Ihr Stern hatte längst den Äquator seines Lebens überschritten und sie mussten einen Weg finden, zu anderen bewohnbaren Planeten zu reisen, um zu gegebener Zeit »umziehen« zu können. Diese Aufgabe stellte sich als überhaupt nicht einfach heraus, aber sie näherten sich einer Lösung. Sie hatten Raumschiffe entworfen, die es ihnen ermöglichten, nahegelegene Planeten zu besuchen und arbeiteten seit vierhundert Jahren an dem wichtigsten Projekt in der Geschichte ihrer Spezies. Es war ein Raumschiff von unglaublichen Ausmaßen mit einer Kapazität von 25000 Besatzungsmitgliedern, das sich mit fast 400 Lichtstunden pro Minute fortbewegen konnte, mit einem Lebenserhaltungssystem, das nur mit Energie funktionierte und dessen künstliche Schwerkraft sich an die unterschiedlichen Bedingungen des Weltalls anpassen konnte, mit Batterien, die mit dem Schiff bei maximaler Leistung drei Monate hielten. Kurz gesagt, sie waren kurz davor auf Planeten zu gelangen, die Leben beherbergen konnten, die aber sehr weit weg lagen. Sie mussten lediglich die Energieautonomie erhöhen und einen Weg finden, die Batterien während der Fahrt aufzuladen, ohne die Raumschiffsstruktur zu beschädigen und die Besatzung zu gefährden. Das Problem war, dass die stärkste Energiequelle, die sie kannten, die Sterne waren und das Aufladen der Batterien sehr viel Zeit in Anspruch nahm, mehr als das Entladen, was am großen Verbrauch des Raumschiffs lag. Die einzige Lösung war, sich den Sternen noch weiter zu nähern, um eine schnellere Ladung zu gewährleisten, jedoch würde das Schiff solch hohen Temperaturen nicht standhalten, die Energie-Schutzschilde würden durch die starke Strahlung zersplittern und das Schiff könnte sehr schwere Schäden erleiden und so die Besatzung gefährden. Daher bestand eine der möglichen Lösungen, an denen sie lange gearbeitet hatten, darin, die Wirksamkeit der Schilder zu verbessern, wenn auch bisher ohne Erfolg.
Nach jahrzehntelanger Forschung fanden sie eine unerwartete Lösung: Ein unglaubliches Ladesystem, das die Batterien mit Höchstgeschwindigkeit aufladen konnte, ohne sich dabei den Sternen nähern zu müssen. Tatsächlich brauchte es nicht einmal einen Stern, um zu funktionieren. Sie mussten nur ein Neutrinen-Ladegerät in das Schiff einbauen.
Sie hatten dieses Ladegerät zufällig entdeckt, als sie die Geschwindigkeit dieser Teilchen genauer erforschten. Es bestand aus sehr dünnen Membranen, jedoch aus einem sehr dichten Material und wenn Neutrinen diese durchdrangen, wurde dabei Energie erzeugt. Sie mussten nur einige dieser Membranen parallel mit einem Abstand von nur einem halben Millimeter zueinander platzieren, verbunden mit einem Mechanismus, der die Energie durch das ganze System leiten konnte, um diese schließlich in einem Energiewerfer zu sammeln. Diese Membranen wurden von Neutrinen durchquert und erzeugten in kürzester Zeit eine große Menge an Energie. Das Problem war, dass sich diese Neutrinen überall befanden und durch alles hindurchgingen, so dass die Gefahr bestand, die Batterien zu überladen und in die Luft zu jagen.
Später fanden sie die Lösung für dieses letzte Problem: Der Energieschild, der das Schiff schützte, war für Neutrinen undurchlässig und so entwickelten sie ein System, das erkannte, wenn die Batterien vollständig geladen waren, um das Ladegerät zu verschieben und es in den vom Schild geschützten Bereich zu bringen. Sobald die Batterien fünfundzwanzig Prozent ihrer Ladung erreichten, wurde das System aktiviert und das Neutrinen-Ladegerät ausgefahren, bis es sich außerhalb des Schildes befand, damit es erneut Neutrinen aufnehmen und die Batterien wieder aufladen konnte. So fungierte der Schutzschild des Schiffes als eine Art Sicherungsschalter des Neutrinen-Ladegeräts. Ingenieure des ganzen Planeten hatten jahrzehntelang zusammengearbeitet, um das Batterieladesystem für dieses Schiff zu entwickeln. Das Warten hatte sich gelohnt. Da jetzt alles bereit war, musste die Mission nur noch beginnen.
Der Zeitpunkt war bereits festgelegt, die Besatzung, mehr als vorbereitet, musste nur noch die Funktionsweise der neuesten Technologie erlernen, die dem Schiff hinzugefügt worden war. Die benötigte Zeit, um diese vor Beginn der Mission zu lernen, wurde abgeschätzt. Die Besatzung war an die Implementierung neuer Technologien an den Schiffen gewöhnt; das war so geläufig, dass Schiffe oft schnell überholt waren. Eine Reihe von Geräten wurde an den Schiffen angebracht und am Ende sahen sie aus wie ein Haufen verschachtelter Schrott. Nun, eigentlich waren sie genau das. Immer, wenn neue Schiffe gebaut wurden, wurden diese neuen Systeme implementiert, während die alten »Haufen« zu den Abteilungen für Recycling und Teile-Wiederverwertung geschickt wurden. Alles konnte wiederverwendet werden. Aber dieses Schiff war besonders, denn sie konnten nicht ohne weiteres noch solch ein Schiff bauen, da die Ausmaße enorm waren. Sie mussten sicherstellen, dass das Schiff ohne zu viele Rückschläge seine Hauptfunktion, für die es entworfen worden war, erfüllen konnte: Andere Planeten, auf denen Leben möglich war, zu erreichen.
Sie hatten längst mehrere bewohnbare Planeten ausfindig gemacht, diese lagen aber alle sehr weit weg. Die Batterien hätten dem Hin-und Rückweg zum nächsten Planeten, auf dem Leben möglich war, nicht standgehalten. Mit dem neuen Ladesystem könnte das jedoch nun möglich sein. Sie hatten noch nie mit einer anderen Zivilisation Kontakt aufgenommen und glaubten deshalb, dass sich diese sehr weit weg befinden musste, wenn es überhaupt eine geben sollte. Trotzdem mussten sie Schritt für Schritt vorangehen und der erste stand kurz bevor: Einen Planeten, auf dem Leben möglich war, zu erreichen. Es blieben nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Mission, an die höchste Erwartungen bestanden. Alle waren aufgeregt und hofften auf Erfolg. Sie hatten sich jahrhundertelang darauf vorbereitet. Ihre Vorfahren hatten dieses Projekt begonnen; ganz Eurinum, alle gemeinsam. Milliarden von Ilumni, die an demselben Projekt arbeiteten und alle ihren Teil dazu beitrugen, jeder so wie er konnte.
Keinem war die Bedeutung dieser Ereignisse gleichgültig. Die Presse sprach nur noch darüber, alle Medien schöpften alle ihre Möglichkeiten aus, die Nachrichten bezüglich der Mission abzudecken. Eine dieser Nachrichten war der »Namenswettbewerb«, der mit Schülern der weiterführenden Schulen des ganzen Planeten durchgeführt wurde. Zwei Tage vor Missionsbeginn stimmten die Ilumni von zu Hause aus über den Namen ab, der ihnen am besten gefiel. Dort wurde alles abgestimmt; in Eurinum hatte es noch nie eine so starke Demokratie gegeben. Seit geraumer Zeit gab es keine Regierungen mehr, nur öffentliche Angestellte zur Verwaltung, außerdem wurde grundsätzlich nicht über Parteien oder Personen abgestimmt, sondern nur über Vorschläge, Gesetze usw. Es war keine leichte Aufgabe. Manchmal benötigte es eine Stunde, um über alle Vorschläge eines Tages abzustimmen und es gab fast täglich Vorschläge. Trotzdem war die Beteiligung immer sehr hoch, weil sich die Ilumni für ihre Zukunft verantwortlich fühlten. Nun, sie waren sich bewusst, Teil ihrer Welt zu sein, und dass ihr Leben nur von ihnen bestimmt war und nicht von Präsidenten oder Königen - wie das in der Vergangenheit der Fall gewesen war – bis zu dem Zeitpunkt, als der »Umweltkollaps« stattfand.
Der Tag der Abstimmung war gekommen, um den Namen der Mission zu bestimmen und wie könnte es auch anders sein, war die Beteiligung sehr hoch und die Erwartungshaltung konnte man in jeder Stadt und an jeder Ecke wahrnehmen. Es gab Vorschläge wie »Mission Neue Welt«, »Erforschungsmission« oder »Mission Zweites Zuhause« und andere weniger ernsthafte, wie »Rosa Vogel-Mission«, »Mission Honig-Wasserfall« oder »Obstwurm-Mission«. Schließlich wurde ein Name gewählt: »Mission Iluminum«. Es war eindeutig, dass dieser Name viele Hinweise darauf gab, wie sie den Planeten nennen würden, auf den sie gelangen würden. Aber zunächst einmal musste bestätigt werden, dass es möglich war, auf diesem Planeten zu wohnen.
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