»Direktorin Lori«, sagte Emprot, »ich schätze, Sie erwarten nicht, dass wir diese Fragen beantworten.«
»Keine Antwort, die die Anwesenden hier geben könnten, wäre angemessen, ohne die Situation vollständig zu verstehen, deshalb muss sie uns derjenige erklären, der sie am eigenen Leib erfährt.« Lori hatte drei Ingenieurwissenschaften studiert und eine davon war die Ingenieurwissenschaft des Geistes, so etwas wie unsere Psychologie. »Bitten Sie den Techniker, sich hier einzufinden.« Ihre Bitte schien eher ein Befehl zu sein.
Der Abgesandte Emprot verschwand aus dem Hologramm an der Decke des Besprechungsraums. Er war gegangen, um den Ingenieur zu holen, dessen zu früh geborenes Baby sich in Eurinum in großer Gefahr befand. Währenddessen betrachtete Lori die Angestellten der Basis3. Sie waren alle versammelt, um sie anzuhören. Sie musste Größe zeigen und in diesem Moment schauten alle sie mit Bewunderung an. Kiro lächelte bis über beide Ohren und nickte zustimmend, als sich ihre Blicke kreuzten.
Emprot kehrte mit dem Ingenieur zurück und gemeinsam erschienen sie im holografischen Bild. Der Ingenieur hatte geschwollene Augen und einen sehr ernsten Gesichtsausdruck. Lori kam es vor, als hätte er lange geweint. Um ehrlich zu sein, war das ziemlich verständlich, wenn man das Problem betrachtete.
»Guten Morgen, Ingenieur...« In diesem Moment merkte Lori, dass sie seinen Namen noch nicht kannte.
»Eltok, Ingenieur Eltok.« Seine Stimme war zutiefst traurig und erschöpft.
»Ingenieur Eltok, ich bin über Ihre Situation informiert und wir müssen eine Entscheidung treffen, die aber gut überdacht sein sollte. Auch wenn ich ›wir‹ sage, meine ich das nur auf eine Art und Weise. Die Entscheidung muss von Ihnen getroffen werden, aber ich bin hier, um Ihnen dabei zu helfen.« Jetzt konnte die erwachsene Felorina gesehen werden, die nichts mehr mit der kleinen Lori zu tun hatte, die am selben Morgen mit ihrem besten Freund im Garten des Stützpunkts geschluchzt hatte, weil sie sich von ihm trennen musste. »Sagen Sie mir, wie Sie sich fühlen.«
»Ich bin besorgt um meine Frau und meinen Sohn und traurig bei dem Gedanken, sie fünf Jahre lang nicht zu sehen, obwohl ich das so schon akzeptiert hatte. Entsetzt bei dem Gedanken, dass sie bei meiner Rückkehr nicht mehr da sein könnten. Enttäuscht, wenn ich daran denke, die Mission verlassen zu müssen und wütend, weil ich egal wie ich mich entscheide, bei einer großen Verantwortung versagen werde.« In der Tat war dieser Ilumno psychisch niedergeschlagen.
Lori hörte sehr genau zu. In diesem Moment hatte sie ihre Nervosität völlig vergessen. Jetzt war sie nicht mehr Lori, sondern die Direktorin Felorina Ulkrac. Sie legte ihre Hände auf das Pult in der Mitte des Raumes und sprach zu ihrem Publikum.
»Ich hatte für heute eine Rede vorbereitet, aber dieser Zwischenfall gibt mir die einmalige Gelegenheit, mich an die wahre Mission zu erinnern, die wir Ilumni alle haben. Deshalb habe ich beschlossen, meine vorbereitete Rede zu vergessen und direkt aus meinem Herzen zu sprechen.« Sie erhob die Stimme und begann ihre Rede: »Eurinum ist ein glücklicher Planet, da auf ihm Leben entstanden ist. Seit Millionen von Jahren hat sich das Leben ohne größere Komplikationen in allen Ecken entwickelt. Später und entschuldigen Sie den Ausdruck, ist Eurinum am Arsch ein Pickel gewachsen: Die Ilumni.« Viele der Zuhörer konnten ein Lächeln und ein plötzliches Auflachen nicht unterdrücken. Lori hatte die Fähigkeit, im ungünstigsten Moment einen passenden Witz zu machen. Sie fuhr mit diesem Vergleich fort. »Der Pickel wuchs, weil unsere Spezies unseren Planeten immer mehr verschmutze, bis die Situation nicht mehr tragbar war. Von diesem Moment an beschlossen wir, etwas zu tun, um als Spezies nicht auszusterben und um auch andere Arten auf dem Planeten vor dem Verschwinden zu bewahren. So schafften wir wirtschaftsbasierte Systeme ab und suchten eine effizientere und fairere Alternative zur Politik. Wir verboten die Umweltverschmutzung und gaben Eurinum seine Gesundheit wieder zurück. Dann stellten wir fest, dass unser Stern immer weiter wuchs und erkannten die Notwendigkeit, ein mögliches zukünftiges Zuhause für unsere Spezies zu suchen. Nach jahrhundertelanger Anstrengung haben wir den Weg gefunden. Es war nicht einfach, aber es hat sich gelohnt. Also worum geht es letztendlich? Es geht darum unsere Spezies und unsere Kultur zu bewahren, um alles zu bewahren, was wir bisher entdeckt haben. Aber wir werden das mit Stil machen, ohne andere Arten in Gefahr zu bringen und werden anderen Planeten bezüglich ihrer Gesundheit soweit helfen, wie wir es können. Und mir fällt etwas Wichtiges ein, etwas Grundlegendes und Wesentliches, um unsere Spezies zu bewahren, etwas, ohne das wir nicht weiterleben könnten: Kinder. Ja, Eltok.« In diesem Moment wandte sie sich an den etwas weniger niedergeschlagenen Ingenieur, »Kinder! Sie befinden sich in einer Zwickmühle zwischen zwei Verantwortungen: Entweder Sie versagen Ihrer Spezies oder Ihrer Familie gegenüber. Dennoch möchte ich Sie zu folgender Überlegung anregen: Wenn Sie zu Ihrer Familie gehen, könnte man meinen, dass Sie die Verantwortung, die Sie durch die Mission Iluminum tragen, nicht erfüllen. Wenn Sie sich jedoch dazu entschließen, die Mission fortzusetzen, versagen Sie bezüglich Ihrer familiären Verpflichtungen und somit auch in Bezug auf die wichtigste Verantwortung, die Sie Ihrem Volk gegenüber haben: Die Spezies zu bewahren. Und wenn es eine Möglichkeit gibt, auch wenn es nur eine winzige Möglichkeit ist, dass es Ihrer Familie mit Ihrer Anwesenheit besser geht, dann werden Sie so die wichtigste Mission der Ilumni und gleichzeitig Ihre familiären Verpflichtungen erfüllen.«
Lori hatte ihre Rede beendet und die Stille im Raum wurde von einem riesigen Applaus abgelöst. Ingenieur Eltok weinte wieder, jedoch nun vor Freude, dieses Problem aus dem Weg geschafft zu haben. Lori fragte ihn nicht nach seiner Entscheidung, aber es war eindeutig, was er tun würde. Lori hatte ihr erstes Problem gelöst und nach dem Applaus zu schließen (der noch immer zu hören war) sogar auf die bestmögliche Weise.
Kapitel 2
WANN? WO?
Lori fühlte sich stark, sie verstand, dass ihre Aufgabe nicht einfach sein würde, dass sie sehr schwierige Entscheidungen treffen musste und dass dieses Problem nur ein kleiner Vorgeschmack von alldem war, was kommen würde. Aber sie fühlte sich in der Lage, diese Mission zu leiten und erfolgreich abzuschließen. Zu dieser Zeit konnte sie nicht ahnen, dass ihre Mission nicht nur fünf Jahre dauern würde, sie konnte nicht wissen, dass ihr das Schicksal etwas viel Größeres und Komplizierteres bereitet hatte, worauf sie nicht vorbereitet war. Aber da war sie nun, stolz, erwachsener als je zuvor obwohl sie noch ein Mädchen war und wurde von denen gefeiert, die in wenigen Minuten nur ihre Besatzung sein würden.
Das holografische Bild wurde immer noch an die Decke des Sitzungssaals projiziert und der Abgesandte war bereit zu sprechen.
»Danke für Ihre Worte, Direktorin. Zweifellos haben Sie geholfen, die schwierige Situation zu bewältigen, mit der der Ingenieur Eltok konfrontiert war.« In diesem Moment sah der Abgesandte Maslok Emprot Eltok an. »Seine Entscheidung zu seiner Familie zurückzukehren schafft jedoch ein weiteres Problem, mit dem wir nicht gerechnet hatten.«
»Worum geht es?« Lori war in diesem Moment nicht nervös, diese Nachricht war kein großer Stress, aber man konnte deutlich ihre Besorgnis und Konzentration erkennen, da sie die Stirn runzelte.
»Nun, Direktorin, Ingenieur Eltok ist einer der besten Energieingenieure, die wir auf dem Schiff haben«, sagte Emprot, »und sein Verlassen hinterlässt eine Lücke, die wir versuchen müssen zu schließen. Ich habe mich im Vorhinein schon nach einem Kandidaten mit einem hervorragenden akademischen Lebenslauf erkundigt, ich muss Sie aber darüber informieren, dass er keine Erfahrung mitbringt«, fuhr der Abgesandte fort.
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