen sich in die Küche zurück, um die Zeit, bis sie wieder gebraucht werden, für die Aufbereitung der Speisen und Getränke zu nutzen. Bevor nicht einer der beiden Befehlshaber sie ruft, wird keine von ihnen die Küche verlassen.
Inzwischen betätigt Michails Partner die passende Taste einer Fernbedienung, wodurch auch in diesem Raum die blickdichten Lamellen vor den Fenstern herunterfahren, denn man kann nie wissen, auf welche Ideen ihre Gegner kommen könnten. Schließlich sind die Geschäfte, denen sie in dieser Wohnung nachgehen, sicher nicht als legal zu bezeichnen.
‚Ganz im Gegenteil!‘, überlegt Gabriel. ‚Nur zu gern würden die Behörden uns auf die Schliche kommen. Aber das konnten wir bisher spielend vermeiden.‘ Mittlerweile hat er die entsprechenden Kontakte, um über sämtliche Schritte der diversen Polizeieinheiten rechtzeitig informiert zu werden.
Nun sorgt er für gedämpftes Licht, das statt dem bisherigen taghellen weißen Strahl einen sanften gelblich-roten Schimmer abgibt. Genau richtig für die Stimmung, in die die beiden Geschäftsleute ihre Kunden versetzen wollen.
„Meine Herren“, verlangt Michail jetzt die Aufmerksamkeit seiner Gäste. „Sie alle sind hier, weil Sie besondere Wünsche haben. Wünsche, die ich Ihnen erfüllen kann. Ich werde Ihnen nun meine neue Kollektion vorführen. Sehen Sie sich alles in Ruhe an. Die Verhandlungen führen wir im Nachhinein. Einverstanden?“
Alle Männer nicken in freudiger Erwartung dessen, was jetzt beginnt.
Darauf hat Gabriel nur gewartet. Mit einem kurzen Zeichen gibt er seinem Wachtposten zu verstehen, dass es nun losgeht, woraufhin dieser ihm die Tür zu dem angrenzenden Zimmer öffnet.
„Kommt!“ Gabriels schneidenden Befehl widersetzt sich keine der Frauen. Sie alle haben maßlose Angst vor diesem Mann, da ihnen seine Grausamkeiten mittlerweile weitreichend bekannt sind. Schleunigst erheben sie sich, um seiner Aufforderung Folge zu leisten.
„Ihr nicht!“ Zwei der Mädchen hält er zurück. „Ihr wartet hier!“
Kommentarlos drehen sich die beiden Blondinen von gerade einmal neunzehn Jahren um und setzen sich abwartend auf die Kante des großen Bettes, während die übrigen Frauen, eine nach der anderen, das geräumige Wohnzimmer betreten.
Sie wissen genau, was sie zu tun und wie sie sich den Besuchern des Kartellchefs gegenüber zu verhalten haben. Mit aufreizenden Bewegungen wandern sie langsam zwischen den Männern umher. Die langen, teilweise durchscheinenden Abendkleider, die sie jetzt tragen, verbergen dabei nichts von ihren weiblichen Reizen.
Wer genau hinsieht, erkennt nicht nur die Schönheit der dunkelhäutigen exotischen Frauen, sondern auch die stumpfen Augen, aber das ist diesen Männern egal. Ganz im Gegenteil kommt es ihren Bedürfnissen sehr entgegen.
Durch die vielen Drohungen, die Medikamente und die Gewalt, die die jungen Frauen erdulden mussten, ist ihr Widerstand gänzlich gebrochen, sie haben resigniert und fügen sich in ihr Schicksal.
Читать дальше