Olli sagt nichts. Diskussionen über dieses Thema hat er sich schon lange abgewöhnt. Außerdem lässt ihm die Sorge um seine Agentur keine Ruhe. Da hat er genug Grund, sich zu ärgern. Soll doch Sybille selbst sehen, wie sie mit ihren Eltern klarkommt. Er ist ziemlich verzweifelt über seine derzeitige Situation. Privat und geschäftlich in einer Sackgasse zu stecken, ist doppelt ärgerlich.
Ein paar Tage später geht es in der Villa wieder lautstark zu, denn Christine hat Olli zum Gartenfest eingeladen.
„Auf meine Anwesenheit könnt ihr nicht hoffen“, sagt Sybille mit Nachdruck. „In eurer Vierergemeinschaft fühle ich mich nicht wohl. Das war schon immer so. Du kannst gern die Jungs mitnehmen. Ich besuche am Samstag meine Eltern. Wir wollen über unseren Sommerurlaub sprechen. Da haben wir wenigstens Ruhe.“
„Wieso sprichst du unseren Urlaub mit deinen Eltern ab?“, fragt Olli verwundert.
„Paps hat den Vorschlag gemacht, dass wir alle zusammen in Südfrankreich den Sommer verbringen. Er hat ein großes Strandhaus gemietet“, schwärmt sie.
„Das erfahre ich so ganz nebenbei?“
„Du bist doch kaum noch zu Hause. Ob ich mich nun hier allein um die Jungs kümmern muss oder im Urlaub, das macht keinen Unterschied“, sagt Sybille verärgert.
„Bin ich etwa schuld daran, dass Tom mich im Büro so im Stich lässt? Ich kann auch alles hinschmeißen und dann von früh bis abends bei dir sein. Dann verspreche ich dir, dass es ganz schnell mit dem Luxus vorbei ist. Ein bisschen mehr Verständnis für meine Situation hätte ich schon erwartet. Aber, was rede ich da? Einen Versager wie mich gab es bisher noch nicht in deiner hochwohlgeborenen Familie.“
„So ein Quatsch. Das hat damit nichts zu tun. Dann musst du Tom eben rausschmeißen. So einfach ist das.“
„Das ist eben nicht so einfach. Mein Anwalt sagt, dass er freiwillig unserer Firmenauflösung zustimmen muss. Und Tom von der Trennung zu überzeugen, ist eben nicht so einfach. Tom weiß, dass ihm jeden Monat die Hälfte vom Gewinn zusteht – egal, ob er arbeitet oder nicht. Er wäre doch dumm, darauf zu verzichten“, klärt er sie auf.
„Dann mach doch einfach keinen Gewinn mehr. Was denkst du, wie schnell Tom zustimmt. Musst du immer auf alle Rücksicht nehmen?“
„Auch für die Verluste muss ich allein geradestehen, weil Tom sich sicher nicht daran beteiligen wird. Ich weiß auch, dass er sich ins Fäustchen lacht und ich bei der ganzen Sache der Dumme bin“, sagt Olli wütend. „Außerdem verliere ich alle Kunden, wenn ich die Agentur schließe, weil die sich in der Zwischenzeit eine andere suchen würden. Die sind alle weg, wenn ich allein neu anfange. Wofür habe ich denn dann die letzten Jahre so viel gearbeitet?“
„Dafür kann ich ja nun nichts“, stellt Sybille klar. „Was soll aus unserem Urlaub werden? Willst du etwa, dass wir eine Radtour von einem Zeltplatz zum anderen machen? Mein Vater wäre entsetzt.“
„Und wenn schon. Deinem nagelneuen Fahrrad, das seit Jahren im Keller steht, würde es bestimmt gut tun mal rauszukommen. Und dir ist wieder am wichtigsten, was Paps denken könnte. Wenn du wüsstest, wie mir das zum Hals raushängt. Paps hier und Paps da. Ich kann es nicht mehr hören. Für deine Eltern war ich von Anfang an nicht gut genug und jetzt beweist es sich endlich. Der Schwiegersohn ist ein Versager.“
„Das ist nicht meine Schuld. Hätte ich mich damals bloß nicht mit dir eingelassen, wäre mir viel erspart geblieben. Das habe ich nun davon, dass ich einmal nicht auf meinen Paps gehört habe. An eurem Gartenfest musst du jedenfalls ohne mich teilnehmen. Ich habe wichtigere Dinge vor. Du weißt ja, wo du mich am Samstag findest.“
Olli geht nach oben, um sich von seinen Jungs zu verabschieden. Als er in der Tür des Kinderzimmers steht, sieht er sie traurig an. Richard und Bertram kommen zu ihm gelaufen und schmiegen sich eng an ihn. Er streicht beiden übers Haar und gibt jedem einen dicken Kuss.
Danach macht er sich fertig, um in die Agentur zu fahren. Das fällt ihm auch jeden Tag schwerer.
Als erstes will er Jutta anrufen, ob sie nicht schnellstens wenigstens die Buchhaltung übernehmen könnte. Mit ihrer Hilfe will er versuchen zu retten, was noch zu retten ist.
Als er an seinem Schreibtisch sitzt, greift er sofort zum Hörer. „Hallo, Jutta. Gut, dass ich dich erreiche.“
„Willst du mir vom geplanten Gartenfest erzählen? Das weiß ich schon von Lydia“, sagt sie.
„Nein. Ich wollte dich bitten, in mein Büro zu kommen. Falls du noch keinen lukrativen Job gefunden hast.“
„Die Angebote halten sich in Grenzen. Wenn du möchtest, kann ich gleich kommen.“
„Morgen wäre völlig ausreichend. Ich muss erst noch alles raussuchen und zusammenstellen. Wenigstens eine Frau, die mir heute nicht in den Rücken fällt und mich hängen lässt“, rutscht ihm raus.
„Alles klar. Ich bin morgen neun Uhr da. Du musst mir nur noch sagen, wo ich deine Agentur finde“, sagt Jutta.
„Bahnhofstraße 24. Das kannst du nicht verfehlen. Gleich neben dem großen Schuhgeschäft von Annegret Müllers Eltern.“
„Der Laden existiert noch? Bis dahin kann ich gut laufen und muss mir nicht einmal das alte Fahrrad meiner Mutter leihen“, stellt Jutta fest. „Danke, Olli. Mit einem Job hilfst du mir sehr.“
„Ich glaube eher, dass du mein Rettungsanker werden musst“, sagt Olli, der schon fast der Verzweiflung nahe ist. „Ich verlass mich auf dich. Mach´s gut.“
„Ja, tschüss.“
Am Abend erzählt Jutta ihrer Tochter, dass sie am nächsten Tag in einer Werbeagentur einen Vorstellungstermin hat.
„Es wäre doch schön, wenn ich gleich um die Ecke arbeiten könnte. Dann kannst du schnell mal vorbeikommen, wenn du ein Problemchen hast.“
„Dann drücke ich dir noch einmal die Daumen. Das erste Mal hat es ja nicht viel geholfen“, sagt Jenny.
„Das ist lieb von dir. Es kann aber auch sein, dass ich Olli nur helfen muss, seine Agentur zu schließen. Er hat große Probleme mit seinem Partner. Es steht also alles noch in den Sternen.“
„Irgendwann wirst du ja auch mal Glück haben“, sagt Jenny.
Voller Erwartungen auf den nächsten Tag gehen beide bald darauf schlafen.
Am nächsten Morgen betritt Jutta pünktlich neun Uhr die Werbeagentur Wagner/Rudolph.
Die Empfangsdame kommt aufgeregt auf sie zu.
„Sind Sie Frau Seidel?“
Als Jutta nickt, sagt sie erleichtert: „Gott sei Dank. Herr Wagner erwartet sie schon.“
„Ich bin doch pünktlich.“
Jutta blickt erschrocken auf ihre Uhr. Sie vermutet, die Frau würde denken, dass sie bereits am ersten Tag zu spät kommt.
„Oh nein. Das meine ich nicht. Herr Wagner hat uns viel von ihnen erzählt. Wir hoffen doch alle, dass Sie uns helfen können.“
Sie öffnet Ollis Büro und schiebt Jutta mit den Worten hinein: „Herr Wagner, Frau Seidel ist jetzt da.“
Olli springt gleich auf und streckt ihr seine Hand entgegen.
„Jutta, komm rein und setz dich. Ich habe mir das so gedacht. Da Tom kaum noch erscheint, könntest du an seinem Schreibtisch arbeiten. Im Computer findest du alles, was du wissen musst. Es wäre schön, wenn du auch einen Teil seiner Kunden übernehmen könntest. Guck dir einfach alles an und wenn du Fragen hast, kannst du hier jeden fragen. Niemand ist böse darüber, dass du da bist – im Gegenteil. Falls du dich entscheidest, hier nichts retten zu wollen, das würde ich dir nicht übelnehmen – ich wäre nur enttäuscht. Vielleicht kommst du aber doch zu der Überzeugung, das sinkende Schiff in den Hafen schleppen zu können. Dann bekommst du in den nächsten Tagen deinen Vertrag. Bist du damit einverstanden?“
„Das ist eine klare Ansage“, sagt Jutta.
„Komm, ich stelle dir die Mitarbeiter vor. Am Empfang, das ist Frau Wiehmer. Die hast du ja schon kurz gesehen.“
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