»Oh, vielen Dank, Toni.«
»Es hat WhatsApp – deine Tochter Joy wird dir zeigen, wie man es benutzt. Ich bin sicher, sie weiß, wie.«
Ich gab ihr gefühlt Hunderte Versprechen. Ich war entschlossen, es in Europa zu schaffen. Ich wollte arbeiten, studieren und das Leben mit Sebastian genießen, Tante Rose Geld schicken und nach Dubai reisen, um dort eine gute Zeit mit meiner kleinen Schwester zu verbringen.
Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was vor mir lag.
Im Winter in Deutschland anzukommen, fühlte sich an wie das Betreten einer Tiefkühlkammer. Ich wünschte, jemand hätte mich gewarnt.
Als ich meine Füße auf deutschen Boden setzte, erlitt ich nicht den Kulturschock, von dem die Leute immer redeten – ich war zu sehr vom Wetter überrascht. Mein Gesicht brannte so sehr vor Kälte, als hätte mich jemand geohrfeigt. Ich wünschte mir, man hätte mir gesagt, dass selbst die wärmste Jacke aus Kigali in Hamburg nutzlos wäre.
Eine Ziege, die in Afrika auf den Bauernmarkt gebracht wurde, sah wahrscheinlich weniger ängstlich aus als ich, als ich aus dem Hamburger Flughafen trat. Ich fühlte mich verloren und stakste hilflos auf meinen hohen Absätzen herum. Nachdem ich lange vergeblich versucht hatte, den Ausgang des Flughafens zu finden, gab ich schließlich auf und beschloss, barfuß weiterzugehen. Meine Beine zitterten, meine Füße brannten und ich fühlte mich wie gelähmt. Mich kannte hier ohnehin niemand und der Wunsch, elegant zu erscheinen, hatte mich den hohen Stellenwert von Bequemlichkeit vergessen lassen.
Sonia brach in Gelächter aus, als sie mich sah. Wer würde nicht über ein Mädchen lachen, das zwar ein maßgeschneidertes Kostüm trägt, aber seine Schuhe in der Hand hält? »Barefoot? Oya mbabarira winsebya Iburayi« , rief Sonia. »Bitte nicht barfuß, mach mich in Europa nicht lächerlich«, sagte sie.
Wen interessierte das schon? Ich war entnervt, denn andere Passagiere waren bequem gekleidet, während ich mich mit meinen High Heels abquälte. Sonia umarmte mich, und mir fiel auf, dass ihre Haut ähnlich gemustert war wie eine Militäruniform. Sie hatte helle und dunkle Flecken, da die Aufhellungsprodukte, die sie offensichtlich benutzte, anscheinend nicht überall gleich wirkten. Sie trug kräftigen roten Lippenstift, eine blonde Glatthaar-Perücke und hochhackige Stiefel. Als sie mich fest umarmte, griff ein Typ, der ihr gefolgt war, nach meinem Koffer. »Nein, was machen Sie da?«, schrie ich und zog den Koffer zurück zu mir. Doch Sonia löste meine Hand vom Koffer. »Alles in Ordnung, keine Sorge. Er gehört zu uns«, sagte sie und wischte sich dabei mit einer Geste die Haare aus dem Gesicht.
Hatte sie einen Leibwächter? Ich überlegte kurz, aber sagte mir dann, dass ich noch genug Zeit haben würde, um Antworten auf meine Fragen zu bekommen.
Wir gingen schweigend zum Parkhaus. Sonias Fahrer warf mir von Zeit zu Zeit einen Blick zu und täuschte ein Lächeln vor. In der Tiefgarage drückte Sonia kurz meine Hand, während sie nervös atmete, und ließ sie dann los, als wir uns einem schwarzen Wagen mit dunklen Scheiben näherten. Sie öffnete eine hintere Tür des Wagens und stieg ein, während der Fahrer meinen Koffer in den Kofferraum stellte.
»Ist das Sebastians Auto?«, fragte ich mit großen Augen, nachdem ich mich zu ihr auf die Rückbank gesetzt hatte. Ich war seltsam überrascht und enttäuscht zugleich.
»Ja. Klasse, oder?« Sonia ließ ihre Hand über das Sitzleder gleiten, als würde sie es streicheln.
»Ich hatte erwartet, dass er ein großes Auto fährt«, antwortete ich zögerlich.
»Das ist ein großes Auto. Was meinst denn du?«, spottete Sonia, während sie dem Fahrer zuzwinkerte.
Da Sonia anscheinend nicht verstand, erklärte ich: »Ach komm schon. Ich meine solche Autos, wie sie die Pastoren in Ruanda fahren. Oder die Autos, in denen früher weiße Touristen auf Safaritouren herumfuhren.«
Sonia und der Fahrer lachten gleichzeitig, und ich fragte mich, was so lustig war.
» Muranseka iki? Warum lachst du über mich?«, fragte ich sie.
Sonia lachte immer noch und sagte: »Wir lachen, weil du lustig bist. Warum sollte man hier in der Stadt einen Safari-Jeep fahren? In Ruanda ist das was anderes. Da fährt man so hohe Autos, weil man damit auch in den Bergen unterwegs ist.«
»Wie, du willst mir also weismachen, dass dieses Auto so teuer ist wie ein Safari-Jeep? Sonia, überleg mal, ich kann mir vorstellen, dass die Leute im Safariwagen sich wie auf dem Gipfel der Welt gefühlt haben!«
Sonia lachte hysterisch: »Toni, bitte hör auf!« Sie schnappte nach Luft und presste dann immer noch atemlos hervor: »Zunächst einmal geht es nicht um groß oder klein, es geht um Klasse. Das hier ist ein Mercedes-Benz, und er gehört zu den Luxusautos, die in diesem Land hergestellt werden.«
Inzwischen hatten wir das Parkhaus verlassen, und ich war nun zu abgelenkt von all den Dingen, die ich im Vorbeifahren sah. Ich konnte mich auf das Gespräch mit Sonia nicht länger konzentrieren und wollte, dass sie aufhörte zu reden. Also hob ich die Hände und sagte: »Okay, okay. Ich sehe, du hast dich gut integriert. Ich werde auch genug Zeit haben, um etwas über Autos zu lernen.«
Während wir durch die Stadt fuhren, sah ich unentwegt aus dem Fenster, um zu überprüfen, ob Europa so war, wie ich es mir vorgestellt hatte – voller Männer in Anzügen, allen Arten von schicken Autos, eleganten Frauen, die mit kleinen, flauschigen Hunden herumliefen, und Prominenten, die mit Kaffeebechern in der Hand die Straßen überquerten. Zumindest habe ich Europa so in den Filmen gesehen, aber vielleicht war Deutschland anders. Ich überlegte mir, dass ich es nicht eilig hatte; drei Monate waren genug Zeit, um alles zu erkunden. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto seltsamer und nervöser verhielt sich Sonia. Sie wurde so kalt wie das Wetter. Der Fahrer hingegen beobachtete uns im Rückspiegel, sobald ich mit Sonia auf Kinyarwanda sprach. Er lächelte und zeigte dabei nur seine Schneidezähne, eine Art zu lächeln, die, wie ich später feststellen sollte, in Deutschland häufiger vorkam.
Als ich davon erzählte, dass sich der Start des Flugzeugs wie ein starker Hammer angefühlt hatte, etwas, das auf meinen Kopf einhämmerte, erkannte ich mit einem raschen Seitenblick, dass Sonia gar nicht zuhörte. Ich redete trotzdem weiter und berichtete, dass ich während des Fluges einen Film nach dem anderen geschaut hatte und dass das Essen zu wenig gewesen war und wie Schlamm geschmeckt hatte. Ich beschrieb die winzige Toilette. Dass ich mich gefragt hatte, wie die männlichen Passagiere mit ihren dicken Bäuchen es schafften, sich durch so winzige Türen zu quetschen, oder ob es extra Toiletten für sie gab. Doch Sonia zeigte immer noch kein Interesse. Ich wusste nicht, ob sie wollte, dass ich ganz aufhörte zu reden oder ob ich einfach das Thema wechseln sollte.
Sie bestand darauf, dass wir Englisch sprachen, sonst würde sich der Fahrer ausgeschlossen fühlen und das empfanden Europäer als unhöflich. Das ist überall so auf der Welt, wenn man eine Sprache spricht, die die Leute nicht verstehen, dachte ich. Doch als ich dies gerade laut äußern wollte, legte Sonia den Zeigefinger auf ihre gespitzten Lippen und gab mir damit zu verstehen, dass ich schweigen sollte.
Der Wagen bog durch eine offen stehende Toreinfahrt auf ein großes Gelände mit einem Garten, in dem tote graue Bäume standen. Später erfuhr ich, dass es normal ist, dass die meisten Pflanzen hier im Winter verwelken und absterben, wenn es sehr kalt wird, und dass sie im Frühling mit neuen Blättern und Blüten wiedergeboren werden. Ich war müde und hungrig, aber auch aufgeregt, Sebastian zu treffen. Eine asiatische Frau begrüßte uns mit einem Lächeln und wechselte mit dem Fahrer ein paar Sätze auf Deutsch. Sie umarmte Sonia und wandte sich dann mir zu.
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