Das Mädchen stand hinter mir.
„Sie werden verfolgt? Wo wollen Sie bleiben, bis es Nacht wird?“
Ich schaue sie an. Sie ist schön.
„Wie heißt du?“
„Ich heiße Brigitte. Und du?“
„Mein Name spielt keine Rolle.“
Wir schweigen eine Weile.
„Komm zu uns nach Hause! Dort kannst du bleiben, bis es dunkel wird.“
In ihren Augen ist ein unaussprechliches Leuchten, dem ich nicht widerstehen kann.
Sie führt mich in ihre kleine Hütte. Ich schaue mich um. Überall hängen Netze und andere Fischereiutensilien. Eine Petroleumlampe hängt an der niedrigen Decke. Am Tisch sitzt ein weißhaariger alter Mann. Sein Gesicht ist zerfurcht, als seien die Wellen des Meeres in ihm erstarrt. Seine Augen sind unbewegt in die Ferne gerichtet, als sähen sie ein geheimnisvolles Land, das noch kein Sterblicher betreten hat.
„Wen bringst du mit, mein Kind?“
„Einen Fremden. Er wird bis zum Abend bei uns bleiben.“
Ich setze mich an den blank gescheuerten Holztisch, während Brigitte das Abendbrot bereitet. Wir essen schweigend. Jeder hängt seinen Gedanken nach.
„Sie sind ein Fremder. Warum sind Sie in diese Gegend gekommen?“, fragt mich der Alte.
„Ich liebe das Meer.“
„Ja, das Meer“, meint er verträumt, „früher, da fuhr ich jeden Tag hinaus. Doch dann geschah das mit meinem Unfall. Eines Morgens fuhr ich wie gewohnt zum Fischen. Es tobte ein fürchterliches Gewitter. Ich warf meine Netze aus. Auf einmal breitete sich aus der Tiefe ein geheimnisvolles Leuchten aus. Immer heller strahlte es in den unwirklichsten Farben. Ich starrte wie gebannt auf dieses unerklärliche Schauspiel und fühlte mich so seltsam glücklich wie nie zuvor im Leben. Plötzlich zuckte ein greller Blitz, wie von einer Explosion. Ich war betäubt. Als ich erwachte, sah ich nichts mehr. Mehrere Tage trieb ich auf dem Meer, dann fand mich ein Frachter.“
Der Alte verfiel in ein tiefes Sinnen. Seine Züge verklärten sich. Er schien wieder das märchenhafte Leuchten zu sehen, das Letzte, was er im Leben erblickte.
Brigitte steht leise auf und schaut mich an. Wir steigen die Leiter empor zu ihrer Kammer unter dem Dach. Sie umarmt mich zärtlich. Ihr Haar duftet nach Salz und See. Ihre Lippen sind feucht.
„Es ist schon dunkel. Ich muss gehen.“
„Bleib! Nur ein paar Stunden. Die Nacht ist noch lang.“
Ich liege bei ihr. Ich müsste längst auf der Flucht sein, aber ein unerklärlicher Zauber hält mich hier fest. Ich schaue in ihre Augen und glaube, in ihnen das geheimnisvolle Leuchten aus der Meerestiefe zu entdecken.
Sie ist mir so unbeschreiblich nah. Ich fühle ihr Herz pochen. Werde ich jemals wieder so glücklich sein wie jetzt? Die kleine Fischerkate ist auf einmal für mich ein Schloss. Ich drücke Brigitte sanft an mich.
„Komm mit!“
„Es geht nicht. Ich muss bei meinem Großvater bleiben. Ohne mich wäre er hilflos.“
Mir fällt etwas ein. „Hast du keine Eltern?“
„Nein, sie sind beide in einer Sturmnacht im Meer ertrunken.“
Wir schweigen. Der Wind streicht um das Haus. In der Ferne bellt ein Hund; dann ist es still. Wir vernehmen nur ab und zu das unheimliche Knistern in den Hüttenwänden.
Allmählich schlummern wir ein. Ich träume.
Ich bin auf der Flucht. Ein junger Bursche führt mich durch die unbekannte Gegend. Die ganze Umgebung ist so merkwürdig. Wir gehen durch fremde Wälder. Ich habe solche Bäume noch nie gesehen. Oh Gott, wie weit bin ich schon geflohen?
Wir kommen an ein steiles Ufer. Im Wasser wimmelt es von seltsam leuchtenden Quallen. Wir beschließen, unseren Weg über eine Sandbank zu nehmen, die eine Bucht vom offenen Meer trennt. Wir gehen los. Das glasklare Wasser reicht uns bis an die Hüften. Rechts von uns ist das tiefe Wasser, links von uns die Bucht, die eine Art Sumpf ist.
Ich entdecke ein eigenartiges Wesen, eine Art Riesenkrebs. Wie eine Spinne stelzt er auf seinen meterlangen Beinen, sodass sein feuerroter Körper aus dem Wasser ragt. Uns wird unheimlich zumute. Wir gehen schneller. Ich blicke mich um und bemerke, dass der Krebs uns verfolgt. Seine Stielaugen starren uns an, während die fürchterlichen Scheren auf und zu klappen.
Plötzlich sehe ich überall um uns die gewaltigen Krebse auftauchen. Uns sträuben sich die Haare. Wir laufen um unser Leben. In langen Sätzen erreiche ich das rettende Ufer. Ich schaue mich um und sehe, wie der junge Bursche von den wütenden Krebsen zerrissen wird.
Ich wache auf. Draußen dämmert es schon. Wie spät ist es? Ich löse mich aus Brigittes Armen. Ich darf nicht länger bleiben. Schweigend verlassen wir die Hütte. Der Morgen ist kalt. Was wird der neue Tag mir bringen? Der Traum hat mich beunruhigt.
„Komm nicht mit zum Boot! Es könnte gefährlich sein. Ich traue dem Mann nicht, der mich herbestellt hatte.“
Brigitte nickt. „Ich werde zur Mole gehen und dir nachschauen.“
Die letzte Umarmung. Wir trennen uns für immer. Ein bitterer Geschmack liegt mir auf der Zunge. Mir wird auf einmal klar, dass ich alles aufgebe, was mein Leben glücklich machte. Reglos schaue ich Brigitte nach, bis sie verschwunden ist. Ich bin allein.
Es ist noch sehr früh. Ich friere. Die Sonne steckt in einer Dunstschicht. Ich gehe die Dünen hinauf. Gleich muss ich das Meer sehen, das endlose Meer.
Ich stehe sprachlos und kann es nicht fassen: Das Meer ist verschwunden. Einfach verschwunden. Statt dessen erstreckt sich eine breite Ebene. Schemenhaft erblicke ich Äcker und Wiesen. Die Ferne verschwimmt in feinen Nebelschleiern. Kein Mensch ist zu sehen. Alles wirkt tot und bedrückend.
Ich bin fassungslos. Was soll ich tun? Ich laufe zur Mole. Wo ist Brigitte? Sie ist nirgends zu sehen. War denn alles nur ein Traum? Ein schrecklicher Verdacht durchzuckt mich. Stand Brigitte mit meinen Feinden in Verbindung? Schließlich war sie es, die mich aufgehalten hatte. Warum bin ich nicht in der Nacht geflohen, als das Meer noch da war?
Ich bin mutlos. Wenn die Dinge so liegen, bin ich verloren. Die Gedanken jagen durch meinen Kopf. Dann müsste ja mein Verbindungsmann auch ein Verräter sein. Ich muss Gewissheit haben.
Ich mache mich wieder auf den Weg, den ich gestern schon einmal zurückgelegt habe. Es sind die gleichen Straßen. Es herrscht heute mehr Verkehr. Die Häuser haben nichts Bedrohliches mehr an sich. Sie wirken nur noch schmutzig und langweilig.
Ich steige die bekannte Treppe hoch. Die Tür ist frisch gestrichen. Daneben hängt das Schild eines Reisebüros. Der Verbindungsmann öffnet mir und lässt mich eintreten. Ist das alles nur Tarnung? Der andere lässt sich hinter seinem Schreibtisch nieder. Gleichgültig schaut er mich an.
„Sie wünschen?“
Offenbar will er mich nicht kennen. Was bezweckt er damit? „Erinnern Sie sich nicht mehr an mich?“
Er zwinkert nervös. „Ja, richtig. Sie hatten gestern bei mir eine Ausflugsreise zu den Sehenswürdigkeiten der Umgebung gebucht.“
Ich werde wütend. Er will mich nicht verstehen. Mir kommt eine Idee. „Wenn Sie Agent des Reisebüros sind, möchte ich bei Ihnen eine Seereise buchen.“
Er scheint überrascht. „Hier gibt es kein Meer.“
„Aber gestern war es noch da“, schreie ich, „ich will wissen, was hier los ist!“
Er schüttelt den Kopf. „Hier war noch nie ein Meer.“
Es wird mir zu viel.
„Haben Sie ein wenig Zeit? Kommen Sie, ich lade Sie ein. Ich werde Ihnen etwas zeigen, was Sie interessieren wird.“
Achselzuckend erhebt er sich. Er schließt sorgfältig die Tür hinter uns ab und folgt mir. Ich überlege fieberhaft. Wieso versucht der andere, mir etwas vorzumachen? Warum geht er andererseits einfach mit mir mit, wenn er Vertreter eines Reisebüros ist? Irgendetwas stimmt hier nicht. Aber gleich werde ich wissen, woran ich bin.
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