»Hallo, ich heiße Ligaya, du musst Mutoni sein«, sagte sie und schüttelte mir die Hand.
»Hallo, ja. Schön, dich kennenzulernen«, erwiderte ich. Ich drehte mich um und flüsterte Sonia zu: » Uyu ni nde? Wer ist das?«
»Das ist Ligaya«, wiederholte Sonia auf Englisch und klopfte Ligaya auf die Schulter. Dann fügte sie hinzu: »Egal, was du brauchst, Ligaya wird für dich da sein. Fühl dich wie zu Hause und mach dir keine Sorgen«, sagte Sonia, während sie verstohlen nach links und rechts schaute und meinem Blick auswich. Schließlich schaute sie zu Boden und tat so, als sei sie schüchtern.
Alles ging plötzlich sehr schnell, und ich war frustriert, dass ich keine Gelegenheit hatte, Fragen zu stellen. Wir durchquerten einen Korridor mit großen Spiegeln auf jeder Seite. Dann betraten wir einen unpersönlich wirkenden Schlafraum mit einem großen Kingsize-Bett. Ligaya meinte, ich könne mich ausruhen, wenn ich wollte, sie würde mich wecken, wenn jemand käme. Wer war jemand? Und vor allem, wo war mein zukünftiger Freund Sebastian? In welcher Beziehung standen Sebastian und Ligaya eigentlich zueinander? Warum sah das Haus wie ein Hotel aus?
Eine Frage nach der anderen schwirrte nun durch meinen Kopf. Während Ligaya sich sofort zurückzog, nachdem sie meinen Koffer neben den leeren offenen Kleiderschrank abgestellt hatte.
Als ich mit Sonia allein war, fragte ich sie, wo Sebastian sei, aber sie antwortete nicht.
»Ähm, Sebastian …?«, stotterte sie, als ob sie mich nicht richtig verstanden hätte. Sie schaute auf ihr Handy, um zu checken, ob sie Nachrichten bekommen hatte.
»Ja, wo ist Sebastian? Wann treffe ich ihn?«, wiederholte ich ungeduldig.
»Sebastian … eigentlich ist es so, dass …« Sonia hob den Blick von dem Display ihres Telefons, schaute mich kurz an und sah dann schnell aus dem Fenster. Ein lautes, aggressives Klopfen war auf einmal an der Tür zu hören, und Sonia wurde sichtbar nervös. Sie umarmte mich flüchtig, und ich meinte dabei Tränen in ihren Augen zu sehen.
»Sonia, ni iki ? Was ist los?«, fragte ich sie. Eine Männerstimme rief vom Korridor aus nach ihr: »Sonia!!« Sie trat einen Schritt zurück. »Ich muss los, sonst komme ich zu spät zur Arbeit.«
Dann stürmte sie davon. Ich zog langsam die Schuhe von meinen schmerzenden Füßen, legte mich aufs Bett und starrte an die Decke.
Ich realisierte, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war. Ich wusste auch nicht, wann Sonia von ihrer Arbeit zurückkommen würde. Und ich wusste so gut wie nichts über den Mann, den ich hier treffen sollte. Ich erinnerte mich an Tante Roses Abschiedsworte am Flughafen: » Ntuzasebere i mahanga ufite iwanyu . Lebe kein schändliches Leben im Ausland, wenn du ein Zuhause hast.«
Wie hatte sie das gemeint?
Ligaya kam, um mir zu sagen, dass sie gleich gehen würde und dass sie das Abendessen für mich in der Küche bereitgestellt habe.
Sie bot mir an, mir noch schnell das Haus zu zeigen, aber ich lehnte dankend ab, ich fühlte mich zu müde. Ich dachte, dass ich später genug Zeit haben würde, alles auf eigene Faust zu erkunden.
»Wohnst du nicht hier?«, fragte ich sie.
»Doch, doch. Ich gehe jetzt zur Arbeit.«
»Ach, du arbeitest nachts?« Ich war einfach nur erstaunt, wollte aber gar nicht wissen, was sie machte.
Doch Ligaya spannte ihre Lippen und formte etwas, das wohl ein Lächeln sein sollte. »Eigentlich hängt das von den Wünschen der Kunden ab. Manchmal arbeite ich auch tagsüber von zu Hause aus, aber ich ziehe es vor, nachts zu arbeiten.«
»Aber Ligaya …«
»Ja, bitte?«
»Wo ist Sebastian Baumann? Warum begrüßt er mich nicht?«
Ligaya rieb sich die Hände, als hätte sie zu viel Handcreme, die sie ordentlich verteilen wollte. Sie schaute kurz zur Decke, holte tief Luft und sagte: »Herr Baumann ist im Moment nicht in Europa, aber er kommt bald zurück. Du wirst ihn noch treffen, keine Sorge.«
»Okay. Übrigens, wie überlebt ihr eigentlich diese Kälte? Ich habe nur dünne Sachen dabei und meine Jacke fühlt sich auch nicht warm genug an.«
Ligaya stand bereits an der Tür, sie drehte sich noch einmal zu mir um, bevor sie ging. »Morgen können wir shoppen gehen, wenn du willst, um die Dinge zu kaufen, die du vielleicht brauchst.«
Das war das Beste, was ich bis jetzt gehört hatte. Wir würden shoppen gehen, und ich hätte die Gelegenheit, etwas von der Stadt zu sehen. Meine einzige Sorge war jedoch, dass ich gar kein Geld hatte.
»Aber ich habe kein Geld«, gab ich zögernd zu und errötete vor Verlegenheit.
»Schon gut, ich bezahle erst mal und Sebastian wird mir alles zurückgeben, wenn er kommt«, sagte sie und machte eine Bewegung mit ihrer rechten Hand, um mir zu bedeuten, dass Geld kein Thema sei.
Ich empfand Ligaya als sehr nett, dabei war ihr Verhalten mir gegenüber eher von einer gewissen Distanz bestimmt.
Mit ihrer Auskunft über Sebastian Baumann war ich aber nicht zufrieden, deshalb hakte ich noch mal nach und traute mich die Frage zu stellen, die mich vor allem beschäftigte: »Ist das hier Sebastians Schlafzimmer? Es sieht ziemlich unbewohnt aus.«
Ligayas Miene blieb undurchsichtig. Ich konnte nicht erkennen, ob sie etwas verheimlichte oder einfach keine Zeit für eine Antwort hatte. »Ach, ähm … Ich muss jetzt los, sonst verpasse ich meinen Bus. Wir sehen uns später.«
In dieser Nacht genoss ich fast eine Stunde lang ein warmes Bad. Ich füllte die Badewanne randvoll mit Wasser und legte mich so luxuriös wie möglich hinein, wie ich es in Filmen gesehen hatte. Ich dachte an meine Schwester und wünschte mir, ich hätte ein Telefon, um sie zu fragen, wie es ihr in Dubai erging. Wenn Mutter noch leben würde, wäre sie sehr stolz auf uns, da war ich mir sicher.
Doch Traurigkeit stieg plötzlich in mir auf. Weiter von meinem neuen Leben zu träumen, schien mir der beste Weg, um positiv zu bleiben. Ich stieg aus der Badewanne, wickelte mich in ein großes weißes Handtuch und streifte durch das Haus, das mein neues Zuhause sein würde.
Es war seltsam, die meisten Räume waren abgeschlossen. Aber mir reichte, was ich vorfand, um mir den europäischen Luxus vorzustellen, von dem ich träumte.
In der Küche stand tatsächlich Abendessen für mich bereit. Es bestand aus einer kleinen Schüssel Gemüsesuppe, ein paar Stücken einer weißen schleimigen Wurst und einer Scheibe Brot. Ich öffnete den Kühlschrank, um nachzusehen, was es noch zu essen gab, aber ich konnte nicht lesen, was auf den Verpackungen stand. Alles war auf Deutsch, einer Sprache, die ich noch nicht beherrschte.
Angesichts der Portion fragte ich mich, ob Ligaya mich zu fett fand und auf Diät setzen wollte. Da ich nicht die Wahl hatte, aß ich, was sie mir hingestellt hatte. Ich spürte die Müdigkeit von der Reise und ging bald schlafen, damit ich für die Einkaufstour am nächsten Tag wieder fit sein würde.
Im Bett und ganz allein im Haus, begannen meine Gedanken zu wandern. Da war kein Sebastian, und weder Sonia noch Ligaya hatten mir wirklich das Gefühl gegeben, willkommen zu sein. Was machte ich hier?
Ich schlief unruhig und beschloss irgendwann, das Haus erneut zu erkunden. Ich wollte sehen, ob ich etwas finden konnte, das mir Antworten auf meine offenen Fragen gab. Doch die anderen Zimmer blieben verschlossen. Da mir die Möglichkeiten ausgingen, machte ich eine Pause und probierte ein Paar Schuhe an, die ich in einem Regal im Flur fand. Trotz meiner Unruhe und meiner vielen Gedanken stellte ich mir vor, wie ich in High Heels und mit falschem europäischem Haar zur »Diaspora« wurde. Ich dachte an Tante Rose und wie sie bewundernd sagen würde, dass das Haus wie der Himmel aussah, ganz weiß mit makellosen großen Fenstern. Ich ging schließlich zurück ins Bett und fiel in einen tiefen Schlaf.
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