Wir kommen zur Mole. Triumphierend weise ich auf den Leuchtturm. Der Mann lacht. „Ach so. Stellen Sie sich vor, dieser verrückte Kneipenwirt hat mitten im Land einen Leuchtturm gebaut. Er war früher einmal Kapitän. Natürlich ist die Gaststätte "Zum Leuchtturm" eine Attraktion in dieser Gegend.“
Wir gehen in die Ebene hinein. Der Boden ist feucht, der Schlamm bleibt an unseren Schuhen kleben. „Es hat in den letzten Tagen viel geregnet“, erklärt mein Begleiter und weicht einer großen Pfütze aus.
Ich bleibe stehen und schaue mich um. Kein Baum und kein Strauch ist zu sehen. Nur umgepflügte Äcker erstrecken sich, so weit das Auge reicht. Irgendwie wirkt die Gegend bedrückend. Vielleicht, weil man nirgendwo hinkommt, wenn man hier entlang geht. Immer nur die gleiche eintönige Landschaft fände man vor, so weit man auch ginge.
Im Grase am Wegrand liegen tote Fische herum. Manche sind noch frisch, andere wiederum schon halb verfault. Ich weise meinen Begleiter darauf hin.
„Das sind Abfälle von der Fischfabrik, die hier in der Nähe steht“, ist die Antwort.
Wenn ich bloß wüsste, was geschehen ist! Ich bin jetzt sicher, dass der Verbindungsmann ein Verräter ist. Ich muss ihn loswerden. Wir kehren um.
„Wie wäre es mit einer kleinen Stärkung?“ Wir betreten das Strandhotel. Das Stimmengewirr der Badegäste erfüllt den Raum. Während der Kellner uns das Gewünschte bringt, erhebe ich mich und gehe langsam in Richtung Toilette. Blitzschnell bin ich durch die Küche über den Hof verschwunden. So leicht lasse ich mich nicht fassen.
Ich gehe durch die Stadt. Lachend kommen mir einige Matrosen entgegen. Ich stehe vor einem großen Haus. Neben der Tür ist eine Tafel: "Museum für Meereskunde". Also doch! Ich gehe hinein. Verwirrt schaue ich mich um. Entsetzliche Ungeheuer starren mich von allen Seiten an.
Ein älterer Herr tritt freundlich auf mich zu. „Sie sind wohl das erste Mal hier? Darf ich Sie herumführen? Gestatten, mein Name ist Professor Bronstein.“
Ich nicke. „Sagen Sie, leben diese Bestien alle hier im Meer?“
Er schüttelt lächelnd den Kopf über so viel Unwissenheit. „Nein, sie sind schon lange ausgestorben. Vor langen Zeiten haben sie hier gelebt.“
„Also gab es hier früher einmal ein Meer?“
„Ja, freilich, aber das ist schon etwa 100 Millionen Jahre her. Damals erstreckte sich hier eine große Bucht, das sogenannte Zechsteinmeer, das dann vom Ozean abgeschnitten wurde und verdunstete. So entstanden die großen Salzlager. Daher finden Sie in dieser Gegend so viele Salinen.“
„Herr Professor, kann es vorkommen, dass ein Meer ganz plötzlich, sagen wir über Nacht, verschwindet?“
Er lächelt wieder. „Das ist ganz unmöglich. Solche Prozesse spielen sich nicht so rasch ab. Denken Sie an das große Alter der Erde! Die Natur hat Zeit. Was sind schon einige Tausend Jahre? Ein Meer kann nicht auf einmal verschwinden. Überlegen Sie sich, wie lange es dauert, bis so eine riesige Wassermasse verdunstet. Oder denken Sie an die Po-Ebene, die in Jahrmillionen aufgeschwemmt wurde.“
„Aber ist es nicht möglich, dass sich die Oberfläche der Erde ganz plötzlich durch ein Erdbeben verändert?“
„Nein, sehen Sie, so ein Erdbeben, wie verheerend es auch sein mag, betrifft immer nur ein relativ kleines Gebiet. Es ist undenkbar, dass ein großes Meer durch tektonische Beben verdrängt wird. Wir kennen allerdings Fälle – die Endogenese – wo das Land aus dem Meer herausgehoben wird oder darin untergeht – denken Sie zum Beispiel an Venedig, das unaufhaltsam in der Adria versinkt – aber das sind zeitlich sehr lang sich erstreckende Prozesse, die Jahrtausende benötigen, um größere Veränderungen hervorzurufen.“
„Also ist es möglich, dass es hier wieder ein Meer geben wird?“
„Ja, vielleicht in hundert Millionen Jahren.“
Ich starre den Professor an, schaue in sein altes Gesicht, das wie versteinert wirkt. Mir kommt es vor, als sei er Millionen Jahre alt. Und plötzlich sehe ich nicht mehr den Professor, sondern eine der versteinerten Fischbestien auf mich zukommen. Entsetzt fliehe ich ins Freie. Ich schaue mich ängstlich um, aber da ist gar kein Museum; nur ein ganz gewöhnliches Mietshaus.
In mir reift ein Entschluss. Ich glaube nicht mehr, was mir die anderen erzählen. Ich habe das Meer mit eigenen Augen gesehen, also war es gestern da. Ja, gestern. Da schien alles so glatt zu laufen. Ich hatte sogar schon ein Boot.
Das Boot! Dass ich daran nicht eher gedacht habe! Ich laufe zu der kleinen Bucht. Schon kommen die alten Bäume in Sicht. Darunter liegt das Boot. Es schwimmt im schwarzen Wasser eines kleinen Tümpels.
Ich lasse mich jetzt nicht mehr beirren. Wenn es dieses Boot gibt, existiert auch Brigitte. Sie kann kein Traum gewesen sein.
Ich stoße die Tür auf. Der blinde Alte sitzt am Tisch.
„Wo ist Brigitte?“
„Sie ist zur Mole gegangen. Aber sie ist schon lange weg. Sicher geht sie am Meer spazieren.“
„Also gibt es hier doch ein Meer.“
„Ei, freilich, ich bin doch fast mein ganzes Leben hinausgefahren, bis der Unfall kam und ich das Augenlicht verlor. Doch das ist schon lange her.“
„Vielleicht gibt es das Meer gar nicht mehr.“
„Willst du einen Blinden verspotten? Erst gestern war ich am Strand. Sei still! Hörst du nicht die Wellen rauschen?“
„Ich höre nichts.“
Er lächelt still. „Blinde hören besser als Sehende. Meine Ohren täuschen sich nicht. Glaub mir, da ist das Meer. Wie könnte ich denn ohne das Meer leben?“
Er lächelt immer noch vor sich hin und ist ganz in Gedanken verloren. Ich gehe leise.
Wenn es den Alten gibt, ist auch Brigitte Wirklichkeit. Doch wo ist sie? Sie wollte zur Mole gehen. Plötzlich erfasst mich eine entsetzliche Angst. Ich laufe wieder zur Mole, schaue mich nach allen Seiten um. Die endlose Weite ist leer. Ich rufe Brigittes Namen. Die Ebene schweigt. Nur einige Raben fliegen krächzend hoch. Brigitte antwortet nicht.
Da entdecke ich sie im Gras. Sie ist tot. Kleine Muscheln sind in ihrem schwarzen Haar. Äußerlich ist kein Zeichen von Gewaltanwendung zu sehen. Ich nehme ihren leblosen Körper und trage ihn zur Hütte des alten Fischers. Er sitzt auf der Bank vor seiner Behausung und lauscht.
„Ich bin`s“, sage ich und will an ihm vorbei.
„Brigitte ist noch nicht nach Hause gekommen“, meint er. Ich antworte nicht. „Du trägst schwer. Deine Schritte setzen schwer auf.“ Ich schweige.
Ich trage Brigittes Körper in ihre Kammer und bette sie. Die Hütte erscheint mir auf einmal so eng.
„Verlässt du mich? Wohin gehst du?“
Ich bleibe stumm. Was sollte ich auch antworten?
Ich gehe an der Mole vorbei. Schaue ein letztes Mal zurück. Dann wandere ich in das flache Land hinein, an den Äckern vorüber. Vielleicht wird in Millionen Jahren hier wieder ein Meer sein.
Wie die Wesen wohl aussehen mögen, die es bevölkern werden?
Doch wer weiß, ob die Erde dann überhaupt noch existiert. Vielleicht ist auch sie plötzlich über Nacht ganz einfach verschwunden – wie das Meer.
Die Wolken senkten ihre Wurzeln in die Erde und standen still. Lautlos trieb sie der Wind hin und her, ohne sie losreißen zu können, gleich Seerosen auf einem finsteren Teich. Ihr schweigenden Schatten schwebten über dem Eiland, und die Vögel verkrochen sich furchtsam in den Bäumen.
Manchmal ging ein Gestirn auf, groß wie eine Sonne, nur viel düsterer. Dann schien es tagelang, ohne unterzugehen, und umkreiste die Insel – ein blutiges Auge, das über das bleierne Meer rollte, während dumpfe Geräusche die Luft erfüllten und das Wasser hellrot aufzischte.
Robinson lag auf der Spitze des Berges und lauschte. Ringsum war das unheimliche Rauschen der Wellen, wie ein fernes Seufzen, das nie verstummte. Stundenlang starrte er zum unerreichbaren Horizont, und eine unvorstellbare Sehnsucht nahm ihn gefangen. Flammen fuhren aus dem Meer und schlugen gegen den niedrigen finsteren Himmel. Und er sah wieder die märchenhaften Städte auftauchen, mit ihren weißen Häusern, die fern in der Luft zitterten – dieselben Phantome, die ihn schon als Kind zur See gelockt hatten.
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