Jenny grinste und verbot es sich im selben Moment wieder. Über Alter und Tod machte man keine Scherze. Immerhin war sie noch nicht so weit, dass sie Witze riss, wenn sie eine Leiche am Tatort inspizierte, so wie Plossila und Isenbarth. Sie wusste gar nicht, was sie darüber denken sollte ...
„Frau Biber?“
„Ja“, sagte sie mechanisch und ließ sich aus ihrem Gedankengang reißen. Sie drehte sich auf den Fußballen um und blickte in das milchige Gesicht eines Hünen mit strubbeligem blondem Haar.
„Lennart, wir hatten telefoniert.“
„Natürlich, danke. Ja!“, sie gab ihm die Hand und blickte automatisch auf das kleine Schildchen an seiner Brust, um seinen Nachnamen zu erfahren. Doch da stand auch nur „Lennart“.
„Die Herren freuen sich schon auf sie. Wollen wir?“
Sie gingen über einen blitzblanken Linoleumfußboden, bis der Gang sich zu einer viereckigen Fläche öffnete, und stiegen dort zu zwei Schwestern in einen Aufzug. Die beiden Frauen trugen Pferdeschwänze und unterhielten sich in einer osteuropäischen Sprache, Jenny tippte auf Polnisch. Im ersten Stock hielt der Aufzug und eine weitere Dame mit Pferdeschwanz schob ein leeres Stationsbett hinein. Sie mussten sich alle an die Wände pressen, damit sie gemeinsam Platz hatten. Schließlich sprang die rote Digital-Anzeige auf „3“ und die bezopften Damen, Lennart und Jenny stiegen aus.
Er führte sie in einen Seitenflügel und stieß an dessen Ende eine Schwingtür mit zwei Bullaugen auf. Ein eigenartiger Kaffeegeruch empfing sie, den sie sonst nur von den Jugendherbergen ihrer Schulzeit kannte. Besteck klapperte, Teller und Tassen tickten aneinander. In unregelmäßigen Abständen vernahm sie den kurzen, kehligen Schrei einer Frau, gefolgt von tiefem Gurgeln, das aus einer verschleimten Kehle stammen musste. Ansonsten war es relativ still in dem Saal, der gleichwohl gut gefüllt war. Die Alten saßen an großen, runden Tischen bei Kaffee und Kuchen. Alle hatten ein gelbes oder blaues Platzdeckchen vor sich und entweder ein Stück Aprikosenschnitte oder Zwetschgendatschi. Das Alter schien sich ganz unterschiedlich auszuwirken: Die einen mussten gefüttert werden, andere machten sich vollkommen selbstständig über ihren Kuchen her.
Lennart führte sie an einen Tisch mit drei Herren (zweimal Aprikose, einmal Zwetschge), die weder eine Pflegerin zum Essen benötigten noch ein Lätzchen umgelegt hatten. Jenny wunderte sich, dass in der Mitte des Tisches ein Weihnachtsstern auf einer mit grünen Teddybären versehenen Papierservierte stand. Das machte zu dieser Jahreszeit nicht wirklich Sinn, außerdem hatte sie immer gedacht, Weihnachtssterne gediehen nur im Winter, aber das war sicherlich Nonsens oder Marketing.
Lennart stellte die drei Herren reihum vor, während Jenny ihre Gesprächspartner musterte: Heribert Weidinger hatte volles graues Haar, ein sonnengebräuntes Gesicht und die vollen, weißen Augenbrauen eines Weltumseglers. Obwohl es angenehm warm im Saal war, trug er eine dunkelblaue Bourbon-Daunenweste; mit langen, knochigen Fingern spielte er an ihrem Reißverschluss herum. Dietrich Schwitters war mit einer braunen Cordmütze bekleidet, die eine eigenartige Plüschbommel schmückte, und zwinkerte nervös hinter dicken, leicht getönten Brillengläsern. In seinem linken Nasenloch verschwand ein Schlauch, der seinen Anfang irgendwo hinter seinem Rollstuhl zu nehmen schien. Er trug eine hellbraune Strickjacke, darunter ein dunkelblaues Polohemd. Der Dritte im Bunde war Karl Donhauser, dessen ovaler Kopf von einem grauen, aber gut frisierten Haarkranz umgeben war. Eine Narbe über der Nasenwurzel ging direkt in eine lange Denkerfalte über, die sich erst in der Mitte der Stirn in einem Delta weiterer Falten und gesprenkelter Altersflecken auflöste. Er stützte sich auf einen schwarzen Stock und war mit hundert Jahren der zweitälteste Bewohner der Anlage. Nur eine Dame, die es vorzog, ihren Kaffee alleine einzunehmen, war mit Einhundertundfünf noch weiter in der Zeit fortgeschritten, erfuhr Jenny. „Darf ich Ihnen noch etwas bringen? Einen Kaffee? Tee?“, fragte Lennart abschließend.
„Kaffee wäre gut, danke“, sagte Jenny und setzte sich. Sie blickte in die erwartungsfrohen Gesichter der Alten und wusste nicht so recht, wie sie beginnen sollte, denn sie hatte keine Erfahrung mit Menschen, die älter waren als ihre Oma. Und die war Dreiundsiebzig und backte nach wie vor den besten Apfelkuchen Oberbayerns.
„Sie sind also Polizistin, habe ich gehört“, eröffnete der Älteste in der Runde die Konversation. Er legte den Kopf leicht in die Schräge und sprach sie so von unten nach oben an: „Da ist es für Sie vielleicht interessant zu wissen, dass ich selbst bei der Kriminalpolizei tätig war, zuletzt als Hauptkommissar im Morddezernat.“
Jenny machte unwillkürlich einen Freudenhopser auf dem Sitzkissen ihres Stuhls. „Ach, tatsächlich, das ist ja interessant!“ Sie hatte sofort das Gefühl, sie müsse Donhauser Tausende von Fragen stellen, sicherlich hatte er diesen Beruf noch ganz anders erlebt als sie. Doch sie besann sich: Es ging um die Aufklärung eines Mordfalls und sie war nicht aus persönlichen Motiven hier.
Der Cordmützenträger ließ seine Gabel hochschnellen, die von zwei zittrigen, bläulichen Fingern gehalten wurde. „Und das interessiert Sie noch mehr, vielleicht. Oder wahrscheinlich, das weiß ich nicht: Ich war Richter, vierzig Jahre, am Oberlandesgericht. Den Donhauser kenne ich seit ... seit vierzig, fünfzig ..., seit einem halben Jahrhundert kenne ich ihn. Aus dem Zeugenstand, nicht wahr? Nichts Persönliches damals, kaum ein persönliches Wort. Das ging nicht, natürlich nicht. Das wäre nicht, wie sagt man? Nicht angemessen gewesen, nicht wahr? Aber man kannte sich. Man schätzte sich. Also ich schätzte ihn und er auch mich, wie er später sagte. Zähneknirschend, aber ja, das sagte er. Jetzt arbeiten wir die Fälle von damals noch mal auf, nicht wahr? Nur für uns. An was wir uns noch erinnern jedenfalls, es verblasst ja so viel mit den Jahren. Vergangenes ist vergangen, das ist nun mal der Lauf der Dinge, errrrrrr.“ Während des gesamten Monologs hatte er die Gabel zitternd in der Luft gehalten und durch seine Brille starr und geradeaus an Jenny vorbeigeschaut. Die Worte kamen wie die Salven eines automatischen Gewehres aus ihm herausgeschossen. Erst als er verstummte, legte er Hand und Gabel wieder auf seinen Teller.
Donhauser raunte von unten: „Wir sind beide Akademiker und das Denken hält jung, auch im Alter noch, gerade dann. Nur Weidinger hier hat keine Hochschule von innen gesehen, der hat lieber seine Geschäfte gemacht, stimmt es nicht, Heribert?“
Der Weißhaarige hatte sich gerade ein Stück Aprikosenschnitte in den Mund geschoben und schien das Gebäck wie ein Bonbon mit der Zunge hin und her zu schieben. Jetzt spitzte er die Lippen, zog die buschigen Brauen hoch und machte: „Mmmm“.
Im Hintergrund schrie die Frau von vorhin wieder auf und Jenny zuckte leicht zusammen. Das anschließende Gurgeln beruhigte sie. Jenny lächelte und zeigte sich interessiert. „Ja? Was hatten Sie denn für ein Geschäft, Herr Weidinger?“
Weidinger lehnte sich zurück, blickte sich über die Schulter, zeigte das Profil seines Gesichts. Die Augenbrauen ragten spitz wie kleine Hörner in das fahle Gegenlicht, das durch die Fenster in den Raum drang. Dann wandte er sich Jenny wieder zu und legte mit zwei sonnengebräunten Händen schwerfällig eine unsichtbare Melone auf den Tisch. „Ho – Ho... Ho – Ho...“
„Weidinger war Hotelier“, raunte Donhauser. „Später hatte er auch noch mehrere Cafés in der Gegend. Man kannte ihn und er kannte jeden. Für einen Kommissar ein wichtiger Kontakt, wenn es darum geht, Informationen zu gewinnen. Sie wissen, was ich meine.“
Jenny nickte, wollte etwas sagen, doch die Gabel schoss wieder in die Luft.
Читать дальше