Karl, indes seine Cheffin nur leicht an ihrem Glase
nippt, ein Stückchen Fisch probiert.
Es wird lebhaft, da Onkel Karl Gelegenheit findet, sich über die gesammelten Vorzüge des Hauses und der Praxis parterre auszulassen. Und scheint es zunächst nur die Komödie zur Täuschung eines sogenannten Verbli- chenen (oder vielleicht noch mehr seines Sohnes?), so nimmt doch gutes Einvernehmen über einen notwendi- gen Wandel mit jedem Schluck und Bissen zu. Dass aber Jacques noch zum Spielverderber werden könnte
– aber nein: schon wie er ohne meine Hilfe seinen Be- cher in die Hände nimmt! Zwar verschüttet er die Hälfte
über das Wachstuch des halbenTisches, doch lächelt er dabei so nett entschuldigend, dass jeder es sofort ver- standen hat: er wollte uns doch nur zeigen, wie gut er sich schon allein zu helfen weiss.
Die fremde Dame (würde doch ihr Name endlich fal-
len!) schlägt ihr Notizbuch auf, murmelt ein paar Zah- len, darauf einen Namen, der allen vertraut ist:
„Johannes Hinrich“. Ihr goldener Federhalter verzeich- net ihn erkennbar. Für den Franzosen ein Signal:
„Isch war doort. Abber, noch nicht im Haus. ÜÜrlaub
– sagte die Tochter. A la côte Dalmatie, ils partent mer- credi.“
Man weiß, der Architekt und Klubfreund meines Va- ters. Verdanke ich ihm nicht meine Notgeburt, die hoch- schwangre Elsa aus einem brennenden Auto rettend auf dem Weg zum Hospital? Johannes Hinrich schien immer genau dann zur Stelle, wenn es bei uns brannte oder gebrannt hatte. Und es brannte hin und wieder. Auch das seltsame Zwischengeschoss war sein Werk – nach einer Brandbombe, die das Haus im Weltkrieg traf. Hinrich würde auch jetzt Rat wissen und dieses ruinöse Anwesen für den Richtigen in eine schmucke Villa zu- rückverwandeln. Was jedoch meine Anwesenheit so notwendig erscheinen liess, während Bruder Frank keine Probleme hatte fernzubleiben – eine Antwort auf diese nur gedachte Frage kommt postwendend von der Spüle, von Onkel Karls besserer Rippe. Als könnte sie Gedanken lesen!
„Die Schlüsselchen, Holger.“ Und schon gluckst sie wieder. „Was hat sich dein Väterchen bloss dabei ge- dacht! Frank war doch auch noch da.“
Ja, Frank, naturalisierter Amerikaner, hatte Lohnens- werteres im Fadenkreuz als diese Bruchbude. Dass aus- gerechnet dem unmöglichen Neffen hier die Schlüssel anvertraut waren, das bekümmert Tante Kathrin wie
eine Todsünde – so deute ich wenigstens die Querfalte
ihrer Stirn. Und ergreife das Wort, spreche möglichst langsam, gebe gewissermassen zu Protokoll, aus- schliesslich der Fremden zugewandt.
Der Gaskogner schräg vor mir blickt jetzt etwas feu-
rig. Doch davon unberührt bleibt meine Rede, Momente des Stockens überbrücke ich mit sparsamen Schlucken.
„Ich kann Ihnen daher, verehrte Dame, nicht viel mehr als gewisse Folgen benennen, dieses Haus betreffend, sowie, nach dem Urteil meiner Mutter, das auffällig ver-
änderte Wesen meines Vaters.
Sie entdeckte eine niemals vermutete Frömmigkeit an ihrem Gatten. Der inzwischen nicht mehr notwendige Luftschutzkeller erlaubte etwas wie ein Zwischen- geschoss einzuziehen. Johannes Hinrich, der Architekt, er ist der Bruder des Notars und Testamentsvollstrecker, hat dieses knappe, nur ein Kind aufrecht stehen lassende Gewölbe allerdings mit einer Panzertür versehen.“
Ohne meinen Blick schweifen zu lassen, spüre ich die Erregung meines Onkels. Tante Kathrin, am Gasherd gelehnt, entfährt ein Seufzer, der beinah ein Schluchzer ist.
„Die – Schlüsselchen hat er mir zubestimmt. Ob auch den Inhal t der hauseigenen Höhle, das wird uns der Notar verraten. Oft und oft habe ich mit dem Alten die- sen später sichten und ordnen dürfen – nun ja, und na- türlich auf seine Funktionstüchtigkeit prüfen. Für einen Dreikäsehoch war’s jedes Mal eine Erleuchtung.“
Der Franzose schaut plötzlich finster drein, der Patriot wittert alte deutsche Schandtat.
„Mein ÄÄrr! Ca suffit. Weshalb Sie meinen, wir sind iiier? Eh bien: Sie haben Schlüssel, und diese Dame hat
– wenig Zeit, n’est-ce-pas, Madame?“ Das letzte bringt er recht unsicher, fast bittend hervor. Und die Dame auf- blickend, lächelt in die Runde und sagt so ruhig als hätte
sie sehr viel Zeit, wobei sie ihre Augen zuletzt auf mir
ruhen lässt:
„Lachen Sie bitte nicht, lieber Holguèr, oder – weinen Sie nicht (charmanter kann man nicht erschossen wer- den!), aber die Alleinerbin von jenem dort (und nach einem seltsam ernsten Blick, coup d’oeil auf Jacques ), das bin ich.“
Onkel Karl stöhnt auf, Tante Kathrin wird unruhig wie eine Junghenne vor ihrem ersten Ei, und der Gaskogner ergreift seinen Pokal, glitzernd von Rotspon. Doch der Blick seiner Herrin lässt ihn den Pokal sogleich wieder absetzen.
„Eine solche Ruine, mon cher Claude, wie aus einem chinesischen Film – glauben Sie, das wäre etwas zum Anstossen?“
„Pardonnez-moi, mais seulement… Vous entendez… “
„Hélas! Es wird wahrhaftig Zeit. Es wandelt bereits auf Mitternacht zu, und der morgige Tag – man erwartet erneut Orkane von Frankreich.“ Nun wieder an mich gewandt, sehr heiter, indes sie ihr Notizbuch zuklappt:
„Den ersten Termin hat Holguèr versäumt, wird er dies- mal erscheinen?“
„Aber ja,“ rufe ich erschrocken, „morgen früh, halber
Neun… Werd's nicht verschwitzen!“
Jetzt aber bäumt sich Onkel Karl auf. „Also, Bur- sche!“ Seine Pranke landet auf meiner Linken so kraft- voll, dass ich ein „Aua!“ nicht unterdrücken kann. Er hält sie fest, sein Speichel sprüht Kaskaden über das Wachstuch und erreicht sogar das Notizbuch der Erbin, das zum Glück geschlossen liegt.
„Was – is – drin!“
Über seinen feuchten Ausfall selber erschrocken, fügt er mit einem komischen Schwanken in der Stimme auf Altfränkisch hinzu:
„Grannt Exüsses, Madame Labalöh! Mäh – sett ga- menn là…”
Da aber kommt – kaum vernehmbar, nur zu hören wegen der plötzlichen Stille, und weil er es noch zwei- mal wiederholt, kommt von Jacques:
„Alle geweiht…“
Und Onkel Karl explodiert:
„Was? Was quatscht der da? Doch nicht Kerzen – ein- fach Kerzen?!... Himmelkreuzdonnerwetter! Kerzen!... Dieser Idiot.“
Und Jacques noch einmal – leiser noch, sich von uns immer weiter entfernend, schon jenseits schier:
„Alle geweiht.“
Der Morgen danach (oder war es der nächste? Gar der
übernächste?) so ruhig, wie von einem Frieden, den
„himmlisch“ zu nennen das äussere Chaos allerdings verbot. Nun lockte es die Menschen, sofern sie nicht Or- kangeschädigte waren, in Scharen auf die Strasse. Die Schwalmener Allee war zum Flussbett verwandelt. Füh- rerlos treibende Autos, schwimmende Koffer und Kis- ten, sowie Plastik in jeder Form und Farbe sah man treiben in brauner Flut. Die hangwärts erhöhten Fuss- wege waren aber frei und von Spaziergängern und Rad- fahrern belebt. Eine Neugier, die kaum noch von einer viele Stunden durchlebten Panik zu wissen schien, fast eine Feiertagsstimmung hatte sich verbreitet. Ich selbst stand ja auch hier, fasziniert von dem über Nacht ent- standenen Strom durch die Stadt. Meinen Termin bei Notar Hinrich habe ich natürlich nicht einhalten können. Die beiden Schlüssel werde ich seinem Bruder überge- ben, den zu besuchen mir jetzt um so notwendiger scheint. Autos blieben bereits liegen, sperrige Teile wur- den immer seltener, nur Zeitungspacken nahmen aus unerklärbaren Gründen zu. Und immer ausgelassener das Geklingel der Radfahrer – schulfrei fröhliches Ge- klingel!... Nur dieses kleine Mädchen dort an der Hand seiner Grossmutter, was macht es für ein bekümmertes Gesicht! An einen Alleebaum gelehnt, höre ich die Kleine, mit furchtsamem Blick auf den strudelnden Strom, wieder und wieder die Frage stellen: „Nicht wahr, Omi, nur alte Leute sterben.“
Читать дальше