Doch während Yvonne Hinrich sich an den Rosenran- ken der Pergola zu schaffen macht, befiehlt ihr Mann, halb im Weggehn, mit seinem fröhlichsten Bariton:
„Schütt ihm nach, Susanne, sein Kaffee ist kalt. Und sobald es hupt, ab mit euch!... Und ich überlege, wo wir die beiden wunderschönen Geschenke unseres Freundes platzieren könnten.“
Er bewegt sich gemächlich auf die offene Schiebetür links zu, murmelt etwas, das wie ein Spruch klingt (so
viel verstehe ich, er handelt von Tier und Mensch) und
wendet sich noch einmal um und blickt, eine gebeugte hohe Gestalt von fünfundsiebzig Jahren, mit ungemil- dertem Ernst auf mich, der noch einsam am Gartentisch hockt.
„Wissen Sie, dieses Erbe, das Ihnen da entgeht, ihr Vaterhaus, in Wahrheit handelt es sich um eine Wieder- gutmachung.“ Darauf, mit einem wie bedenklichen Zögern, ein Kopfschütteln andeutend: „Und die beiden Schlüssel der Panzertür wurden einfach verwechselt?“
„Es ist mir sehr peinlich. Ich war in einem Haus in Baden am Kaiserstuhl, man nennt das eine Bil- dungsstätte. Plötzlich brach ein Brand aus im Kamin- saal. Kinder und Frauen fanden durch Rauch und Trüm- mer nicht zum Ausgang, ich versuchte mit andern zu retten was zu retten war. Eine junge Dame, bereits brandverletzt, konnte ich heraustragen, meinen Rock hatte ich über sie geworfen. Und mit diesem Rock wurde sie vom Notfallwagen ins Freiburger Kran- kenhaus verbracht. Die Verwechslung mit zwei ande- ren Schlüsseln, fast identischen, musste geschehen sein, bevor ich am übernächsten Tag meinen Rock wie- dererhielt. Die junge Frau ist Stewardess… Magaloun Angelov.“
Susanne nähert sich vom Serviertischchen mit der Kaffeekanne, ich murmele „danke, Susanne, keinen Schluck mehr,“ und lasse meine Augen, vorbei an Frau Hinrich, über ihren so arg zerzausten Garten schweifen.
Auf einmal fesselt mich etwas, das sich auf dem
Hügel zwischen zwei Rhododendron oder Azaleen ab-
spielt, unmittelbar vor einer dort naturbelassenen Sand-
steinmauer. Als brennte es da! Im selben Moment ertönt ein Hupen, ein Hornsignal von der Strasse. Yvonne, die meinem Blick gefolgt war, verlässt ihre Ranken und tritt zu mir an den Tisch. Ein nahezu andächtiger Ton in ihrer Stimme, sagt sie:
„Das ist der Diptam. Er übersteht alle Stürme. Zuwei- len entflammt sein Duft, wenn die Sonne lange genug auf ihn geschienen hat. Sehen Sie? Der Diptam…“
Die Fahrt aus der Stadt an diesem Sonntag, ganz wie es Johannes Hinrich versprochen, ging durch ein reinge- waschenes Land zu den Seen des Grenzlandes. Die Be- wohner abgelegener Güter, die vermutlich sämtlich evakuiert waren, schienen alle wieder ihr wohl noch recht feuchten Häuser bezogen zu haben. Weiden und
Äcker erinnerten jetzt über weite Strecken stark an Mar- schen. Eine vorzeiten aufgegebene Air Base der briti- schen Luftwaffe hätte man sich durchaus als Geest in Nordfriesland denken können. Und was vor vielen Ge- nerationen hier einmal Heide war, das könnte… Doch nein, alte deutsche Gründlichkeit würde schnell ein or- dentliches Landschaftsbild wiederherstellen. Müll, der noch wie Streifen Tang und Strandgut überall zu sehen war, würde in die passenden Container verschwinden und die teils villenartigen Orte bald wieder so schmuck wie in Holland anzuschauen sein. Wie sich allerdings das augenblickliche Holland „in seiner Not“ ausnahm, das konnte wahrscheinlich nur einen Holländer nicht entmutigen.
Nur einmal wurden wir um ein Dorf herumgeleitet wegen der Sommerkirmes mit ihrem Riesenrad über
allen Dächern, höher als der Kirchturm. Susanne, neben
mir mit dem Kleinen auf dem Schoss, entlockte es die Frage: „Warum halten wir hier nicht, Tante Ingried?“ Um gleich darauf fortzufahren, weil Tante Ingried zu antworten zögert: „Ach, am Hariksee ist es doch viel schöner.“
„Ach, das Jaköble!“
Ich aber habe meine liebe Mühe mit diesem Jaköble. Als es das Köpfchen einmal steuerbord wendet, be- merke ich seine linke Schläfe stark gerötet. Ist es ver- letzt, eine Entzündung? Doch dann lächelt man nicht so. Wem mag es ähneln? Auf meine Frage, an die ru- dernde Mutter gerichtet, antwortet indes nicht Ingried, sondern das Jaköble selbst in einem richtigen Doppel- satz und mit einer so klaren wie klingenden Stimme, dass ich an die Spieldose denke, worin meine Mutter ihre Patience-Karten aufzubewahren pflegte:
„Offen wie die Ebene ist das Tier, heimlich wie eine
Höhle ist der Mensch!“
ein Jahrhundert schliesst, angekündigt, lässt Hundert-
tausende Richtung Süden ziehen: für diesen einen Tag, für diese eine Stunde...“
Ich schloss mit „Ade!“ und meiner Hoteladresse von
Freiburg.
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