Ende: zu früh kehrte sie mit einem Hasen im Maul zu-
rück, als noch ein Häschen an ihr vorbei stob und Ezra schoss, ohne Wanda rechtzeitig wahrzunehmen.
Später, im Burgrestaurant, bei Hirschragout und Ahrweinen bester Lage, wurde auch dieser Fehlschuss begossen und vergessen. Jacques soll da eine Rede gehalten haben, auf die arme Wanda und den Meister- schützen Ezra, die ein göttliches Gelächter beschloss. Keiner von beiden ging noch einmal auf die Jagd.
„Holger Ley, deine Schrift ist so schlecht, als hättest du
deinen Aufsatz mit einem Pinsel geschrieben.“
Zum Gekicher von zwanzig Jungen und Mädchen er- hielt er ihn zurück: „Ungenügend“.-
Zweihundert Meter talauf die berühmte Höhle, in der man im Neunzehnten Jahrhundert die Spuren des Vor- menschen entdeckt hatte. Das war aber noch nicht der Maler gewaltiger Friese, der shaman artiste Altamiras und Lascauxs, dessen Überreste dort geborgen wurden. Ausgestorben mit einer der Sintfluten (Hopis wie Mayas wissen von drei), gab es für den Neandertaler, für diesen finsteren Burschen, weder Arche noch Lied.
„Warum nimmst du deine Geige so wenig vor? Tante
Isgard meint...“ Sie stockte, schaute bekümmert nach den Papieren, die Holger mit rotem Gesicht vom Kü- chentisch raffte. „Du hast doch so schön angefangen.“
– Neben seinem Bücherregal hatte er vier Zeichnungen Kubins zu den Prosadichtungen Georg Trakls geheftet. Diese Zeichnungen waren in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs entstanden. Als „das graue Antlitz des Schreckens“ sah man gleichnishaft ein Jahrhundert konterfeit, das so unwirtlich schien und nur in seltenen, herausgehobenen Stunden – etwa beim Erleben Beet- hovenscher Musik – Menschen noch von Erlösbarkeit zu sprechen vermochte. Gewiss nur ahnungsweise, wie Kranichrufe in einer Rauhnacht, tönte dann auch ihm der wortlose Wechselgesang eines Tauben: als der un- auslöschliche Beweis, den Leonhard Bernstein „Gottes- beweis“ genannt hat. Mit Beethovens Musik gäbe es etwas, „das richtig ist, das stimmt und stetig nur seinem ureigensten Gesetz folgt, dem wir vertrauen können und das uns niemals im Stich lässt.“
Natürlich verstand der Vierzehnjährige das nicht. Da
sagte sie:
„Beethoven hing dieser Spruch über seinem Schreib- tisch in Wien, im Schwarzspanierhaus. Wenn wir in Bonn das Beethovenhaus wieder einmal besuchen, kommst du mit. Im Tempel der Göttin Isis war das zu lesen. Auch mir bleibt der Spruch ein grosses Rätsel, obwohl er doch schon so lange hier hängt.“
Sie lachte ein bisschen, zwei Goldzähne blitzten aus einem liebevollen Juffergesicht. „Ja, genau seit dem Jahr deiner Geburt. Es war der erste Ausflug deiner Mutter mit mir nach dem Kriege. Nächstes Mal fährst du mit, willst du?“
„Was hat es mit Musik zu tun – hat es?“ Eine Beklom- menheitn erfasste Holger, vielleicht weniger der Rätsel- worte, eher wegen seines dürftigen Geigenspiels, das er soeben wieder bei der leichten Haydn-Sonate bewiesen hatte. Und wohl auch vor den beiden Köpfen rechts und links. Isgard erhob sich, fast traurig blickte sie nun, ob- wohl sie lächelte, und beschloss ihren Unterricht mit den Worten:
„Die Musik ist so ein tönender Schleier. Doch wir Menschen schlafen noch – oder wir erinnern uns nicht tief genug, wie sollten wir ihn heben! Wir sind nur wie Wandhorcher an einer Höhlenwand... Ein Wort übrigens von Ernst Barlach.“ Sie zeigte nach dem Bücherbord zwischen den beiden Fenstern, auf dem neun Fotos in einem gemeinsamen Passepartout standen.
„Sie stammen von einem nicht vollendeten Beet- hoven-Denkmal dieses grossen Künstlers: Frie s der Lauschenden . Wunderbar wie drüben der Spruch! Wenn
wir doch so zu lauschen verstünden, wie Barlach es ge-
meint hat! Zwischen dem Denkmal, das nicht errichtet werden durfte, und dem Tempel, wieviele Jahrhunderte liegen dazwischen!... Ja, woher kommen wir, wohin gehen wir? Das frage ich mich doch oft.“
Fing sie die die Sprache?
T rägt sie Musik der Delphine?- Gertrud Kolmar
In diesen Tagnächten soll es in einer Anstalt am Nieder-
rhein zu einer schweren Randale gekommen sein, er- zählte Nachbar Jost beim Kaffee nach der Beerdigung der alten Frau. „Ley, wie heisst doch gleich die Stadt...“ Ich hob meine Schulter in Unwissenheit und war ganz Ohr.
Die mit Tranquillizern ruhig gestellten Bewohner eines geschlossenen Hauses wurden auf einmal leben- dig, aus Apfelsaft und Weissbrot hatten sie sich einen Schnaps gebraut. Nach einer wundervoll durchzechten Nacht (Karneval auf fünf Kanälen) „kam das Ende na- türlich ganz schnell: Schlägerei, Grossalarm, verletzte Wächter...“ Aber einer sei entflohn und konnte bis zur Stunde nicht eingefangen werden.
gefunden. Die beiden Nachbarinnen rechts und links
sind ihr nicht Unbekannte, und zwar von niederrhei- nischen und berliner Behausungen her: Zenta Maurina (ein Foto der Dreissijärigen aus Lettlands Zeit) zur Lin- ken, Eleonora Duse (als Die Frau vom Meer in Ibsens Drama am Vorabend des Ersten Weltkriegs) zur Rech- ten... Ikonen in Dreisamkeit!
Hier, im alten Grenzland Römischer Herrschaft, gab es den Kult der Drei Göttinnen an Quellen und Flüssen. Auch unterm Bonner Münster wurden zahlreiche Wei- hesteine der Aufanischen Matronen geborgen. Wie viele tauchten erst aus den Trümmern zerbombter Städte auf! Schützende, nährende Göttinnen der Erde, in der Mitte stets die Jüngste, das Mädchen mit einem Korb voll Früchten auf seinen Knien.
over Beethoven“ röhren die nicht schlechter als Chuck
Berry oder die Rolling Stones. Als Samuel durch meine Mutter von meiner Geige hörte, die ich kaum noch aus ihrem schwarzen Kasten hervorholte, zeigte er lachend seinen später so berühmten Goldzahn und schlug mir auf die Schulter:
„Lass die Geige in ihrem Sarg, Holger, besorg dir eine Gitarre, sobald du vernünftig Akkorde schlagen kannst, machst du mit.“
Elsa schien der Vorschlag ihres Neffen garnicht so
übel, sie meinte sogar: „Wenn deine Begeisterung ihn ansteckt, Samuel, geht ihm auch seine Geige nicht ver- loren.“
Die Gitarre habe ich mir gekauft. Noch im selben Jahr lernte ich bei ihrem zweiten wellmahrer Konzert, in der Turnhalle meines alten Gymnasiums, Soledad Salinas kennen. Sie war Schülerin in der Musikschule in Neuss, der Leiter ein alter Studienfreund Isgards. Soledad war weder mit Samuel noch Ronald verbunden, aber da war ein Adam im Hintergrund, von dem ich lange Zeit nur durch Samuel gerüchtweise hörte, nachdem Soledad zu diesem boyfriend, einem Reederssohn, gezogen war.
Obwohl es zu einer „Elektrischen“ schon gelangt hätte, bin ich stattdessen mit dem Fahrrad und meiner Gitarre einen Herbst lang durch die Grenzländer von Maas und Mosel gestromert. Ich übernachtete in Ju- gendherbergen oder schlief in Wäldern in einem winzi- gen Zelt. Das gefiel mir so gut, dass ich auch im folgenden Jahr zu Samuel keinen Kontakt suchte. So blieben Samuel, Ronald und Manni (mir ein fast Unbe- kannter, der noch im selben Jahr mit Suicid abging) al-
lein. Meistens spielten sie in den Niederlanden, seltener
in Belgien, in Wellmahr meines Wissens nicht mehr. Adam muss damals, nach Mannis Tod, hinzugestossen sein, das war im Sommer der ersten Mondlandung, als Adam seine spanische Geliebte schoss auf die Rückseite desselben Mondes, wo auch ich einmal gelandet war: im Mare Crisium wie Soledad, nur zu einer anderen Zeit.
Hin und wieder hörte ich später durch Soledad von Ronnie und Sam, als sie einige Jahre, fast am Ende, in Kanada lebten, aber wiederkehrten zu ihrem grossen kurzen Comeback. Und plötzlich waren sie verschwun- den, verschwunden wie Höhlenmenschen, deren Höhle durch ein mittelschweres Erdbeben versiegelt wurde.
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