In der Gesellschaft, in der ich lebte, galt Depression als eine eingebildete westliche Krankheit, deshalb erhielt ich keine professionelle Hilfe, um den Verlust meiner Mutter zu verarbeiten.
Pole und wihangane waren die Worte, die ich von Nachbarn und Freunden hörte. Wann immer meine Schwester Tendeza das Haus verließ, wusste ich nicht, wann sie zurückkommen oder ob ich sie lebend wiedersehen würde. Nachbarn tratschten, sie hätten sie mit Männern bei Kosmos in der Nähe des Stadions gesehen, einer Gegend, die für Geschlechtskrankheiten berüchtigt war. Ja, ich wollte meiner Schwester helfen. Aber ich wusste nicht, wie. Unser Haus hatte die Bedeutung eines Zuhauses verloren und wurde einfach zu dem Gebäude, in dem wir uns zum Schlafen oder Streiten trafen. Die Armut hielt Einzug in unsere Familie und selbst zweimal am Tag zu essen, war zu einem Privileg geworden.
Im Gegensatz zu mir sah Tendeza genau wie Mama aus: große runde Augen, die immer einen sanften Ausdruck hatten, auch wenn sie voller Wut war, und eine schmale Nase, die sie vor dem Drama bewahrte, gefragt zu werden, ob sie Hutu oder Tutsi sei. Sie war groß gewachsen, weshalb die Leute annahmen, dass sie älter sei als ich. Das Einzige, was ich von meiner Mutter geerbt hatte, waren ihr Lächeln und ihre Naivität, die dazu führte, dass ich den Menschen leicht vertraute.
Abdul, Tendezas Vater, fuhr den Bus, auf dem der Hip-Hop-Künstler 50 Cent abgebildet war. Vor vielen Jahren versuchte jeder, der in Kigali cool war, mit diesem Bus zu fahren, bevor es üblich wurde, Prominente auf den Bussen im Stadtzentrum von Nyamirambo abzubilden. Abdul starb bei einem Autounfall, als Tendeza fünf Jahre alt war. Er hatte nie bei uns gewohnt, weil er damals noch nicht bereit war, eine Familie zu gründen, aber manchmal besuchte er uns.
Fünf Monate nach Mamas Tod postete ich auf meiner Facebook-Seite: »Ich will von dieser Welt verschwinden.« Dieser Post brachte mir viele mitfühlende Kommentare ein. Unter den Leuten, die meinen Beitrag kommentierten, war auch Sonia Mukamana, eine ehemalige Mitschülerin und Nachbarin, die nach Dubai gezogen war, als wir das Gymnasium beendet hatten. Ein paar Jahre waren vergangen, ohne dass ich etwas von Sonia gehört hatte, und dann tauchte sie plötzlich auf Facebook auf. Auf ihrem Facebook-Account stand, dass sie in Hamburg, Deutschland, lebte. Ich begann, mit Sonia von Zeit zu Zeit auf Facebook zu chatten, und mochte ihre Fotos, die von einem Leben zeugten, das für mich wie das bestmögliche aussah. Um ehrlich zu sein, beneidete ich sie. Sie posierte immer mit schicken Autos, in Restaurants und vor großen Gebäuden. Sonia, die früher so dunkel wie eine Asphaltstraße gewesen war, hatte sich in eine muzungu verwandelt. Sie trug Perücken mit langen, geglätteten Haaren und helles Make-up auf ihrer gebleichten Haut.
Sonia hat meinen Beitrag kommentiert mit: » Yoo pole , meine liebe Toni. Lass mich wissen, ob ich helfen kann.«
Ich hatte ihr sofort geantwortet: »Sha uzampe passe y’umuzungu.« Damit kam ich direkt zur Sache: Ich bat sie, einen weißen Mann für mich zu finden. Ich wollte einen reichen, charmanten Prinzen, der mich von meiner Verantwortung befreien würde.
Als Sonia mir erneut schrieb, fragte sie mich nach den Eigenschaften des Mannes, der mir gefallen würde. Anstatt Zeit damit zu verschwenden, einen dieser idealen Männer zu erfinden, die nur in den Köpfen junger Frauen existieren, erklärte ich ihr, dass ich jeden akzeptieren würde. Selbst wenn sie einen Mann finden würde, der so alt sei wie mein Vater, wäre das kein Problem. Alter ist schließlich nur eine Zahl. Oder?
Gerüchte hatten sich in Nyamirambo verbreitet, einige sagten, dass Sonia für ihren Lebensunterhalt Leichen wusch. Andere sagten, dass sie eine Prostituierte war. Es war unmöglich herauszufinden, was man glauben sollte; unsere Nachbarinnen waren Klatschtanten, die von Montag bis Sonntag redeten. Sonia hatte mir erzählt, dass sie in Dubai als Hotelrezeptionistin gearbeitet hatte, später aber nach Deutschland gegangen war. Wie sie dort gelandet war und was sie dort machte, blieb ein Rätsel, denn soweit mir bekannt war, wussten das nicht einmal ihre Eltern. Oder vielleicht haben sie nie gefragt.
Sonia schickte ihrer Familie Geld, unterstützte ihre Eltern beim Bau eines Hauses in Kicukiro und eröffnete für ihre Mutter ein Geschäft mit Hochzeitsdekorationen. Sonias Vater prahlte damit, dass seine Tochter in Europa reich geworden war. Aber wer will schon Einzelheiten von Leuten wissen, die in Europa leben? Die sind doch sowieso alle beschäftigt. Von ihrer Mutter wusste ich, dass sie viel arbeitete, und ich nahm an, dass sie keine Zeit haben würde, sich um meine Bitte zu kümmern.
Tendeza kam und setzte sich neben mich, während ich meine Schuhe mit einer alten Zahnbürste putzte. »Weißt du was, Toni«, sagte sie. Mein Name ist Mutoni, aber die Leute nannten mich Toni und ich mochte den Spitznamen.
»Was?« Ich drehte mich um und sah sie an.
»Ich gehe nach Dubai«, sagte sie mit strahlendem Lächeln.
Die meisten Mädchen unserer Generation strebten nach Dubai, während die Jungen nach Darfur oder Mosambik gingen. Ich habe Geschichten von Jungen gehört, die nach Mosambik gegangen und erfolgreiche Händler geworden waren. Einige kehrten nach Hause zurück, um zu heiraten, ihre Frauen nahmen sie dann mit. Jungen, die nach Darfur gingen, kamen mit genug Geld zurück, um Häuser zu bauen und ihre eigenen Geschäfte zu eröffnen. Niemand sprach über die, die im Ausland ihr Leben verloren. Nun wollte auch meine kleine Schwester aufbrechen, um ihr Glück zu suchen.
»Und wie kommst du nach Dubai?«, fragte ich Tendeza.
»Du solltest erst einmal so etwas wie ›herzlichen Glückwunsch‹ oder ›ich bin stolz auf dich‹ sagen.«
»Ach, na ja, ich weiß nicht, ob du einen Fehler machst.«
Tendeza wurde schnell wütend. »Wirst du jemals aufhören, mich zu kritisieren? Ich kann weder wie du sein, Mutoni, noch werde ich mich jemals so benehmen, wie du es von mir erwartest. Also hör auf, so zu tun, als wärst du meine Mutter.«
»Ist ja gut. Du brauchst nicht zu schreien. Also, wie willst du nach Dubai kommen?«
»Haruna nimmt mich mit. Er hat mir dort einen Job als Hotelrezeptionistin besorgt.«
Haruna war der einzige Mann, den ich unter den Kunden nicht mochte, die das Restaurant besuchten, wo ich an den Wochenenden und in Sonderschichten arbeitete. Das kleine Restaurant, eigentlich eher ein Kiosk, wurde in Nyamirambo als Restaurant angesehen. Wir verkauften Samosas, Chapati und Erfrischungsgetränke, wie auf dem Schild an der Tür zu lesen war: Amata na Fanta bikonje .
Haruna trug eine schwere Silberkette, die auf seinem Bauch ruhte, der so groß war wie eine überreife Schwangerschaft. Eines Abends, als er sein Essen bezahlte, lehnte er sich so dicht zu mir, dass ich das Tajiri riechen konnte, mit dem er seine Haut eingeölt hatte. »Du bist zu schön, um hier zu arbeiten«, raunte er.
»Danke, aber Schönheit hat nichts mit Essen zu tun«, antwortete ich mit einem Schulterzucken.
»Hör mal, ich kann für dich überall in diesem Land einen Job finden«, flüsterte er mir ins Ohr. Ich fühlte mich sofort unwohl.
»Wirklich?« Ich verspottete ihn, aber er verstand es als ernst gemeinte Frage.
»Ich habe Beziehungen, weißt du. Lass uns darüber sprechen, nachdem du das Restaurant zugemacht hast. Ich kann irgendwo auf dich warten«, sagte er.
»In Ordnung, geben Sie mir Ihre Nummer und ich rufe Sie an, wenn ich schließe.«
Ich dachte, er könnte mir vielleicht einen Job in der Gemeindebank besorgen. Es schien zu stimmen, dass er viele Leute kannte. Später rief ich ihn an, und wir trafen uns in der Amani Lodge. Er begann damit, mir den Rücken zu reiben und bestand darauf, dass wir unser Gespräch in seinem Zimmer weiterführen sollten, da es sehr vertraulich sei. Seine Hände wanderten nach unten und fassten an meinen Po. Ich schlug sie weg und verstand nun, was er von mir wollte. Ich nahm ein Motorradtaxi und fuhr weinend nach Hause. In dieser Nacht hasste ich mich dafür, dass ich so naiv war. Bevor ich mich mit ihm traf, hätte ich skeptisch sein sollen, welche Art von Verbindungen er hatte, denn er hatte nicht einmal selbst einen Job. Tendeza erzählte ich aber nichts davon.
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