»Ich wasche ab«, sagt George und steht auf.
»Nein, ich mach das schon«, sage ich und lege eine Hand auf seine, die gerade nach meinem Teller greifen will. »Heute ist Mittwoch, kommt nicht gleich »Unsere kleine Farm«?, frage ich ihn, weil ich weiß, dass diese Serie seine Leidenschaft ist. Manchmal erzählt er mir schimpfend, was seiner Meinung nach nicht richtig recherchiert wurde.
»Also gut«, sagt er. »Ich geh dann mal rüber.«
Ich stehe auf, räume das Geschirr in die Spüle und beginne, es mit der Hand zu spülen. Die Küche ist schon etwa so alt wie die Ranch selbst: 97 Jahre. Alles hier im Haus ist mindestens so alt. Anfangs habe ich überlegt, es zu modernisieren. Neue Möbel, vielleicht einen Fernseher, einen Geschirrspüler oder ein modernes Bad. Aber die einzigen modernen Dinge, die ich in das Haus geholt habe, sind eine Waschmaschine, meinen Laptop, meine Kamera für den Blog und eine Dusche. Denn so sehr mich das alles zu Beginn hier gestört hat, jetzt habe ich erkannt, dass genau diese Dinge es sind, die den Charme meiner Abgeschiedenheit ausmachen.
Ich trockne mir die Hände ab, als es an der Tür klopft. George klopft niemals an, weswegen ich sofort in Alarmbereitschaft bin. Es gibt nicht viele Menschen, die hier rauskommen, der Paketbote, weil er es muss, wenn die Pakete zu groß für unser Postfach in der Stadt sind, der Tierarzt, weil er sich von niemanden abhalten lässt, wenn ein Tier ihn braucht, mein Ex-Ehemann, weil er es kann. Da es zu spät für die Post ist, ich den Tierarzt nicht gerufen habe, bleibt nur noch eine Person übrig: mein Ex-Mann. Ich seufze schwer, hänge das Handtuch an den metallenen Haken neben dem Spülbecken und gehe zur Tür.
Der Schatten, den ich durch das Glas erkenne, ist nicht George und auch nicht mein Ex, dafür ist dieser Schatten viel zu groß und breitschultrig. Ich werfe einen flüchtigen Blick neben die Tür, wo die Schrotflinte steht, von der George will, dass sie dort steht, damit ich sie jederzeit benutzen kann, falls der »Idiot von Ex« hier auftaucht. Eine Sekunde überlege ich, ob ich die Schrotflinte jetzt brauchen werde, nicht nur mein Ex könnte mir hier draußen gefährlich werden. In dieser Gegend weiß jeder, dass ich allein hier draußen lebe, nur mit einem alten Mann, der im Apartment über der Garage wohnt, und einer grundfreundlichen Schäferhündin an meiner Seite. Trixie steht neben mir und starrt erwartungsvoll und mit wedelndem Schwanz auf die Tür. Sie winselt leise. Über Besuch freut sie sich die meiste Zeit deutlich mehr als ich.
»Du bist mir keine Hilfe«, murmle ich zu ihr nach unten. Sie antwortet mit einem langgezogenen Maulen.
Ich öffne die Tür und vor mir steht ein Mann, dessen Gesicht mir vage bekannt vorkommt. In seiner Hand trägt er einen dunkelgrünen Seesack, wie ihn Soldaten besitzen. Er sieht mich mit ernstem, leicht wütenden Blick aus leuchtend blauen Augen an. Und er atmet erregt, was wohl Teil seiner Wut ist, ganz genauso wie das Zittern seiner Wangenmuskeln. Sein dunkles Shirt hat ein paar kleine Löcher am Kragen, seine Jeanshose sitzt so eng, dass ich deutlich seine muskulösen Oberschenkel sehen kann, auch seine Arme sind muskulös, seine Schultern breit und er hat einen dunklen Dreitagebart. Alles in allem, wirkt der Mann bedrohlich und das düstere Glitzern in seinen Augen, die sich so stark von seinem dunklen Haar abheben, wirkt auch nicht beruhigend auf mich.
»Das hier ist mein Haus«, sagt er bedrohlich.
Ich schnappe nach Luft und sehe ihn erschrocken an. Mein Blick geht wieder zur Waffe, aber er hat sie sich genommen, bevor ich überhaupt in Erwägung ziehen kann, sie zu benutzen. »George hat schon immer Wert darauf gelegt, dass die hier steht« erklärt er knapp.
Laut winselnd drückt sich Trixie an mir vorbei und springt den Mann an. Sie springt an ihm hoch, nicht um mich zu verteidigen, nicht um ihn anzugreifen, sondern um ihn mit einem herzzerreißenden Jaulen zu begrüßen. Er kniet sich vor sie, streichelt sie und umarmt die Hündin, die ihm bellend und heulend das Gesicht leckt.
»Sie sind der Enkel von Rose«, stelle ich gedehnt fest, als mir wieder einfällt, woher ich sein Gesicht kenne. Rose hat mir oft ihre Fotoalben gezeigt und von ihrem Enkel erzählt, der bei einem Einsatz für die Seals verschwunden war.
Er steht wieder auf, seine Hand ruht auf Trixies Kopf, die sich brav neben ihn setzt und ihn ansieht, als würde Gott neben ihr stehen. »Bin ich, und deswegen gehört dieses Haus mir«, sagt er mit hartem, bestimmenden Tonfall und starrt mich zornig an.
Ich mustere den Mann nach außen unbeeindruckt, aber innerlich macht sich in meiner Magengrube ein ungutes Gefühl breit. Er steht mit Jeans und Shirt vor mir und verlangt sein Haus zurück. Mein Zuhause. Wahrscheinlich hat er nicht einmal unrecht. Rose wird ihm diese Ranch vererbt haben, da man ihn aber für tot hielt, wurde sie an mich verkauft. »Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber die Besitzurkunde ist auf meinen Namen ausgestellt. Ich habe die Ranch der Bank abgekauft.«
»Der Verkauf war nicht rechtens. Wie Sie sehen, lebe ich noch und ich hätte die Ranch meiner Familie niemals verkauft.« Er starrt von oben mit hartem Blick auf mich herab und ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ich bin keine Anwältin, ich weiß nicht, was man in einer solchen Situation tut. Wer hat das Recht, hier zu sein? Wer hat es nicht?
Ich sehe den Mann mit zitternder Unterlippe an und bin völlig überfordert. Ich habe keine Ahnung, wie ich hierauf reagieren soll. Natürlich habe ich seine wundersame Befreiung in den Medien verfolgt – das halbe Internet war voll damit -, aber ich habe nicht daran gedacht, dass er zurückfordern könnte, was ihm gehört hat.
»Hören Sie, ich weiß nicht, was wir jetzt tun können. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich dies alles hier gekauft habe, und zwar ganz legitim.«
Er verzieht das Gesicht, dabei zieht er seine rechte Augenbraue so hoch, dass die Narbe direkt darüber jetzt einen noch steileren Bogen um seine Braue herum nimmt, als sie es vorher getan hat. »Das ist mein Zuhause. Ich habe die letzten fünf Jahre in der Hölle verbracht und ich will jetzt nur nach Hause.«
Ich schlucke, weil ich ihn gut verstehen kann, aber ich bin auch ratlos. Sollte ich vielleicht George dazu holen? Liam tut mir leid und er sieht müde aus. Und ich möchte mir nicht annähernd vorstellen, was er durchgemacht hat während seiner Gefangenschaft. Er müsste im Alter meines Ex-Ehemanns sein, von ihm weiß ich, dass Liam und er mal Freunde waren. Er hat oft von ihm gesprochen. Schon auf dem College, als wir uns kennengelernt haben.
»Lassen Sie uns drinnen weiterreden«, schlage ich vor, trete zur Seite und lasse ihn in mein Haus. Ob das eine gute Entscheidung ist, darüber möchte ich gar nicht nachdenken. Aber aus irgendeinem Grund, der mir absolut nicht bekannt ist, vertraue ich ihm. Obwohl ich es wahrscheinlich nicht tun sollte, denn Marks Freunde sind alle gleich. Und wenn Liam einmal sein Freund war, dann sollte ich eigentlich genau wissen, dass das hier nur ein Fehler sein kann. Aber er tut mir leid und ich kann ihn unmöglich da draußen stehenlassen. Dieser Mann hat eine Menge schlimme Dinge durchmachen müssen. Wahrscheinlich schlimmer, als sich jemand wie ich vorstellen kann.
Er sieht sich kurz um, tätschelt Trixies Kopf und folgt mir mit ihr dann in die Küche. Hier draußen ist die Küche der Raum, in dem sich das halbe Leben abspielt. Die Menschen hier verbringen viel Zeit und viele Gespräche in der Küche. Ich komme aus Jamestown, wo man seine Gäste zumeist ins Wohnzimmer führt, aber in den zwei Jahren, die die Ehe mit Mark angedauert hat, habe ich manche Eigenheiten des Lebens auf dem Land übernommen. Außerdem ist diese Küche auch mein wichtigster Arbeitsplatz. Hier lasse ich meiner Kreativität freien Lauf und versuche alte ländliche Rezepte wiederaufleben zu lassen, um sie dann auf meinen Blog zu stellen oder als Buch zu veröffentlichen.
Читать дальше