Oft zweifelte sie, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, aber dann erinnerte sie sich sofort daran, was diese Mission bedeutete. Sie wusste, dass sie dafür geboren war, sie hatte sich ihr ganzes Leben lang auf eine Arbeit dieser Größenordnung vorbereitet. Die Mission Iluminum war für Eurinum bis zu diesem Zeitpunkt die wichtigste und verantwortungsvollste Arbeit und sie hatte die große Verantwortung, diesen Wahnsinn zu leiten.
Ihre lila Finger spielten abgelenkt mit einer Andapflanze, die etwa sechzig Zentimeter groß und sehr dünn war. Die Andapflanze hatte so etwas wie Blätter, die ihr als Arme dienten und ihr Kopf sah aus wie die Blüte einer Blume. Es war eine »Anipflanze«, von denen es in Eurinum einige gab, mit tierischen und pflanzlichen Merkmalen. Sie hatte eine Fähigkeit, die sehr lustig war: Sie konnte mit ihren Wurzeln gehen und diese selbst wieder in den Boden »einpflanzen«, wenn sie Nahrung brauchte. Beim Gehen schien sie zu tanzen, da sie ständig ihren Körper und die violetten Blätter bewegte. Die Blume hatte je nach Art der Andapflanze unterschiedliche Farben. Hier handelte es sich um eine blaue Blume mit weißen Blütenblättern. Die Andapflanzen lächelten immer, wenn sie ruhig waren und waren von den Ilumni sehr geliebte Wesen. Man konnte sie überall auf ihrem Planeten finden. Diese Andapflanze lächelte, während sie mit Felorinas Fingern spielte. Das Mädchen war tief in ihre Gedanken versunken, da am nächsten Tag die Alegria eintreffen sollte und die Mission für sie beginnen würde. Sie hatte einen riesigen Knoten im Bauch.
Das Alter der Besatzungsmitglieder der Mission war ein entscheidender Faktor bei der Auswahl gewesen. Auf der einen Seite wurden Fachleute mit Erfahrung und Bildung gebraucht, was normalerweise viele Jahre und somit ein hohes Alter erforderte. Auf der anderen Seite waren junge Leute im fortpflanzungsfähigen Alter gefragt, denn wenn sie aufgrund eines Unfalls oder einer Störung, die die Integrität des Schiffes gefährden sollte, sich von ihren Triebwerken trennen müssten, könnte es Jahre und sogar Jahrhunderte dauern einen Planeten zu finden, auf dem Leben möglich war oder wieder nach Hause zu gelangen. So war die Mehrheit der Zivilfachleute unter zwanzig Jahre alt, mehr als die Hälfte der technischen Ingenieure war älter als ein halbes Jahrhundert und das Aktionsteam zwischen fünfzehn und vierzig Jahre alt.
Auf dem Schiff befand sich eine Universität. Die Jugendlichen mussten an Bord verschiedene Ingenieurwissenschaften studieren. Wenn während der Mission ein Problem auftreten sollte und die Triebwerke zurückgelassen werden müssten, würde das »Aktive Stadt«-Protokoll aktiviert werden, wobei die Entfernung zum nächsten Planeten mit Leben berechnet, der Kurs auf diesen Planeten ausgerichtet und der übrige Schiffsteil sich in jeder Hinsicht in eine Stadt verwandeln würde, abgesehen von der Tatsache, dass es weiterhin ein Raumschiff sein würde. In diesem Fall wäre das Leben genau wie in einer Stadt. Paare könnten Kinder bekommen, diese könnten zur Schule und dann auf die Universität gehen und somit würden die Bevölkerung und Aufgabenverteilung für die folgenden Generationen erhalten bleiben.
Felorina hatte noch keinen Partner, jedoch im Falle eines Bevölkerungsmangels wäre es ihre Pflicht, sich fortzupflanzen. Dafür standen auch künstliche Mittel zur Verfügung. Sie hatte keine Angst davor Mutter zu werden, es war Teil der Mission und es war auch ein Instinkt der Ilumni, ihre Spezies zu erhalten, um sich weiterzuentwickeln und das gesamte Universum zu erforschen. Aber sie war besorgt, an einen Punkt zu gelangen, an dem die Fortpflanzung auf dem Schiff notwendig sein würde, denn das würde bedeuten, dass die Hauptmission gescheitert wäre. Ihre größte Sorge, ihre dunkelste Angst war zu versagen.
Die Gartentür öffnete sich, die Andapflanze lief schnell auf die gegenüberliegende Seite, versteckte sich hinter einem Baum und vergrub ihre Wurzeln im Boden. Der Baum schüttelte die Äste in der Nähe der Andapflanze und Hunderte von Blättern fielen auf sie, wobei sie geduckt vollständig versteckt war. Es war, als hätte der Baum die Angst der Andapflanze bemerkt und wollte sie verstecken. Hinter dem Stamm war zu sehen, wie die Andapflanze mit weit geöffneten kleinen grünen Augen den Kopf herausstreckte und zur Tür blickte. Die Person, die eingetreten war, war Kiro, Felorinas bester Freund. Kiro war ein großer, schlanker Junge. Seine gelben Wangen standen im Kontrast zu dem intensiven Violett seiner Haut, passten aber zu seinen Augen. Dass Wangen und Augen dieselbe Farbe hatten, war bei den Ilumni normal, Kiro aber hatte eine ungewöhnliche physische Besonderheit: Sein Haar war durchsichtig. Nicht, dass es tatsächlich unsichtbar gewesen wäre, aber man konnte nicht wirklich eine Farbe bestimmen. Wenn es regnete und er seinen Kopf nicht bedeckte, füllten kleine bunte Lichtstrahlen sein Haar. Es war, als würden sich Hunderte winzige Regenbogen darin bewegen. Kiro sah Felorina ins Gesicht und sie umarmten sich, sie waren beide sehr gerührt.
»Es tut mir leid, Kiro«, sagte Felorina während eine Träne über ihre Wange lief, »es war nicht meine Entscheidung.«
»Sei nicht albern, Lori!« So wurde Felorina von ihren Freunden genannt. »Ich habe gerade erst mein Studium beendet und noch keine Berufserfahrung.« Er versuchte sie zu beruhigen, während er die Tränen von der Wange seiner Freundin wischte.
Kiro hatte Energietechnik studiert, war der fünftbeste seines Jahrgangs und das hatte ihm die Gelegenheit gegeben, in einer der Beobachtungsstationen auf den fünf ausgewählten Planeten zu arbeiten. Er hatte Basis3 gewählt, weil Lori dort arbeitete. Das Problem war, dass er keine Erfahrung hatte und daher nicht an der Mission Iluminum teilnehmen konnte.
Kiro war zwar zwei Jahre älter als Lori, jedoch war sie eine Ausnahme: Sie war von Geburt an hochintelligent und konnte doppelt so schnell lernen wie die meisten. Mit zwölf Jahren hatte Lori bereits drei Ingenieurstitel.
Das Bildungssystem der Ilumni war sehr fortschrittlich. Im Alter von zwölf Jahren waren sie schon bereit, die Berufsschule oder Universität zu beginnen. Mit vierzehn Jahren könnten sie beispielsweise bereits Techniker irgendeiner Fachrichtung sein, mit sechzehn dann technischer Ingenieur. Normalerweise wurde bis achtzehn studiert, da viele lieber zunächst einen Beruf erlernten und dann eine Ingenieurswissenschaft studierten, wie dies bei Kiro der Fall war. Wenn er keinen Beruf gelernt hätte, hätte er zwei Jahre Erfahrung als Energietechniker haben können und somit die Möglichkeit gehabt, an der Mission teilzunehmen. Deshalb fühlte er sich irgendwie schuldig, obwohl damals, als er sich dazu entschieden hatte zuerst einen Beruf zu erlernen, niemand damit gerechnet hatte, ein Energiesystem zu entwickeln, das so effizient war wie das Neutrinen-Ladegerät.
»Es ist meine Schuld«, klagte Kiro während er seine Freundin ansah, obwohl er sie eigentlich beruhigen wollte.
»Danke für den Versuch, Kiro«, sagte Lori und lächelte. Sie hatte die gute Absicht ihres Freundes verstanden, »aber tatsächlich können wir das nicht ändern, es war nun einmal so und wer konnte das erahnen? Zumindest nicht so bald.« In ihrem Gesicht lag etwas Trauriges. »Wenn wir uns wiedersehen, werden fünf Jahre vergangen sein.«
Lori war kurz davor zu weinen. Ihre letzten Worte wollten kaum aus ihrem Mund kommen, ihre Stimme wurde schwächer und brüchiger, je weiter sie redete. In diesem Moment umarmte Kiro sie.
Tief im Inneren waren sie wie Geschwister. Sie hatten praktisch ihr ganzes Leben gemeinsam im Internat verbracht und so viel gemeinsam erlebt, dass sie sich ein Leben ohne einander nicht vorstellen konnten. Manchmal führt das Schicksal dazu, dass wir uns aus Gründen, die wir nicht kontrollieren können, von den Menschen trennen müssen, die uns lieben. Jener Moment war genau das und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als nachzugeben und sich zu trennen. Die Pflicht und das Verantwortungsbewusstsein standen im Vordergrund. So waren die Ilumni.
Читать дальше